Unendliche Weiten. Marlen und Ferdi unterwegs im Iran. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Unendliche Weiten. Marlen und Ferdi unterwegs im Iran. Alle Fotos: Marlen & Ferdi

Zweite Etappe im Iran: Oh wie schön ist Persien!

Wir radeln von Isfahan bis an den Persischen Golf, treffen Hippies und erleben eine Hochzeit.

Das ist bereits die 9. Folge unserer Fahrrad-Reiseerzählungen und die Fortsetzung der Erlebnisse in unserem bisherigen Lieblingsreiseland, dem Iran. Nach über einer Woche Städteurlaub in Isfahan geht es weiter. Voll motiviert schwingen wir uns auf unsere Drahtesel und fahren in den Süden Richtung Shiraz. Auch Chris ist wieder mit dabei.

Wir haben November und die Tage werden kürzer. Um fünf Uhr abends ist es bereits dunkel. Mitunter ein Grund, warum die Tageskilometer weniger werden. Über einen Pass auf 2630 Metern radeln wir zur höchsten Stadt Irans, nach Semirom. Das Panorama ist grandios. Vor uns erstrecken sich schneebedeckte 4000er. Das Zagros Gebirge ist zum Greifen nahe. Die Nächte sind kalt, ohne Lagerfeuer-Romantik geht da nichts mehr. Ein paar mal entfachen wir selbst zum Frühstück ein kleines Feuerchen. Gar nicht so einfach, wenn man in einer derart trockenen Gegend unterwegs ist, in der es kaum Bäume gibt. Tagsüber ist es meist angenehm warm und traumhaft zum Radeln.

Auf dem Weg nach Semirom. Im Hintergrund das Zagros-Gebirge.

Wir waren heute mal wieder schneller als Chris und wollen in Hanna auf ihn warten, um uns einen Schlafplatz zu suchen. An der Ortseinfahrt werden wir von der Polizei angehalten. Woher wir sind und wo wir hinfahren, wollen sie wissen. „Autriche!“ (Gut, dass Österreich auf Farsi wie im Französischen Autriche heißt. Denn wenn wir Austria sagen, wird das fast immer mit Australien verwechselt.) Die Polizisten wissen nicht so recht, was sie mit uns anfangen sollen. Nach einem Telefonat mit ihrem Vorgesetzten kommen sie auf die Idee, dass sie unsere Pässe und Visa kontrollieren könnten. Sie wollen, dass wir die längere Route über die Hauptstraße nehmen. Wir versuchen ihnen zu erklären, dass es für uns viel schöner ist, auf kleinen Nebenstraßen durch die Berge zu kurven. Die Diskussion bringt nichts, sie verstehen kaum Englisch. Wir wollen endlich weiter, es wird schon dunkel und kalt. Die Polizisten folgen uns, sie sind neugierig, wo wir schlafen. Da es richtig kalt ist und wir keinen guten Zeltplatz in Aussicht haben, nutzen wir die Gelegenheit und fragen die Beamten nach einer Übernachtungsmöglichkeit.

Chris und seine Fangemeinde.

Während sie auf einen Freund oder Verwandten warten, der Englisch spricht, kommt Chris angeradelt. Unsere Helfer beratschlagen, kommen aber nicht voran. Wir schlagen vor, bei der Moschee zu fragen. Doch der angebotene Raum hat leider weder ein WC noch eine Waschgelegenheit. Mittlerweile ist das ganze Dorf um uns versammelt und man bietet uns den Gästeraum der Gemeinde an. Die Jugendlichen  begleiten uns auf ihren Fahr- und Motorrädern zu unserer gemütlichen Unterkunft. Nach einer angenehm warmen Dusche wird uns Tee serviert. Die Herbergssuche ist geglückt. Zur Feier des Tages kochen wir Spaghetti mit Soja-Bolognese.

Jugendliche aus dem Dorf mit ihren Motorrädern.

