Kathrin Sevecke ist Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter in Innsbruck sowie Vorständin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hall in Tirol. Als solche ist die Medizinerin unter anderem eine ausgewiesene Expertin für Suchterkrankungen von Kindern und Jugendlichen.
In ihrer Einschätzung des aktuellen Konsumverhaltens Jugendlicher nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund: Es werde mehr konsumiert, ohne nachzudenken, wodurch der Konsum insgesamt riskanter und gefährlicher werde. Zudem würden Jugendliche mitunter in jüngeren Jahren mit dem Konsum beginnen, Sevecke berichtet beispielsweise von Einzelfällen, in denen bereits Elfjährige in Kontakt mit Drogen gelangen. Auch aus dem Bezirk Lienz werden regelmäßig jugendliche Patient:innen aufgrund von Suchtproblemen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall behandelt.
Welche anderen Entwicklungen Sevecke wahrnimmt, wie Jugendliche auf Grund von Substanzkonsum psychiatrisch behandelt werden und welches Angebot sich die Ärztin speziell für Osttirol wünscht, lesen Sie im Interview.
Wie lässt sich das Konsumverhalten von Jugendlichen im Moment beschreiben?
Kathrin Sevecke: Es gilt nicht für alle Jugendlichen, aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass sich der Konsum in den letzten Jahren verändert hat. Zu beobachten ist, dass die Jugendlichen wesentlich mehr konsumieren, ohne nachzudenken. Es gibt die unterschiedlichen Substanzen, die miteinander kombiniert werden, ohne zu überlegen, welche Wechselwirkungen entstehen und wie diese zum Beispiel in der Kombination mit Alkohol wirken.
Die Jugendlichen fragen sich nicht, was sie nehmen können und was die Obergrenze für ihren Konsum ist. Dadurch wird es riskanter und gefährlicher.
Außerdem ist zu bemerken - auch das gilt nicht für alle - dass die Jugendlichen früher mit dem Konsum beginnen. Es sind Einzelfälle, aber wir haben auch Kinder, die mit elf Jahren schon konsumieren.
Ist dieses riskantere Konsumverhalten auf zu wenig Aufklärung und Wissen zurückzuführen?
Sevecke: Aufklärung und Wissen begrüße ich immer sehr. Aber eigentlich ist es auch auf eine Haltung des „Es ist mir egal“ zurückzuführen. Sehr präsent ist die Einstellung „Ich mache das einfach, weil ich das im Moment so möchte oder weil es die Peergruppe genauso macht.“
Oft ist die Konstellation so, dass die Peergruppe aus älteren Jugendlichen oder Erwachsenen besteht, die auch andere Zugänge haben. Es gibt keine eigene Fürsorge, keine eigene Zurückhaltung und kein Nachdenken, was man sich selber damit antut - das wird willentlich in Kauf genommen.
Welche Drogen sind im Moment besonders im Umlauf oder gelten als besonders beliebt?
Sevecke: Es ist heute nicht mehr so wie noch vor zehn Jahren, dass es die klassische IV-Abhängigkeit ist. Das Konsummuster ist: Es wird das konsumiert, was da ist. Angefangen wird, wie auch früher, mit Zigaretten, Alkohol und Cannabis, aber dann wird konsumiert, was verfügbar ist.

Und mittlerweile ist eigentlich alles verfügbar: Kokain wird häufig konsumiert, Ketamin, was für die Kliniken schwer nachzuweisen ist, aber auch Ecstasy und Tabletten, wie Schmerz- oder Schlafmittel... Ich habe die unterschiedlichsten Konstellationen gesehen, zum Beispiel wurden die Tabletten genommen, die die verstorbenen Großeltern noch im Nachtkästchen hatten. Benzodiazepine sind häufig auch in den Apothekenvorräten zu Hause verfügbar, weil ein Hausarzt die verschrieben hat. All das wird miteinander kombiniert - und natürlich mit viel Alkohol.
Wie gestaltet sich die Verteilung der Substanzabhängigen zwischen den Geschlechtern?
Sevecke: Diejenigen, die wir dann in der Klinik sehen, das sind mehr junge Frauen, weil sie häufiger noch weitere psychische Probleme haben. Insgesamt sind es jedoch mehr männliche Jugendliche, die konsumieren, aber auch hier holt der Anteil der Mädchen auf jeden Fall auf.
Das Konsummuster hat sich durch Corona verändert. In der Corona-Zeit haben wir einen Anstieg des Konsummusters bemerkt und mittlerweile ist es anhaltend auf diesem hohen Niveau geblieben.
