Wie groß ist das Ausmaß des illegalen Drogenkonsums bzw. der Substanzabhängigkeit im Bezirk Lienz? Stellt man diese Frage, stößt man zunächst auf „gefühlte“ Wahrheiten, die Osttirol als Insel der Seligen deklarieren, bestimmte Lokale und Orte verdächtigen oder den Bezirk mit vielsagendem Blick als „doch gar nicht so harmlos“ zu demaskieren versuchen.
2025: 165 Anzeigen nach Suchtmittelgesetz
Doch diese Einschätzungen sind in den wenigsten Fällen valide, zumal sie vielfach auf Gehörtem und Weitererzähltem basieren.
Im Gegensatz dazu verfügt die Polizei über statistische Daten, die zumindest im Bereich der Anzeigen ein klares Bild ergeben: So wurden im Jahr 2025 im Bezirk Lienz 165 Vergehen und Verbrechen nach dem Suchtmittelgesetz zur Anzeige gebracht, was im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von 5,8 Prozent bedeutet. Erfasst sind von diesem Gesetz unter anderem Erwerb, Besitz, Erzeugung, Beförderung, Ein- und Ausfuhr, Angebot sowie Handel von Suchtgift.
Festnahme wegen Kokainhandel
Eine Person wurde 2025 außerdem wegen des Verdachts des Kokainhandels ausgeforscht, festgenommen, in die Justizvollzugsanstalt Innsbruck eingeliefert und bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck zur Anzeige gebracht. Außerdem wurden mehrere ihrer Abnehmer ausgeforscht und zur Anzeige gebracht, beantwortet Bezirkspolizeikommandant Michael Jaufer eine Anfrage von Dolomitenstadt.
Hohe Verfügbarkeit durch Internethandel
Doch was kann die Polizei darüber hinaus über den Substanzkonsum im Bezirk mitteilen? Inspektor David Huber vom Bezirkspolizeikommando Lienz, der hauptsächlich für den Bereich Suchtgift zuständig ist, bestätigt, dass die Verfügbarkeit der unterschiedlichen illegalen Substanzen auch in Osttirol sehr hoch ist. Der Konsum illegaler Drogen reiche von thc-haltigem Cannabis bis zu XTC/Ecstasy, die Vertriebswege seien breit gestreut.

Eine wichtige Rolle spiele in diesem Zusammenhang die Beschaffung via Internet bzw. Darknet, die in den letzten Jahren zugenommen habe. Dafür werden vor allem die scheinbare Sicherheit durch Anonymität, die hohe Verfügbarkeit sowie eine niedrigere Hemmschwelle für den Erwerb der Suchtmittel als ausschlaggebend betrachtet.
Konsum vermehrt im privaten Raum
Auch der Konsum habe sich seit der Corona-Zeit auffallend verlagert: Seither werde mehr im privaten Raum konsumiert, was die polizeilichen Ermittlungen erschwert.
Extremfälle, bei denen sich besonders Mädchen und junge Frauen zur Beschaffung von Drogen in gefährliche Situationen begeben und sexualisierte Gewalt durch ältere Männer erleben, seien der Polizei in Lienz derzeit nicht bekannt. Von derartigen Situationen, in denen Mädchen im Tausch gegen Drogen zu sexuellen Handlungen gedrängt werden, hatte Gerhard Jäger, Geschäftsführer der Innsbrucker Drogenberatungsstelle Z6, im Jänner gegenüber dem ORF Tirol berichtet.
Allerdings gesteht Huber in diesem Zusammenhang zu, dass die Polizei eben nicht alles wisse und die Bevölkerung dazu einlade, zur Aufklärung beizutragen.
Vorurteile vielfach nicht zutreffend
Hinsichtlich der Suchtgift konsumierenden Personengruppe wehrt sich Huber vor Verallgemeinerungen oder klischeehaften Zuschreibungen: „Es sind Menschen aus unserer Gesellschaft, die einfach ein Problem haben, ein Suchtproblem. Es gibt auch legale Drogen, wie zum Beispiel Alkohol. Wie stellt man sich einen klassischen Alkoholiker vor?
