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Uniprojekt begleitet Studie­rende mit ADHS und Autismus

Zwei Psychologinnen erklären, wie Studieren trotzdem gelingt und warum nicht jede Unordnung pathologisch ist.

Zeitdruck, Prüfungen oder Selbstmanagement: Für viele Studierenden gehören diese Herausforderungen zum Studienalltag. Einigen fällt es besonders schwer, diese Hürde alleine zu bewältigen. Genau hier setzt S-AAL an: die Serviceeinrichtung für Studierende mit Aufmerksamkeitsstörungen, Autismus und Lernstörungen an der Universität Innsbruck. Dabei handelt es sich um ein in der deutschsprachigen Hochschullandschaft einzigartiges Modell, das kostenlos und fakultätsübergreifend zur Verfügung steht. Allein in den letzten beiden Studienjahren wurden 539 Studierende mit rund 900 erbrachten Leistungen begleitet, was einer Verdreifachung gegenüber den Anfangsjahren entspricht.

Geleitet wird das Projekt von der klinischen Psychologin und Supervisorin Verena Dresen. Dolomitenstadt.at hat mit ihr und Doktorandin Laura Staller, die ebenfalls in der Serviceeinrichtung tätig ist, gesprochen.

Das Projekt S-AAL wurde 2021 gegründet. Was war der Anlass dafür?

Verena Dresen: Gegründet wurde es von Frau Dr. Kaufmann, meiner Vorgängerin. Sie kommt aus dem Schwerpunktbereich neuromentale Entwicklungsstörungen, wo Legasthenie, Dyskalkulie, aber auch ADHS und Autismus dazuzählen.

Im Kindesalter hat sich diesbezüglich schon viel getan und in den Schulen sind diese Themen bereits bekannter. Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass diese Störungsbilder nur Kinder betreffen. Aber weil es eben, wie der Name auch schon sagt, entwicklungsbedingte Störungen sind, wächst sich das nicht aus.

Dr. Kaufmann ist diesen Störungen im universitären Kontext begegnet, hat aber festgestellt, dass es für Studierende keine Unterstützung gibt. Und das, obwohl Inklusion auch in der Universität ein Grundrecht ist.

Seit wann arbeiten Sie am Projekt?

Verena Dresen: Ich bin seit Oktober 2022 im Projekt dabei und habe es dann im April 2023 übernommen.

Laura Staller: Ich bin im Oktober 2023 zuerst als studentische Mitarbeiterin eingestiegen und absolviere jetzt das Doktorat und die Ausbildung zur klinischen Psychologin.

Ihr Angebot umfasst eine diagnostische Abklärung, Beratungsgespräche und Interventionen. Wie wird in diesen drei Bereichen gearbeitet?

Laura Staller: Die Diagnostik machen wir in erster Linie, weil Studierende mit Störungsbildern wie ADHS, Autismus oder Lernstörungen Anrecht auf modifizierte Prüfungsmodalitäten haben. Um diesen Anspruch erheben zu können, benötigen sie eine Diagnose. Im niedergelassenen Bereich sind die Wartezeiten lang und die Abklärung ist mit Kosten verbunden. Diese Lücke schließen wir, indem wir eine kostenlose Diagnostik anbieten.

Um Anspruch auf angepasste Prüfungsmodalitäten zu haben, ist eine Diagnose erforderlich. Eine solche Abklärung bietet S-AAL kostenlos an. Foto: Uni Innsbruck

Wie laufen Beratungsgespräche ab?

Verena Dresen: Beratung ist grundsätzlich der erste Schritt, denn die meisten haben noch keine Diagnose, sondern stehen vor Schwierigkeiten im Studium und zweifeln meist auch stark an sich selbst. Diese Personen beginnen erst einmal mit der Schilderung ihrer Probleme und wir entscheiden, ob wir die richtigen Ansprechpartner sind. Es kommen auch Studierende mit Beziehungskonflikten oder Gewalterfahrungen zu uns, die weisen wir an die richtigen Stellen weiter.

Beratend sind wir auch für Lehrende tätig, die mit betroffenen Studierenden zu tun haben.

Eine Intervention erfolgt dann als weiterführende Maßnahme?

