Daniel Berger ist 29 Jahre alt und Physiotherapeut aus Virgen. Seinen Bachelor hat er in Graz absolviert und derzeit macht er den Master in Sportphysiotherapie an der Uni Salzburg. Im vergangenen Jahr unterstützte Daniel als Physiotherapeut eine Weltcup-Technik-Gruppe der Ski-Herren. Wie er auf sein abwechslungsreiches Jahr beim ÖSV zurückblickt und welche Herausforderungen die Arbeit als Physiotherapeut im Spitzensport mit sich bringt, erzählt er im Interview.
Daniel, seit wann bist du Teil des Physioteams im ÖSV, was bedeutet diese Rolle für deinen Alltag und für deine Patient:innen in den Ordinationen in Osttirol?
Meine erste richtige Saison beim österreichischen Skiverband begann im Sommer 2022. In der vorherigen Saison 2021/22 durfte ich coronabedingt das norwegische Damenskiteam für zwei Wochen unterstützen. Der Kontakt erfolgte durch einen Studienkollegen, der an mich denken musste, als das Rennen in Lienz auf dem Rennkalender näher rückte. Im Sommer 2022 durfte ich dann mit dem Europacupteam gemeinsam Sommercamps, wie jenes in Saas Fee, bestreiten.

Letztes Jahr war ich erstmals Vollzeit bei einer Weltcup-Technik-Gruppe der Herren dabei und musste meine Ordinationen in Virgen und Lienz auf Eis legen. Beides zu vereinen war einfach zu schwer.
Wenn du an einen Weltcup-Winter denkst: In welchen Situationen hast du wirklich das Gefühl, dass die Athlet:innen mit ihrer Gesundheit „am Limit“ sind?
Im Prinzip ist man im Profisport bzw. Leistungssport immer am Limit. Die Belastung ist im Training noch eher steuerbar, im Rennen aber unmöglich. Es kann immer was passieren! Vergleichen wir einen Hobbyskifahrer und einen Profiskifahrer. Wer riskiert mehr? Die Profis verbringen sicher mehr Zeit auf den Skiern und haben verschiedene Berufsgruppen, welche nur für sie da sind, z.B. Trainer, Physiotherapeuten und Serviceleute. Wer ist also mehr am Limit, der Hobbyskifahrer mit Skiern von vor zehn Jahren oder der Profi?
Welche Arten von Verletzungen begegnen dir im Skiweltcup am häufigsten? Gibt es bestimmte Kurssetzungen oder Wetterbedingungen, bei denen du schon vor dem Start ahnst, dass das Risiko heute höher ist als sonst?
Bisher habe ich Gott sei Dank keine schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen Verletzungen hautnah erlebt. Größtenteils hatte ich bislang mit leichten Hand-, Arm- und Knieverletzungen zu tun.
Pistenverhältnisse machen hierbei auch viel aus. Schlechte Verhältnisse machen den Lauf anspruchsvoller und gefährlicher für die Fahrer. Eine gute Piste ist also nicht nur wichtig für die Athlet:innen mit hohen Startnummern, sondern auch für die Verletzungsgefahr aller Athlet:innen. Besonders die Geschwindigkeit und Herausforderung im Riesentorlauf wird von vielen Zusehern, einschließlich mir, sehr oft unterschätzt. „Des isch goanit so ohne!“
Auf welche Trainingsinhalte legst Du besonderen Wert, wenn es darum geht, Verletzungen zu verhindern – eher Kraft, Stabilität, Reaktionsschnelligkeit oder etwas ganz anderes?
An erster Stelle steht für mich hierbei ganz klar die Kraft. Sie bildet für mich das Fundament, auf dem man dann weiter aufbaut. Trainingsinhalte wie Stabilität, Koordination oder Schnelligkeit sind dann von Athlet zu Athlet unterschiedlich, abhängig vom bisherigen Training sowie teilweise auch von der Kindheit. Sportler, die in ihrer Kindheit viele Sportarten ausprobiert haben, profitieren meist davon. Sie haben mehr Bewegungsprogramme im Kopf gespeichert, bessere koordinative Fähigkeiten und auch die Muskulatur arbeitet oft effizienter.
Wie schnell rächt es sich, wenn Profis beim Aufwärmen abkürzen oder Regenerationstage weglassen?
Dass man jetzt wirklich sagen kann „Hättest du die Übung vor dem Rennen gemacht, hättest du dich nicht verletzt!“ ist einfach unmöglich. Das Aufwärmen ist auf jeden individuell angepasst, an seine Bedürfnisse und womöglich auch an bisherige Verletzungen. Für die Athlet:innen ist es auch ein Eintauchen in die Konzentrationsphase vor dem Rennen, wie eine Art Routine.
