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Legionellenausbruch: Wo entsteht die Gefahr?

Virologe Gernot Walder erklärt, wo die Bakterien lauern, wie sie sich verbreiten und was dagegen hilft.

Anfang Juli kam es zu einem Legionellenausbruch in Linz, bei dem mittlerweile drei Personen gestorben sind. Schuld tragen dafür wohl nachlässig gewartete Anlagen. Die Fallzahl der an Legionellen erkrankten Menschen steigt in den letzten Jahren. Der Virologe Gernot Walder klärt auf über Mythen rund um die Bakterien, wie man die Linzer Situation in Zukunft verhindern kann und was man bei sich zu Hause beachten muss, um sich selbst vor Legionellen zu schützen.


Aktuell machen wieder einmal die Legionellen Schlagzeilen. 2024 gab es einen Ausbruch in Bregenz, derzeit ist Linz betroffen, 31 Menschen sind dort an Legionellen erkrankt. Drei Betroffene sind gestorben. Was ist das für eine Krankheit?

Legionellen sind Bakterien, die sich in allen Arten wasserführender Systeme anreichern können – in Wasserleitungen, Kühltürmen, Beregnungsanlagen etc. Die Übertragung  erfolgt über feine Wassertröpfchen. Werden erregerhaltige Tröpfchen eingeatmet, können sie eine schwere Lungenentzündung verursachen, die Legionärskrankheit, oder einen fieberhaften, oft milder verlaufenden Infekt, das Pontiac-Fieber. Und das ist kein Randphänomen: Die AGES hat für 2025 österreichweit 419 gemeldete Erkrankungen registriert, ein Rekordwert und ein Plus von fast 20 Prozent gegenüber 2024. Die beiden großen Ausbrüche sind also nur die sichtbare Spitze – und die Dunkelziffer ist hoch.

Was sind denn die Symptome, an denen man eine Legionellen-Infektion selbst frühzeitig erkennen oder zumindest vermuten kann? Wann soll man sich denn untersuchen lassen?

Es gibt keine typischen Symptome. Jede Lungenentzündung, jeder respiratorische Infekt und jedes unklare Fieber kann grundsätzlich durch Legionellen verursacht sein. Der Nachweis ist allerdings nicht einfach, ein erheblicher Teil der Legionellosen wird nicht erkannt. Das ist deshalb problematisch, weil viele der gängigen Antibiotika nicht gegen Legionellen wirksam sind. Wird die Diagnose gestellt, gibt es sehr gut wirksame Medikamente – wird rein empirisch behandelt, behandelt man an der Ursache meistens vorbei. Schwere oder langanhaltende Infekte sind daher immer ärztlich abzuklären.

Eine Wasserprobe wird genommen. Gernot Walder untersucht diese Proben in seinem Labor in Außervillgraten auch auf Legionellen. Foto: Expa Groder

Medial sorgen nur größere Legionellen-Ausbrüche für Aufmerksamkeit, weil da viele Menschen betroffen sind. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass man nicht beim Wassertrinken infiziert wird, sondern durch Aerosole, also feinste Sprühnebel mit belasteten Tröpfchen. Wo trifft man denn auf solche Sprühnebel? 

In jeder Dusche, bei Wasserhähnen mit Luftzumischung, bei allen Beregnungs- und Sprinkleranlagen, bei Whirlpools, Luftbefeuchtern, Kühltürmen, Hochdruckreinigern – die Liste ist lang. Faustregel: Je feiner die Öffnung und je höher der Druck, desto feiner und lungengängiger ist das Aerosol. Seltener kann es auch zur Infektion kommen, wenn belastetes Wasser versehentlich in die Atemwege gelangt, etwa wenn man sich “verschluckt”.

Wie weit fliegen die Tröpfchen denn? In Linz haben Kühlanlagen für die Verbreitung gesorgt. Gibt es solche Anlagen auch in Osttirol? Oder andere potenzielle Tröpfchen-Schleudern? 

Das hängt von der Größe der Tröpfchen und den Umgebungsbedingungen ab. Bei Duschen und Armaturen reden wir über Meter, bei Kühltürmen über Kilometer: Dokumentiert sind Verschleppungen über mehrere Kilometer, wobei sich das erhöhte Risiko meist auf einige hundert Meter bis wenige Kilometer im Windschatten (Lee) der Anlage konzentriert. Genau deshalb war in Bregenz der Kühlturm eines Verpackungsbetriebs die wahrscheinliche Quelle – die meisten Fälle traten in seinem Windkegel auf.

Wo in Osttirol Verdunstungskühlanlagen betrieben werden, müsste über ein entsprechendes Anlagenregister beziehungsweise durch die zuständigen Behörden erhoben werden. Ich möchte da keine einzelnen Betreiber herausgreifen. Unabhängig davon gibt es genügend andere Aerosolquellen: Duschanlagen in Hotels, Sportstätten und Schulen, Hallenbäder und Wellnessbereiche, Beregnungsanlagen und Waschanlagen.

In welchem Klima fühlen sich die Bakterien denn besonders wohl? 

