Eigentlich wollte Stefanie Tierärztin werden. Die Tiere, die sind ihr geblieben. 79 Rinder, um genau zu sein. Um diese kümmert sich die 21-jährige Hirtin. Ursprünglich wollte sie nur eine Saison nach der Matura auf der Alm verbringen. Seit Mitte Juni ist sie nun zum dritten Mal mit den Tieren in den Bergen. Ende September soll es, sofern das Wetter mitspielt, wieder ins Tal gehen. Seit Anfang dieser Woche ist sie mit der Herde im Schustertal oberhalb ihrer Heimatgemeinde Kartitsch. In Abständen von circa drei Wochen wechselt sie mit den Tieren Tal und Weidefläche, sodass die Rinder immer genügend zu fressen haben.

Insgesamt betreut sie das Vieh von zehn Landwirten. Darunter drei Ochsen. Einer davon ist Hansi. Der zweijährige Ochse gehört Stefanie und lebt mit ihrem Pony Nik am Hof ihres Cousins in Obertilliach. „Mutterkuhhaltung plus Hansi“, lacht die Hirtin und krault den Ochsen, der am 11. November seinen dritten Geburtstag feiert, über dem mit seinem Namen bestickten Glockenband. Das Band braucht Stefanie nicht, um zu wissen, dass der Ochse, der vor ihr liegt, ihr Hansi ist. Denn die 21-Jährige erkennt nicht nur ihn, sondern auch die restlichen 78 Rinder, die auf der Weide grasen. „Manche schauen sich schon sehr ähnlich, aber irgendein Fleck ist dann doch verschieden“.
Betty, Loise, Agnile und natürlich Bernadette, die sie letztes Jahr beim Abtrieb auf die Ladefläche des Autos gelegt haben, da das Kälbchen zu müde war, um weiterzugehen. „Heute würde das nicht mehr gehen, dafür ist sie schon zu groß“, lacht Stefanie. Sie nennt die Rinder alle beim Namen. „Man lernt die Tiere kennen. Jedes von ihnen hat seinen eigenen Charakter.“
Mit der Zeit lernt man auch die Rassen und ihre Eigenheiten kennen. In ihrer Herde sind die meisten Rinder Fleckvieh, aber auch Tuxer, Belgier und Charolais sind unter den Paarhufern. „Die Tuxer Mädels sind ziemlich dominant. Prinzipiell sind diejenigen ohne Hörner aber oft die wilderen. Mit den Hörnern müssen sie andere nur anstupfen, die Hornlosen müssen sich da schon mehr behaupten. Aber die machen sich das untereinander schon aus. Schwierig ist es nur, wenn einzelne Kühe alleine und weiter weg von der Herde bleiben, dann muss ich mich darum kümmern, dass sie wieder Anschluss bekommen.“ Sie erzählt von Kälbern, die mit der Zeit immer zutraulicher geworden sind und von vierbeinigen Schützlingen, die sie auch im Tal erkennen, wenn sie an der Weide vorbeispaziert.



Als Hirtin krault man aber nicht den ganzen Tag Rinder. Der Alltag auf der Alm ist anstrengend und hart. Morgens schaut Stefanie nach den Rindern, die oberhalb der Hütte auf einem Plateau weiden. In der Regel geht sie zweimal täglich zu den Tieren. Neigt sich das Futter auf der Weide dem Ende zu, schaut sie öfter hoch. Der Himmel über dem Tal ist strahlend blau. Nachdem die Rinder Stefanie begrüßt und sich ihre Krauleinheiten abgeholt haben, legen sie sich zur Mittagsruhe nieder. „Vor allem bei wärmeren Temperaturen kehrt mittags schnell Ruhe ein. Gegen Abend beginnen sie dann wieder zu fressen.“ In den Abendstunden dreht die Hirtin eine weitere Runde, zählt die Rinder ein weiteres Mal und achtet darauf, ob alle gesund und unverletzt sind. Denn auch die Pflege und Versorgung kranker Tiere gehört zu ihrem Job.
„Es kommt auch vor, dass die Rinder zu hoch gehen. Dann muss ich sie wieder nach unten treiben. Das kann ziemlich kräftezehrend sein, vor allem, wenn sie in alle Richtungen springen.“ Manchmal muss Stefanie auch neue Zäune ziehen, um gefährliche Stellen unzugänglich zu machen. Dabei sind die Tiere geschickter und cleverer, als man denkt. Man muss ihnen auch mal etwas zutrauen können, so die junge Hirtin.
„Erst gestern musste ich einen Zaun neu aufstellen, da seit Juni niemand mehr hier war und Gämsen ihn in der Zwischenzeit kaputt gemacht haben“, erzählt sie. Bei einem Kollegen sei es auch schon mal vorgekommen, dass eine Kuh über die Grenze nach Italien gewandert sei. Das Zusammentreiben und Zäunen ist vor allem bei schlechtem Wetter herausfordernd. Am schlimmsten ist es, wenn der Nebel die Weiden und Rinder verschluckt. „Dann bin ich den ganzen Tag unterwegs, bis ich alle beisammen habe.“