Wir sehen ganz regelmäßig, schon mehrfach die Woche, Intoxikationen, Mischintoxikationen, wo es dann zu einem psychischen Ausnahmezustand kommt: Zum einen in Form von Erregung, dass akute Aggression angedroht wird, und zum anderen - verbunden mit dem Mischkonsum - zu akuter Selbstgefährdung. Das sind die Notfälle, die wir in der Klinik sehen.
Sie haben die Selbstgefährdung bereits angesprochen. Welche Handhabe haben beispielsweise Eltern, dass die Jugendlichen auch in der Klinik bleiben, wenn sie einmal stationär aufgenommen werden?
Sevecke: Die Eltern haben wenig Handhabe. Es gibt zwei Möglichkeiten, in der Klinik aufgenommen zu werden: Die eine Möglichkeit ist die Krisenaufnahme, das ist der Notfall, wenn eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vorliegt. Dann findet eine kurzfristige Aufnahme im geschlossenen Bereich statt, für die es einen richterlichen Beschluss braucht. Diese Beschlüsse gelten in der Regel für wenige Tage.
Alles, was dann folgen kann - hier sind wir bei der zweiten Möglichkeit -, beruht auf reiner Freiwilligkeit, wie zum Beispiel eine Aufnahme auf der offenen Therapiestation. Hier gibt es zum einen leider eine lange Warteliste und zum anderen ist diese Aufnahme der Freiwilligkeit und bestimmten Regeln unterworfen: Die Eltern und die Jugendlichen müssen sich hier gemeinsam „comitten“, diese Regeln einzuhalten.
Es gibt aber einen sogenannten „harten Kern“ von Jugendlichen, die kennen wir auch, die nicht mit ihrem Konsummuster aufhören wollen und die eine Behandlung ablehnen.
Wie blicken Sie darauf, dass Eltern hier so wenig Handhabe haben? Bräuchte es andere gesetzliche Regelungen?
Sevecke: Es ist nicht nur so, dass die Eltern keine Handhabe haben, wir haben ja auch keine Handhabe. Ich sehe auch durchaus Fälle, wo ich sage, hier würde eine Intensivbehandlung - auch gegen den Willen des Patienten - über mehrere Wochen Sinn machen, aber das ist die Gesetzeslage in Österreich, die so zu akzeptieren ist.
In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland, ist es anders. Da können die Eltern einen Antrag beim Familiengericht stellen, das das Kind oder der Jugendliche für einen Zeitraum über mehrere Monate geschlossen untergebracht wird, wenn der Arzt das entsprechend bestätigt. Diese Gesetzesvorgabe haben wir in Österreich nicht und da gibt es sicher den Gedanken von einigen, auch von mir, dass man nachbessern muss und Möglichkeiten schaffen muss, dass Jugendliche auch über einen längeren Zeitraum gegen ihren Willen behandelt werden dürfen.
Welche Gründe stecken hinter dem Substanzkonsum Jugendlicher?
Sevecke: Ganz wichtig ist, dass es nicht den einen Grund gibt, sondern immer eine Vielzahl an Gründen. Zum einen sagen die Jugendlichen, sie wollen das, weil es ihnen Spaß macht und weil es ihre Entscheidung ist. Sie möchten diesen Effekt des Substanzkonsums für eine gewisse Zeit haben. Zum anderen geben sie eine gewisse Resignation oder Verzweiflung als Grund an.
Dann wiederum wird der Freundeskreis genannt - sehr häufig besteht dieser aus älteren Jugendlichen oder auch Erwachsenen, die andere Zugangsmöglichkeiten zum Herbeischaffen der Substanzen haben und die jüngeren Jugendlichen hier im Sinne einer negativen Vorbildfunktion mitnehmen. Man kann sicher auch biografische Gründe nennen, wie das Elternhaus, oder weitere psychische Erkrankungen.
Auch die Möglichkeit, dass Jugendliche sehr einfach an Substanzen kommen, muss man betonen. Wenn das irgendwie schwieriger wäre, wäre das sicher auch eine Hürde. Aber in Innsbruck bekommt man jede Substanz und auch über das Internet, da muss ich noch gar nicht einmal auf Darkweb-Seiten gehen, kann man sich Medikamente aus anderen Ländern oder aus dem Veterinärmedizinbereich schicken lassen.
Wie erfolgt die Behandlung, wenn die Jugendlichen einmal in der Klinik aufgenommen wurden?
Sevecke: Die Behandlung beginnt mit einem sehr intensiven Behandlungskonzept, da wird viel Arbeit und Mühe reingesteckt. Es ist auf jeden Fall eine freiwillige Behandlung, denn man kann niemanden gegen den Willen therapieren.
