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Zeitzeugen berichten über ihre persönliche Fluchterfahrung

Mohammad aus Afghanistan und Yana aus der Ukraine erzählen von ihrem Weg nach und ihrem Leben in Österreich.

Im Anschluss an das Planspiel „Fremd sein", das am Samstag, 17. Jänner, im Bildungshaus Osttirol durchgeführt wurde, fand zum Zweck eines Realitätsabgleichs ein Zeitzeugengespräch mit Geflüchteten statt, die ihre authentischen Erfahrungen schilderten.

Den Anfang machte der in Afghanistan geborene Mohammad Hosseini, der seine Heimat bereits im Jugendalter erstmals verließ, um die Welt zu entdecken. Im Gespräch berichtet er davon, dass er nie gut in der Schule gewesen sei und immer eine Neugier für die Ferne verspürt habe. „Ich wollte die Welt entdecken und mein eigener Herr sein", erinnert sich Hosseini zurück.

Aufbruch in den Iran

Deshalb erfolgte der Aufbruch in den Iran, mit dem seine Eltern einverstanden waren. Um voranzukommen, mussten weite Strecken in wechselnden Gruppen zu Fuß zurückgelegt werden. Dabei machte der damals 15-Jährige die Erfahrung, dass jeder nur auf sich selbst schaut: Hatte man Wasser, musste man gut darauf Acht geben, besaß man keines mehr, erhielt man keine Hilfe.

Im Iran angekommen, hörte der Jugendliche von Europa. „Von großen Ländern, Deutschland und Norwegen war die Rede. Über Liechtenstein beispielsweise hat niemand geredet, das kannte keiner, das war auf unseren Karten gar nicht abgebildet." Deshalb wollte auch er sich auf den Weg nach Europa machen.

Mohammad Hosseini verließ zwei Mal sein Geburtsland Afghanistan in Richtung Iran. Mittlerweile lebt er seit rund 20 Jahren in Österreich. Foto: Dolomitenstadt/Sint

Er stieß auf Schlepper, die Reisepässe zur Verfügung stellten. Am Flughafen aber wurde er erwischt und kam für einen Monat ins Gefängnis. Als er wieder freigelassen wurde, gelangte er auf Umwegen zurück in seine Heimat Afghanistan. Dort verschlimmerte sich die politische Situation aber zusehends, sodass Hosseini nun zum zweiten Mal in den Iran aufbrach, dieses Mal als illegaler Einwanderer.

Ankunft in Österreich

Von dort flüchtete er weiter in die Türkei, wo er mit fünf anderen Flüchtlingen auf einem Schlauchboot für drei Personen zu einer griechischen Insel paddelte. „Auf dem Boot hatte ich große Angst. Ich bin in der Wüste aufgewachsen, ich habe vorher noch nie ein Meer gesehen", beschreibt Hosseini. Von Griechenland aus gelangte er nach Italien und dann weiter nach Norden, nach Österreich. So kam der Jugendliche in einem Land an, das er bis dahin nicht gekannt hatte. „Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht gewusst, wo Österreich ist. Ich war nicht vorbereitet auf die Zettelwirtschaft, auf die Bürokratie in diesem Land."

Erst in Österreich erhielt er seinen Nachnamen. In Afghanistan wird man als „Sohn des ...“ bezeichnet, doch damit konnten die österreichischen Behörden nichts anfangen. Also teilte ihm kurzerhand ein Dolmetscher aus dem Iran seinen heutigen Familiennamen zu. Gleiches galt für das Geburtsdatum, auch hier wurde ihm mangels Vergleichbarkeit ein neues zugewiesen. In der islamischen Zeitrechnung gilt nämlich weder Christi Geburt als Jahr null noch der Jänner als Jahresbeginn, weshalb sich die Berechnung von Geburtsjahr und -monat schwierig gestaltete.