Wie sie überhaupt zu den Rindern und dem Hirtenjob gefunden hat? „Früher waren es die Pferde, dann die Kühe. Von denen gibt es einfach mehr in Kartitsch“, lacht Stefanie. Und schließlich kann man mit einer Kuh so ziemlich alles machen, was man mit einem Pferd macht. Putzen, Spazierengehen oder Reiten zum Beispiel. Besonders dafür geeignet ist Ninni, Hansis Schwester. Ninni und Stefanie kennen sich seit dem 7. November vor bald fünf Jahren, als die Kuh das Licht der Welt erblickte. Stefanie gab ihr den Namen, ihre beiden Brüder nannten sie, als sie klein waren, immer so.
Vor einigen Jahren begann Stefanie mit den Kühen ihrer Nachbarn und Verwandten spazieren zu gehen, denn eine eigene Landwirtschaft hat sie zu Hause nicht. „Während meiner Maturazeit suchten die Bauern eine neue Hirtin“, erinnert sie sich zurück. „Ich war gerade mit Hansi spazieren, als ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, eine Saison auf der Alm zu verbringen.“ „Die erste Nacht war schon eigenartig. Plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter meiner Hütte. Dabei war es einfach nur eine Maus, die am Holz gekratzt hat.“
An die Geräusche der Natur gewöhnt man sich ziemlich schnell. Und auch wenn die Rinder etwas oberhalb ihrer Hütte weiden, ist sie so gut wie nie alleine. Bis jetzt hatte sie in jedem Tal Besuch. Nicht nur von Familie und Freund:innen, sondern auch von Tieren, zum Beispiel von einer Füchsin mit zwei Jungen. „Die hat mich ausgeraubt, mein gesamtes Essen hat sie mir geklaut“, beklagt Stefanie schmunzelnd. Die Fuchsmama war nicht der einzige Vierbeiner, der sie besuchte: „Einmal, als ich gerade am Trog meine Zähne putzte, stand plötzlich wieder ein Fuchs neben mir und ließ sich meinen Kaiserschmarren schmecken.“ Auch Gämsen und Murmeltiere kommen gelegentlich nahe an die Hütte der Hirtin. In der ersten Saison stand etwa eine Gams morgens auf dem Dach.


