Warum der 380-kV-Ringschluss im Süden Österreichs alternativlos ist, wieso Erdkabel nicht Stand der Technik sind und wie der weitere Projektfahrplan aussieht, erklärt APG-Projektleiter Wolfgang Hafner im Interview.

Herr Hafner, rund 25 Prozent der Trasse wurden seit der Präsentation der Grobtrasse 2025 verändert. Was waren die Gründe dafür?
Bei einem Infrastrukturprojekt von 193 km durch Kärnten und einen Teil Osttirols gibt es natürlich viele Fragen, aber auch viele zu berücksichtigende Themen, um ein einreichfähiges Projekt zu erstellen. Die häufigsten Fragen sind: Brauchen wir das überhaupt? Was hat die Bevölkerung davon? Gibt es eine Gesundheitsgefährdung? Wo wird die Trasse verlaufen? Warum werden keine Erdkabel verlegt?
Da war es wichtig, dass wir von Anfang an transparent und sehr breit, von Infomessen bis zur Infoplattform, informiert haben. Dies mit all unseren Fachexperten, die schon viele Genehmigungsverfahren begleitet haben.
Um so ein Projekt zu planen und die Einreichunterlagen (sicher mehrere tausend Seiten) zu erstellen, sind viele Fachexperten notwendig. Auch um die Untersuchungen zu allen möglichen Auswirkungen dieses Projektes auf Menschen und Natur durchführen.
Dabei gibt es Rahmenbedingungen, die eingehalten werden müssen. Etwa: Gibt es geologisch sichere Standorte, die auch ökologisch passen und so weit wie möglich von Siedlungen weg sind. Das Ziel ist, ein einreichfähiges Projekt, das auch genehmigt wird, zu planen.
Trotz dieser Planungsvorgaben ist es uns in einem gemeinsamen Prozess der Experten mit der Bevölkerung gelungen, in über 25 Prozent der Trassenlänge von der ursprünglichen Grobtrasse abzuweichen. Dies hat wesentlich zur hohen Akzeptanz dieses Projektes beigetragen.
Ein Korridor von 70 Metern ist nun fixiert. Ab wann wissen betroffene Grundeigentümer ganz genau, ob ein Mast auf ihrem Grund stehen wird? Was sind die nächsten Schritte für die Grundeigentümer?
Wir befinden uns mitten in der Detailplanung. Da werden von unterschiedlichen Experten innerhalb der 70 Meter breiten Planungstrasse endgültig die Maststandorte und Zufahrten fixiert. Dazu laufen derzeit ganz viele Gespräche mit den jeweiligen Grundeigentümern. Ziel ist es, die Ergebnisse bis zum Spätherbst des heurigen Jahres wieder bei Infomessen in allen Regionen zu präsentieren.
Die geologischen und ökologischen Detailuntersuchungen – z.B. Frühjahrskartierung – laufen weiter und dadurch kann es noch zu kleinräumigen Anpassungen kommen.
Manche Anwohner sorgen sich bei 380-kV-Leitungen um Wertverlust ihrer Immobilien und Gesundheitsschäden durch elektromagnetische Felder. Wie begegnen Sie diesen Bedenken direkt vor Ort?
Wie bei allen anderen großen Infrastrukturprojekten erfolgen die Entschädigungszahlungen für die Grundbesitzer auf Basis einer mit der jeweiligen Landwirtschaftskammer vereinbarten Rahmenvereinbarung. Dies gewährleistet, dass alle gleichbehandelt werden. Die dafür notwendigen Verkehrswertberechnungen und Waldgutachten werden von gerichtlich beeideten Sachverständigen durchgeführt.
Das Thema Gesundheit ist immer ein zentrales im Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren. Wir beschäftigen uns gemeinsam mit international anerkannten Experten schon sehr viele Jahre damit. Alle medizinischen Studien der neueren Zeit zeigen keine Auswirkungen auf den Menschen durch elektrische und magnetische Felder unserer Leitungen.
Der Vergleich unserer Emissionen mit den Grenzwerten zeigt, dass wir weit darunter liegen. Dies kann sowohl berechnet als auch bei bestehenden Leitungen gemessen werden.
Regelmäßig kommt bei solchen Großprojekten die Forderung nach einer Erdkabel-Lösung. Warum wird im Netzraum Kärnten auf Freileitungen statt Erdkabel gesetzt?
Mit dem Thema Kabel beschäftigen wir uns schon viele Jahre und haben dazu auch internationale Kooperationen. Die Erfahrungen der in den letzten Jahren realisierten Pilotprojekte – vor allem in Deutschland – zeigen, dass das Kabel keine Alternative zu Freileitungen ist.
Schon in der Planung zeigte sich, dass der ökologische Eingriff bei Erdkabeln ein wesentlich höherer wäre. Man kann das mit dem Bau einer neuen Autobahn vergleichen.
Auch die Akzeptanz der betroffenen Grundeigentümer war überwiegend nicht vorhanden. Das Genehmigungsverfahren wäre auf Grund der Vielzahl an Themen wesentlich aufwendiger.