Das ist unmöglich seriös zu beschreiben. Im Bereich der illegalen Drogen ist das nicht anders. Nur greifen diese Menschen zu einer Substanz, die verboten ist, aber im Endeffekt bleibt es eine Krankheit und eine Sucht. Die Menschen haben auch verschiedene Zugänge und Hintergründe, warum sie in eine derartige Lage geraten sind. Das lässt sich keinesfalls verallgemeinern.“

Opferschutz vor Bestrafung Süchtiger
Diese Haltung spiegelt sich auch in der Zusammenarbeit der Polizei mit verschiedenen Partnern, wie der mobilen Jugendarbeit oder der Gesundheitsbehörde, wider: „Wir nehmen das Thema absolut ernst und verfolgen auch eine präventive Strategie in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern. Hier geht es nicht um die klassische Anzeige, denn wenn man vorher gut präventiv gearbeitet hat, sollte es diese Anzeige erst gar nicht geben müssen. Repression ist der letzte Schritt“, so Huber.
Schließlich gehe es immer auch um Opferschutz, speziell wenn Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene betroffen sind. „Mir ist als Botschaft wichtig, dass das Umfeld reagiert, wenn etwas auffällt.“ Es gelte darauf zu achten, wenn sich Kinder und Jugendliche zurückziehen, eine Wesensveränderung geschieht oder die Leistungen in Schule oder Job nachlassen.
„Mir ist als Botschaft wichtig, dass das Umfeld reagiert, wenn etwas auffällt.“
Inspektor David Huber
„Wenn man auffällige Sackerl findet oder leere Medikamentenblister, muss man das ansprechen. Das ist aus meiner Sicht die wichtigste Botschaft. Alles, was verhindert werden kann, ist gewonnen“, appelliert der „Präventionsmensch“, wie sich der Inspektor selbst bezeichnet, an Eltern und Bezugspersonen.
Die Polizei kann, muss aber in solchen Fällen nicht die erste Anlaufstelle sein. Stattdessen gibt es auch die mobile Jugendarbeit, die Bezirksverwaltungsbehörde als Gesundheitsbehörde, Beratungsstellen oder Hotlines, an die man sich wenden kann.
Gesellschaftliche Entwicklung macht vor Osttirol nicht Halt
Hinsichtlich der gesellschaftlichen Wahrnehmung geht Huber davon aus, Osttirol sei in puncto Suchtgiftkonsum lange als „Insel der Seligen“ betrachtet worden. „Das sind wir definitiv nicht. Das darf man auch deutlich ansprechen.“ Gleichzeitig warnt er jedoch vor einer Überschätzung bzw. einer übersteigerten Dramatisierung der Lage, da auch diese Einschätzung nicht zutreffe. „Wir sind Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, wie es sie überall gibt, und da sind Drogen nun einmal auch präsent“, ordnet der Inspektor ein.
Diese Lage nehme die Polizei sehr ernst, weshalb in den Ermittlungstätigkeiten zunehmend auf integrierte Ansätze, wie die Spezialisierung auf Cyberermittlungen sowie die stärkere Vernetzung unterschiedlicher Zuständigkeiten, gesetzt werde.
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Anstatt derart viel Hirnschmalz und Ressourcen in Kontrolle, Überwachung und Präventionsmaßnahmen zu stecken, sollten sich alle Entscheider in der Stadt vielleicht einmal überlegen, wie man diese wieder mit Leben füllt. Wie man Angebote schafft, Leerstände positiv bespielt, Menschen zum aktiv werden und mittun einlädt. Wenn man die Leute wieder aus ihren Bubbles holt und zusammenbringt, wird sich die Drogenproblematik entschärfen. Diese ist zum großen Teil nur ein Symptom des Versagens sozialer und kommunaler Strukturen. Quo vadis, Lienz?
