Im heurigen November findet der erste Tiroler Jugendlandtag statt, an dem eine repräsentative Anzahl an zufällig ausgewählten Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren teilnehmen wird. Flankiert wird das Format von Joanna Egger, Politikwissenschafterin und unabhängiger Bildungsexpertin, die als Prozessbegleiterin mit den jungen Menschen zusammenarbeiten wird. Die organisatorische Abwicklung verantwortet das Land Tirol, auch der Umgang mit den Anträgen der Jugendlichen obliegt dem Tiroler Landtag.

Egger ist dagegen für die Unterstützung der Jugendlichen bei der Vorbereitung und Erarbeitung der Anträge vor der Landtagssitzung zuständig. Im Dolomitenstadt-Interview verrät sie, welche Themen voraussichtlich behandelt werden, wie mit Dissens umgegangen wird und wie es um die Politik- und Demokratiekompetenz der Jugend allgemein steht.
Wie wurden die Jugendlichen ausgewählt?
Per Zufallsprinzip wurden etwas über 800 Jugendliche aus Tirol ausgewählt. Dabei wurde auf eine gleichmäßige Verteilung von Geschlecht, Region, Alter geachtet.
Das Spannende an dieser Auswahl ist, dass Menschen dabei sind, die vielleicht noch nicht so oft gehört wurden oder möglicherweise auch weniger Chancen im Leben haben. Das ist wichtig, denn wenn die Gruppe möglichst divers und unterschiedlich ist, dann kann ein wirklicher Austausch stattfinden.
Eingeladene Jugendliche dürfen einen Buddy zum Jugendlandtag mitbringen. Warum hat man sich für dieses System entschieden?
Junge Menschen trauen sich oft mehr, wenn jemand dabei ist, den sie kennen. Mit den richtigen Methoden wächst die Gruppe zwar nach kurzer Zeit zusammen, aber für den Anfang ist die Hemmschwelle niedriger, wenn die Jugendlichen jemanden dabei haben, auf den sie sich verlassen können.
Wie viele Anmeldungen sind bis jetzt schon eingegangen?
Die Anmeldefrist läuft noch. Die genaue Zahl an Anmeldungen bzw. nominierten Buddys wissen wir final erst danach.
Wie bereitet man Jugendliche auf so ein Format vor?
Ganz wichtig ist, dass sich die Jugendlichen orientieren können und wissen, wie zum Beispiel eine Landtagssitzung abläuft. Sie müssen sich auch als Gruppe kennenlernen, da sie mehrere Tage zusammenarbeiten - dafür gibt es verschiedene Methoden.
Zudem haben alle über 800 eingeladenen Jugendlichen im Vorfeld Zugang zu einer Umfrage bekommen, in der die wichtigen Themen erhoben werden. Vor Ort schauen wir dann, wer sich für welchen Bereich am meisten interessiert. Daraus entstehen Gruppen, die wie in Ausschüssen zusammenarbeiten und Anträge für die Sitzung vorbereiten - so wie die Erwachsenen im Landtag.
Gibt es schon einen Einblick in die Themenvorschläge?
Nein, den habe ich noch nicht und die Umfrage läuft auch noch. Aber Mitbestimmung, Freizeit, Mobilität, Bildung und Inklusion sind sicher Themenbereiche. Die Schwerpunkte erfahre ich allerdings auch erst, wenn die Umfrage abgeschlossen ist. Denn es soll nicht schon ein fertiges Konzept sein, das sich Erwachsene überlegen, sondern die Jugendlichen sollen selber mitteilen, was sie interessiert.
Die genannten Beispiele sind aber Themen, die schon zur Auswahl stehen?
Ja, es gibt schon viele gute Daten und von Jugendlichen erarbeitete Themenfelder, an denen wir uns orientieren, wie z.B. Ergebnisse des Institut für Jugendkulturforschung, die europäischen Jugendziele oder die österreichische bzw. die Tiroler Jugendstrategie. Davon ausgehend haben wir breite Themenfelder vorgeschlagen. Entscheiden sollen das die Jugendlichen.