Verena Dresen: Genau, Interventionen gibt es vorwiegend als Gruppenangebot. Das hat den Hintergrund, dass man auch in einer Gruppe studiert und vorhandene Schwierigkeiten oft mit anderen Personen zusammenhängen. Außerdem können die Teilnehmenden vom Gruppensetting profitieren, weil sie sehen, dass sie nicht alleine sind. Die Interventionen sind als Kurzzeitinterventionen konzipiert und verhaltenstherapeutisch ausgerichtet, da man aus der Forschung weiß, dass diese erfolgreich sind. Zudem konzentrieren sie sich auf studiumsbezogene Probleme.

Verena Dresen ist klinische Psychologin und Supervisorin. Sie leitet das Projekt S-AAL. Foto: Andreas Friedle

Welche Hilfswerkzeuge kann man für Herausforderungen im Studium an die Hand geben?

Laura Staller: Das ist extrem individuell und breit, aber wir bieten beispielsweise Organisations-, Planungs- oder Priorisierungsstrategien an. Wir arbeiten auch mit Zeiterfassungsbögen, weil die Betroffenen vielfach nicht einschätzen können, wie lange sie eigentlich für Aufgaben brauchen. In der ADHS-Intervention geht es viel um Planung, Impulsivität und Prokrastination, während sich die Autismus-Intervention mit sozialen Kompetenzen, sozio-emotionalen Herausforderungen und Stressmanagement beschäftigt. Die Sitzungen finden wöchentlich statt, sodass dazwischen auch Zeit bleibt, verschiedene Strategien auszuprobieren.

Kann man beziffern, wie viele Studierende von Lernstörungen, ADHS oder Autismus betroffen sind?

Verena Dresen: Das ist schwierig, denn es gibt zum jungen Erwachsenenalter noch kaum Studien. Aber man geht davon aus, dass die Zahlen ähnlich wie im Kindes- und Jugendalter sind, hier sind es rund fünf Prozent bei Legasthenie und Dyskalkulie. Bei Autismus ist der Wert deutlich geringer und liegt bei nicht einmal einem Prozent. Allerdings ist Autismus ein Spektrum, wo die Ausprägungen sehr unterschiedlich sind.

Wir sehen auch, dass betroffene Personen signifikant häufiger eine verkürzte Schuldauer haben und weniger Bildungsjahre zusammenbringen, obwohl ihre kognitiven Fähigkeiten im Durchschnitt liegen.

In den sozialen Medien ist das Thema „Neurodivergenz“ sehr präsent. Instagram und Co. bieten zahlreiche Selbsttests und Erfahrungsberichte. Wie blicken Sie darauf, dass das Thema in der breiten Bevölkerung angekommen zu sein scheint?

Verena Dresen: Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dass man darüber redet, um einer Stigmatisierung vorzubeugen und diese Personen nicht nur als defizitär zu sehen. Allerdings sind die Störungsbilder so komplex, dass sie in keinem Fall in einem Social Media Post abgebildet werden können. Dadurch passiert eine verzerrte Darstellung: Wenn es bei dir zu Hause chaotisch aussieht und du über einem Sessel einen Berg von Klamotten aufgehäuft hast, dann hast du ADHS. So ist es aber nicht, das ist viel zu vereinfacht dargestellt.

Laura Staller: Es gibt auch schon erste Studien, die sich mit den Inhalten von Social Media rund um ADHS und Autismus beschäftigt haben. Das Ergebnis: Der Großteil der Information stimmt nicht, ist schlichtweg falsch. In solchen Postings wird ganz normales menschliches Verhalten beschrieben, das dann aber pathologisiert wird.

Laura Staller arbeitet seit Oktober 2023 an dem Projekt S-AAL. Sie absolviert die Ausbildung zur klinischen Psychologin. Foto: privat

Merken Sie auch in Beratungsgesprächen, dass Studierende sich in derartigen Beschreibungen wiederfinden?

Laura Staller: Ja, ganz häufig. Sie berichten, etwas auf Instagram oder TikTok gesehen zu haben und sich darin wiedererkannt zu haben. Wir klären dann psychoedukativ auf, dass es viel komplexer ist, als es auf Social Media geteilt wird.

