Am 1. Dezember 2025 hat Andrea Mattioli den Dienst als Superintendentin der evangelischen Diözese Kärnten-Osttirol angetreten. In der Region ist sie damit die erste Frau in diesem leitenden Kirchenamt.
Im Interview mit Dolomitenstadt spricht die dreifache Mutter über ihre Motivation, Pfarrerin zu werden, den Mitgliederschwund in der evangelische Kirche sowie eine auseinanderdriftende Gesellschaft, in der Religion ein Bindeglied sein kann. Außerdem erklärt sie, warum sie sich gegen einen gemeinsamen Werteunterricht in Schulen ausspricht und was Glaube für sie ganz persönlich bedeutet.
Sie sind in Deutschland geboren, haben italienische Wurzeln und wohnen jetzt in Zlan in Kärnten. Wie ist es dazu gekommen?
Andrea Mattioli: Ich war mit meiner Familie auf Urlaub in Kärnten im Lieser-Maltatal. Da habe ich dann ab 2009 oder 2010 Urlaubsseelsorge gemacht und dadurch die Gemeinden kennengelernt: Dornbach, Eisentratten, Trebesing. Das hat mir so gut gefallen, dass ich gesagt habe, ich würde gerne für längere Zeit hier bleiben.

Was bedeutet Urlaubsseelsorge?
Mattioli: Urlaubsseelsorge heißt, dass man ca. drei Wochen in den Sommerferien in der evangelischen Gemeinde ist und zum Beispiel Berggottesdienste oder Andachten am Campingplatz hält. Man steht auch für Gespräche zur Verfügung, führt aber keine Bestattungen oder Hochzeiten durch.
Hat die Versetzung von Deutschland nach Österreich gleich geklappt?
Mattioli: Das war ein bisschen schwierig, weil die Systeme so unterschiedlich sind. In Österreich sind die Pfarrer:innen Angestellte und auch ganz normal sozialversicherungspflichtig. In Deutschland sind Pfarrer:innen verbeamtet. Deswegen sind die System eigentlich nicht kompatibel.
Welche Auswirkungen hatte das für Sie?
Mattioli: Das Hauptproblem waren die Pensionszahlungen. Ich brauchte die Zusage von Württemberg, von der abgebenden Kirche, dass sie die Beamtenpension weiterhin bezahlt. Damals war noch der Gedanke, dass wir wieder nach Deutschland zurückgehen und ich dann wieder in dieses System einsteige. Das konnte man damals nicht wissen, dass es so weitergeht, wie es jetzt eben ging.
Warum haben Sie den Beruf der Pfarrerin ergriffen?
Mattioli: Ich war in einer Pfarrgemeinde, die recht aktiv in der Jugendarbeit war. Es gab verschiedene Jugend- und Kindergruppen und auch ein Zeltlager, wo die Gruppen 14 Tage hingefahren sind. Nach der Konfirmation bin ich eingestiegen und habe mit einer Freundin einen Mädchenkreis gehabt.
Auch den Religionsunterricht fand ich immer ganz interessant und die Fragen, die sich dadurch ergaben.
Welche Rolle spielte Religion in Ihrem Elternhaus?
Mattioli: Mein Elternhaus war gut volkskirchlich geprägt, würde ich sagen. Der Vater ist als Italiener in der katholischen Kultur aufgewachsen, die Mutter normal evangelisch-volkskirchlich.
Welche anderen Unterschiede gibt es zwischen der evangelischen Kirche in Deutschland und in Österreich?
Mattioli: Die österreichische Kirche ist eine viel kleinere Kirche, allein zahlenmäßig und auch prozentual. In Deutschland verteilen sich evangelische und katholische Kirche etwa halb-halb. Das heißt aber nicht 50-50, sondern inzwischen eher 25-25 Prozent, da viele ohne Bekenntnis sind oder ein orthodox oder muslimisches Bekenntnis haben.
In Österreich ist das starke Übergewicht der Katholiken spürbar. Nicht in der Gemeinde Zlan-Ferndorf im Drautal, in der ich bis jetzt war. Dort gibt es einen großen evangelischen Anteil, fast zwei Drittel. Aber auf das ganze Land gesehen, wirkt sich der Überhang der Katholiken aus: auf die Kultur, die Politik, die Wahrnehmung von außen. Man denkt fast, dass in Österreich nur Katholiken leben, was ja so nicht stimmt.
