Am Donnerstag, 23. April, wurde es am Ballhausplatz in Wien laut. Rund 70 Personen waren „Laut für das Lesen“. Ganz nach dem Motto des Österreichischen Buchklubs der Jugend, der unter diesem Slogan für den Welttag des Buches aufgerufen hatte. Um elf Uhr veranstaltete der gemeinnützige Verein eine Kunstaktion, gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Autorinnen Autoren sowie dem Österreichischen Schriftsteller:innenverband. Zusammen machten sie auf die finanzielle Notlage des Vereins aufmerksam.
Mit dabei waren auch jene, an die sich die Arbeit des Österreichischen Buchklubs richtet: Kinder. Mehrere Schulklassen besuchten vergangene Woche anstelle ihres Klassenzimmers den Ballhausplatz in der Wiener Innenstadt. Anstatt in ihren Schulheften zu schreiben, sammelten sie auf einer zehn Meter langen Schriftrolle Gedichte und Zeichnungen und brachten damit zum Ausdruck, was das Lesen für sie bedeutet.
Im Hintergrund plädierten die Erwachsenen, darunter Autor:innen, Bildungsexpert:innen und Lehrpersonen, dass Leseförderung nicht nur Förderung eines Hobbys, sondern gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Und genau diese Leseförderung, die sich der Buchklub auf die Fahne geschrieben hat, könnte bald Geschichte sein.
Der Buchklub ist fixer Bestandteil im Schulalltag österreichischer Volksschulen und Sekundarstufen. Lehrpersonen arbeiten mit seinen Materialien, in den Regalen der Schulbibliotheken steht von ihm ausgewählte Lektüre. Und das seit 1948.

Um die Kinder in österreichischen Schulen zum Lesen zu bringen, sichten die Mitarbeitenden des Buchklubs hier im siebten Stock in der ehemaligen Ankerbrotfabrik im 10. Wiener Gemeindebezirk jedes Jahr tausende Neuerscheinungen der Kinder- und Jugendliteratur. Die ausgewählten Werke werden didaktisch aufbereitet und für den Unterricht nutzbar gemacht, erklärt Johannes Knöbl, der hier seit bald 27 Jahren tätig ist.
Im Regal hinter ihm stehen Ausgaben der sogenannten Jahrbücher, die von ihm und seinem Team erarbeitet werden. Sie kombinieren Auszüge aktueller Kinderbücher mit verschiedenen Übungen für den Unterricht. „Lesen ist auch immer etwas Soziales“, sagt Knöbl. „Wenn mich eine Geschichte bewegt, will ich darüber sprechen. Sonst fehlt die Hälfte des Leseerlebnisses“.
„Lesen ist auch immer etwas Soziales.“
Und genau aus diesem Grund begleiten die Materialien den gesamten Leseprozess, der nicht nur während der Lektüre selbst, sondern auch davor und danach stattfindet. In den Materialien werden Vorwissen aktiviert, schwierige Begriffe erklärt, Raum für Gespräche geöffnet und das Gelesene in den Alltag der Kinder übertragen.