Der nächste Morgen ist kalt und verregnet. Dick eingepackt geht es einige Höhenmeter aufwärts. Da wir wieder mal einigen Vorsprung auf Chris haben, wollen wir im nächsten Ort zu Mittag essen und auf ihn warten. Außer einem Imbissstand neben der Straße gibt es hier nichts. Das Angebot beschränkt sich auf Kebapspieße mit Lawasch, dem Fladenbrot, das aussieht wie Nopperlfolie. Nicht mein Ding. Als wir ihnen erfolgreich erklären, dass ich kein Fleisch esse, sind sie sehr bemüht und machen mir ein Omelett mit Tomaten. Eine gute Stärkung. Wir warten und warten. Plötzlich fängt es an zu schütten, doch Chris ist immer noch nicht aufgetaucht. Ist er wieder mal falsch abgebogen? Ali vom Imbissstand bietet uns an, mit seinem Auto nach Chris zu suchen. Ferdi und Ali düsen los und kommen eine Viertelstunde später mitsamt Chris und seinem Fahrrad auf der Ladefläche zurück. Ferdi meint, ein Wunder, dass sie ihn durch die völlig kaputte Windschutzscheibe ohne Scheibenwischer überhaupt gefunden haben. Ein Patschen hat ihn aufgehalten. Da es wohl noch länger regnet, werden wir von Ali zu sich nach Hause eingeladen. Schließlich bleiben wir über Nacht.

Dieser Weg ist auf keiner Karte verzeichnet.

In der Früh scheint wieder die Sonne. Auf einer Schotterpiste radeln wir durch eine atemberaubende, wüstenartige Landschaft. Es ist absolut still, nur das Klicken des Auslösers unserer Kamera ist zu hören. Immer wieder halten wir zum Fotografieren an. Das Nichts um uns und die schneebedeckte Bergkette im Hintergrund haben es uns angetan. Abends füllen wir unsere Wasserflaschen bei einer Moschee auf, als wir von einem Mann namens Hossein angesprochen werden. „Where are you from? Where do you sleep tonight?“. „Tschador!“ antworten wir und verweisen auf unser Zelt. Nicht nur der schwarze Umhang der Frauen heißt auf Farsi Tschador. „Ihr könnt doch bei der Kälte nicht draußen übernachten“, meint er und streckt uns den Schlüssel für sein Wochenendhaus entgegen. Weil er auf ein Familienfest muss, hat er leider keine Zeit für uns und wird erst morgen früh wieder kommen, um sich den Schlüssel zu holen. Wir können unser Glück kaum fassen, ein ganzes Haus für uns allein! Nach einer wärmenden Dusche machen wir es uns auf dem Teppich gemütlich und kochen Abendessen.

In Beyza folgt die nächste Essenseinladung. Zunächst lehnen wir ab, aber nachdem uns der Mann zum dritten Mal fragt, können wir nicht anders und nehmen an. Im Iran gibt es eine spezielle Umgangsformel, Taarof genannt. Wir haben mit der Zeit gelernt, wann eine Einladung ernst gemeint und wann sie Taarof ist. Das ist nicht immer leicht zu verstehen. Aus Höflichkeit wird man ständig zum Essen und zu Leuten nach Hause eingeladen. Doch die erste Einladung sollte man niemals sofort annehmen, sondern ablehnen und warten was passiert. Kommt keine zweite und dritte Einladung, war es nur eine Höflichkeitsfloskel. Erst wenn die Einladung öfter wiederholt und nachgehakt wird, kann man davon ausgehen, dass sie ernst gemeint ist. Die heutige Essenseinladung erfolgt auch für die Frau unseres Gastgebers spontan.

Zweites Frühstück in einem kleinen Dorf.

