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Wie fühlt sich ein Asylverfahren an?

Im Planspiel schlüpften Teilnehmer:innen in die Rollen von Sozialarbeitern, Polizisten, Geflüchteten und Fremden.

Am Samstag, 17. Jänner, ging das Planspiel „Fremd sein“ im Bildungshaus Osttirol wortwörtlich über die Bühne: Von 9 bis 13 Uhr schlüpften 18 Teilnehmer:innen in verschiedene Rollen, um ein fiktives Asyl-Erstaufnahmeverfahren in „Meinland“ durchzuführen.

Das Planspiel ist bereits erprobt, über hundert Mal wurde es von dessen Entwicklerin Maria Marksteiner in den letzten zehn Jahren im In- und Ausland gespielt, drei Jahre lang konnte ein vierköpfiges Team sogar davon leben. Zudem wurden mittlerweile fast 40 Trainer:innen ausgebildet, die das Spiel ebenso anleiten können.

Die Projektgruppe „Begegnungsraum Osttirol“ holte das Planspiel im Rahmen des Schwerpunkts Vielfalt in den Bezirk. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Sint

In Osttirol feierte das Konzept hingegen Premiere, auf Einladung der durch Erasmus+ finanzierten Projektgruppe „Begegnungsraum Osttirol“ machten Maria Marksteiner und ihr Kollege Mohammad Hosseini in Lienz Halt.

Visualisierung komplexer Prozesse

Zum Ziel des Planspiels ließ sich Marksteiner im Vorfeld nur eine knappe Erklärung entlocken, es gehe um „eine Visualisierung von komplexen Prozessen“. Mehr könne nicht vorweggenommen werden, um die Erfahrung nicht zu verfälschen.

Die Köpfe hinter dem Planspiel: Maria Marksteiner entwickelte das Konzept im Rahmen ihrer Diplomarbeit, Mohammad Hosseini unterstützt bei der Umsetzung.

Also fand sich die Gruppe wenig später - inklusive Dolomitenstadt-Redakteurin Kristina Sint - in einem Kreis mit geschlossenen Augen wieder, während Spielleiterin Marksteiner in der Mitte umherwanderte und Punkte in verschiedenen Farben auf die Stirnen der Teilnehmer:innen klebte.

Zuweisung zu einer Gruppe

Jede Farbe stand symbolisch für eine Gruppe, der die Spieler:innen fortan angehören sollten: Die meisten Personen erhielten die Rolle eines Asylsuchenden, andere mimten Polizeibeamte oder Sozialarbeiter. Fünf Personen bekleideten eine Doppelrolle, sie fungierten zunächst als Politiker und anschließend als Richter, Sachverständige oder Rechtsanwälte.

Material zur Rolle

Standen die Funktionen erst einmal fest, wurden weitere Informationen ausgeteilt. Die Asylsuchenden bekamen kleine Zettelchen mit Namen, Alter, Fluchtgeschichte und -ursache ausgehändigt, Zusatzinfos zu seiner Rolle sollte sich jeder selbst überlegen.

Die Politiker wurden von Spielleiterin Maria Marksteiner unter Zeitdruck gesetzt und mit Material überhäuft. Sie hatten die Aufgabe, Asylgesetze zu entwickeln.

Deutlich ausführlicher war das Material für die Sozialarbeiter und Polizisten, das über deren Aufgaben, Rechte und Pflichten aufklärte. Doch regelrecht überschwemmt mit Informationen wurden die Politiker, die sich mit authentischen Parteiprogrammen aller im Parlament vertretenen Parteien und rechtlichen Rahmenbedingungen auseinander zu setzen hatten.

Sozialarbeiter, Polizei, Gericht

Hatten sich alle Teilnehmer:innen mit ihrer Rolle vertraut gemacht, nahm das Spiel seinen Lauf: Die Asylwerber wurden in einen separaten Raum geführt, weiterführende Informationen gab es keine. Die Sozialarbeiter richteten sich auf einem Tisch ein und wurden mit Stiften, Asylanträgen sowie Kleiderspenden ausgestattet. Ihre Aufgabe bestand darin, die Geflüchteten der Reihe nach zu sich zu bitten und sie beim Ausfüllen des Asylantrags zu unterstützen.

Die Sozialarbeiter boten für die Asylsuchenden den ein oder anderen Lichtblick und unterstützten beim Ausfüllen der Anträge.

Doch wie sich bald herausstellte, betrachteten die Sozialarbeiter die Grenzen ihrer Rollen als fließend: Rasch versuchten sie, die Asylwerber mit Witzen aufzuheitern, vermittelten ihnen Arbeitsplätze oder boten gar Deutschkurse an. Als Requisiten für Lernunterlagen wurden kurzerhand Broschüren des Bildungshauses zweckentfremdet.

Als deutlich gefürchteter galten in der Gruppe der Asylwerber hingegen die beiden Polizistinnen: Auch sie bestellten die Geflüchteten der Reihe nach zu sich und befragten sie - unter Anwendung einer freundlichen, aber doch forschen Befragungstechnik - über ihre Fluchtroute und die Finanzierung ihrer Flucht.

Die Fremdenpolizei befragte die Asylwerber nach ihrer Fluchtroute.

