Unser erster Eindruck von Armenien. Berge, so weit das Auge reicht. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Unser erster Eindruck von Armenien. Berge, so weit das Auge reicht. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Armenien – unterwegs im Land der Berge

Wir schnuppern Höhenluft und unsere Wadeln machen sich bereit für tausende Höhenmeter!

„Neueinsteiger“ unter den Dolomitenstadt-LeserInnen können hier alle bisherigen Etappen unserer Radreise nachlesen. Wir sind nämlich schon ein Weilchen unterwegs und haben nach dem Start in Österreich mittlerweile Slowenien, Kroatien, Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Georgien auf unseren Rädern durchquert. An der Grenze von Georgien nach Armenien ist kaum was los. Nach wenigen Minuten sind wir im kleinsten Kaukasusland angekommen. Wir schnuppern schon mal Höhenluft und unsere Wadeln machen sich bereit für tausende Höhenmeter.

Neunzig Prozent der Gesamtfläche Armeniens liegen auf über tausend Metern! Diese Info gefällt uns schon mal sehr gut. Vom Grenzort Bavra geht es zunächst ein paar Kilometer bergab, dann aber schon gleich wieder aufwärts. Wir sind umgeben von Bergen. Das wird sich während der gesamten Zeit in Armenien nicht ändern. Kurz vor Gjumri nehmen wir eine kleine Schotterstraße und umfahren die Stadt. Schon am zweiten Tag sind wir uns sicher, dass es auf den armenischen Straßen sehr holprig zugeht. Und in so manchem Schlagloch türmt sich ein Berg Müll.

Die Gastfreundschaft der Leute tröstet uns über diesen Umstand hinweg. Wir bekommen frisches Obst und Lawash, dünne Fladenbrote, geschenkt und werden öfter mal auf Wodka eingeladen, der wesentlich besser als der Chacha in Georgien schmeckt. Neben den vielen Bergen ist die Landschaft geprägt von viel, sehr viel Schrott. Immer wieder entdecken wir tolle Weidezäune aus alten Autowracks. Ein Hauch von Postapokalypse liegt über den vielen verlassenen Fabriken aus der Sowjet-Ära.

Ein Hauch von Postapokalypse liegt über den verlassenen Fabriken.
Keine Seltenheit – Weidezäune aus alten Autowracks!

In Spitak treffen wir einen Armenier, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt. Er erzählt uns viel von Land und Leuten. 1988 wurde die Region durch ein starkes Erdbeben zerstört, mindestens 25.000 Menschen kamen ums Leben. Auch die Gasleitungen wurden zerstört. Um im Winter nicht zu erfrieren, wurden die nahegelegenen Wälder abgeholzt. Die Schulkinder mussten Holzscheiter von zu Hause mitnehmen, um die Schule zu heizen. Wenn es keinen Strom gab, fiel der Unterricht aus. Ein Jahr später kam es zum Zerfall der Sowjetunion.

Das Land war am Tiefpunkt. Jetzt, dreißig Jahre später, geht es langsam aufwärts. Durch die sogenannte „sanfte Revolution“ wurde die korrupte Regierung abgewählt und die Leute erhoffen sich eine Besserung ihrer Lage. Doch Armenien hat es nicht leicht. Als christliches Land inmitten von islamischen Ländern, befindet es sich immer noch in starker Abhängigkeit von Russland. Die Grenzen in die Türkei und nach Aserbaidschan sind dicht, Erdöl wird aus dem Iran geliefert, vieles andere wird über Georgien importiert. Solche Gespräche mit Einheimischen sind immer sehr unterhaltsam und aufschlussreich. Dafür nehmen wir uns gerne Zeit. Vor allem, wenn wir jemanden treffen, der Deutsch oder Englisch spricht.

Ein mit Gas betriebener Autobus.

Auf der Strecke zwischen Vanadzor und Dilijan begegnen wir einem britischen Paar auf einem Tandem. Die beiden sind schon viel in Armenien geradelt und können uns gute Tipps für unsere Route geben. Wie die meisten RadlerInnen, die wir in Georgien und Armenien getroffen haben, sind auch sie nur auf Kurzurlaub hier und haben nicht so viel Zeit. Es ist bereits Mittag als wir sie treffen. Wir sind gerade erst aufgebrochen, sie haben schon einige Kilometer in den Wadeln. Gut, dass wir keinen Stress haben und an jenen kalten Morgen warten können, bis die Sonne uns wärmt und unser Zelt trocken ist.