Gut, dass iranische Kühl- und Gefrierschränke für solche Anlässe prall gefüllt sind. So steht sie die nächsten drei Stunden in der Küche, während wir vom iranischen Fernsehen berieselt werden und ein bisschen mit den Kindern spielen. Leider spricht auch hier niemand Englisch. Das Warten hat sich gelohnt, auf der am Teppich ausgebreiteten Tischdecke türmen sich persische Leckereien. Es schmeckt fantastisch. Fast so gut wie bei Arashs Mama in Tabriz. Nach dem Essen schauen noch ein paar Verwandte auf Tee und Obst vorbei und natürlich werden wir zum Aufbruch mit frisch geernteten Granatäpfeln aus dem eigenen Garten beschenkt. An das Radeln mit bis kurz vorm Platzen gefüllten Bäuchen haben wir uns inzwischen gewöhnt.

In Shiraz nächtigen wir bei Maria und Peyman. Sie sind erfahrene „Warmshowers“ und wissen genau, was wir brauchen: Viel Ruhe und Zeit um unsere Sachen zu erledigen. Isfahan und Shiraz gelten als die schönsten Städte Irans, Sightseeing ist angesagt. Wir schlendern über den Bazar und weiter zur Nasir-al-Molk Moschee, die für ihre bunten Kacheln und leuchtenden Fenster bekannt ist. Hier ein paar Eindücke:

Oben die Nasir-al-Molk Moschee, darunter das beeindruckende Schah-Cheragh Heiligtum in Shiraz.

Wirklich beeindruckend ist der Besuch des Schah-Cheragh Heiligtums. Vor allem Abends tummeln sich hier unzählige Menschen. Zum Betreten muss ich mir wieder mal einen Tschador überwerfen. Es ist eher ein großes Leintuch mit Kapuze und Ärmeln. Als Nicht-Muslime dürfen wir zwar die riesige Halle mit dem heiligen Schrein nicht betreten, aber einen Blick hinein werfen. Unbeschreiblich, was sich dort abspielt. Räume voller Glitzer und Spiegel. Mittendrin der von Männern umringte Schrein. Sie knien davor und beten, berühren und küssen ihn. Am Ende des Stadtrundgangs gönnen wir uns noch ein gutes Safraneis und dann nichts wie heim und schlafen. So ein Tag in der Stadt ist für uns viel anstrengender als ein Tag auf dem Fahrrad.

Der Naranjestan-e-Gahvam Pavillon in Shiraz.

Wir machen uns auf Richtung Persischer Golf. Es ist recht kühl in der Nacht, deshalb nehmen wir das Angebot eines Bauern gerne an, in einer kleinen Hütte am Rande seiner Felder zu übernachten. Doch wir sind nicht die einzigen Gäste. Drei seiner Arbeiter sitzen dort und rauchen Theriak (Opium). Das ist sehr beliebt im Iran, wenn auch illegal. Höchst interessant ist ihr selbstgebauter Ofen, mit dem sie die Kohle für ihre Pfeife zum Glühen bringen. Ein paar Heizstäbe in einen Ziegelstein eingegossen, Metallgitter drauf, Kabel dran und ohne Stecker direkt rein damit in die Steckdose. Etwas abenteuerlich, aber durchaus üblich. Der Ofen funktioniert gleichzeitig auch als Heizung und zum Grillen von Maiskolben, welche uns richtig gut schmecken. Als unser Koch dann mit dem Messer den Grillrost putzt und dabei den Heizstab berührt, wird er kurz gebrutzelt. Sicherung fällt keine. Wer weiß, ob es eine gibt?

Man beachte den „Stecker“ dieses Spezialofens!

