Rike Stotten, Professorin für Soziologie an der Universität Innsbruck, widmet sich in ihrer Forschung dem, wo andere leben: dem ländlichen Raum. Mit einer gleich doppelten Perspektive von außen - als Geborene der Metropolregion Rhein-Ruhr einerseits und mit der wissenschaftlichen Brille der Forscherin andererseits - blickt sie auf die bäuerliche bzw. ländliche Gesellschaft. Im Interview erläutert sie, welche Rolle Bäuerinnen und Bauern für die Versorgung mit Lebensmitteln und den Tourismus spielen, welchen Machtverhältnissen sie ausgesetzt sind und wie sich ihre kollektive Identität beschreiben lässt.
Sie beschäftigen sich mit der Soziologie im ländlichen Raum. Wie kann man sich Ihre Arbeit und Forschung vorstellen?
Die ländliche Soziologie erforscht nicht einfach nur ein Dorf oder die Bauern, sondern die dahinterliegenden sozialen Beziehungen, die Machtverhältnisse, die Transformationsprozesse. Meine Interessensgebiete sind insbesondere die Landwirtschaft, Ernährungssysteme, Tourismus, Regionalentwicklung und die Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen Wandel.

Methodisch arbeite ich vor allem qualitativ durch Interviews mit Bauern und Bäuerinnen. Es gibt aber auch die teilnehmende Beobachtung, bei der man zum Beispiel auf einer Alm mithilft, um genauer zu verstehen, was dort passiert.
Insgesamt geht es darum, die Lebenswelt der Menschen zu erforschen und deren Perspektiven wahrzunehmen. Diese individuellen Perspektiven sollen dann mit größeren gesellschaftlichen Prozessen, wie dem Strukturwandel, dem Klimawandel oder der Agrarpolitik, verknüpft werden.
Wie hat sich das Bild des Bergbauern in den letzten Jahrzehnten gewandelt?
Sehr stark. Historisch gesehen waren Bergbauern und -bäuerinnen sehr wichtige Akteure in der regionalen Versorgung und in der Produktion der alpinen Kulturlandschaft. Ihre Arbeit war früher vor allem auf die Selbstversorgung und lokale Kreisläufe ausgerichtet.
Bergbauernbetriebe waren oft arme Familienbetriebe, die es schwer hatten. Die Berglandwirtschaft konnte mit der Modernisierung der Landwirtschaft nicht mithalten, wodurch sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die Rolle der Bergbauern und -bäuerinnen verändert hat.
Heute erfüllen Bergbauern multifunktionale Aufgaben: Sie sind für die Lebensmittelproduktion zuständig, erhalten die Kulturlandschaft, pflegen Almen, sichern Biodiversität und übernehmen wichtige soziale und kulturelle Aufgaben im ländlichen Raum, die auch stark an das Dorfleben geknüpft sind.
Wie wichtig sind Bergbauernhöfe noch für die Versorgung mit Lebensmitteln?
Mengenmäßig spielen sie eine eher kleinere Rolle. Aber sie sind extrem wichtig für die Milch- und Alpwirtschaft in bestimmten Regionen, da sie zur Erhaltung der Kulturlandschaft beitragen. Auch in der Produktion von regionalen Qualitätsprodukten, wie Bergkäse oder anderen Nischenprodukten, sind sie nicht wegzudenken. Diese Produkte sind mit der regionalen Identität verknüpft und haben eine kurze Wertschöpfungskette.
Welche Relevanz haben Bergbauernhöfe für den Tourismus?
Eine große. Sie leisten einen zentralen Beitrag dazu, wie die Kulturlandschaft heute aussieht. Die alpine Kulturlandschaft, die von vielen Gästen als so natürlich oder authentisch wahrgenommen wird, ist historisch stark durch die Landwirtschaft geprägt. Ohne die Bewirtschaftung würden viele Bereiche verbuschen oder verwalden, das hätte auch Auswirkungen auf den Tourismus.
Hinzu kommt, dass ein großer Teil der touristischen Infrastruktur auf landwirtschaftlichem Land stattfindet: Wanderwege, Mountainbike-Routen, Skipisten - all das geht über landwirtschaftliches Land, für das die Bauern und Bäuerinnen meist nur eine symbolische Abgeltung bekommen. Dieser Beitrag wird viel zu wenig anerkannt.
Wie ist aus soziologischer Sicht die Beziehung zwischen Stadt und Land?