Eigentlich wollten wir hinter Dilijan über den Sevani Pass direkt zum Sevan See und dann am Westufer entlang Richtung Süden fahren. Auf Anraten der Briten entscheiden wir uns für einen anderen Weg und radeln stattdessen am Ostufer entlang. Eine wunderschöne, einsame Straße führt uns von Dilijan nach Chambarak. Es herbstelt, bunte Blätter liegen auf den Straßen, trotzdem sind die Temperaturen untertags angenehm warm.

Eines Abends finden wir einen superschönen Schlafplatz auf einem kleinen Hügel. Auch wenn es mal wieder anstrengend ist, die Räder dort hinauf zu schieben, für den Ausblick lohnt es sich allemal. Dunkle Wolken ziehen auf. Gerade als wir fertig gegessen und alles zusammengepackt haben, fängt es auch schon an zu regnen. Ziemlich schnell entwickelt sich der Regen zu einem stürmischen Hagelgewitter. Leider kommt der Wind ziemlich ungünstig für unser Zelt von der Seite. Plötzlich kommt eine Böe und drückt uns das Zelt direkt ins Gesicht. Mit aller Kraft müssen wir uns dagegen stemmen. Wir befürchten schon, dass eine Stange gebrochen ist. Ferdi klettert hinaus um nachzusehen, was passiert ist. Währendessen spritzt immer mehr Wasser von seitlich unten ins Zelt und ich versuche alle Sachen in die trockene Ecke zu schieben. Der ganze Spuk dauert zum Glück nur ein paar Minuten. Die Zeltstangen sind noch ganz, aber ziemlich verbogen. Wir wischen das Wasser im Zelt auf und richten alles so gut es geht. Am nächsten Morgen sehen wir den Schaden: Die große Stange ist an zwei Stellen um gut 60 Grad gebogen. Mit einigem Kraftaufwand gelingt es Ferdi, sie wieder halbwegs gerade zu biegen. Wahnsinn, was dieses Alugestänge aushält!

Mittagessen in Chambarak.

In Chambarak haben wir uns mit einer Studentin zum Essen verabredet. Sie spricht perfekt Deutsch, hat es in der Schule gelernt und beginnt in wenigen Tagen ihr Jura-Studium in Deutschland. Wir trinken Kaffee und plaudern über Armenien und die Unterschiede zu Deutschland und Österreich. In der Stadt decken wir uns noch mit reichlich Obst und Gemüse für die nächsten zwei Tage am See ein. Nach einem kurzen steilen Aufstieg geht es geschwind runter zum Sevan See. Dieser bedeckt drei Prozent des Landes, liegt auf 2000 Metern und ist somit einer der größten Gebirgsseen der Welt. Wir finden eine einsame, windgeschützte Bucht und ein leerstehendes Strandhaus. Unserem Fünf-Sterne-Urlaub steht nichts mehr im Wege!

Der Sevan See liegt auf 2000 Metern und ist einer der größten Gebirgsseen der Welt.

Lesen, Wein trinken, schwimmen (bbbbrr!!) und einfach mal Nichts tun. So eine Radreise ist ja auch anstrengend und vor den vielen kommenden Höhenmetern tut es gut, noch mal die Beine hochzulagern. Nachdem auch unsere Wäsche mit kaltem Seewasser gewaschen ist, radeln wir weiter am Ostufer entlang. Hier ist es sehr ruhig. Im Gegensatz zum Westufer gibt es keinen Tourismus und in den kleinen Geschäften findet man nur eine beschränkte Auswahl an Lebensmitteln. Ein Zug überholt uns und tutet zum Gruß. Sonst ist nichts los. Es ist der einzige Tag für uns in Armenien, an dem es nicht rauf und runter geht.

Ab Martuni, am südlichsten Ende des Sees, wird es richtig anspruchsvoll. Wir können uns das nicht aussuchen, es gibt nur diese eine Straße in den Süden. Alle müssen über den Berg. Auch wenn es anstrengend ist, sind wir nirgendwo so glücklich wie in den Bergen. Kurz nach Martuni lernen wir Chris kennen, einen deutschen Reiseradler. Er ist im Mai in Deutschland gestartet und genauso wie wir für länger unterwegs. Gemeinsam radeln wir weiter und plagen uns immer höher hinauf. Der Vayots Dzor Pass führt uns gleich mal auf 2410 Meter. Ein paar Kurven weiter abwärts machen wir Mittagspause bei einer alten Karawanserei. Dann erwartet uns eine atemberaubende Abfahrt.