Während unser Gastgeber in einer Ecke sein Abendgebet verrichtet, ziehen sich seine Gehilfen eine Pfeife nach der anderen rein und wir warten hundemüde darauf, endlich allein und in Ruhe unser Abendessen kochen und in den Schlafsack kriechen zu können. An die zwei Stunden dauert es, bis unsere Gesellschaft endlich genug geraucht hat und nach Hause aufbricht. Doch kaum haben wir gegessen und das Licht abgedreht, tauchen zwei neue MitbewohnerInnen auf. Die ganze Nacht klettern zwei Mäuse auf den Rädern herum, finden einen Weg in Chris‘ Essensbeutel und hin und wieder schlägt ein Mäuseschwanz an die Fahrradklingel. Bing! Viel geschlafen haben wir nicht.

Ein Gemüsehändler am Straßenrand.

Zum gefühlt tausendundersten Mal hält uns ein Auto an. Natürlich bergauf an der steilsten Stelle. Mäßig interessiert unterhalten wir uns mit dem Fahrer, der uns selbstverständlich zu sich nach Hause einladen will. Hmmm. Ob wir gerne Schnaps trinken? Wir spitzen die Ohren. Kurze Zeit später radeln wir beschwingt zu Reza nach Firuzabad. Er beschreibt sich selbst als faulen Archäologiestudenten. Wie so viele junge Leute im Iran hat er wenig Beschäftigung, hängt viel zu Hause rum und weiß nicht recht, was er mit seiner Zeit anfangen soll. So greift er gerne zu Selbstgebranntem. Es gibt Apfel- und Dattelschnaps in rauen Mengen. Für Reza auch zum Frühstück. Und später im Auto am Weg zur Uni. Lustig war’s jedenfalls. Danke lieber Reza!

Bei Reza in Firuzabad.
Und schon wieder hat Chris einen Patschen. Liegt es an seinem Fahrstil?

Der Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Ab Firuzabad ist es deutlich wärmer geworden, 25 Grad untertags. Wir nehmen einen Schotterweg, der auf keiner Karte eingezeichnet ist. Ein bisschen Abenteuer muss sein. Es ist wunderschön. Nur ein paar Nomaden leben in diesem wilden Tal, abseits jeglicher Zivilisation. Bei Chris ist schon wieder die Luft raus, heute bereits der dritte Patschen. Ob es an seinem Fahrstil liegt? Er ist begnadeter Mountainbiker. Als wir am anderen Ende des steinigen Tals heraus kommen, befinden wir uns mitten in einer Palmenallee. Schlagartig herrscht eine komplett andere Flora, überall wachsen Dattelpalmen. Die Luft ist trocken und staubig, es gibt kaum Schatten. Mitte November hat es 27 Grad. Das wird ein Winter!

Ein traditioneller Wasserspeicher bei Evaz.

In einer kleinen Stadt namens Evaz wartet Amir auf uns. Vor drei Jahren ist Amir vom Iran nach Europa geradelt. Ferdi hat ihn in Wien auf der Straße getroffen und sofort zu sich nach Hause eingeladen. Jetzt gibt es ein Wiedersehen. Sogar mit Empfangskomitee. Einige Kilometer vor Evaz sehen wir RadlerInnen auf uns zukommen. Amir und seine FreundInnen eskortieren uns in die Stadt. Hier erfahren wir, dass es wegen der Erhöhung des Benzinpreises Proteste im ganzen Land gibt. Deshalb haben wir seit gestern Abend auch kein Internet mehr. Die Regierung hat das komplette Netz gekappt, damit sich die Protestierenden nicht organisieren können und keine Informationen ins Ausland gelangen. Im ausländischen Satellitenfernsehen sehen wir trotzdem Bilder von brennenden Tankstellen und Straßenschlachten in Teheran, Isfahan, Shiraz und vielen weiteren Städten. Einige Tote soll es geben. Am Ende werden es – natürlich nicht offiziell – hunderte sein. Hier im Süden ist es ruhig, wir bekommen nichts von den Unruhen mit. Mal abgesehen von der Internetblockade. Wir haben keine Ahnung wie es im Land tatsächlich zugeht, kommen an keine vertrauenswürdigen Informationen, können mit niemandem kommunizieren und Chris kann sein Pakistan-Visum nicht beantragen. Zum Glück können wir eine SMS an unsere Eltern schicken und ihnen mitteilen, dass es uns gut geht. Nachdem es auch noch zu regnen begonnen hat, bleiben wir erst mal ein paar Tage bei Amir und warten ab. Für unseren iranischen Gastgeber kein Problem.