Die Soziologie hat sich lange mit städtischen Räumen beschäftigt. Heute verschwimmt die Grenze immer mehr, denn die Pluralisierung der Lebensstile gibt es auch auf dem Land.
Zudem ist heute nur noch der kleinste Anteil der Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt. Stadt und Land sind auch sehr stark aneinander gewachsen, insbesondere in Gebieten in Österreich, wo man von der Stadt schnell im ländlichen Raum ist.
Gilt das auch für das kulturelle Leben?
Die kulturellen Aktivitäten am Land sind oft noch sehr stark von der bäuerlichen Tradition geprägt. Einerseits ist das gut für ein lebendiges Dorf, aber hier könnte man sich andererseits mehr Offenheit wünschen.

Es gibt die Problematik, dass Zugezogene eben in dieser Rolle verbleiben, sich schwer einfinden können und schwer an diesen Traditionen teilhaben können. Damit geht im Bereich der sozialen Innovation viel Potenzial verloren, das gerade durch Zugezogene und Andersdenkende in die soziale Gemeinschaft gelangen könnte.
Was wissen „die Städter“ nicht über das Leben auf dem Land?
Was vielleicht verloren geht, ist der Respekt und das Wissen darüber, wie landwirtschaftliche Rohstoffe und Lebensmittel produziert werden. Es sollte mehr Wissen darüber geben, unter welchem ökonomischen Druck die Landwirtschaft steht und welchen politischen Regulierungen sie unterworfen ist.
Zudem sollte erkannt werden, dass Wanderwege etc. vielfach über Privateigentum gehen, dem auch der entsprechende Respekt entgegengebracht werden soll. Oft fehlt es auch an Wissen, wie man sich auf diesen Flächen verhält, aber das muss nicht unbedingt Städter:innen betreffen, das kann auch für Menschen aus dem ländlichen Raum gelten.
Sie haben politische Regulierungen angesprochen: Welchen sind Bäuerinnen und Bauern unterworfen?
Das aktuellste ist das Renaturierungsgesetz, das in der Ausarbeitung ist und auf Bauern und Bäuerinnen stark Einfluss nehmen wird. Da wartet man mit Spannung und teilweise Sorge darauf.
Die Soziologie beschäftigt sich auch mit Macht. Welchen Machtverhältnissen sind Bauern und Bäuerinnen heutzutage unterworfen?
Die Globalisierung hat auch vor Agrarsystemen nicht Halt gemacht. Es gibt große transnationale Unternehmen, die stark in die Systeme hineinwirken und den Einzelhändlern starke Vorgaben machen können. Denen gegenüber stehen viele kleine bäuerliche Betriebe, die teilweise ausgeliefert sind.
Dennoch gibt es in Österreich einen großen Anteil, der auch regionale Märkte zulässt, was historisch gewachsen ist und durch die ökosoziale Agrarpolitik in den 1980er-Jahren gut aufgegleist wurde. Dadurch konnten Unabhängigkeiten von den globalen Machtstrukturen geschaffen werden.
Und wo übt die ländliche Bevölkerung Macht aus?
Bevölkerungsmäßig lebt noch immer ein großer Anteil der Menschen im ländlichen Raum. In dem Sinne hat der ländliche Raum eine große Mitbestimmungsmacht, weil dort auch weniger Migrationsbevölkerung lebt. Damit ist der Anteil an wahlberechtigter Bevölkerung größer.
Der Eindruck des Bauernhofs als „Firma“ ist etabliert: Traktoren werden immer größer, der direkte Kontakt mit Tieren nimmt ab: Zeigt das auch Ihre Forschung?
Man sieht, dass Modernisierung in der Landwirtschaft ein sehr großer Industriezweig geworden ist. Landwirtschaftliche Betriebe werden zum ständigen Wachstum gedrängt und es ist schwierig, da wieder rauszukommen oder dem zu widerstehen.
Das ist auch das Bild des guten Bauern: Der hat einen tollen Traktor, gute Maschinen und kann dadurch zeigen, dass er Know-how hat und gut arbeiten kann. Nicht immer ist das im wirtschaftlichen Sinn an die Betriebsgröße angepasst.
Aus meiner Sicht gibt es zu wenig Beispiele, die eben nicht dem Mainstream entsprechen, sondern alternative Wachstumsstrategien aufzeigen. Und die Beispiele, die es gibt, sollten in der Peer Group der Bauern und Bäuerinnen sichtbarer werden.
Sie haben den Klimawandel bereits als Strukturthema angesprochen. Welches Bewusstsein gibt es für den Klimawandel, welche Bereitschaft für klimaschützende Maßnahmen?