Regeneration ist im Schisport schwer einzuschätzen bzw. einzuhalten. Man ist stark vom Wetter abhängig und auch Höhenmeter machen bei der Belastung einen Unterschied. Man kann auf 3500 Meter Höhe am Gletscher nicht gleich trainieren wie am Hochstein auf ca. 1000 Meter.
Auch der Schlafrhythmus ist durch die vielen Reisetage oft durcheinander. Dabei ist regelmäßiger ausreichender Schlaf sehr wichtig und hat auch im Hobbysport selten den Stellenwert, den er haben sollte.
Wie verändert sich dein Arbeitsprofil zwischen Aufbau im Sommer, intensiven Gletscherwochen und dicht getakteten Weltcup-Wochenenden oder sogar Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen?
Im Sommer sind die Athleten drei Monate daheim und trainieren mit ihren Konditionstrainern in den Stützpunkten, da hat man als Physio eher weniger zu tun. Bei den Gletscherwochen hingegen beginnt der Tag schon um 4:00 Uhr und kann dann oft, je nach Anzahl der Therapien, noch relativ lang werden. Das sind dann meist die längeren und anstrengenderen Tage, an denen ein Mittagsschlaf notwendig wird.

Während der Rennsaison hat man nicht wirklich viel planbare Freizeit übrig. Durch die Wetterabhängigkeit ist Spontanität das A und O. Gestern Geplantes kann heute wieder ganz anders sein. Wer mich kennt, weiß, dass mir da ein regelmäßiger und vor allem planbarer Alltag um einiges besser zusagt. Ich vermute auch bei einer WM oder bei Olympia wird nicht mehr Freizeit bleiben. Eher im Gegenteil, aber vielleicht erlebe ich das ja auch noch eines Tages.
Kannst du eine Szene beschreiben, in der du innerhalb weniger Augenblicke reagieren musstest, weil klar war: Hier ist mehr passiert als „nur“ ein blauer Fleck? Was läuft in diesen ersten Minuten ab?
Bei einem schwerwiegenden Sturz war ich Gott sei Dank nie dabei, Handverletzungen hingegen habe ich schon einige Male miterlebt. Es gab einmal eine Situation, in der ein Rennläufer mit der Hand im Schnee hängen geblieben ist. Schon beim Abnehmen vom Handschuh sah man, dass da etwas nicht stimmt. In solchen Situationen arbeitet man sofort mit Ärzten und örtlichen Krankenhäusern zusammen. Die Röntgenbilder werden dann nach Hause geschickt, wo das weitere Procedere besprochen wird. Als Physiotherapeut ist es in solchen Momenten besonders wichtig, trotz guter Bindung zu den Athleten, objektiv zu bleiben.
„Angst, Zweifel und Druck sind für den Sportler nicht gut und sind auch für die Reha nicht förderlich.“
Daniel Berger, Physiotherapeut
Was sind aus deiner Sicht die drei wichtigsten Schritte unmittelbar nach einer akuten Verletzung, damit man später die bestmöglichen Chancen auf eine vollständige Rückkehr hat?
Erstens: Schnellstmöglich die genaue Diagnose und darauffolgende Therapie festlegen. Zweitens: Vertrauen. Der Athlet muss sich gut aufgehoben fühlen und seinen Betreuern vertrauen. Am besten weiß er bei jedem Start, egal ob Training oder Rennen, dass Menschen vor Ort sind, die bei ernsthaften Verletzungen sofort zur Stelle sind und sich bestmöglich um ihn kümmern. Drittens: die Reha. Sie beginnt bereits mit Kleinigkeiten, wie dem Kühlen eines Gelenks direkt noch auf der Piste oder im Zielareal. Kleinigkeiten, aber vielleicht entscheidend auf dem Weg zurück an die Spitze.
Welche Rolle spielen Angst, Zweifel und Druck in dieser Aufbauphase – und wie versuchst du, Athlet:innen mental mitzunehmen, damit der Körper überhaupt „mitarbeiten“ kann?
Wie schon erwähnt, muss sich der Athlet in jedem Moment des Prozesses gut aufgehoben fühlen. Angst, Zweifel und Druck sind für den Sportler nicht gut und sind auch für die Reha nicht förderlich. Dafür kann man sich Unterstützung und Strategien bei Mentaltrainern und Sportpsychologen holen, mit denen wir dann natürlich auch zusammenarbeiten und in Kontakt stehen.
Woran machst du fest, dass jemand wirklich bereit ist, wieder voll anzugreifen – gibt es Tests, Situationen oder Signale, die für dich stärker wiegen, als ein medizinisches „Go“?
Ein medizinisches „Go“ im Spitzensport ist keine einfache Entscheidung und wird nicht von einer Person getroffen. Schließlich geht es auch um die Gesundheit der Athleten. Verschiedene Fachbereiche wie Trainer, Ärzte und Physios werden in den Prozess miteingebunden und unterstützen den Athleten.
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