Auch auf der Website von S-AAL sind Selbsttests zu finden. Wie aussagekräftig sind sie?

Verena Dresen: Das sind keine Testverfahren, die zu einem klinischen Urteil führen. Es handelt sich dabei um ein kleines Screening, das keine klinisch-psychologische Abklärung ersetzt, sondern nur ein erster Anhaltspunkt sein kann.

Von welchen Erfahrungen berichten Teilnehmer:innen des Projekts bzw. der Interventionen?

Laura Staller: Die Interventionen werden wissenschaftlich evaluiert. Im Allgemeinen bekommen wir sehr positive Rückmeldungen. Die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen verbessert sich. Zudem verdeutlichen die quantitativen Daten, dass die Symptome signifikant abnehmen, da erlernte Strategien angewendet werden.

Verena Dresen: Natürlich gibt es auch immer wieder Ausnahmen, die beispielsweise mit dem Gruppensetting nicht so gut zurechtkommen. Dann bieten wir auch Einzelcoachings an.

Wichtig ist, dass es in Interventionen nicht nur darum geht, das Angebot anzunehmen, sondern auch wirklich daran zu arbeiten. Arbeit ist nicht immer angenehm. Damit Verbesserungen erreicht werden, braucht es ganz viel eigenen Einsatz.

Wie steht es um die Bereitschaft der Lehrenden, veränderte Prüfungsmodalitäten anzubieten?

Verena Dresen: Modifizierte Prüfungen müssen umgesetzt werden, das ist Universitätsgesetz. Wir gehen aber sehr wohl mit den Lehrenden in den Austausch. In den angesprochenen Störungsbildern liegt eine hohe Heterogenität, und ein generelles Anpassen, das für alle gültig ist, ist daher nicht möglich. Dazu gibt es auch Schulungsangebote.

Worauf gilt es noch zu achten?

Verena Dresen: Neurodiverenz passiert nicht nur im Unirahmen, sondern betrifft auch den Übergang in die Arbeitswelt und die Arbeitswelt selbst. Dazu gibt es noch zu wenig Informationen.

Laura Staller: Das ist gleichzeitig ein Auftrag für uns. Wir sind auch eine Forschungsambulanz. Wir können also einen Teil dazu beitragen, dass diese Forschungslücke im Erwachsenenbereich Stück für Stück geschlossen wird und auch die breite Bevölkerung aufgeklärt wird.

Verena Dresen: Viel Forschung hat nämlich im Kindes- und Jugendalter stattgefunden, aber wir sehen sehr wohl Symptomveränderungen von der Kindheit ins Erwachsenenalter.

Zusätzlich haben wir einen sehr starken Unterschied zwischen Männern und Frauen. Gerade bei ADHS betreiben Frauen viel mehr Masking, passen sich also besser an die sozialen Gegebenheiten an. Dafür bedarf es eines enormen Aufwands und sie müssen sehr viel Energie investieren, um die Maske aufrecht zu erhalten. Häufig kriegen die Betroffenen dann eine Depressionsdiagnose, weil sie bereits seit ihrer Kindheit darunter leiden und tatsächlich ausgebrannt sind.

Spiegelt sich diese Geschlechterdifferenz auch bei den Studierenden wider, die S-AAL in Anspruch nehmen?

Laura Staller: Nein, bei S-AAL ist es sehr ausgeglichen. Wir sind zudem fakultätsübergreifend tätig, es kommen Personen von allen möglichen Studienrichtungen auf uns zu.

Verena Dresen: Ihre Studiendauer ist aber häufig bereits fortgeschritten. Sie kommen auf uns zu, wenn sie schon richtig strugglen, wenn der Hut brennt und der Leidensdruck hoch ist. Erst dann sagen viele, jetzt suche ich mir Hilfe.

Kristina Sint hat Lehramt studiert und den Masterlehrgang „Journalismus und Medienarbeit“ abgeschlossen. Sie unterrichtet an der MS Egger-Lienz und lebt bei dolomitenstadt.at ihre Faszination fürs Schreiben und spannende Geschichten aus.

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