Begegnet Ihnen diese Wahrnehmung auch in Ihrer Tätigkeit?
Mattioli: Eigentlich nicht. Aber das mag auch daran liegen, dass ich in einer politischen Gemeinde lebe, wo das Evangelische eine wichtige Rolle spielt.
Aber man merkt es in der öffentlichen Wahrnehmung: Wenn ich eine Konfirmationskarte kaufen will, dann finde ich drei für eine evangelische Kommunion und 25 für eine katholische. Oder wenn es um die Diskussion rund um den Karfreitag geht: Als Sebastian Kurz gesagt hat, es ändere sich eben für drei Prozent etwas und dem Rest der Bevölkerung sei es egal, hat man gesehen, was für ein Gewicht der evangelischen Kirche zugeschrieben wird.
Wobei es in Kärnten vonseiten der Landespolitik ganz anders ist, die nehmen uns wirklich als Ansprechpartner ernst. In Kärnten ist es ein tolles Miteinander, auch auf Augenhöhe mit der katholischen Kirche.
Der Sitz der Superintendentur ist in Villach, damit sind Sie zuständig für Kärnten und Osttirol. Wie ist es, von einer Kirchengemeinde auf eine höhere Ebene gehoben zu werden?
Mattioli: Man fühlt sich ein bisschen entwurzelt, weil man ja doch als Pfarrerin in und mit der Gemeinde den Jahreslauf und die Feste feiert.
Die Feste feiere ich jetzt auch, aber natürlich in einem viel größeren Radius. Der Palmsonntagsgottesdienst ist z.B. in St. Veit, der Karfreitagsgottesdienst in Villach.
Welche Aufgaben haben Sie als Superintendentin?
Mattioli: Da ist einmal das Wirken nach innen, innerhalb der Diözese. Das heißt, zu schauen, dass die Gemeinden gut mit Pfarrer:innen versorgt sind - was ja schon eine große Herausforderung ist. Auch Verwaltung, Vernetzung mit der Ökumene, Landesvertreter:innen und Bürgermeister:innen sowie das Feiern von Gottesdiensten gehören dazu.
Sie sind in Kärnten und Osttirol die erste Frau in diesem Amt. Wie blicken Sie darauf?
Mattioli: Es war nicht die Frage, ob Frau oder Mann. Und das finde ich auch gut und richtig so. Von außen wurde das Thema, dass ich die erste Frau bin, sehr stark reingetragen, innerkirchlich war es für uns gar nicht so das Thema. Da ging es einfach darum, ob die Person geeignet ist.
Aber natürlich macht es in der Ökumene einen Unterschied, ob da ein Mann oder eine Frau sitzt. Das wurde bei meiner Amtseinführung deutlich: Da waren die Bischöfin Cornelia Richter, Astrid Körner als Rektorin von der Diakonie de La Tour und Maria Moser als gesamtösterreichische Rektorin der Diakonie dabei. Unsere katholischen Brüder haben dann schon anerkennend gesagt, wow, das ist eine andere Stimmung, wenn so viele Frauen im Altarraum agieren.
Worauf führen Sie es zurück, dass so viele Frauen solche Ämter annehmen?
Mattioli: Naja, es könnten mehr sein. Das war ein geballtes Beispiel, aber wenn wir in die Breite unserer Gremien schauen, dann könnten wir da schon noch ein paar Frauen vertragen. Unsere Kirche ist dahinter, bewusst Frauen in Leitungsämter zu wählen, aber es ist auch schwer.

Es ist auch für uns als Frauen einfach schwer, weil wir doch oft familiär an einer anderen Stelle stehen als Männer oder auch nicht so frei sind wie Männer. Da nehme ich mich nicht aus, wir fühlen uns mehr der Familie und der ganzen Care-Arbeit verbunden.
Das kommt dann einfach noch dazu: Auch ich habe die ganzen Geburtstage der Familienmitglieder im Kopf, besorge Geschenke und was halt so die Klassiker sind, die Frauen auch erledigen.
Wie schätzen Sie die Rolle der Frau in der evangelischen Kirche insgesamt ein?