Blick vom Vayots Dzor-Pass (2410 Meter hoch). Eine atemberaubende Abfahrt wartet auf uns.
Nur eine einzige Straße führt in den Süden.

Vor wunderschöner Bergkulisse düsen wir 25 Kilometer und 1300 Höhenmeter abwärts. Am nächsten Tag müssen wir das alles wieder hinauf! Der Vorotan Pass ist die einzige Verbindung in den Süden Armeniens. Uns bleibt mal wieder keine Wahl. Das Verkehrsaufkommen ist erstaunlich gering, die LKWs, die an uns vorbeifahren, stinken dafür umso mehr. Pechschwarze Wolken stoßen sie aus und wir müssen die Luft anhalten, wenn uns so ein Gefährt entgegenkommt. Kurz vor Sisian machen wir einen Abstecher nach Zorats Kar und besuchen das armenische Stonehenge, wie es die Einheimischen nennen. Inmitten des Steinkreises breiten wir unsere Jause aus, während japanische Touristen um uns herumschwirren. Eine lustige Szenerie. Chris nutzt die Chance um seine Selfie-Sammlung mit JapanerInnen zu erweitern.

Zorats Kar, das armenische Stonehenge.

Ein paar Kilometer vor Goris teilt sich unsere Reisegemeinschaft für eine Nacht. Chris hat ein Hostel in Goris gebucht, weil vor kurzem sein Handy gestohlen wurde und er einiges neu organisieren muss. Wir fahren schon mal Richtung Tatev. Abends trennt uns nur noch eine ziemlich tiefe Schlucht von dem berühmten Kloster. Kurz sind wir versucht, mit der längsten Seilbahn der Welt hinüber zu fahren. Doch die Touristenhorden am nächsten Morgen machen uns die Entscheidung leicht. Wir radeln!

Unten bei der Teufelsbrücke angekommen, nehmen wir ein Bad in den heißen Quellen. Wirklich heiß sind die zwar nicht, aber um einiges wärmer als das eiskalte Wasser in den Brunnen und unsere letzte richtige Dusche ist auch schon wieder über zwei Wochen her. Frisch gebadet machen wir uns an den Aufstieg. In der Mittagshitze geht es in vielen Serpentinen den Berg hoch. Ein paar Liter Schweiß später haben wir es geschafft. Das waren 600 Höhenmeter auf nur fünf Kilometern. Puh!

Ferdi vor dem Kloster Tatev. Es ist berühmt und wird von Touristen gestürmt.

Wir sind uns einig, dass das hier bei weitem anstrengender war, als der Goderdzi Pass in Georgien. Bevor wir das Kloster besichtigen, radeln wir noch in den Ort, um Jause und Proviant für den Abend einzukaufen. Der Asphalt endet am Ortseingang und man erkennt sofort, dass die Einwohner kaum vom Tourismus profitieren. Sehr einfache, ärmliche Behausungen und drei kleine Geschäfte sind alles, was es hier gibt. In einem Laden finden wir zum Glück noch frisches Gemüse. Mit einer Flasche Bier stoßen wir auf den Tag an und schauen zu, wie alle zehn Minuten eine Gondel eintrifft und einen Schwall TouristInnen ausspuckt. Für mich ist der Ort total entzaubert. Jegliche Heiligkeit und Spiritualität, die das Kloster vielleicht einmal hatte, sind verloren gegangen. Schade! Während wir unseren letzten Schluck Bier trinken, kommt auch Chris angeradelt.

Nach der Besichtigung des Klosters machen wir uns an die Schlafplatzsuche. Nun ist es vorbei mit dem guten Asphalt und wir folgen wieder mal einer eher schlechten Schotterstraße. Auf dem nächsten Hügel mit Blick über Tatev schlagen wir unser Nachtlager auf. Seit wir zu dritt unterwegs sind, gibt es fast jeden Tag Lagerfeuer. Manchmal packt Chris seine Ukulele aus und wir lauschen den Klängen von „House of the Rising Sun“.

Zwei Zelte in der einsamen Weite der armenischen Landschaft.

