Es ist ein wunderschöner Tag in Prägraten, als Maria die Tür zum „Eierhüsle" aufsperrt. Draußen, im Garten, gackern die Hühner, drinnen liegen lauter Eierkartons. Sie greift ins Nest, legt ein Ei in den Karton. Ein paar Meter weiter zieht Martha die ersten Laibe Brot aus dem Ofen. Hoch oben, auf 1.535 Metern, verkostet Adolf Berger am „Oubabichlerhof" ein Stamperl seines neu angesetzten Vogelbeerlikörs. „Selbst Schnitzel wird bei uns keines gekauft", sagt er. Für ihn ist das normal.
Willkommen in Prägraten am Großvenediger. Hier ist Regionalität kein Wort auf der Speisekarte. Sondern für die meisten Menschen Alltag.
Warum Herkunft plötzlich alle interessiert
Seit 2023 fordern die Jungbauern in Österreich eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung auf Speisekarten. Gäste sollen sehen können, ob Fleisch, Milch oder Eier aus Österreich kommen, oder aus dem Ausland. Drei Punkte stehen dahinter:
Erstens: Transparenz: Woher kommt mein Essen? Zweitens: Fairer Wettbewerb: Heimische Betriebe sollen im Preisvergleich mit Importen geschützt werden. Drittens: Vorbildwirkung: Was in Kantinen schon gilt, soll jetzt auch für Restaurants und Gasthöfe kommen. In Wien wird darüber geredet. In Prägraten wird es gelebt.
Das „Eierhüsle" – 150 Hühner, eine Leidenschaft
Maria und Andreas betreiben am Wuachzahof ihr „Eierhüsle" seit 2018. Was als Nebenverdienst begann, ist heute ein Fixpunkt im Dorf. 150 Hühner legen täglich bis zu 150 Eier. Trotzdem ist das Hüttchen oft leer. „Weil hier kaufen natürlich auch die Gäste im Sommer ihre Eier", sagt Maria. Im Sommer gibt es deshalb auch Sechser-Kartons statt nur Zehner. Die Nachfrage ist so groß, dass die Hühner mit dem Legen kaum nachkommen.
Die beiden „Wuachzas" achten selbst auf Regionalität. Gemüse und Obst kaufen sie bei anderen Bauern in Prägraten, wenn das nicht möglich ist, achten sie auch im Geschäft darauf, dass es immer saisonal ist. Ihre Eier liefern sie an Einheimische, Gasthäuser, Hütten und kleine Läden.
Marthas „Brötladele" – Duft von Heimat
Samstagmorgen in Prägraten. Der Parkplatz vor Marthas „Brötladele" ist um 9:30 Uhr voll. Die Leute stehen bereits an – für ein Stück Kuchen oder einen Laib Brot.
Seit Corona beliefert Martha quasi das Dorf. Mal gibt es nur Brot, mal auch Speck, selbstgeselchte Würstel oder Marmelade. Die Öffnungszeiten? Auf einer Tafel am Parkplatz oder per WhatsApp-Status. Der Andrang ist groß. Auch sie achtet bei der Herstellung ihrer Produkte darauf regionale Zutaten zu verwenden. Eier und Milch bekommt sie beispielsweise vom eigenen Hof. Beim Essen gehen im Restaurant – was Martha eher als Seltenes Ereignis betitelt – achtet sie darauf vorwiegend Produkte aus der Umgebung zu Essen.
Der „Oberbichlerhof" – Leben auf 1.535 Metern
Oberhalb von Prägraten thront der höchstgelegene Bergbauernhof des Tals. Adolf Berger, der Altbauer, sagt: „Der Oberbichlerhof könnte monatelang ohne Supermärkte überleben."
Sein Sohn Matthias ist Ranger im Nationalpark Hohe Tauern und führt den Betrieb weiter – mit eigener Schnapsbrennerei. Die Familie ernährt sich fast nur von eigenen Produkten. Fleisch: selbst geschossen oder vom Hof. Gemüse: aus dem Garten. Auch die Gäste freuen sich über ein Frühstück aus regionalen Produkten. Neben Schnaps liefert der Hof Wild- oder Lammfleisch an Gasthäuser im Dorf – darunter das Gasthaus Großvenediger.
Eisseehütte – Regionalität auf 2.521 Metern
Bianca Islitzer empfängt uns auf der Eisseehütte. 2.521 Meter hoch. Hier ist Regionalität schwer. Die Familie hat Lösungen gefunden. Acht eigene Hühner versorgen sie mit Eiern. Unten im Dorf halten sie Bienen für eigenen Honig.
Markus, Biancas Mann, ist Jäger. Es gibt oft selbstgeschossenes Fleisch entweder frisch auf der Hütte zubereitet oder geselcht zuhause. Auch beim Kuchenangebot setzt man, anders wie viele andere, auf selbstgemachtes. Anstatt tiefgefrorenen Apfelstrudel wie man ihn auf manch anderer Hütte bekommt, wird er hier immer frisch vom Koch gebacken. „Es ist schwierig, aber wir machen es trotzdem", sagt Bianca. Gäste schmecken den Unterschied.
Gasthaus Großvenediger – Wenn Regionalität zum Konzept wird
Birgit und Gottfried Steiner betreiben das Gasthaus Großvenediger. Seit Jahren setzen sie auf regionale Produkte. Für sie ist die geplante Herkunftskennzeichnung keine Belastung. Sondern eine Bestätigung.
Fleisch und Schnaps vom „Oubabichlerhof", Eier vom „Eierhüsle", Obst und Spirituosen von Bauern aus der Gegend. „Das Restaurant ist zwar etwas teurer", sagt Gottfried, „aber die regionalen Produkte kommen bei den Gästen gut an."
Der Bauernladen – Ein Stück Heimat
Im Dorfzentrum der Nachbargemeinde Virgen steht der Bauernladen. Hier gibt es Produkte fast aller Bauern, die es in der Umgebung gibt.
Fleisch, Eier, Milch, Käse. Dazu Kuchen, Brot, Krapfen, Sirup, Marmeladen, Schnäpse. Sogar Salben und Bastelzeug. Einheimische kaufen hier ein. Gäste nehmen sich auch etwas mit.
Prägraten zeigt, wie es gehen könnte
Die Herkunftskennzeichnung macht sichtbar, was in Prägraten längst gilt: ein regionaler Kreislauf. Bauern, Direktvermarkter, Gastronomie und Gäste tragen ihn. Heimische Produkte finden ihren Weg vom Hof auf den Teller. Nicht wegen einer Vorschrift. Sondern weil es hier so ist.
Die Stimmen der Bauern dazu – Maria, Adolf, Martha und die anderen – gibt es im Video zu dieser Geschichte. Dort erzählen sie selbst, wie sie Regionalität leben.
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