Bauern und Bäuerinnen nehmen den Klimawandel sehr stark wahr, weil alpine Gebiete stark auf ökologische Veränderungen reagieren. Von Veränderungen im Niederschlag, in den Temperaturen, von Extremwetterereignissen oder der Wasserverfügbarkeit sind sie direkt betroffen. Darüber hinaus verlängert die Erwärmung die Vegetationsperioden, hat Einfluss auf die Erträge oder auf Hangstabilitäten.

Das heißt aber nicht, dass alle Bauern und Bäuerinnen die gleichen Schlüsse daraus ziehen: Die Wahrnehmung vom Klimawandel ist auch sozial, kulturell und politisch geprägt. Einige setzen auf technische Anpassungen, andere auf Diversifizierung oder nachhaltige Bewirtschaftsungsmethoden.
Wie würden Sie die bäuerliche Identität in Österreich beschreiben?
Sie ist stark verknüpft mit Tradition, Familie, Bodenständigkeit, Arbeitsethos und regionaler Zugehörigkeit. Aber sie ist nicht statisch und auch nicht homogen.
Bäuerliche Familien bewegen sich in einem Spektrum zwischen Tradition und Moderne, müssen sich an wirtschaftliche Bedingungen, gesellschaftliche Erwartungen, ökologische Fragestellungen und familiäre Aspekte, wie die Hofnachfolge, anpassen. Daher gibt es nicht die eine bäuerliche Identität, sondern viele verschiedene bäuerliche Identitäten, die stetig neu reagieren müssen.
Wie manifestiert sich der Wandel der Geschlechterverhältnisse?
Es gibt mittlerweile mehr weibliche Betriebsleiterinnen, wodurch die Arbeit der Bäuerinnen sichtbarer wird. Sie haben historisch schon immer viel gemacht, aber weniger in den offiziellen Rollen.
Besonders die bäuerliche Gästebeherbergung, die meist von Frauen geführt wird, trägt viel zur Selbständigkeit bei. Dadurch wird in einigen Betrieben mehr Einkommen als durch die Landwirtschaft als solche erzielt, was das patriarchale Bild ins Wanken bringt. Ich finde gut, dass es so ist, aber es erstaunt mich, dass es wenig diskutiert wird. Trotzdem gilt der Bauer noch in den meisten Fällen als Betriebsleiter.
Werden auch die Hofnachfolgen weiblicher?
In den meisten Fällen ist es auch heute noch der älteste Sohn, der den Hof übernimmt, aber es ist durch die Pluralisierung der Lebensstile nicht mehr in Stein gemeißelt.
Großes Potenzial würde ich beim Quereinstieg in die Landwirtschaft durch Menschen mit landwirtschaftlicher Ausbildung sehen, die selbst keinen Betrieb haben. Das ist jedoch finanziell schwer leistbar, zudem hemmen auch soziale Aspekte, da es eine wenig aufgeschlossene Haltung gegenüber Neueinsteiger:innen in der Landwirtschaft gibt. Das halte ich für verlorenes Potenzial.
Ist der Typus „Bergbauer“ ein Modernitätsverlierer?
Schon Karl Marx hat den Niedergang der bäuerlichen Landwirtschaft vorhergesagt, der bis heute zum Glück nicht eingetroffen ist. In dem Sinne zeigen sie sich sehr resilient. Es ist gut, dass an Traditionen festgehalten und der bäuerliche Habitus bewahrt wird. Auf der anderen Seite könnte man sich mehr Offenheit für soziale Innovation oder soziale Veränderungen wünschen.
Die fehlende Offenheit lässt sich anhand Ihrer Forschung belegen und ist nicht nur ein Klischee?
In einzelnen Situationen hat sich diese widergespiegelt, beispielsweise wenn ein Bauer, der neu angefangen hat, als nicht zugehörig empfunden wird. „Das ist kein richtiger Bauer“, lautete der Tenor.
Welche Zukunft sehen Sie für das ländliche Leben?
Eigentlich eine sehr positive, denn die Lebensbedingungen am Land sind gut: Ländliche Räume sind erschlossen, wir haben eine große Nähe zu städtischen Regionen und auch die Ausbildungsinfrastruktur sowie die ärztliche Versorgung ist vorhanden.
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ohne eu-förderungen wäre unsere alpine landschaft verbuscht. dass dieses ziel weitergeht, dafür sorgt die eu und der wolf.
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