Die Ankunft in Österreich brachte für Hosseini also einen neuen Namen, eine Sozialversicherungsnummer und zahlreiche Impfungen. „Ob man bereits geimpft war, wurde nicht gefragt, man wurde einfach nochmal geimpft.“

Steirer durch und durch

Doch mittlerweile ist der Staat, den Hosseini vor seiner Ankunft nicht kannte, zu seiner Heimat geworden. Nach zahlreichen Überprüfungen und Behördengängen wurde ihm auch ein Bleiberecht zuerkannt. Eine Rückkehr in sein Geburtsland ist für den Mann, dessen Duktus unverkennbar steirisch gefärbt ist, heute undenkbar: Zum einen habe sich das Land dermaßen verändert, dass ihn nichts mehr mit Afghanistan verbinde. Zum anderen habe er viel Mühe und Zeit investiert, um die deutsche Sprache zu lernen und sich zu integrieren. „Daheim fühle ich mich in der Steiermark“, resümiert Hosseini.

Krieg in der Ukraine als Fluchtursache

Eine gänzlich andere Fluchterfahrung gab die zweite Zeitzeugin wieder. Yana stammt aus der Ukraine und flüchtete zehn Tage nach dem Kriegsbeginn 2022 mit ihrer Mutter nach Polen. Dort erfuhr sie via Instagram von einer Uni-Bekannten, dass diese in Österreich bei einer Freundin untergekommen war, wo noch ein Zimmer frei sei. Also machten sich Yana und ihre Mutter auf den Weg. Mit dem Zug reisten sie zunächst nach Wien und dann weiter nach Lienz, wo sie feststellten, dass es sich bei der Freundin um eine etwa 60-jährige Pensionistin handelte.

Die gebürtige Ukrainerin Yana lebt und arbeitet seit fast vier Jahren in Lienz. Sie kann sich vorstellen, in Österreich zu bleiben. Foto: Dolomitenstadt/Sint

Die rührige Osttirolerin organisierte Kleidung und begleitete die Ankömmlinge zur Polizei, wo unterschiedliche Formulare ausgefüllt werden mussten: „Die Formulare sind erst einen Tag vor unserer Ankunft in Lienz eingeführt worden. Wir waren die ersten, die sie bei der Polizei ausgefüllt haben“, erläutert Yana. Da für geflüchtete Ukrainer:innen eigene Aufenthalts- und Arbeitsbestimmungen gelten, konnte Yana sogleich wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen und soziale Kontakte knüpfen. „Im Leben muss man Glück haben“, schließt die Ukrainerin ihren Bericht, die überzeugt davon ist, dass sie aufgrund ihrer Arbeit weniger Zeit für Heimweh hatte.

Auf die Frage, ob Yana wieder in die Ukraine zurückkehren möchte, wenn der Krieg zu Ende ist, zeigt sich die junge Frau zwiegespalten: „Ich habe die deutsche Sprache gelernt, eine Arbeit gefunden und alles gemacht, um mich hier zu integrieren. Ich habe eine Wohnung, Freundinnen und einen Freund, ich habe ein zweites Leben in Lienz angefangen. Gleichzeitig habe ich mein altes Leben in der Ukraine. Mein Vater ist noch immer zu Hause, ihn habe ich vier Jahre nicht gesehen. Meine Mutter ist eine ältere Frau, auch sie hat Deutsch gelernt, aber es fällt ihr schwerer.“ Dennoch sei fraglich, ob ihr Zuhause in der Ukraine im Fall einer Rückkehr überhaupt noch vorhanden ist. „Ich hatte nie vor, im Ausland zu leben, aber jetzt, nachdem ich das alles auf mich genommen habe, möchte ich hier bleiben“, erklärt Yana sichtlich gerührt.

Kristina Sint hat Lehramt studiert und den Masterlehrgang „Journalismus und Medienarbeit“ abgeschlossen. Sie unterrichtet an der MS Egger-Lienz und lebt bei dolomitenstadt.at ihre Faszination fürs Schreiben und spannende Geschichten aus.

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