Dieses Kreuz auf dem Rauchkofel-Westgrat löste in Lienz Diskussionen aus, weil es nachts einige Wochen lang leuchtete. Foto: Fru

Dieses Kreuz auf dem Rauchkofel-Westgrat löste in Lienz Diskussionen aus, weil es nachts einige Wochen lang leuchtete. Foto: Fru

Gipfelkreuze, Halbmonde und andere Erleuchtungen

Brauchen wir immer aufwändigere Symbole auf den Gipfeln unserer Berge?

Im Sommer 2016 hat der Schweizer Künstler Christian Meier auf den Berg der Freiheit im Schweizer Kanton Appenzell ein religiöses Symbol installiert. Eigentlich nichts Außergewöhnliches, bedenkt man, dass allein in Tirol mehrere hundert religiöse Symbole in Form von Gipfelkreuzen stehen und manche davon sogar nachts beleuchtet werden. Aber nochmal zurück in die Schweiz. Dort hat der Künstler zwar ein religiöses Symbol angebracht, aber eben ein etwas anderes: Einen 3 Meter großen Halbmond mitsamt Solarzellen, der in der Nacht auch leuchten kann!

Der Künstler Christian Meier trat mit diesem Halbmond auf einem Schweizer Gipfel 2016 eine Diskussion über religiöse Gipfelsymbolik los. Foto: Christian Meier

Ein islamisches Symbol auf einem Schweizer Berg! Die Reaktionen der Schweizer waren dann ziemlich eindeutig. Von „Der Mond muss untergehen“, bis hin zu „Blasphemie!!!“ über „Eine bodenlose Frechheit so etwas zu installieren ohne uns Betroffene zu informieren“ reichten die Reaktionen und der Künstler musste auf Anweisung der Behörden den Halbmond binnen einer Woche wieder entfernen.

Recht auf freie Religionsausübung?

Aus der oben erläuterten Tatsache drängt sich für mich die Frage auf: Haben eigentlich alle Menschen dasselbe Recht ihre Religion frei auszuüben und ihre Symboliken auf den Gipfeln zu installieren? Und wie ist es damit bei uns in Tirol? Ein Blick in die Verfassung klärt: Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht, seine Religion einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat, durch Gottesdienst, Unterricht, Andachten und Beachtung religiöser Gebräuche auszuüben. Darüber hinaus genießen alle österreichischen StaatsbürgerInnen dieselben bürgerlichen und politischen Rechte unabhängig der Art ihres Religionsbekenntnisses, solange diese gesetzlich anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften sind. Das sind derzeit 16 solcher Institutionen. Neben der Katholischen und Evangelischen Kirche Österreichs sind das auch diverse Freikirchen, die Österr. Buddhistische Religionsgemeinschaft, sowie die Mormonen, die Zeugen Jehovas, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich und noch einige mehr. Jeder darf also immer und überall religiös sein. Auch am Berg.

Aufgrund dieser Tatsache stelle ich mir gerade den Gipfel des Roten Turms vor, an dem in Zukunft noch mehr halb vermoderte Gebetsfahnen wehen, ein Halbmond und oben drauf noch das traditionelle Gipfelkreuz steht, aus dessen Gipfelbuchbox ein Wachturm ragt! Kurzum: Übten alle Menschen nachweislich ihre religiöse Freiheit aus, dann hätten wir wohl ziemlich schnell ein Sammelsurium an Symboliken am Berg.

Kulturgut und Machtsymbol

Gipfelkreuze haben in den Ostalpen eine besonders lange Tradition. Seit dem 13. Jahrhundert wurden sie nachweislich an „Wetterbergen“ aufgestellt, jenen Gipfeln, hinter denen besonders oft Unwetter aufgezogen sind. Dies ist den Ausführungen von Claudia Paganini zu entnehmen, Philosophin der Uni Innsbruck, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat. Im 18. Jahrhundert wurden die Kreuze als Monumente der „Macht des bezwungenen Berges“ von den Bergsteigern und Eroberern der damaligen Zeit, sowie als Symbole des Widerstands gegen die Aufklärung benutzt. Als die gläubigen Tiroler gegen die Fremdherrschaft der Bayern und Franzosen kämpften, stellten sie die Kreuze um 1809 als Protest gegen die Franzosen auf, die ihren Machtkampf gegen die katholische Kirche führten. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele Kreuze in den Bergen dann für die Heimkehrer errichtet.

