Die beiden Lernräume am Boznerplatz gegenüber dem Bahnhof Lienz bleiben aktuell leer. Auch im Zentrum für Lernen und Lernstörungen der UMIT in Lienz haben die Sommerferien begonnen. Während des Schuljahres betreuen Gerda Aßmayr und ihr Team rund 30 Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen haben.
Viele, die Unterstützung suchen, sind bereits mit einer Lernstörung diagnostiziert. Gerda Aßmayr, Leiterin des Zentrums, erklärt das so: „Das Gehirn geht einen komplizierten Weg, um zu einer Lösung zu kommen. Es macht einen Umweg. Es hat aber nichts mit Faulheit zu tun“. Die Betroffenen haben einen anderen Zugang zum Lesen, Schreiben und Rechnen.

Spielerisch Spaß am Lernen bekommen
Bei vielen Kindern besteht bereits in der Volksschule oder Unterstufe der Verdacht oder die Diagnose für eine Lernstörung. Bei anderen wird es erst im Jugendalter diagnostiziert. Gerade für diese kann die Diagnose eine Erleichterung sein. Gerda Aßmayr erzählt, die Jugendlichen hätten plötzlich eine Antwort auf ihre Probleme in der Schule. Sie würden davor oft an sich zweifeln und sich die Frage stellen, ob sie blöd seien, etwas nicht können würden. Oft komme dazu, dass die Betroffenen die Motivation am Lernen verlieren. „Je länger die Schwierigkeiten nicht erkannt werden, umso unmotivierter und umso schwieriger wird es“, erklärt Aßmayr.

Im Zentrum für Lernen und Lernstörungen Lienz wird ein individueller Förderplan für die Kinder und Jugendlichen erstellt. Mit einem spielerischen Ansatz wird an den jeweiligen Lernschwierigkeiten gearbeitet. Zu Beginn jeder Einheit darf sich das Kind ein Spiel aussuchen. Im Regal stehen verschiedene Karten- und Brettspiele. Das gemeinsame Spiel solle die Möglichkeit bieten, im Lernzentrum anzukommen. Vieles wird auch mit Bewegung verbunden. So erzählt Gerda Aßmayr, dass mittels Schüssen auf ein Fußballtor kurze und lange Vokale geübt werden.
Wiederholung für Fortschritte
Die Lerntrainerin betont jedoch: „Die Einheiten im Lernzentrum reichen nicht aus.“ Die Kinder erhalten vor Ort Strategien, um mit ihren Problemen umgehen zu lernen. Diese müssen jedoch regelmäßig wiederholt und geübt werden. Das sei aber oft schwierig, da sie neben der Schule ein volles Nachmittagsprogramm hätten. „Der Ausgleich ist wichtig, gerade bei Kindern, die Schwierigkeiten oder gewisse Unruhen mit sich bringen“, befürwortet Aßmayr die Aktivitäten. Entscheidend sei jedoch die richtige Balance zwischen Freizeit und Üben.

Das Erlernte versuchen die Betroffenen in der Schule und in ihrem Alltag anzuwenden. Je besser sie damit zurechtkommen, umso weniger Unterstützung benötigen sie. Dennoch: „Eine Lernstörung oder -schwierigkeit zu haben, heißt, dass man sich ein Leben lang damit auseinandersetzen muss. Es geht nicht weg“, erklärt Aßmayr.
Steigende Nachfrage nach Förderplätzen
Laut Schätzungen des Ersten österreichischen Dachverbands für Legasthenie seien 15 Prozent der Weltbevölkerung von einer Lernschwäche in Schreiben, Lesen oder Rechnen betroffen. In einer Klasse mit 20 Schüler:innen könnte es somit drei betreffen.
„Es ist okay, wenn ich Fehler mache. Ich bin gut, so wie ich bin.“
Gerda Aßmayr, Leiterin Zentrum für Lernen und Lernstörungen Lienz
Im Lernzentrum in Lienz steigt die Nachfrage an Unterstützung aktuell an. Das Thema Lernstörungen wird offener behandelt, es werden mehr Diagnosen gestellt. Aber auch der Druck und Einfluss von außen auf die jungen Menschen steigt, sagt Aßmayr. Sie sieht besonders in den Corona-Jahren einen Grund für die erhöhte Nachfrage. Der Unterricht zu Hause sei für viele Familien eine Herausforderung gewesen.
Kinder würden vom gemeinsamen Lernen im Klassenzimmer profitieren, erklärt die Expertin. Dennoch läuft auch in den Schulen noch nicht alles perfekt. Es gibt im Schulsystem hinsichtlich Förderung und Unterstützung von Lernschwierigkeiten noch viel Luft nach oben. Es sei zwar schon viel passiert, aber: „In der Schule sind Vorgaben zu erfüllen, denen jemand mit einer Lernschwierigkeit nur schwer folgen kann. Ich glaube, es braucht eine gewisse Offenheit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“.
Das Zentrum für Lernen und Lernstörungen versucht, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihren Platz in diesem Schulsystem zu finden. Gerda Aßmayr und ihr Team wollen ihnen zeigen: „Es kann fein sein, in die Schule zu gehen.“ Lernen soll Spaß machen und die Kinder sollen lernen: „Es ist okay, wenn ich Fehler mache. Es hat nichts mit mir persönlich zu tun, ich bin gut, so wie ich bin“. Für Gerda Aßmayr ist es schön zu sehen, wie sich die Kinder und Jugendlichen über Erfolge freuen. Egal wie klein dieser Erfold auch ist, zeigt er ihr: „Wir geben nicht so schnell auf“.
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