Auch der Bau eines Kabels ist wesentlich aufwendiger – Gräben, Bäche, usw. müssen überwunden werden. Bestehende Einbauten (Dränagen, Leitungen anderer Infrastrukturträger) stellen eine sehr große Herausforderung dar.
Im Betrieb sind Kabelstrecken wegen ihres unterschiedlichen Betriebsverhaltens ein wesentlicher Problempunkt: Reparaturen dauern länger und die Lebensdauer ist deutlich kürzer. Und zu guter Letzt sind die Kosten um ein Vielfaches höher.
Zuletzt gab es vereinzelt Vorschläge, einfach die Kapazität bestehender Leitungen mit neuartigen Karbonseilen zu erhöhen und damit neue Masten zu verhindern. Ist das realistisch?
Klare Antwort: Nein. Wir haben die Aufrüstung und einen Ersatzneubau der bestehenden 220-kV-Leitung geprüft – viele technische Rahmenbedingen sprechen aber dagegen. Alle Möglichkeiten der Ertüchtigung wurden an der bestehenden Leitung bereits umgesetzt – mehr ist schlichtweg nicht möglich; die technischen Grenzen im Netzbetrieb sind hier erreicht. Ein weiteres Aufrüsten bzw. eine weitere Steigerung der Stromstärke, etwa durch den Einsatz von Hochtemperatur- oder Karbonseilen, ist nicht möglich. Für jede Spannungsebene (110 kV, 220 kV, 380 kV) gibt es netzbetriebliche Grenzen für die Stromstärke, man kann den Stromfluss nicht beliebig steigern, sonst wird das gesamte System instabil.
Die Vorgabe des österreichischen Netzinfrastrukturplans gibt einen 5-Gigawatt-Korridor vor. Dies ist nur über eine neue 380-kV-Freileitung zu erreichen, wie sie im Projekt geplant ist. Unser gesetzlicher Auftrag ist, für die Sicherheit und Resilienz der Stromversorgung in Kärnten und Osttirol zu sorgen.
Wie stellen Sie im bevorstehenden UVP-Verfahren sicher, dass sensible Naturräume und der Tourismus nicht nachhaltig beeinflusst werden?
Die Trasse ist so geplant, dass Auswirkungen auf Mensch und Natur möglichst klein gehalten werden. Umfassende wissenschaftliche Voruntersuchungen sind in die Planungen eingeflossen. Wir stellen sicher, dass Maststandorte und Überspannungen landschaftsgerecht umgesetzt werden. Beispiele bestehender Trassen in anderen Bundesländern zeigen keine nennenswerte Beeinträchtigung des Tourismus.
Ein Mast auf dem eigenen Feld bedeutet Einschränkungen. Wie sieht der finanzielle Ausgleich für die Landwirte und Grundeigentümer konkret aus?
Wir nehmen diesen Punkt sehr ernst. Hier stehen wir, wie erwähnt, ebenfalls im intensiven Dialog – etwa mit der Landwirtschaftskammer, die ihre Expertise einbringt. Wir sind zuversichtlich, hier für alle Beteiligten tragfähige Einigungen zustande zu bringen.
Wir sprechen über eine Fertigstellung im Kontext der Energieziele bis 2040. Wann rollen für den Netzraum Kärnten tatsächlich die ersten Bagger an?
Das Projekt ist ein sogenanntes PCI-Projekt (Project of Common Interest) mit einem von der Behörde schon festgelegten Zeitplan für die Genehmigungen. Es ist geplant, dass die Umsetzung so erfolgt, dass wir ab 2033 bis 2035 an Netz gehen können.
Hebelt dieser Status als PCI-Projekt im Zweifel die Einspruchsrechte von Gemeinden und Bürgerinitiativen aus?
Das Projekt Netzraum Kärnten hat von der EU den PCI-Status bekommen und ist somit im überragenden öffentlichen Interesse. Die PCI-Verordnung gibt auch wesentliche Dinge zum Genehmigungsverfahren vor. Etwa die transparente Einbindung der Öffentlichkeit oder eine mündliche Erörterung im Verfahren. Zudem ist ein verbindlicher Zeitplan für den Projektwerber und die Genehmigungsbehörde zu veröffentlichen. Das ist schon erfolgt. Festgeschrieben ist auch: Das Projekt muss vordringlich behandelt werden.
Auf den Punkt gebracht: Was bedeutet es, wenn dieses Projekt nicht oder nur mit jahrelanger Verzögerung gebaut wird?
Wir haben in den letzten Jahren in ganz Österreich schon sieben UVP-Projekte erfolgreich umgesetzt und sind sehr zuversichtlich, dass uns dies auch in Osttirol und Kärnten beim Ringschluss des österreichischen 380-kV-Ringes gelingen wird.
Weiterführende Informationen:
Infoportal zum Projekt mit Möglichkeit zur direkten Partizipation
Direkter Link zur interaktiven Karte der aktuellen Trassenführung