Die Technik machts möglich: LEDS und Solarenergie lassen Kreuze weithin sichtbar in der Nacht leuchten. Foto: Fru

Heute werden Gipfelkreuze vielfach aufgrund von Privatinitiativen und/oder Vereinen errichtet und seit es die Möglichkeit gibt, diese mit Helikoptern zu transportieren, wurden die Auswüchse immer dramatischer. Teilweise stehen in Tirol heute überdimensional riesige Kreuze, die nicht nur mehr für spirituelle Zwecke genutzt werden, sondern auch touristisch instrumentalisiert sind. Ein Beispiel dafür ist das knapp 30 Meter hohe und mit Lift und Seminarräumen ausgestattete „Jakobs-Kreuz“ im Pillerseetal.

Mit Religion hat dieses „Jakobskreuz“ auf der Buchensteinwand bei Fieberbrunn wohl nur noch wenig zu tun. Foto: Bergbahn Pillersee/Langreiter

Säkularität – oder die schwierige Trennung von Staat und Religion

Bislang hat keine politische Partei es gewagt, dieses heiße Eisen anzugreifen. Die Trennung ist dennoch vielleicht nach dem Ausschlussprinzip vorhanden, da dem Staat laut Verfassung lediglich weltliche und irdische Aufgaben zugeschrieben werden. Dass die Österreichische Politik in Sachen Säkularität dennoch sehr gespalten ist, zeigt die Aussage von Justizministerin Alma Zadic, wonach öffentliche Räume inklusive Schulen und Gerichtssäle ihrer Meinung nach ohne religiöse Symbole auskommen sollten. Woraufhin der von Krisen gebeutelte FPÖ-Chef Norbert Hofer umgehend ein Zugeständnis des Bundeskanzlers Sebastian Kurz eingefordert hat, Schulklassen, Gerichtssäle und auch Berggipfel auf keinen Fall kreuzfrei zu machen! Wo kämen wir denn da hin!?

Und die BergsteigerInnen?

Vielleicht macht es abschließend noch Sinn, diejenigen nach religiösen Symbolen am Berg zu befragen, die dort auch die meiste Zeit verbringen, nämlich die BergsteigerInnen. So wie immer, wird zuerst Reinhold Messner befragt. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung beantwortet Messner die Frage nach der Notwendigkeit von Gipfelkreuzen in den Alpen so: „Kreuze haben am Gipfel nichts verloren!“ Messners Begründung gegen die Gipfelkreuze fußt in einer generellen Ablehnung, die Berge zu religiösen Zwecken, in welcher Form auch immer, zu missbrauchen. „Die Berge selbst haben etwas Erhabenes – da braucht es kein Zeichen für Übernatürliches“. Messner greift ein heikles und stark polarisierendes Bergthema an, weil es sowohl um die traditionellen Werte im Land geht, als auch um die Freiheit in den Bergen.

Ich für meinen Teil …

… sehe das Ganze etwas differenzierter. Die bestehenden Gipfelkreuze in unserem Land gehören für mich zu unserer Bergkultur und viele davon sind Teil einer Jahrhunderte alten Tradition. Dass nun alle verschwinden müssten, würde wohl zu weit gehen. Dennoch stellt sich für mich die Frage, ob es Sinn macht, immer noch neue und aufwändigere Symbole auf unseren Gipfeln zu installieren, ein Trend der derzeit wieder Fahrt aufzunehmen scheint. Und müssen die Symbole zudem nachts auch noch leuchten? Sollten wir nicht schrittweise an eine freie Berglandschaft denken – die ohnehin schon seit dem 13. Jahrhundert instrumentalisiert wird – wo wir doch kaum noch einen freien Fleck in unserer Heimat finden können?


Lisi Steurer ist eine international erfolgreiche Bergsteigerin und Kletterin, Mitorganisatorin des Dolorock Climbing Festivals und des alpinen Fachforums Vertical Arena in Sexten.

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7 Postings bisher
Sepp Kalser

Brauchen wir immer aufwendigere Symbole auf dem Gipfeln unserer Berge?

Eine längst überfällige Frage, ich würde sagen, die herrlichen Berggipfel wurden zu missbrauchten Symbolträgern, auf deren Tradition, mit ganz wenigen Ausnahmen, kaum 100 Jahre zurück geschaut werden kann. In den letzten Jahrzehnten entstand ein regelrechter Wildwuchs an Kreuzen.

