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Ein hübsches Stück Lienz in San José, Costa Rica

Eine kreative Frau, eine Tischdecke und eine Freundschaft für´s Leben zwischen Vulkanen und den Alpen.

Draußen zwitschern Vögel ein exotisches Lied. Ihre Laute vermischen sich mit dem Rauschen des Ventilators und fröhlichen Stimmen in der Küche. Es ist Mittag und das Thermometer in Cecilia Sotos Haus zeigt 27 Grad Celsius an. Nichts Ungewöhnliches für die Trockenzeit im März hier in Costa Rica. 

Die 93-Jährige legt großen Wert auf ihr Äußeres und lebt allein. Ihre Kinder besuchen sie täglich, plaudern mit ihr und kochen das Mittagessen. Heute gibt es mit Käse überbackene Aubergine, als Beilage Salat, Zucchini und Patacón, frittierter Kochbanane. Ich nehme schräg gegenüber von Cecilia Platz. Ich kenne sie erst seit ein paar Tagen und dennoch fühle ich mich wie zu Hause. Sie tippt mit ihren rot lackierten Gelfingernägeln auf die lachsrosa Tischdecke und sagt: „Yo misma hice el mantel.“ Ich schaue Fofo an, ihren Sohn. Er übersetzt: „Die Tischdecke habe ich selbst gemacht.“ Der Stoff stammt aus Lienz. 

„Yo misma hice el mantel.“ Cecilia hat diese Tischdecke selbst bestickt, übersetzt ihr Sohn Fofo. Den Stoff hat er ihr vor Jahrzehnten aus Lienz mitgebracht. Alle Fotos: Alexandra Hassler

Vor 32 Jahren saß Marco, mein Onkel, am selben Esstisch. Die lachsrosa Tischdecke gab es damals aber noch nicht. Warum er dennoch eine Rolle in dieser Geschichte spielt? 1994 verbrachte Marco ein ganzes Jahr in Costa Rica. Für sein Austauschjahr lebte er in Robertos Haus. Er war es, der Marco mit seinem Cousin Luis Fernando Gonzáles Soto – von allen aber nur Fofo genannt – bekannt machte. 

„Wir lernten uns in einer Bar kennen, ich glaube, sie hieß Rio“, erklärt Fofo. Marco, ein großer, schlanker Mann, überragte den Großteil der einheimischen Männer. Fofo aber erinnert sich besonders an die tiefe, ruhige Stimme des österreichischen Gastes. „Wie Arnold Schwarzenegger!“, sagt der Costaricaner und lacht auf.

Costaricaner sind hilfsbereit und gastfreundlich, erklärt Fofo ...
... und Humor haben die „Ticos“ auch.

Fofo, knapp 1,70 Meter groß, ist Zahntechniker. Er trägt kurzes Haar, und wenn er lacht, dann von Herzen. Anders als viele Einheimische, im Volksmund „Ticos“ genannt, spricht er neben seiner Muttersprache auch Englisch und kennt sogar eine Vielzahl deutscher Wörter. Seine Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft führt er auf die warme und einladende Art der Costaricaner zurück.

Nach dem ersten Kennenlernen verbrachte Fofo fast jedes Wochenende mit Marco. Gemeinsam unternahmen die beiden Männer Radausflüge und festigten ihre Freundschaft. „Weißt du, er wurde zu meinem Bruder“, betont der 59-Jährige, während er in Erinnerungen an die Ausfahrten hinauf zu den Vulkanen Poas und Irazú, an den Strand oder durch die grüne, hügelige Landschaft rund um die Hauptstadt San José schwelgt.

1995 kehrte Marco, um zahlreiche Erfahrungen, die spanische Sprache und einen Freund fürs Leben reicher, nach Österreich zurück. Trotz der sechs Stunden Zeitverschiebung und des Ozeans, die den Kärntner von seinem Freund trennten, blieben sie in Kontakt und 1997 erreichte Fofo die Nachricht: „Meine Familie hat für dich ein Flugticket nach Österreich gekauft.“

Mit 30 Jahren saß Fofo das erste Mal in einem Flugzeug. „Ich war sehr aufgeregt“, erinnert er sich. Von San José flog er nach München und mit dem Zug ging es weiter nach Irschen. Den ganzen Juni lebte er mit Marco und seiner Familie im Bergdorf und wenn Fofo von dieser Zeit erzählt, leuchten seine Augen. Er hat viele Erinnerungen an Irschen, die Umgebung und die Menschen. Ich verbringe Stunden damit, seinen Geschichten aus dem Jahr 1997 zu lauschen. 

Anstrengend! Fofo erinnert sich an Wanderungen in den Kärntner Bergen.