Ein neuer Tag mit weiteren Höhenmetern beginnt. Schön langsam wird es Routine. Am Weg nach oben treffen wir auf eine Familie, die am Straßenrand grillt und werden sofort zum Essen eingeladen. Wie immer gibt es hauptsächlich Fleisch, aber auch gegrillte Erdäpfel und ein bisschen Gemüse und Käse. Dazu jede Menge Wodka, der eher nach Spiritus schmeckt und für uns kaum trinkbar ist. Das scheint unseren trinkfreudigen Gastgeber kaum zu stören. Fast minütlich will er mit uns anstoßen und wir lernen, dass man dabei nicht jedes Mal auch tatsächlich trinkt.

Eine Familie grillt am Straßenrand und lädt uns zum Essen ein.
Der unvermeidliche Wodka macht schläfrig.

Mit vollem Magen strampeln wir weiter bergauf. Nur noch ein kurzes Stück, dann ist es geschafft und eine lange, anstrengende Abfahrt auf sehr schlechter Piste erwartet uns. Wir nächtigen kurz vor Kapan, einer grauen Industriestadt. Dort besorge ich mir ein Kopftuch für den Iran. Die Gegend ist geprägt von Bergwerken, die Umwelt verseucht, das Wetter trüb und regnerisch, die Stimmung dystopisch. Schnell weiter, die Straße bergauf bis zu unserem letzten Pass in Armenien. Mit 2.535 Metern ist er der höchste auf unserer bisherigen Reise. Eine harte Nuss zum Abschied! Auch das schaffen wir problemlos und genießen bei guten Temperaturen den herrlichen Rundumblick am Meghri Pass. Ein unbeschreibliches Gefühl!

Mit Chris auf dem letzten Pass in Armenien. Mit 2.535 Metern ist er der höchste unserer bisherigen Reise.

Zusammen mit Chris freuen wir uns über den Erfolg und blicken in die Ferne. Irgendwo dort hinter den vielen Bergketten, liegt Persien. Zum Greifen nahe! Nur noch dreißig Kilometer Abfahrt trennen uns von der iranischen Grenze. Die sind schnell hinter uns gebracht. Ein letztes Mal schlagen wir unser Nachtlager in Armenien auf. Vor uns tun sich gewaltige, massive Gebirgszüge auf, dahinter der geheimnisvolle Orient. Das klingt schon mal richtig weit weg von Zuhause.

Am nächsten Tag radeln wir nach Agarak, dem letzten Ort in Armenien und somit die letzte Möglichkeit, um unsere verbliebenen armenischen Dram auszugeben. Auf der Suche nach einem Restaurant werden wir von einem Armenier auf Deutsch angesprochen. Wir fragen ihn, wo wir hier gut essen gehen können. Daraufhin lädt er uns kurzerhand zu sich nach Hause ein. Es dauert etwas länger, weil er erst kochen muss, doch wir haben Zeit. Die Warterei bleibt nicht ungenützt, wir dürfen bei ihm duschen und unsere elektronischen Geräte aufladen. Einfach perfekt! Die erste Dusche nach fast einem Monat! Wie immer großartig. Das Essen schmeckt fantastisch. Dazu gibt es Bier und Wein, den letzten Alkohol für lange Zeit. Es ist schon spät als wir aufbrechen und wir beeilen uns, damit wir noch über die Grenze kommen, bevor es dunkel wird.

Armenien ist ein wunderschönes Land! Wir haben die Zeit sehr genossen. Im Vergleich zu Georgien gibt es hier kaum Tourismus und wenig Infrastruktur. Genau richtig, um ein Land per Fahrrad zu erkunden! Das war wieder mal ein echtes Highlight!

Die Zelte sind aufgebaut für unsere letzte Nacht in Armenien. Vor uns liegen massive Gebirgszüge, dahinter der geheimnisvolle Orient.

Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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2 Postings bisher
Spanidiga

Bravo...wie immer ein interessanter Bericht....Ich verfolge seit Anfang eure Berichte,nebenbei auch auf Google Earth....ist kl.Urlaub zuhause am PC. und vertreibt viel Zeit...Danke aber heute gehts auch wiedermal auf ein Bierchen in die Kneipe😉

Claudia Moser

Schön, wie immer! Freu' mich schon auf weitere Artikel. Ein unglaubliches, wunderbares Abenteuer! Wollt Ihr nicht diese Reise als Buch herausgeben??