Es ist eine sogenannte „zieloffene Suchtbehandlung“, also dass man mit den Jugendlichen gemeinsam überlegt, wie man zu einem ungefährlicheren Konsum kommt und welche Substanzen so reduziert werden müssen, dass es eben nicht mehr zu einem lebensbedrohlichen Szenario kommt: Welche Substanzen kann der Jugendliche sich vorstellen, wegzulassen, und welche Substanzen möchte er weiter konsumieren?
Es gibt einen gefährlichen Konsum von Kokain oder auch Benzodiazepinen, wo der Jugendliche sagt, nein, das möchte er nicht mehr, aber Cannabis am Wochenende möchte er weiter konsumieren. Das wird in einem Prozess gemeinsam erarbeitet und das meint „zieloffen“.
Ansonsten ist die Behandlung multimodal: Familientherapie, Einzeltherapie, verschiedene Fachtherapien, Physio- und Ergotherapie, Kletter- und Reittherapie... Es wird auch Kontakt mit der Familie, Schule und Ausbildung aufgenommen, um zu schauen, wie die Systeme ineinandergreifen. Fallweise kann auch eine medikamentöse Behandlung dazukommen.
Wie erfolgreich sind diese Behandlungen?
Sevecke: Das ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren. Es gibt Nachweise, dass das, was wir tun, wirkt. Aber man braucht den Wunsch und das Mitmachen des Jugendlichen, manchmal braucht es auch zwei oder drei Aufenthalte.
Manchmal werden die Aufenthalte jedoch gleich abgebrochen, weil der Jugendliche nicht mitmachen oder sich nicht an die Regeln halten möchte. Konsum innerhalb der Klinik oder mit anderen Jugendlichen ist verboten, da werden die Jugendlichen auch sofort entlassen - mit der Möglichkeit, sie wieder aufzunehmen.
Welche Rolle spielen Jugendliche aus dem Bezirk Lienz in der Psychiatrie in Hall?
Sevecke: Wir sind zuständig für Lienz und haben ganz regelmäßig Patient:innen aus Lienz, die bei uns stationär behandelt werden, ob Kinder, ob Jugendliche. Wir fühlen uns zuständig. Die andere Anlaufstelle ist Klagenfurt, das ist den Familien selbst überlassen, wohin sie sich wenden. Der Weg ist natürlich weit, aber im Notfall fahren die Patient:innen mit der Rettung aus dem Bezirk Lienz zu uns, das ist immer wieder möglich.
Wie steht es um die Zugänglichkeit zu Substanzen in Lienz?
Sevecke: Das kann ich nicht einschätzen. Ich kann den Bezirk Lienz jedoch fachlich einschätzen: Es gibt keinen Kinder- und Jugendpsychiater, obwohl wir uns immer wieder bemüht haben, da jemanden hinzukriegen, aber es gibt im Moment keine Person. Mein großer Wunsch - und auch in Planung - ist es, ein sogenanntes Home-Treatment-Team in Lienz zu stationieren.
Als zweites Behandlungsangebot haben wir neben der stationären Behandlung in der Klinik nämlich die Behandlung im Home Treatment: Ein Team betreut dann die Patienten zu Hause bei ihren Familien. Da das Krankenhaus in Lienz keine kinderpsychiatrische Abteilung hat, ist ein Planungsschritt, dass wir in hoffentlich naher Zukunft ein Home Treatment in Lienz verankern möchten. Aber es braucht dafür eine Finanzierung und die ist politisch noch nicht geklärt.
Wie sind die Erfahrungen mit dem Home Treatment?
Sevecke: Sehr gut. Es ist sehr niederschwellig, denn die Patient:innen verbleiben in ihrem Alltag. Die ganze Familie muss einverstanden sein, aber es ist sehr effektiv und sehr alltagsnah. Hier haben wir wirklich sehr gute Erfolge und leider eine lange Warteliste.
Ein Posting
Rein schon in Lienz könnte mal die Polizei verstärkt mal gewisse lokale gründlichst durchsuchen ist ja jedem bekannt dass diese Lokale drogenumschlagplätze sind. Wenn diese lokale mal richtig durchsucht und jeder und alles gefilzt wird dann wird sich auch einiges ändern. Genauso wie bei einem Lokal die Verbindung zur Mafia (Comorra) auch bekannt ist sogar in höchste Beamten Häuser (Landespolizeidirektion innsbruck und sogar im Ministerium in Wien)
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