Moschee am Straßenrand.

Im Süden scheint es ruhig geblieben zu sein, also beschließen wir weiter zu radeln. Die Gegend ist extrem trocken, die Böden sind versalzen. Es wird schwieriger, Trinkwasser zu finden. Einmal müssen wir es sogar kaufen. Zum ersten Mal auf unserer Reise. Die letzten 300 Kilometer nach Bandar Abbas schaffen wir in drei Tagen. Und dann, am allerletzten Tag, sehen wir sie endlich: Ein paar Kamele grasen am Straßenrand. Es sind zwar nur einhöckerige Dromedare, aber trotzdem großartig. Richtige, zweihöckerige Kamele werden wir wohl erst in der Mongolei antreffen.

Sadegh in Bander-Abbas ist unser lustigster Gastgeber!

In Bandar Abbas angekommen, quartieren wir uns in Sadeghs Gartenhütte ein. Er ist wohl der lustigste „Warmshowers“ Gastgeber, den wir bisher getroffen haben. Auf unseren Handys haben wir immer noch keinen Internetempfang, aber das Festnetz Internet scheint wieder zu funktionieren. Folglich sitzen wir stundenlang in Sadeghs Büro und versuchen unsere Weiterreise zu organisieren. Unser Visum neigt sich dem Ende zu, wir wollen es ein zweites Mal verlängern. Also ab zur Polizeistation, rein in den Tschador und Anträge ausfüllen. Der Mann am Schalter meint, dass wir in drei Tagen wiederkommen sollen, weil der Chef gerade nicht da sei.

Zusammen mit Sebastian, einem anderen Radler aus Deutschland, nehmen wir die nächste Fähre nach Hormuz. Nach gut 90-minütiger Überfahrt legen wir an der kleinen Insel an und suchen uns einen Schlafplatz am nächstgelegenen Strand.

Das Regenbogental auf der Insel Hormuz.

Hormuz ist bunt: Die Strände glitzern, das Regenbogental ist voller Salzformationen in verschiedensten Farbtönen und die Erde in manchen Buchten tiefrot gefärbt. Eine Inselumrundung zählt gerade mal 25 Kilometer, es fühlt sich an wie Urlaub. Die schönsten Strände sind über den Winter von Hippies bewohnt. Wir zelten neben ihnen, machen Lagerfeuer, erfrischen uns im türkis-blauen Meer und machen viele Radlerbekanntschaften. Auch eine iranische Radlerin, die seit einiger Zeit auf der Insel lebt und über die Traditionen der BewohnerInnen forscht, läuft uns über den Weg. Abends begleiten wir sie zu einer Hochzeit. Einlass nur für Frauen.

Regungslos, lautlos und komplett verhüllt wartet die Braut. Ihre Füße sind nackt und werden mit Henna bemalt.

Fast wie aufgebahrt liegt die Braut inmitten eines Raumes. Regungslos, lautlos, komplett verhüllt. Einzig ihre Füße sind nackt. Diese werden gerade von den anwesenden Frauen mit Henna bemalt. Sonst passiert eigentlich nichts. Jede Menge Frauen sitzen im Kreis herum und unterhalten sich. Es gibt keine Musik, kein Tanzen. Meine iranische Begleiterin erklärt mir, dass dies eine sehr konservative Hochzeit sei. Letzte Woche war sie auf einer, auf der wirklich viel getanzt wurde. Übrigens sind in kleinen Orten immer alle BewohnerInnen zur Hochzeit eingeladen. Wer Lust hat, kommt vorbei und feiert mit. Männer und Frauen getrennt an unterschiedlichen Tagen.