Wie werden die Jugendlichen in der Phase der Ausschüsse begleitet?
Für die unterschiedlichen Themenbereiche gibt es Expert:innen, die einen Vormittag lang mit den jungen Menschen arbeiten und ihnen als Auskunftgeber:innen zur Verfügung stehen. Die Jugendlichen bekommen auch sogenannte Templates, wo sie notieren, was für sie zentral ist und woraus ein Antrag entstehen könnte.
Am Nachmittag geht es vor allem darum, zu schauen, wie ein Antrag konkret und rechtlich stimmig formuliert werden kann. Da arbeiten wir mit verschiedensten kreativen Methoden, um vom Abstrakten immer mehr ins Konkrete zu kommen.

Wenn bunt gemischte Jugendliche aufeinander treffen, gibt es möglicherweise unterschiedliche Vorstellungen, wie mit einem Thema umgegangen werden soll. Wie plant man, etwa in den Ausschüssen mit Dissens umzugehen?
Genau das ist ja das, was total zentral in einer Demokratie ist, nämlich der Umgang mit Dilemmata. Zu lernen, dass es verschiedene Haltungen gibt, ist einer der wesentlichsten Aspekte. Man nennt das Ambiguitätstoleranz.
Und dann braucht es noch ganz viel gute Diskussionskultur, Begleitung von uns Erwachsenen und Moderation. Aber es kann natürlich sein, dass am Ende unterschiedliche Vorschläge herauskommen - so ist das auch im Leben und im richtigen Landtag.
Es können also auch widersprüchliche Anträge eingebracht werden?
Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht die Richtung ähnlich ist, aber verschiedene Schwerpunkte gesetzt werden, etwa beim Thema Freizeitmöglichkeiten. Denn die Anträge spiegeln ja auch die Interessen von Menschen wider. Gerade da ist es wichtig zu schauen, was der Wert dahinter ist, den wir vertreten wollen, und wie wir gut in ein Gespräch darüber kommen. Da braucht es eine gute Moderation.
Welche Tools werden in der Moderation genutzt?
Zum Beispiel das sogenannte Positionsbarometer: Dabei liest man Statements vor und die Jugendlichen positionieren sich im Raum entlang einer Linie. Der eine Pol ist „Ich stimme zu“, der andere „Ich stimme nicht zu“. Dadurch wird zunächst einmal gut sichtbar, wer wo steht. Dann kann man darüber ins Gespräch kommen.
Der nächste Schritt nach den Ausschüssen ist die wirkliche Landtagssitzung. Gibt es eine Rollenzuteilung, wie z.B. einen Landtagspräsidenten?
Ja, der wird im Zuge des Vorbereitungswochenendes gewählt. Auch Mediensprecher:innen werden gewählt.
Welche Mehrheit braucht es für die Beschlussfassung?
Es sind Mehrheitsbeschlüsse vorgesehen. Es wird auch eine offene Debatte geben.
Werden Fraktionen gebildet?
Nein, politische Parteien werden nicht gebildet.
Wie wird sichergestellt, dass die Anträge der Jugendlichen ernst genommen werden?
Einerseits wird darüber berichtet: Es gibt ein eigenes Medienteam, das dann auch über die Anträge berichtet. Und andererseits werden die Anträge an einen Ausschuss des Landtags übergeben. Dort können dann aus den Anträgen der Jugendlichen realpolitische Anträge und Entscheidungen gegossen werden.
Ich stimme dem völlig zu: Jugendliche sollen nicht einfach nur fürs Foto herhalten, sondern es soll sich etwas Längerfristiges etablieren. Vielleicht wird dieser Jugendlandtag immer wieder durchgeführt – das wäre super! Da ist wirklich ein Bestreben dahinter, dass die Jugendlichen dann auch Selbstwirksamkeit spüren und sehen, dass ihre Ideen nachhaltig evaluiert werden. Dranbleiben ist total wichtig.
