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„VOR ORT“ – Ein Mahnmal gegen den Konsumwahn 

Eine monumentale Installation des Lienzer Künstlers Hannes Zebedin steht bis November am Graben in Wien.

Hannes Zebedin ist kein Schreibtischtäter, sondern ein künstlerischer Aktionist, der gerne mal mit lautem Widerhall in die Welt ruft. Als studierter Volkswirtschaftler und Politikwissenschaftler wurde ihm der Platz im stillen Kämmerchen schnell zuwider, er gab sich vielmehr dem Drang nach individuellen Eingebungen hin und fand in der Kunst eine Nische, um verborgene Sehnsüchte auszuleben: „Meine Vorliebe für subjektive Ausdrucksweisen überwog einfach, weshalb ich mich an der Akademie der bildenden Künste beworben habe“, erinnert er sich mit einem Lächeln.

Der Lienzer Künstler Hannes Zebedin stellt in seiner jüngsten monumentalen Arbeit Reichtum und Armut gegenüber. Foto: Marlene Hausegger

Vornehmlich im Bereich der Bildhauerei und partizipativen Kunst tätig, doch stets für neue Experimente offen, blieb er den ökonomisch-politischen Fragestellungen stets treu. Sind sie doch auch in der Kunst sein Fokus. Der Zugang wurde jedoch freier und er fand Wege, sie von individuell-persönlichen Inspirationen ausgehend auf eine allgemeine Ebene zu heben: „Die Bildhauerei ist für mich ein Experimentieren in dreidimensionalen Räumen, die ich im Hinblick auf soziale, politische und geografische Relevanz hin untersuchen möchte“, beschreibt Zebedin selbst seinen künstlerischen Ansatz, der sich nicht zuletzt von eigenen Beobachtungen und Wahrnehmungen nährt und immer den Bezug zur Lebensrealität wie aktuellen Geschehnissen sucht.

Wenn sich Parallelwelten tangieren

Sein aktuelles, von der KÖR Wien gefördertes Projekt „VOR ORT“, ist dabei fast sowas wie ein Paradebeispiel seines künstlerischen Arbeitens. Da türmt sich eine 80 Quadratmeter große, aus Beton und Kleidungsstücken bestehende Installation am Wiener Graben unmittelbar vor den internationalen Modeketten und Luxusboutiquen auf und macht dem ungehemmten Shoppingvergnügen wohl einen Strich durch die Rechnung. Wie ein Fremdling schlägt der künstlerische Betonklotz mitten im Zentrum Wiens auf, durchaus irritierend, aber das Grauen nicht ausklammernd, das für den Wohlstand verantwortlich ist.

Wollen wir weitermachen wie zuvor? Zebedin lässt aufschrecken. Und er gräbt tiefer. Auch die Armut lebt in der luxuriösen Wiener Flaniermeile, nur sieht man sie nicht, doch in der Logik von Ursache und Wirkung bedingt sie sie geradezu. Traurig genug, dass sie paradigmatisch ausgeklammert wird, sodass sie emporkommend als Kontrast durchaus empörend wirken kann. Ja, dort wo der Luxus zuhause ist, wirkt die Armut halt noch eindringlicher, um nicht zu sagen bedrohlicher. Doch allzu selten dringt sie bis dahin vor. Hannes Zebedin will dies zumindest für eine Zeit lang ändern und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das System der wechselseitigen Abhängigkeit „VOR ORT“, quasi im Wohnzimmer der Reichen, zu verhandeln, um die beiden Parallelwelten in Dialog zu bringen.

Ein detaillierter Blick auf den Umgang mit Kleidung verrät Bände.

Hannes Zebedin

Nicht zuletzt setzt Zebedin dabei einen Diskurs in Gang, den er in seiner Ambivalenz selbst wahrgenommen hat: „Ein detaillierter Blick auf den Umgang mit Kleidung verrät Bände. Während am Wiener Graben all jene flanieren und shoppen, die den ‚richtigen‘ Pass und die finanziellen Rücklagen aufweisen, sind in Grenzgebieten hingegen Kleidungsstücke zu finden, die von Menschen auf der Flucht zurückgelassen werden, da sie den nicht notwendigen, für das Fortkommen hinderlichen Ballast sukzessive ablegen müssen. Diese beiden Gegensätze wollte ich zusammenbringen“, betont der Künstler, der seine zweite Heimat unmittelbar in der Nähe des slowenisch-kroatisch-italienischen Grenzstreifens gefunden hat und in „VOR ORT“ nicht zuletzt persönliche Beobachtungen miteinbindet und weiterdenkt.