Der Costaricaner wanderte, was ihm viel zu anstrengend war, spielte Fußball mit den Einheimischen, obwohl er kein Talent dafür hatte, und genoss das Wetter am Weißensee, inklusive Bootsfahrt. Die niedrige Luftfeuchtigkeit war neu für ihn und machte seine Haut ganz rau. Die langen Sommertage brachten seinen Schlafrhythmus durcheinander, denn in Costa Rica geht die Sonne ganzjährig gegen 18.00 Uhr unter.

Beim Jausnen schnitt Fofo das Fett vom Speck ab, was seine Gastfamilie mit Kopfschütteln kommentierte. Er kostete auch heimischen Schnaps und selbstgemachten Holundersaft. „Schnaps war mir zu stark!“, sagt Fofo. Er zieht eine Grimasse und ergänzt: „Aber Hollasaft, wie ihr sagt, den liebte ich.“ In Costa Rica ist es üblich, zum Essen einen Saft zu trinken. Dafür werden Früchte, wie z.B. Maracuja, Guanábana oder Erdbeeren, mit Wasser oder Milch vermischt. 

Bei einem Spaziergang begegnete Fofo einmal einem Igel und bei einer Ausfahrt auf den Großglockner einem Murmeltier. Beides Tiere, die Fofo zuvor nicht kannte. „Ich war ganz begeistert!“, betont der Costaricaner. Fofo vermutet, Marco sei es ähnlich ergangen, als er in Costa Rica zum ersten Mal Papageien, Kolibris, Nasenbären, Leguane, Faultiere oder Kapuzineraffen sah. Diese und viele weitere Tiere leben dort in freier Wildbahn, Costa Rica zählt zu den artenreichsten Ländern der Welt. 

Einen Monat lang reisten Fofo aus Costa Rica und Marco aus Irschen 1997 gemeinsam durch Europa.

Fofo erinnert sich auch an ein Konzert in Dellach im Drautal, wie ihn junge Männer im Schwimmbad in Irschen ins Wasser schubsten oder lange Nächte mit Marcos Brüdern vor dem Computer, um Fifa zu spielen. „Das war eine schöne Zeit!“, betont der Zahntechniker. Nach dem Monat in Irschen reisten die beiden Freunde für ein weiteres Monat durch Europa. Von Wien aus führte ihr Weg unter anderem nach Prag, Amsterdam und Paris. In fast jeder Stadt kaufte Fofo einen jener Magneten, die heute alle an seinem Kühlschrank in seinem Haus hängen.

Nach zwei Monaten in Europa flog Fofo wieder nach Hause. Neben den Magneten hatte er auch einen lachsrosa Stoff sowie rosa und lila Stickgarn im Gepäck. Während seiner Zeit in Kärnten wollte Fofo nämlich ein Geschenk für seine Mama Cecilia kaufen. So brachte Marco seinen Gast nach Lienz und begleitete ihn in einen Stoffladen. „Ich habe nicht viele Erinnerungen an Lienz. Ich weiß nur noch, dass es größer ist als Irschen“, verrät Fofo. 

Cecilia, die ihre Kreativität schon immer mit ihren Händen auslebte, freute sich über das Souvenir. Im ganzen Haus hängen Ölgemälde, die ihre Handschrift tragen. In einem Kasten verstaut sie gehäkelte und genähte Deckchen, selbstgemacht versteht sich. Seit 29 Jahren gehört auch eine Tischdecke aus Lienz zu ihren Werken, die sie mit aufwendigen Stickereien verziert hat. 

93 ist Cecilia und noch immer lebenslustig. Voll Stolz zeigt sie mir die Ölbilder, die sie selbst gemalt hat.

„Trabajé en ello durante un año“, erklärt die 93-Jährige. In den wenigen Tage, die ich sie nun kenne, haben wir gelernt, uns auch ohne eine gemeinsame Sprache zu verstehen. Für die Verzierungen brauchte sie ein ganzes Jahr. Ein Aufwand der sich gelohnt hat! Die Tischdecke ist ein Stück Österreich mitten in Costa Rica und ein Symbol einer Freundschaft, die bis heute anhält.

Ein Stück Österreich mitten in Costa Rica.
Alexandra Hassler stammt aus Irschen, hat eine Ausbildung bei Dolomitenstadt absolviert und ist als freie Journalistin auf lebendige, multimediale Reportagen und Videos spezialisiert.

2 Postings

r.ingruber
vor 23 Minuten

Schöner Bericht, und schön, wiedereinmal von Alexandra zu lesen.

 
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bb
vor 2 Stunden

Ein Kunstwerk mit Geschichte! Schön...

 
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