Mattioli: Beide Kirchen - die evangelische und die katholische - bauen ganz stark auf die Arbeit von Frauen, vor allem im Ehrenamt. Ich denke, sie profitieren davon, wenn Frauen auch in Leitungsämter kommen und nicht nur dienen.
Mir ist es schon oft so gegangen: Wenn ich sagte, ich arbeite in der Kirche, wurde ich gefragt, ob ich Buchhalterin oder Sekretärin wäre.
Was ist passiert, seitdem Sie das Amt der Superintendentin angenommen haben?
Mattioli: Ich bin noch stark dabei, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich war auch schon vorher in der Synode und kenne die Themen, die unsere Kirche beschäftigen: Wie stellen wir uns in Zukunft mit weniger Personal, mit weniger Geld auf? Wir sind ja gewöhnt, dass wir nicht viel Geld haben, das hatten wir noch nie, aber wie kann man Personal so verteilen, dass sich die Gemeinden trotzdem gut versorgt fühlen?
Wir haben keine Weltkirche, wo wir die Pfarrer aus Indien, Sri Lanka und Polen holen können, sondern wir sind halt im deutschsprachigen Raum. In Deutschland herrscht auch Pfarrermangel, die lassen ihre Leute auch nicht mehr so leicht zu uns.
Wie probiert man, dem Pfarrermangel beizukommen?
Mattioli: Wir werben für das Theologiestudium, das ein abwechslungsreiches, spannendes Studium ist. Und wir schauen, dass der Beruf attraktiv bleibt. Ich finde ihn nach wie vor attraktiv, aber wir merken, dass die jüngere Generation ein anderes Verständnis von Work-Life-Balance hat. Für mich gibt es eigentlich keine Trennung von „Work“ und „Life“, sondern mein „Work“ ist auch ein Stück weit „Life“, was sonst?
Der Nachwuchsmangel liegt also nicht daran, dass Kirche heutzutage nicht mehr interessant ist?
Mattioli: Die Themen, die man anspricht, sind nach wie vor spannend und wichtig. Aber es hat auch etwas mit Ansehen zu tun. Das Amt hat gelitten. Wir tragen an den Verfehlungen der Kirche mit. Die Leute unterscheiden nicht und sagen, das war die katholische Kirche, da hat die evangelische nichts damit zu tun. Ganz abgesehen davon, dass auch die evangelische Kirche nicht frei von Missbrauch ist. Das muss man aufarbeiten.
Die Zeiten sind vorbei, wo man zum Herrn Pfarrer aufschaut und denkt, er ist ein Halbgott. Und das ist auch gut so, aber es gilt, das Amt neu zu füllen. Da hängt viel an der Person und der Persönlichkeit. Außerdem muss das Amt irgendwie mit Familie vereinbar sein. Die Zeiten, wo die Pfarrfrau dem Mann den Rücken freigehalten hat, sind vorbei - Gott sei Dank vorbei. Denn das war eigentlich auch eine Ausbeutung.
Da muss man neue Wege finden. Aber es ist nach wie vor ein super Beruf: so vielseitig, kein Tag ist wie der andere. Man kommt mit so vielen Menschen zusammen und erhält einen großen Vertrauensvorschuss.
„Wo sonst ist es so, dass Menschen einfach zusammenkommen, egal was sie können, egal was sie tun, egal wie sie denken? Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Kirche.“
Superintendentin Andrea Mattioli
Was sind andere Fragen, die die Kirche in Kärnten und Osttirol beschäftigen?
Mattioli: Es geht für uns darum, deutlich zu machen, dass man ein wichtiger Player in der Gesellschaft ist. Wir bringen uns auch als Minderheitenkirche stark in die Diskussionen, politischen Zusammenhänge und gesellschaftlichen Themen ein.
Wie würde man als evangelische Kirche gerne wahrgenommen werden?
Mattioli: Als jemand, der mit anderen schaut, wie unsere Gesellschaft gut zusammenhalten kann und wie man Kindern und Jugendlichen eine Stütze geben kann.
Ich sehe, was meine Konfirmantinnen zum Teil für Zerrbilder vorgegaukelt bekommen. Da gilt es deutlich zu machen: Hey, du bist gut so, du hast was zu sagen und kannst dich einbringen.