Langweilig wird es auf der Alm also selten. Was noch gegen die Langeweile hilft? Struktur. Diese täglichen Abläufe brauche sie auch hier oben, sagt sie. „Alles dauert länger als unten im Tal: Wäsche waschen mit der Hand, Holz hacken, Feuer machen, Kochen und Abspülen.“ Trotz allem sei die Hütte top ausgestattet, schließlich hat die junge Hirtin hier relativ guten Empfang und bei Sonnenschein Solarstrom, um ihr Smartphone zu laden. Bei manchen Almen muss sie einiges an Weg auf sich nehmen, um telefonieren zu können. Sind alle Aufgaben erledigt, vertreibt sich Stefanie die Zeit mit Zeichnen, Geige spielen oder dem Schreiben von Gedichten „wenn der Gedanke passt“. Neben dem Bett im hinteren Teil der Hütte hängen zwei Zeichnungen von Kühen.
In der Hütte hat die Hirtin also alles, was sie zum Leben braucht. Wechselkleidung, Proviant und ein Radio mit Batterien. Auch das Salz für die Kühe, das sie ihnen alle drei bis vier Tage verabreicht, lagert sie in der kleinen Vorratskammer. Was hat sie immer dabei, wenn sie ihre Runde geht? Ihren Filzhut, der sie gegen Sonne und Regen schützt, ein Fernglas und einen Stock als Wanderhilfe und Meinungsverstärker, wie sie scherzt. Und natürlich ihre Stimme, die ihr wichtigstes Werkzeug ist, so Stefanie. Alleine aufgrund ihres Tonfalls wissen die Rinder, was die Hirtin will – oder eben nicht.
Schließlich handelt es sich bei den Rindern um ziemlich kräftige Tiere. „Gerade in den Medien hört man oft, dass Menschen und Tiere auf den Almen angegriffen werden. Ohne Grund machen die Rinder das aber nicht“, erklärt Stefanie, während Hansi einer jungen Kuh, die sich ihnen nähern will, zu verstehen gibt, dass sie lieber Abstand halten solle. „Hansi ist oft ein wenig eifersüchtig“, schmunzelt die Hirtin, während sie den Ochsen tätschelt. „Mit der Zeit lernt man jedes Tier kennen und seine Körpersprache zu verstehen“, sagt Stefanie, die genau weiß, was Hansi als Nächstes tun wird.


„Ich bin eine Meisterin im Verlieren“, erzählt Stefanie. Einmal hat sie ihr Handy verloren. „Zum Glück habe ich trotz des schlechten Wetters einen Wanderer getroffen, dessen Telefon ich benutzen konnte, um meiner Mama eine SMS zu schreiben, dass es mir gut geht. Denn wir telefonieren so gut wie jeden Tag.“ Auch für den Kontakt mit den Bauern ist das Smartphone wichtig. „Nach stundenlangem Suchen und Verzweifeln ist es auf einmal am Boden vor mir gelegen. Das Beten zum heiligen Antonius hat sich also ausgezahlt“, lacht sie.
Positives Denken sei bei ihrer Arbeit besonders wichtig. Oft habe sie sich gefragt: „Was mache ich hier eigentlich?“ So wie damals, als die Weide leer war und alle Rinder bei Regen und Nebel in den Hängen verstreut waren. „Aber nach jedem Regen kommt Sonnenschein. Oft braucht es Frust, um die guten Zeiten zu schätzen.“ Auf der Alm lernt man das ziemlich schnell. Stefanie hat in der Höhe auch das Leben im Tal zu schätzen gelernt: „Kaffee aus der Maschine zum Beispiel. Man freut sich wieder über die kleinen Dinge, die einem dort unten selbstverständlich sind.“ An ihrem 20. Geburtstag bekam sie Besuch von ihrer Mutter. „Sie hat mir Schlipfkrapfen mitgebracht. Das war das größte Geschenk für mich. Wir leben alle im Überfluss. Vielen Leuten würde es sicher guttun, hier einmal Zeit zu verbringen.“





„An die alltäglichen Dinge im Tal muss man sich auch immer erst wieder gewöhnen“, erzählt Stefanie und lacht: „Beim ersten Mal Kochen zu Hause ist mir alles angebrannt, weil ich vergessen hatte, wie schnell es am Herd geht.“ „Oft weiß ich auch gar nicht, was ich unten im Tal machen soll. Hier oben gibt es immer etwas zu tun.“
Bei all den Entbehrungen, die das Leben als Hirtin fordert, gibt es aber auch viel schöne Seiten. „Man lernt, sich auch mal etwas zuzutrauen und durchzubeißen.“ Trotz, oder vielleicht auch gerade wegen der Einsamkeit an manchen Tagen, fühlt sich die junge Hirtin nirgends so frei, wie hier. „Ich muss Eigeninitiative ergreifen, das ist Freiheit für mich.“ Blickt sie nach unten ins Tal, denkt sie sich: „Das ist meine Arbeit, ich bin frei“.
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