Am schnellsten vermehren sich Legionellen zwischen etwa 25 und 45 °C, besonders wenn das Wasser lange stagniert und das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen ungünstig ist. Nur unter 20°C und über 55°C vermehren sich Legionellen nicht mehr. Eine Warmwasseranlage, die mit 50°C betrieben wird, kann verkeimen – obwohl diese Temperatur rechnerisch schon oberhalb des Optimums liegt. Einerseits werden Legionellen vom Biofilm in den Leitungen geschützt – und zweitens kommt die Temperatur, die am Speicher eingestellt ist, nicht am Duschkopf an: Über das Verteilsystem verliert man Temperatur, in schlecht durchströmten Strängen und Einzelzuleitungen sind es dann rasch 40 °C – und genau dort erfolgt die Vermehrung.

Legionellen sind also ungesund und sollten nicht gezüchtet werden. Die ÖNORM B1921 (Warmwasser- oder Legionellennorm) liefert die Grundlage für eine sichere Betriebsführung: Da ab 55 °C praktisch keine relevante Vermehrung mehr stattfindet verlangt die ÖNORM B 1921, dass an jeder Entnahmestelle spätestens nach 30s eine Warmwassertemperatur von 55°C erreicht wird. Die Austrittstemperatur am Warmwasserbereiter muss entsprechend höher liegen, typischerweise um etwa 5°C. 

Boiler, Zirkulationspumpen oder Begleitheizungen sollen daher nie abgeschaltet werden – auch nicht während des Urlaubes, in der Zwischensaison oder bei längeren Betriebsunterbrechungen. Ein periodisches Aufheizen, die berühmte Legionellenschaltung, ist ausdrücklich keine Maßnahme für einen sicheren Betrieb – sie führt oft zu mikrobiologisch instabilen Systemen.

Warmwassersysteme sind das Hauptrevier der Legionellen. Nicht vergessen darf man aber die Kaltwasserseite: Kaltwasser, das in warmen Leitungen über 25 °C erreicht, ist ein eigenständiges Risiko und wird in der Norm auch entsprechend gewichtet.

Untersucht ihr in eurem Labor in Außervillgraten auch Wasser auf Legionellen? Die kommen ja  recht häufig vor. Wann klingeln denn die Alarmglocken?

Ja, diese Untersuchungen führen wir durch und haben auf diesem Sektor jahrzehntelange Erfahrung. Grundsätzlich müssen Wasserinstallationen regelmäßig auf Legionellen, Pseudomonas aeruginosa und die Anzahl vermehrungsfähiger Keime bei 37 °C beziehungsweise 22 °C untersucht werden. Das ist eine sehr sinnvolle und wesentliche Maßnahme, die das Risiko von Ausbrüchen wie in Oberösterreich oder vor einiger Zeit in Vorarlberg minimiert.

Jeder Nachweis von Legionellen ist ernst zu nehmen. Ab 100 koloniebildenden Einheiten pro 100 Milliliter ist ein System nach der Norm hygienisch mangelhaft – und ein mangelhaftes System nicht zu sanieren wäre töricht und gefährlich. Über das Ob gibt es keinen Ermessensspielraum; der Sachverständige entscheidet über den Umfang der Sanierung. Dazu bewertet er, wie hoch der Befund ist, an wie vielen Stellen er auftritt, ob die Kontamination systemisch, peripher oder lokal ist und wie sich die Werte gegenüber den Voruntersuchungen entwickelt haben. Der Aufwand ist meist überschaubar, niemand muss befürchten, dass er dabei mehr austauschen muss als seinen Perlator oder den Duschschlauch. Die eigentliche Sanierung erfolgt thermisch. Anschließend muss der Erfolg der Maßnahmen durch Folgeuntersuchungen belegt werden.

Unser Labor differenziert dabei zwischen Legionella pneumophila Serogruppe 1, L. pneumophila Serogruppe 2-15 und Umweltlegionellen. Das verlangt die Norm und ist keine akademische Feinheit: Legionella pneumophila, besonders Serogruppe 1 verursacht den Großteil der schweren Erkrankungen.

Einige Fragen zur Vorsorge bzw. Vorbeugung. Was muss man beachten, um im eigenen Heim vor Legionellen sicher zu sein? Muss man Angst haben, wenn man einen Boiler länger ausgeschaltet hat – etwa im Urlaub – und dann zum ersten Mal unter die Dusche steigt? Gibt es andere private „Legionellen-Herde“ die kritisch sein könnten? 

Wer wissen will, ob das eigene Warmwasser tatsächlich „gesund“ ist, muss nachschauen: Ein ordnungsgemäßer Betrieb in einem sicheren Temperaturbereich ist die Voraussetzung, eine Messung zeigt, ob sie erfüllt ist und ausreichend wirkt. Die Bakterien unterscheiden nicht zwischen Krankenhaus und Einfamilienhaus. Gerade bei Wärmepumpen mit niedrigen Speichertemperaturen, bei Solaranlagen mit Vorwärmstufen, bei selten genutzten Gästebädern oder nach einem Umbau lohnt sich eine Untersuchung nach den Kriterien der Norm auch im Privathaus. In betrieblichen und öffentlichen Gebäuden ist das sowieso gefordert.