Aufgabe der Polizei ist es den Drogenhandel zu unterbinden, Drogenhändler zu verhaften; wenn nötig mit Drogenhunden vor den Schulen. Aufklärung und Sozialarbeit müssen andere machen. Ein grosses Problem ist die Verharmlosung der Drogen in den Medien. Und immer der Vergleich mit der Droge Alkohol, die ja viel schlimmer ist.
Die Erziehung der Kinder wird an Kindergarten und Schule ausgelagert. Suchtprobleme sind durch die Exekutive zu lösen die sich nur ein wenig mehr anstrengen muss! Eine Frage: Was ist die Aufgabe der Eltern wenn es un IHREN Nachwuchs geht? Wenn sie etwas über Drogenhandel an den Schulen WISSEN (nicht glauben oder vermuten) dann haben sie diese Informationen sicherlich schon and die zuständigen Behörden weitergegeben. Eigenverantwortung!
Ich bin völlig Ihrer Meinung. In der Diskussion gibt es mehrere Ebenen. Als erste fungieren die Eltern/ Erziehungsberechtigten ( je nach Alter des Kindes/ Jugendlichen/ Adoleszenten). Wie resilient ist mein Kind? Wie ist das Verhalten innerhalb einer Gruppe? Kennen wir den Freundeskreis? Werden innerhalb der Familie eventuelle Probleme besprochen? Spricht man zuhause mit dem Kind über die negativen Folgen von Alkohol-und/ oder Drogengebrauch? Man hat auch als besorgter Angehöriger die Möglichkeit, bei der Suchthilfe Lienz ein Beratungsgespräch in Anspruch zu nehmen. In Schulen können Informationsveranstaltungen durchgeführt werden. Der(ie) Schularzt*in kann, zusammen mit der Schulsozialarbeit, bei der Organisation und Durchführung einen wertvollen Beitrag leisten. Ergänzend wären Fachleute aus der Exekutive und der Suchthilfe (leisten auch Präventivarbeit) miteinzubeziehen. Die Gesetze sind vorhanden und ausreichend. Wichtig finde ich in der Bewertung von Fallzahlen die Differenzierung: Wieviel Meldungen-Anzeigen-Verurteilungen (welche Drogensubstanz) innerhalb welchen Zeitrahmens und welchen Lebensalters der Betroffenen?
Mir ists ein Rätsel, warum kein spezieller Fokus auf die osttiroler Schulen gelegt wird und auf den Schutz der Kinder. Gerade im Schüleralter, wo Kinder zu Jugendlichen werden, sind viele Unsicherheiten im Entwicklungsprozess der jungen Menschen vorhanden und dadurch sind sie auch leichter beeinflussbar. Leider sind Suchtmittel (und dafür gibts ja leider inzwischen viele Beweise und auch Anlassfälle) in den Schulen ein großes Problem geworden. Ich würde mir hier einen speziellen Schutz unserer Kinder wünschen und auch schärfere Kontrollen in den Schulen. Mir kommt die Polizei hier aber sehr unmotiviert vor Lösungen zu finden und den Handel in den Schulen nachhaltig zu unterbinden. Hier wäre nicht nur Motivation sondern auch Kreativität gefragt. Das muss doch machbar sein. Also: strengt euch an liebe Exekutivbeamte! Eure Unterstützung hier ist dringend gefragt. Danke.
Wahre Worte; allgemein sollte in den Schulen (bereits spätestens ab der 4. VS) mit Aufklärungsunterricht in Sache Suchtmittel begonnen werden ! Aufklärungsunterricht mit Polizei, eventuell auch mit ehemaligen Suchtgiftkonsumenten - denn denen glauben die Kids/Jugendlichen am ehesten, denn die ehemals Betroffenen selbst, könnten den Jugendlichen das große, vergangene Leid glaubhaft schildern und sie davon abbringen, den Versuch der Einnahme v. Suchtmittel zu widerstehen !
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