Alljährlich wird der Weltfrauentag am 8. März zum Anlass genommen, um den Ist-Stand in puncto Geschlechtergerechtigkeit zu erheben. Eine Datengrundlage dafür bietet der Gleichstellungsindex des Städtebunds und der AK, der den Stand der Gleichstellung in Österreichs Städten und Gemeinden für das Jahr 2025 erörtert.
Indexwert von 0 bis 100
Anhand von 23 ausgewählten Indikatoren, die von Kinderbetreuung, Bildung, Erwerbstätigkeit und Einkommen über Gewaltschutz und Mobilität bis hin zu demografischen Entwicklungen und Repräsentation in Kommunalpolitik und Wirtschaft reichen, erhält jede Gemeinde einen Gesamtindexwert, der zwischen 0 und 100 liegt.
Das untere Ende der Skala steht hierbei für die geringste Ausprägung von Gleichstellung, wohingegen der Maximalwert 100 auf eine ausgeprägte Geschlechtergerechtigkeit hinweist.
Lienz auf Platz zehn der Top-20-Gemeinden
Über alle betrachteten Dimensionen hinweg erreicht die durchschnittliche österreichische Gemeinde einen Indexwert von 49 und liegt damit etwa in der Mitte des möglichen Wertebereichs. Die Stadt Lienz schafft es mit einem Index von 71 auf einen deutlich höheren Punktewert und liegt damit auf Platz zehn der Top-20-Städte und Gemeinden Österreichs, wenn die Wiener Gemeindebezirke, die generell eine Vorreiterrolle hinsichtlich Gleichstellung einnehmen, nicht berücksichtigt werden.
Inklusive Wien schaffen es hingegen nur Eisenstadt auf Platz 16, Graz auf Platz 18 sowie Linz auf Platz 19 unter die Liste der Top-20-Städte und Gemeinden, alle anderen Ränge werden von Wiener Gemeindebezirken belegt. Den Spitzenwert hält Neubau (siebter Bezirk) mit einem Indexwert von 83.
Hohe Werte für Bildung und Gewaltschutz
Sieht man sich die ausgewählten Indikatoren für Lienz im Detail an, so erhält man ein differenziertes Bild: Mit hoher Punktzahl werden etwa die Dimensionen Bildung (Index 82), Demografie (Index 76), Gewaltschutz (Index 100) und Repräsentation (Index 73) bewertet. In der Dimension Bildung wird darauf geschaut, wie lange die Fahrzeit mit öffentlichen Mitteln zu einer Sekundarstufe II dauert, wie hoch der Anteil der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss ist und wie sich die Differenz zwischen und Männern und Frauen gestaltet.
Stärkerer Bevölkerungszuwachs junger Frauen
Im Bereich Demografie werden die Wanderungsraten von Frauen und Männern zwischen 15 und 24 Jahren in den Blick genommen. Österreichweit wurden bezüglich der Wanderungen junger Frauen und Männer keine auffallenden Geschlechterdisparitäten festgestellt. In Lienz liegt der Index für die Wanderungen von jungen Männern jedoch bei 69, während jener für junge Frauen bei 82 liegt. Das bedeutet, dass der Bevölkerungszuwachs bei den Frauen stärker als bei den Männern ausgeprägt war.
Indexwert von 100 für Gewaltschutz
Mit dem maximalen Indexwert wird in Lienz die Dimension Gewaltschutz bewertet, in der die Anzahl der Frauenhausplätze sowie die Versorgungsdichte mit Frauen- und Mädchen- bzw. Männerberatungsstellen berücksichtigt wird. In allen drei Teilbereichen weist der gesamte Bezirk Lienz den Indexwert 100 auf.
Frau an der Spitze der Gemeindepolitik
Der hohe Wert, den Lienz in puncto Repräsentation erhält, ist maßgeblich auf die weibliche Bürgermeisterin der Stadt zurückzuführen. Neben der Geschlechterkombination aus Bürgermeister:in und erste:r Vizebürgermeister:in fließen in diese Kategorie auch der Frauenanteil im Gemeinderat sowie der Frauenanteil in Management-Positionen ein.
Werte deutlich unter 50: Teilzeit, Gynäkologie, Einkommen
Besonders niedrig sind die Indexwerte für Lienz hingegen in den Teildimensionen Teilzeitquote (Index 24), Gynäkologie (Index 32) sowie Einkommen (Index 28). Die Bezirkshauptstadt ist damit kein Sonderfall, in nahezu allen Gemeinden treten die mit Abstand niedrigsten Indexwerte beim Einkommen und beim Geschlechtergefälle in den Teilzeitquoten auf.
Massives Geschlechtergefälle in Teilzeitquoten
Der österreichische Durchschnittswert für die Teilzeitquote liegt mit einem Index von 18 sogar noch deutlich unter jenem von Lienz und spiegelt somit ein massives Geschlechtergefälle in den Teilzeitquoten wider. So weist die durchschnittliche österreichische Gemeinde unter Männern eine Teilzeitquote von 10,2 Prozent und unter Frauen eine Teilzeitquote von 56 Prozent auf, was einem Unterschied von 45,8 Prozentpunkten entspricht.
Versorgung mit Gynäkologinnen
In der Dimension Gesundheit liegt der Indexwert von Lienz bei 66, wobei die ambulante Versorgung mit Kassenordinationen in der Urologie mit dem Höchstwert von 100 Punkten bewertet wird. Die ambulante Versorgung mit Kassenordinationen in der Gynäkologie erreicht hingegen nur einen Wert von 32. Auch damit liegt Lienz immer noch über den Österreichschnitt: Die durchschnittliche österreichische Gemeinde kommt mit der Versorgung in der Gynäkologie auf einen Indexwert von 22.
An dieser Stelle sei auf eine Eigenart in der statistischen Zählweise hingewiesen, die auch im Gleichstellungsindex als solche benannt wird: In der Urologie wurden männliche und weibliche Fachärzt:innen gezählt, in der Gynäkologie hingegen nur weibliche Fachärztinnen.
„Die Entscheidung nur Gynäkologinnen weiblichen Geschlechts zu berücksichtigen, basiert auf einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs, dass eine Bevorzugung weiblicher Frauenärztinnen bei der Vergabe von Kassenverträgen zulässig ist, um die gerade in der Gynäkologie besonders ausgeprägte Unterversorgung mit Ärztinnen weiblichen Geschlechts zu kompensieren. Gleichzeitig zeigen Studien, dass das Geschlecht bei der Interaktion zwischen Arzt/Ärztin und Patientin in der Gynäkologie eine besonders große Rolle spielt", so die Begründung.
Einkommensschere ist stark ausgeprägt
Einen geringen Indexwert von 28 erreicht Lienz schließlich auch in der Einkommensdimension, in der der geschlechterspezifische Einkommensunterschied in den Blick genommen wird.
Der bestmögliche Indexwert von 100 wird vergeben, wenn es keinen Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen gibt, die Medianeinkommen von Männern und Frauen also gleich hoch sind. Den niedrigsten Indexwert von 0 erhält eine Gemeinde dann, wenn das Medianeinkommen der Frauen maximal halb so hoch ist wie jenes der Männer.
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