Es ist ein Tag wie viele im Ortsteil Obermauern, Virgen. Unten rollen Autos durchs Tal, oben sucht Noah Lang nach der richtigen Thermik. „In der Luft kann man Motorradgeräusche oder die Sirene hören“, erzählt der 19-Jährige. Wenn er mit dem Gleitschirm unterwegs ist, wird der Alltag am Boden klein, wichtig sind dann Luft, Wind und Wetter.
Noah ist in Virgen daheim und derzeit beim Bundesheer. Davor hat er eine Lehre zum Metzger gemacht und noch ein Jahr weitergearbeitet. Seit Sommer 2022 paragleitet er regelmäßig, den Schein hat er bei Blue Sky in Sillian gemacht. Dass er einmal in der Luft landen würde, überraschend wohl kaum jemanden: „Es war für mich immer schon sehr interessant.“ Seine Eltern sind früher geflogen, der Vater tut es heute noch. Auch sein Bruder hat vor Kurzem mit der Ausbildung begonnen.

Schon als Kind probierte er mit einem alten Schirm im Feld herum, später bekam er einen Mini-Paraglider. Öfters hat er sich auf dem Feld ausgetobt, wie er selbst erzählt. Während seine Brüder meist nur zuschauten, wuchs bei ihm ein Ehrgeiz, den andere in seinem Alter so nicht teilen. „Also so viel Interesse für den Sport hatte in meinem Alter eigentlich selten jemand“, erklärt er.
Heute gehört Paragleiten fix zu seinem Alltag. Meist zieht er mit seinem Freund Nico los, manchmal auch allein. Mit dem Vater fliegt er nur noch ab und zu. In der Luft mag er die Mischung aus Freiheit und Konzentration. „Es kommt drauf an wie die Bedinungen sind“, sagt Noah, „aber eigentlich kann man seine Ruhe mehr oder weniger genießen.“


Wenn Noah vom Fliegen spricht, kommen schnell die Vögel ins Spiel. „Die Vögel sind eigentlich das Vorbild von Paragleitern“, meint er. Man schaut, staunt und weiß: „Sou güat wie a Vogel kun des a Mensch nie mochen.“ Einmal geriet er in das Revier eines Falken. Als der Raubvogel sein Revier verteidigte, machte Noah sofort einen kurzen Kurswechsel und flog weiter.
Paragleiten hat Noahs Sicht auf die Welt verändert. Vor allem auf das Wetter. „Früher hat mich das Wetter nicht wirklich interessiert“, sagt er. Heute liest er Wolken, Wind und Luft wie andere einen Wetterbericht am Handy. „Ein Mensch, der nicht paragleitet, schaut in dem Himmel und sagt: schönes Wetter. Ein Paragleiter sagt vielleicht: schöne Sonne, aber Flugwetter ist es nicht, es ist zu windig.“ Nicht jeder Tag ist fliegbar – in diesem Sommer kam Noah zwei Monate lang gar nicht in die Luft. Geduld gehört für ihn genauso dazu, wie Technik. „Paragleiten besteht aus Geduld und Akzeptanz“, fasst er zusammen. Noah erklärt auch, dass man in der Luft nichts erzwingen kann.


Ganz ohne Wettbewerb geht es trotzdem nicht. Hike-&-Fly-Rennen haben es ihm besonders angetan: raufgehen, runterfliegen, möglichst weit und schnell. In Salzburg, bei einem Rennen über rund 120 Kilometer, holt er alles aus sich heraus, was an Kraft und Kopf drinsteckt. Rund 40 Kilometer zu Fuß, dazu viele Höhenmeter. Auch beim Dolomitenmann war Noah schon mehrmals am Start. Sein Einstieg dort war außergewöhnlich: Ein Team suchte kurz vor dem Bewerb einen Paragleiter, ein Freund rief an – wenige Stunden später stand er beim Briefing in Lienz.
Abseits des Fliegens verbringt Noah viel Zeit in den Bergen, mit oder ohne Schirm. Bewegung gehört für ihn einfach dazu - Wandern, Laufen, Trail Running und im Winter Eishockey. Erst kürzlich wanderte er noch nach der Arbeit auf den Rauhkopf, einen 3.070 Meter hohen Gipfel. Solche Wanderungen nach der Arbeit seien zwar nicht sein Alltag, machen ihn aber umso mehr Spaß. Partys sind seltener geworden. Früher war er oft auf Festen unterwegs, mittlerweile verschlägt es ihn nur mehr selten dorthin - und dann meistens als Fahrer.

Auf die Frage, wie ihn Familie und Freunde beschreiben würden, denkt er kurz, dann meint Noah: „Verrückt, ehrgeizig und humorvoll.“ Am Anfang könne er schüchtern sein, sagt er, das hänge von der Person ab. In der Luft ist er vorsichtiger geworden, probiert aber mit Freunden gerne auch einmal mehr aus. „Das mach ich ganz gern, ist ganz cool“, sagt er über seine Loopings in der Luft.
Wirklich wichtig sind ihm die Menschen, mit denen er unterwegs ist. „Ohne meinen Kumpel, hätte ich nie mit Hike & Fly angefangen“, sagt Noah. In der Gruppe tauscht man Wetterinfos aus, plant Routen und motiviert sich gegenseitig. „Sobald du startest, bist du eigentlich auf dich gestellt.“


Sein Rat an jüngere Sportler:innen klingt erstaunlich: „Lass den Alkohol weg. Trink nichts und schau, dass du so viel wie möglich Erfahrung sammeln kannst. Geduld ist alles.“ Wenn Noah zum Schluss sagt: „I kun Paragleiten eigentlich echt besser beschreiben, wie mi selba“, passt das gut zu ihm. Vielleicht, weil er sich dort oben am besten kennt: irgendwo zwischen Virgen und den Wolken.

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