Bei meiner Amtseinführung war ständig Thema, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet, Risse hat. Es wurde unterschiedlich formuliert, aber der katholische Bischof, der muslimische Imam und der Landeshauptmann haben alle das gleiche benannt. Hier kann Kirche ein wichtiger Kit in der Gesellschaft sein. Wo sonst ist es so, dass Menschen einfach zusammenkommen, egal was sie können, egal was sie tun, egal wie sie denken? Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Kirche.
Sollte der Religionsunterricht in der derzeitigen Form beibehalten werden?
Mattioli: Für mich spricht ganz stark gegen einen neutralen Werteunterricht, dass im klassischen Religionsunterricht jemand hinter dem eigenen Glauben steht und sich dazu befragen lässt. Die Jugendlichen sollen wissen, dass man die Lehrperson auch herausfordern kann.
Da steht nicht jemand vor ihnen, der neutral informiert, so wie ich über den Islam referieren kann, sondern jemand, der die eigene Religion vertritt.
Der Mitgliederschwund ist auch in der evangelischen Kirche immer wieder ein Thema.
Mattioli: Es ist kein Mitgliederschwund, weil die Leute scharenweise austreten. Das hält sich sogar einigermaßen in Grenzen, wenn ich es mit Deutschland vergleiche. Aber die Leute überlegen sich stärker: Habe ich persönlich etwas davon? Bringt es mir etwas?
Früher war es schon eher so, dass man bei der Kirche geblieben ist, weil man halt bei der Kirche war. Oder auch in der Dorfgemeinschaft schief angeschaut wurde, wenn man ausgetreten ist. Ich weiß nicht, ob vor 80 Jahren alle viel überzeugtere Christen waren.
Welche Rolle spielt Geld für die evangelische Kirche in Österreich?
Mattioli: Der größte Posten ist Personal. Das heißt nicht, dass wir wahnsinnig gut verdienen, aber das Geld muss trotzdem erst einmal da sein. Dann muss man Gebäude erhalten, damit sie zukunftsfit sind. Wir sind schon klimabewusst, aber das kostet auch wieder Geld. Wir verschleudern das Geld sicher nicht, sondern sind - was ich erlebe - sehr bewusst damit.
Wie ist die Situation der evangelischen Kirche in Osttirol?
Mattioli: Die Evangelischen sind hier über ein riesiges Gebiet zerstreut. Aber es gibt in Lienz eine Gemeinde von ganz engagierten Menschen, die sich freuen, dass sie jetzt eine Pfarrerin haben und mit ihr gemeinsam arbeiten wollen.
Wo sehen sie Rolle von Religion und Kirche in einer modernen, schnelllebigen Welt?
Mattioli: Es ist die Frage, wo man sich anpasst und wo man einen Kontrapunkt setzen kann. Die Menschen brauchen Auszeiten und diese Auszeiten anzubieten, ist für uns wichtig.
Dazu kommt natürlich die Begleitung in allen Lebenslagen, die bitte nicht schnelllebig sein soll. Bei einer Bestattung findet beispielsweise eine Haussegnung, ein ausführliches Gespräch in Ruhe, eine Wachandacht und dann die Verabschiedung statt. Das braucht Zeit, aber das darf man nicht aufgeben. Und da liegt eine große Chance, denn hier haben wir eine klare Botschaft, die wir vermitteln können.
Zum Abschluss: Was bedeutet Glaube für Sie persönlich?
Mattioli: Für mich persönlich ist er eine Kraftquelle, ein Ansporn, eine Freude, ein Halt und meine Motivation. Das möchte ich gerne weitergeben: Es hilft euch, es stärkt euch. Wenn sich am Ende rausstellt, dass alles nicht gestimmt hat, dann hat es mir auch nichts geschadet, ich habe nichts verloren deshalb. Aber es hat mich durchs Leben getragen.
Auch in dem, wie ich anderen Menschen begegne, ist es für mich ein Ansporn, einem gewissen Anspruch gerecht zu werden. Wenn das alle berücksichtigen, dann geht es uns schon ein Stück weit besser.
Ein Posting
Für die katholische Kirche wünsche ich mir:
︎ Auch Frauen als Priesterinnen!
︎ Zölibat weg!
︎ Echte Reue und Demut!
︎ Ernstnehmen aller Gläubigen!
︎ Keine Überheblichkeit und Arroganz!
︎ ...
Sonst wird die katholische Kirche bald nur mehr eine kleine Gruppe sein.
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