Für den Alltag gilt:

-  Temperatur: Warmwasserspeicher dauerhaft auf mindestens 60 °C, Zirkulation an keiner Stelle unter 55 °C, Kaltwasser möglichst unter 20 °C.

-  Nach längerer Abwesenheit: nicht sofort unter die Dusche. Zuerst alle Auslässe – auch die selten genutzten – spülen: Kaltwasser bis es stabil kalt ist, Warmwasser bis es stabil heiß ist, optimalerweise heißer als 55°C. Dabei sollte man das Einatmen von Aerosolen vermeiden, also keine oder möglichst geringe Verneblung, Fenster öffnen und den Duschkopf über den Ablauf halten.

-  Private Problemzonen: Duschschläuche, Handbrausen und Strahlregler sind klassische Biofilmträger. Sie gehören regelmäßig kontrolliert, gereinigt und bei Bedarf getauscht.

Wasser- und Energiesparen ist grundsätzlich richtig, darf aber nicht dazu führen, dass Warmwasseranlagen dauerhaft mit hygienisch ungeeigneten Temperaturen betrieben oder Zirkulationssysteme zeitweise abgeschaltet werden. Beim Warmwasser gilt: Sparsamkeit ist eine Tugend, aber Geiz ist eine Todsünde.

Und welche öffentlichen Institutionen oder Firmen sollten ihre Anlagen regelmäßig auf Legionellen-Belastung untersuchen lassen? Sind zum Beispiel ältere Wohnanlagen mit alten Wasserleitungen kritisch? Was kann eine Schule, ein Unternehmen, etc. tun, um das Risiko wirkungsvoll einzugrenzen? 

Natürlich medizinische Einrichtungen, aber auch Schulen, Kindergärten, Einrichtungen der Alten- und Behindertenbetreuung, Krankenanstalten, Sportanlagen, Hallenbäder und Beherbergungsbetriebe – vom Fünf-Sterne-Hotel bis zum Campingplatz. Hier sieht die ÖNORM B1921 regelmäßige Überprüfung explizit vor. Die Intervalle richten sich nach dem Nutzungsbereich: In Krankenhäusern und Pflegeheimen wird dichter geprüft als in Bürogebäuden, die übliche Frequenz ist einmal pro Jahr. Läuft ein System über längere Zeit technisch und mikrobiologisch einwandfrei, können die Intervalle verlängert werden. Das ist wie beim Auto, bei Aufzügen oder Feuerlöschern.

Alte Leitungen sind übrigens nicht automatisch das Hauptproblem. Kritisch sind vor allem Totleitungen, überdimensionierte Rohre und Speicher, selten genutzte Auslässe und zu niedrige Temperaturen. Auch eine neue Anlage kann hygienisch mangelhaft sein, wenn sie falsch geplant, unzureichend in Betrieb genommen wurde oder nicht bestimmungsgemäß betrieben wird. Genau diese Konstellation findet man häufig in Wohnanlagen mit leerstehenden Wohnungen, in Schulen nach den Ferien oder in Sport- und Freizeitanlagen zu Saisonbeginn.

Die Norm verlangt in Schulen und Beherbergungsbetrieben nach mehr als neun Monaten Unterbrechung, in Pflegeheimen und Krankenhäusern schon nach mehr als drei Monaten Unterbrechung eine vollständige Erstuntersuchung.

Den Gemeinden kommt dabei eine doppelte Bedeutung zu: Als Betreiber vieler relevanter Einrichtungen haben sie eine Sorgfalts- und Prüfpflicht, gleichzeitig aber auch eine Vorbildfunktion. Als Baubehörde müssen sie darauf achten, dass Installationssysteme normgerecht übergeben und mikrobiologisch geprüft werden. Das ist wie beim Brandschutz. Auch wenn Legionellenfälle weniger auffällig sind als Brände, können sie tödlich sein – und sie haben Konsequenzen: Nach dem Bregenzer Ausbruch müssen sich drei Personen vor Gericht verantworten. Die Gefahrenquelle im Nachhinein aufzuklären und zu sanieren ist oft schwierig. Vorbeugen ist essenziell.

Ich vermute einmal, der Gernot Walder hat eine Villgrater Faustregel, wie man ohne viel Schnickschnack eine Erkrankung vermeidet. Nur eiskalt duschen? 

Nicht eiskalt duschen sondern Legionellen eiskalt ausbremsen: Konsequent prüfen, die Installation von einem Fachbetrieb ausführen und warten lassen, die Temperaturen korrekt einstellen und lange Stagnation vermeiden.

Paul Nerud

Paul Nerud stammt aus Oberdrauburg und absolviert in Wien zwei Masterstudien in Politik- und Umweltwissenschaft. Bei Dolomitenstadt absolviert er ein journalistisches Praktikum. Mehr von Paul Nerud

Ein Posting

gutmensch
vor 40 Minuten

Sehr interessant. Vielen Dank dafür!

 
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