Zuletzt hatten sich die Asylwerber vor Gericht zu begeben: Dort mussten der Asylantrag abgegeben und Fragen zur Person sowie zur Fluchtursache beantwortet werden. Die Richter, Sachverständigen und Rechtsanwälte standen vor der Aufgabe, sich nach der Anhörung auf eine Entscheidung zu einigen. Die Grundlage dafür bildeten Gesetze, die sie zuerst in ihrer Rolle als Politiker beschlossen hatten. Bescheinigten sie den Asylsuchenden einen positiven Aufenthaltsstatus, durften sie sich frei in „Meinland“ bewegen, wurde der Asylantrag hingegen abgelehnt, kamen die Geflüchteten in Schubhaft.

Die Entscheidung über den Asylantrag erfolgte schlussendlich vor Gericht. Die Richter orientierten sich an den Gesetzen, die sie zuvor als Politiker erlassen hatten.

Reflexion

Nachdem auf diese Weise alle Asylanträge abgehandelt wurden, beendete Spielleiterin Marksteiner das Spiel und leitete die Reflexion ein.

In diesem Rahmen wurde deutlich, wie sehr die Erfahrungen der unterschiedlichen Rollen doch voneinander differierten: So äußerten etwa die Darsteller:innen der Politiker und Richter einhellig, wie stressig ihre Aufgabe gewesen sei, da Marksteiner sie ständig unter Zeitdruck gesetzt und ihnen nahezu im Minutentakt zusätzliches Material zur Verfügung gestellt habe. „Das war natürlich Absicht“, schmunzelte die Spielleiterin und erklärte, dass sie in der Entwicklungsphase der Methode auch mit realen Politikern gesprochen habe. In diesen Gesprächen hätten sich vor allem drei Konfliktlinien herauskristallisiert, nämlich erstens viel Stress, zweitens zahlreiche Unklarheiten und drittens die Frage, wie man Gesetzgebungsprozesse mit seinen persönlichen Werten und Vorstellungen in Einklang bringen kann.

Dass die Politiker derart unter Druck gesetzt wurden, „war natürlich Absicht“, erklärte Marksteiner in der Reflexion.

Zudem berichteten Vertreter:innen dieser Gruppe, wie herausfordernd die Entscheidung über den Asylantrag gewesen sei, da sie keine Rücksicht auf die persönlichen Schicksale der Geflüchteten nehmen konnten und sich auch über die Folgen nicht im Klaren waren. „Wir wussten nicht, was passiert, wenn wir den Antrag ablehnen. Wir waren selbst geschockt, als die Geflüchteten dann plötzlich in die Schubhaft abgeführt wurden“, berichtete eine Spielerin.

Unsicherheiten und lange Wartephasen

Zahlreiche Unklarheiten und Unsicherheiten herrschten auch aufseiten jener, die in die Rolle der Asylsuchenden geschlüpft waren. Ganz im Gegenteil zu den Politikern hatten sie jedoch keinen stressigen Vormittag erlebt: „Warten, warten, warten“, fasste eine Teilnehmerin das Erlebte zusammen.

Auf diese Erfahrung konnten sich alle Spieler:innen dieser Gruppe einigen, davon abgesehen unterschieden sich ihre Eindrücke aber erheblich: So äußerte eine Teilnehmerin, wie sehr sie ihre Rolle emotional mitgenommen und zu Tränen gerührt habe, während eine andere einen völligen Rückzug während des Spiels schilderte. Ebenfalls zur Sprache kam ein wahrgenommener Konkurrenzdruck zwischen den Asylwerbern, gleichermaßen aber auch das Gefühl, ein gemeinsames Schicksal zu teilen und einander unterstützen zu müssen.

Die Darsteller:innen der Sozialarbeiter teilten in der Reflexion mit, was bereits während des Spiels spürbar gewesen war: Sie hatten sich angesichts vieler Fragen und Sorgen der Aslysuchenden kurzerhand dazu entschlossen, ihren Kompetenzradius zu erweitern und auch für Spaß und Lichtblicke zu sorgen.

Emotionales Abstumpfen

Die beiden Teilnehmer:innen, die in die Rolle der Polizisten geschlüpft waren, äußerten schließlich, dass diese Position für sie herausfordernd gewesen sei, da sie im Laufe des Spiels emotional abstumpften. „Am Anfang hat man noch versucht, allen zu helfen, aber als dann ein Asylwerber begann, zu stänkern und zu stören, haben wir das einfach nicht mehr an uns herangelassen“, berichteten sie.

Die Darsteller:innen der Polizisten berichteten in der Reflexion, im Laufe des Spiels abgestumpft zu sein.

Spielleiterin Maria Marksteiner zeigte sich mit diesen Erkenntnisgewinnen zufrieden und konstatierte: „Es haben sich einige sicher neu ausprobieren können.“ Zudem hätten die Teilnehmer:innen einige Konflikte, die bestimmte Berufsgruppen hervorrufen, am eigenen Leib erfahren und so festgestellt, „dass alles viel komplexer ist als gedacht.“

Den Abschluss des Vormittags bildete ein Realitätsabgleich. Zu diesem Zweck schilderten zwei geflüchtete Personen ihre authentischen Fluchterfahrungen, ihre Berichte lesen Sie hier.

Kristina Sint hat Lehramt studiert und den Masterlehrgang „Journalismus und Medienarbeit“ abgeschlossen. Sie unterrichtet an der MS Egger-Lienz und lebt bei dolomitenstadt.at ihre Faszination fürs Schreiben und spannende Geschichten aus.

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Ein Posting

Joe B. Tolliver
vor 2 Stunden

"Die Richter, Sachverständigen und Rechtsanwälte standen vor der Aufgabe, sich nach der Anhörung auf eine Entscheidung zu einigen."

Das ist absolut realitätsfremd.

 
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