All das ist wichtig für eine Leseförderung, die gelingt, so der 57-Jährige. Und eine frühe Förderung der Lesekompetenz ist wesentlich für unsere Gesellschaft. Rund 29 Prozent der Erwachsenen in Österreich haben Schwierigkeiten damit, sinnerfassend zu lesen. Laut Statistik Austria hat also beinahe ein Drittel der Bevölkerung Probleme damit, Texte sicher zu verstehen.
Fehlende Lesekompetenz hat massive Folgen für Bildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe. Denn wer nicht sinnerfassend lesen kann, wird auch mit der Weiterbildung Schwierigkeiten haben. Und diese Schwierigkeiten, so Knöbl, spüren nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Wirtschaft: „Firmen investieren hunderttausende Euro in Nachhilfe, weil Lehrlinge die Berufsschule nicht schaffen. Weil ihr Leseverständnis nicht ausreicht.“ Und an dem arbeitet der Österreichische Buchklub seit vielen Jahrzehnten.
Finanziert wurde ein Großteil der Arbeit lange Zeit über Schulangebote wie Zeitschriften-Abos, wie beispielsweise der vielbekannten Spatzenpost. Heute werden immer weniger Abonnements abgeschlossen. Und das, obwohl der Preis für zehn Zeitschriftenausgaben und ein Buchklub-Jahrbuch bei nur 17 Euro liegt.
Den Grund für die rückläufigen Abo-Zahlen sieht Knöbl im massiven Anstieg der Schulkosten. Viele Lehrpersonen würden sich fast gar nicht mehr trauen, zusätzliche Angebote weiterzugeben, da sie wissen, wie finanziell belastet Eltern teilweise bereits sind. Besonders deutlich wird das in sozial schwächeren Bezirken. Das Problem trifft damit ausgerechnet jene Kinder, die am meisten Unterstützung bräuchten.
Neben den gestiegenen Schulkosten und dem damit einhergehenden Ausbleiben von Abonnements ist ein zentrales Problem struktureller Natur. Denn der Buchklub kann sich längst nicht mehr allein durch Abonnements finanzieren. Es brauche eine Basisfinanzierung, „Gelder von Oben“, wie Knöbl feststellt. Und darin sieht er auch ein Problem.
Denn der gemeinnützige Verein bewegt sich zwischen Kultur und Bildung und passt somit in keine klare Zuständigkeit. Als mögliche Lösung käme ein breiter aufgestelltes Finanzierungsmodell nach dem Vorbild der Stiftung „Lesen in Deutschland“ infrage. Dort tragen mehrere Partner aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam die Finanzierung. Konkret handelt es sich im Falle des Österreichischen Buchklubs um 300.000 Euro. Für große Institutionen seien das keine spürbaren Beträge. Den Buchklub würden jährliche Basisfinanzierungen jedoch retten.

Eine sichergestellte Finanzierung des Buchklubs ist, so Knöbl, zentrale Voraussetzung dafür, dass Bildungssystem, Arbeitsmarkt und gesellschaftliches Zusammenleben auch in Zukunft gut funktionieren. Gerade in der Bildungspolitik sei die „Sozialrendite“ in der Leseförderung enorm hoch. Jeder Euro, der früh in die Entwicklung von Lesekompetenz fließt, erzeugt ein Vielfaches an gesellschaftlichem Nutzen.
Maßnahmen, die erst später ansetzen und versuchen, bereits entstandene Defizite wieder auszugleichen, sind deutlich aufwendiger und vor allem teurer. Gerade aus diesem Grund zeige sich, wie wichtig das Fortbestehen des Buchklubs sei. Nicht nur für die Kinder und die dort Beschäftigten, sondern für unsere Gesellschaft als Ganzes. „Leseförderung geht jede:n etwas an“, da ist sich Johannes Knöbl sicher.
Während er erzählt, findet im Raum nebenan eine kostenfreie Online-Lesung auf der Bücherbühne statt. Um die 2.000 Kinder hören vor dem Bildschirm in ihrem Klassenzimmer der Geschichte von Auri zu. Allein durch diese digitalen Lesungen erreicht der Verein jährlich um die 40.000 Kinder. Und das in ganz Österreich. Von den Bildungseinrichtungen in der Wiener Innenstadt bis hin zu Schulen auf dem Land.
Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist noch unklar. Gespräche mit politischen Akteuren und möglichen Partnern laufen. Klar ist: Die über die Jahre gewachsenen Strukturen lassen sich nicht einfach ersetzen. Und wenn diese Strukturen erneut aufgebaut werden müssen, dann wird es ziemlich teuer. Der Österreichische Buchklub bleibt also laut, um auf seine Notlage und seine gesellschaftliche Bedeutung aufmerksam zu machen. So wie Ende April auf dem Ballhausplatz.
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