Müssten wir die Religionsfreiheit nach Gipfelkreuzen beurteilen, würde es diese in den Alpen nicht geben.

Im Raum Lienz wurden Berggipfel zunehmend erst mit Ende des 19. Jahrhunderts für Kundgebungen instrumentalisiert, zwar noch ohne Gipfelkreuze aber mit Holzstangen auf denen zu verschiedenen Jubiläen und Anlässen, wie Kaisergeburtstage usw., Fahnen aufgehängt wurden.

Der Rote Turm in den Lienzer Dolomiten bekam als erster Gipfel 1927 ein weithin sichtbares Kreuz aufgesetzt. In den 30er Jahren verkam dieses zum Träger der Hakenkreuzfahnen, auch vom noch kreuzlosen Gipfel des Spitzkofels grüßte eine wehende an einer Holzstange befestigte übergroße Nazifahne ins Tal herunter.

Die weithin sichtbare „Gipfelzier“ auf den Bergen ist Ausdruck religiöser Besitznahme und ein Machtsymbol, oft auch Ausdruck persönlicher Eitelkeit – der Helikopter macht es möglich.

Auf jeden Fall sind viele davon mächtige Bauwerke, für die es zur Verankerung starke Fundamente braucht, vielleicht bekrönen die Berggipfel ja Schwarzbauten (?), das wäre eine Prüfung wert!

Ansonsten teile ich die Meinung von Reinhold Messner „Kreuze haben am Gipfel nichts verloren!“

bb

Im Herzen bin ich bei Reinhold Messner... ein Gipfel ist für mich naturbelassen am erhebensten. Alle Kreuze entfernen - ok, das muss wohl auch nicht sein. Was mich entsetzlich stört, ist die nächtliche Beleuchtung - über das Herz-Jesu-Wochenende hinaus und die ganze Nacht hindurch. Thema: Lichtverschmutzung... Wenn man in der Nacht auf den Lienzer Talboden schaut, da gibt es kaum eine finstere Ecke. Jetzt auch noch die Natur beleuchten? Ganz konkret: Nachtfalter z.B. bleiben die ganze Nacht im Licht sitzen (wie bei Straßenlaternen, Neonschildern,...), sie werden in der Früh von Vögeln gefunden und tun nicht das, was sie eigentlich tun sollten - sich paaren und Eier legen. 1-2 Nächte machen wohl nichts aber 2-3 Wochen - das entspricht ihrer Lebenszeit. Menschen und Tiere haben ein Recht auf nächtliche Finsternis. Niemand möchte eine Straßenlaterne oder ein leuchtendes Werbeschild vor dem Schlafzimmerfenster haben. Eine Zeitschaltuhr würde schon helfen - z.B. ab Mitternacht ist finster. Ließe sich sicher leicht machen.

senf

das gemälde vom österreichischen alpenmaler otto barth mit den bergführern beim morgengebet vor dem gipfelkreuz am grossglockners versinnbildlicht für mich den eigentlichen beweggrund für gipfelkreuze der damaligen zeit: ehrfurcht vor der schöpfung und dank für das erreichte.

dass man das gipfelkreuz dem kaiser f. j. und der kaiserin s. zum 25-jahrjubiläum gewidmet hat, ist zwar geschichtsprägend, aber eigentlich nebensache. das kreuz steht heute unter denkmalschutz, übrigens als höchstes denkmal österreichs.

der grossglockner hat alpingeschichte geschrieben, sie aber durch seine im jahre 1800 erfolgte erzwingung nicht begonnen, denn die erste ersteigung eines vergletscherten dreitausender in den ostalpen war der ankogel im jahre 1762 und 14 jahre später in den westalpen der mont blanc.

die diskussion um das heikle und auch stark polarisierende gipfelkreuzhema lässt kaum spielraum zu und ich gebe herrn messner schon recht, wenn er meint, dass kreuze am gipfel nichts verloren haben. das gilt meiner meinung besonders für die heutige zeit, denn die berge ähneln - genau und von oben betrachtet - einem friedhof.