Bereits in Bandar Abbas ist mir aufgefallen, dass die Frauen hier im Süden anders gekleidet sind. Sie tragen knallbunte Kleider, was auf einen afrikanischen und indischen Einfluss zurückzuführen ist, und bunte Gesichtsmasken. Auch sonst unterscheidet sich die Insel sehr vom Festland. Vor allem junge IranerInnen kommen nach Hormuz, um all das zu tun, was eigentlich verboten ist: Alkohol trinken, Marihuana rauchen, im Bikini baden und sich in Tuk-Tuks mit lauter Musik durch die Gegend befördern lassen. Viele Urlauberinnen zeigen sich – allen Gesetzen zum Trotz – ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit. Kein Wunder, dass all das bei der ansässigen, traditionsbewussten Bevölkerung Widerwillen weckt.

Nach drei Tagen Inselurlaub geht es zurück aufs Festland. Wir kontaktieren Ahmad, einen anderen „Warmshowers“. Er ist gerade am Weg nach Teheran und weiter in die Türkei, hinterlegt uns aber den Schlüssel für sein Appartement. Wir können bleiben, so lange wir wollen. Für uns EuropäerInnen beinahe unvorstellbar. Ohne Ahmad jemals gesehen zu haben, bleiben wir für 10 Tage in seiner Wohnung. Eigene vier Wände, die wir uns mit Chris teilen. Mit richtiger Waschmaschine und voll ausgestatteter Küche inklusive Backrohr. Das ist Luxus pur!

Wie immer ist einiges zu tun: Unsere Oman-Visa beantragen, am Blog arbeiten, Wäsche waschen, Reiseführer lesen. Zwischendurch kommt Ahmads Schwager vorbei, um mir die Haare zu schneiden. Es ist für ihn kein Problem, mir eine für iranische Frauen untypische Kurzhaarfrisur zu verpassen. Unser erster Versuch, die verlängerten Iran-Visa abzuholen, scheitert. Noch keine Antwort aus Teheran. Am nächsten Tag kommt dann zwar die positive Antwort, aber der Chef hat noch nicht unterschrieben. Sie wissen nicht, wann er wieder ins Büro kommt. Wir sollen in zwei, drei Tagen noch mal vorbeischauen. Das Visum ist inzwischen abgelaufen. Egal. Schlussendlich klappt es dann ja eh.

Nach zwei gemeinsamen Monaten nehmen wir Abschied von Chris.

Jetzt heißt es Abschied nehmen. Chris verläßt uns. Für ihn wird es Zeit Richtung Pakistan weiterzuziehen. Ganze zwei Monate sind wir zusammen gereist und haben richtig viel erlebt. Da fällt der Abschied echt schwer. Doch wer weiß, vielleicht treffen wir uns irgendwo in China oder Japan wieder.

Mit Erdäpfeln, Blaukraut und Rotwein, einer Eigenproduktion meines Friseurs, feiern wir unser 6-Monate-Reise-Jubiläum. Nach über zwei Monaten Iran sehnen wir uns nach etwas Abwechslung und beschließen, nicht mehr auf die Insel Qeshm, sondern gleich weiter in die Emirate und den Oman zu fahren. Auf zu neuen Ufern!

Doch keine Sorge, wir kommen wieder!


Marlen aus Lienz und Ferdi aus Salzburg starteten im Juni 2019 zu einer Weltreise auf dem Fahrrad. In neun Monaten radelten die beiden von Lienz mehr als 11.000 Kilometer durch 14 Länder bis in den Iran. Dann stoppte Covid 19 die beiden Globetrotter. Was sie bis zu ihrer Rückkehr in die Quarantäne erlebten, erzählt uns Marlen Schieder in einer spannenden, mehrteiligen Reisereportage. Viel Spaß!

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