Nach kurzer Pause ergänzt er seinen Gedankengang: „Im Gegensatz zu den geflüchteten Menschen wird die Luxusmode ohne Problem und Bedenken um die ganze Welt geschickt und passiert wie selbstverständlich die Grenzen.“ Gerade dieses Paradoxon wollte er im wahrsten Sinne des Wortes auf die Spitze treiben. So baut sich einbetonierte Designerkleidung wie an einem Altar vor uns auf und erzählt vom Begehren fast schon heiliggesprochener Kleidungsstücke, die wie Ikonen anmuten, kontrastiert durch auf dem Boden liegende Kleidung. Ganz in Analogie zu den Menschen selbst. Die einen, die es sich leisten können, prangen am Podest, während die anderen am Boden liegen und dafür bezahlen.

Installation "VOR ORT" von Hannes Zebedin am Graben in Wien, Foto: Iris Ranzinger

Was für die einen bloßes Freizeitvergnügen bedeutet, ist für andere eine unerklimmbare Barriere, die sich wie eine Mauer auftürmt und einer Grenze gleich verschlossen bleibt. Vor dieser vier Meter hohen Mauer hingeworfen, die ausrangierten Jeans, Shirts und Pullover, die für die Geschichte all jener Menschen stehen, die sich aus den ‚Unorten‘ erst mühsam in Sicherheit bringen müssen. Und oftmals mit dem Tod bezahlen. Ist die Armut des einen nicht erst für den Reichtum des anderen verantwortlich?

Zebedin macht den äußeren Glamour brüchig und lässt hinter die Fassade blicken. Die Skulptur beinhaltet mehr, als auf den ersten Blick vermutet. Abhängigkeitsverhältnisse werden sichtbar, fragend nach Ursache und Wirkung. Dass die Kleidungsstücke übrigens ohne menschliche Gestalten auskommen, ist so gewollt: „So wie bei den Flüchtenden gibt es auch in Wien Kleidung, die (noch) nicht benötigt wird. Jedoch als Verlangen, Körper in diesen Kleidern zu sehen.“ Dem strebt Zebedin bewusst entgegen, indem er auf den Symbolwert von Kleidung verweist und diesen zeitgleich kritisch hinterfragt.

Bewusstseinsverschiebung 

Die Installation tritt jedoch in weiterer Hinsicht auch mit der Umgebung in einen durchaus konträren Dialog. Die darin verborgenen Gegensätze laden sich durch das Zusammenspiel mit der Umgebung geradezu auf. Besser hätte man den Platz für eine solche Installation nicht wählen können, verstärkt sich doch die Aussage durch die Verortung am Graben um ein Vielfaches. Sie trifft mitten ins Herz. Dass der „Unort“ in die nach außen so glanzvoll wirkende Einkaufsmeile geholt wird, wirft uns aus der sicher geglaubten Komfortzone und gibt zu denken.

Der Künstler beschönigt nichts, er konfrontiert mit der unsichtbaren und ausgeklammerten Realität. Zebedin führt vor, was passiert, wenn man die beiden durch eine große Kluft getrennten Weltsysteme, die einander nie treffen, doch derart bedingen, zusammenbringt. Noch mehr entreißt er uns aber aller Sicherheit, so wie er buchstäblich über den Tellerrand blicken lässt. Wie von selbst eröffnet sich eine Parallelwelt mitten in den wohlhabenden Straßen Wiens, die eigentlich unsichtbar stets vorhanden ist, doch schlichtweg übersehen wird. Zebedin betoniert sie ein und macht Ungesehenes augenfällig. Und uns zum Umdenken bereit.

Florian Gucher, geb.1995 in Villach und aufgewachsen im Gailtal, hat Germanistik und Visuelle Kultur in Klagenfurt studiert und ist als freier Kulturredakteur und Bildwissenschaftler tätig.

4 Postings

wolf_C
vor 2 Jahren

... die eigentlich unsichtbar stets vorhanden ist, doch schlichtweg übersehen wird ... klar doch, es steht jedem frei die Bettler vor M-preis und Hofer und DM und usw zu 'übersehen', kannst ja Sozialmarkt bewerben ...

 
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bergfex
vor 2 Jahren

aber sowas von monumental. Es brauch schon einen Namen damit man nicht als H...... bezeichnet wird. Meine Kinder sind auch Künstler, wenn ich mir ihr Zimmer so anschaue .

 
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    tantmarie
    vor 2 Jahren

    Dann gratuliere ich Ihnen herzlich zu solch talentierten Kindern.

     
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      bergfex
      vor 2 Jahren

      Danke, ist ein netter Zug ihrerseits :-)

       
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