in den vergangenen jahrzehnten gab es einen regelrechten boom, der dazu führte, dass fast auf jeder bergspitze kreuze errichtet wurden. zuerst auf den höchsten erhebungen und dann immer weiter nach unten. die beweggründe waren unterschiedlich. gedenkkreuze für jubiläen, als mahnmahl von verunglückten, als kunstwerke oder ganz einfach für den tollen jahresbericht von vereinen oder organisationen. vielfach unter dem motto, je größer oder/und pompöser als woanders.

wer sich umhört, wird manchmal zu ohren bekommen, dass "erst das gipfelkreuz den mühvollen aufstieg und gipfelsieg vermittelt". vor lauter "gipfelglück" werden kreuz dann oftmals noch mit turngeräte fürs handy- und facebookfoto verwechselt und bestiegen. echt stark, wer sich das zutraut, man ist ja höher als der gipfel. geil!

das kleinste, mir bekannte gipfelkreuz aus holz stand am hohen prijakt. unter alpinisten eine besonderheit. man hat es nun dank helikopterkraft auf einen verästelten und geschälten baumstam genagelt.

auf einen gipfelgalgen?

nikolaus

Ein weiteres diskussionsträchtiges Beispiel ist das Steinkreuz auf der Seekarlspitze am Achensee (TT-Magazin vom letzten Sonntag bzw. https://www.tt.com/artikel/17169219/ein-stein-der-reine-emotionen-ausloest), bemerken doch die menschlichen Schöpfer dieses Kreuzes sich damit selbst ein Denkmal setzen zu wollen ...

BettinaHuber

Interessanter Artikel, der wohl einige Diskussionsansätze bietet. Grundsätzlich denke ich, dass das Bergsteigen eine wichtige spirituelle Komponente beinhaltet. Das Gehen, das Überwinden von großer Anstrengung und Müdigkeit, das Erleben der Natur und schlussendlich die große Befriedigung, den Gipfel erreicht zu haben lösen wohl in jedem Menschen ein Glücksgefühl aus. Die Frage, ob ein Gipfelkreuz zu diesem Glück unbedingt notwendig ist, darf sich jede(r) selber stellen - was ja auch die Autorin tut. Der historische Aspekt der Kreuze auf Berggipfeln ist ein interessanter und gibt Zeugnis von unserer Vergangenheit/Geschichte, aus der unsere Gesellschaft herauswächst und sich (weiter-)entwickelt. Nichts ist wie es war und nichts bleibt so, wie es ist. Wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen Berggipfel in unseren Breitengraden erklimmen kann ich mir vorstellen, dass ein Gipfelkreuz dazu beiträgt, in dieses Land, das er/sie gerade bereist und seine damit verbundene Kultur tiefer einzutauchen bzw. einfach den "Geist" zu erleben, den Reisende von ihren auserwählten Destinationen ja wohl auch "einatmen" wollen. Ich glaube kaum, dass Muslime, die in der Schweiz oder bei uns einen Berg erklimmen darauf erpicht wären, dort einen Halbmond vorzufinden. Allerdings ist die im Artikel erwähnte Installation wohl unter dem Aspekt "Kunst" zu sehen und soll deshalb auch durchaus kontroversiell diskutiert werden (was meistens ja auch die Absicht des Künsterls ist, oder?). Was ich persönlich als wirklich bedenklich finde ist die - ebenfalls oben erwähnte - "Unart", alles immer noch größer, protziger und auffälliger machen zu wollen. Wenn ich das richtig verstanden habe, plädiert die Autorin dafür, die bereits bestehenden Gipfelkreuze als Teil unserer Tradition, unserer Geschichte zu sehen und anzuerkennen, jedoch "Auswüchse" - wie man oben auf den Bildern sehen kann - in Zukunft sehr kritisch zu hinterfragen und bestenfalls bleiben zu lassen. Dieser Meinung schließe ich mich zu 100 % an und ich denke, dass jede(r) auf dem Gipfel die innere Zufriedenheit und Dankbarkeit ganz persönlich an "seine/ihre Adresse" schicken darf, egal ob an den lieben Gott, Allah, Buddha oder sonst wen. Die Symbolik auf den Gipfeln sehe ich in diesem Fall als absolut zweitrangig an, denn die Ehrfurcht vor der Schöpfung und der Natur braucht keine aufwendigen Installationen, sie bereichert den Menschen im Inneren und macht deshalb (wenn vielleicht auch nur im Moment des Gipfelsieges) glücklich.

dobui

Gut zusammengefasst, toller Kommentar!