„Jugendliche sollen nicht einfach nur fürs Foto herhalten, sondern es soll sich etwas Längerfristiges etablieren.“
Joanna Egger
Außerdem finde ich die Einbindung von Organisationen, die sich für die Rechte von Jugendlichen einsetzen, sehr wichtig – wie z.B. die Plattform Offene Jugendarbeit (POJAT) oder den Tiroler Jugendbeirat. Gemeinsam können wir es schaffen, dass Jugendliche mehr Zugang zu Politik haben.
Hat es Überlegungen gegeben, den Jugendlichen ein Budget zur Verfügung zu stellen, das sie wirklich nutzen können?
Die angenommenen Anträge der Jugendlichen werden einem Ausschuss des Tiroler Landtags übergeben. Dort können sie auch mit dem dafür notwendigen Budget in realpolitische Anträge und Entscheidungen gegossen werden.
Blicken wir auf eine abstraktere Ebene: Ist die Jugend politikverdrossen, fehlt ihr der Bezug zur Politik?
Wie auch der Rest der Bevölkerung hat die Jugend, wenn man das so allgemein sagen kann, sicher ein bisschen an Vertrauen in die politischen Institutionen und die Politiker:innen verloren. Was aber nicht stimmt, ist, dass junge Menschen nicht politisch sind.
Denn sie sind durchaus politisch und interessieren sich für Themen, das verlagert sich aber natürlich viel in den Online-Raum und kanalisiert sich anders.
Jugendliche engagieren sich auch weiterhin in Vereinen und wenn man Politik als ganz breiten Bereich sieht, zählt auch dazu, was im Fußballverein passiert, in dem man sich ehrenamtlich engagiert.
Der Jugendlandtag soll ein Stück weit dazu beitragen, das verlorene Vertrauen in die Institutionen wieder herzustellen. Demokratie muss auch gefühlt werden: Wenn ich einen Raum betrete und mit Politiker:innen spreche, dann kann ich das fühlen.
„Demokratie muss auch gefühlt werden.“
Joanna Egger
Aber Demokratie darf nicht nur in diesen Institutionen passieren, sondern muss auch in der Schule, Familie, im Jugendzentrum, in Vereinen und in Gemeinden gelebt werden, damit Jugendliche mitbestimmen können. Dadurch entsteht dann echte Verbundenheit mit der Demokratie.
Das bedeutet für die Erwachsenen auch, dass sie etwas aus der Hand geben und Jugendlichen zumuten müssen, dass sie vielleicht andere Lösungen finden als die, die sich Erwachsene überlegt hätten.
Neben einem Vertrauensverlust in Institutionen zeigt sich auch, dass extreme Tendenzen zunehmen. Wurde dieser Aspekt bei einem Konzept wie dem Jugendlandtag berücksichtigt? Oder rechnet man damit, dass Jugendliche mit extremen Positionen ohnehin nicht teilnehmen?
Also ich rechne damit, dass diese 30 Jugendlichen erscheinen, von denen ich nicht weiß, welche politische Haltung sie haben. Es kann durchaus sein, dass manche Menschen eine extremere Position in die eine oder andere Richtung haben, aber das ist ja auch das, was Österreich oder Tirol widerspiegelt.
Gerade da ist es absolut wichtig, im Gespräch zu bleiben. Denn wenn es diese demokratische Debatten- oder Streitkultur nicht mehr gibt, verschwinden alle in ihren Blasen. Das verschlimmert alles, weil man dann nicht mehr loswerden kann, was einen wirklich beschäftigt.
Der Jugendlandtag und politische Bildung überhaupt brauchen eine Streitkultur dringend. Man muss gut über das, was uns jeweils wichtig ist, diskutieren lernen und zum Schluss trotzdem als Menschen auseinandergehen können. Das müssen wir unbedingt trainieren - und nicht nur die Jugendlichen.
Zum Abschluss: Wann wäre für Sie der Jugendlandtag ein Erfolg?
Wenn ich als Begleiterin der Jugendgruppe spüre, dass die Teilnehmenden miteinander Freude haben, miteinander demokratisch streiten und debattieren und lernen, sich gut mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Die Jugendlichen sollen das Gefühl haben, dass ihre Teilnahme wirklich etwas bewegt hat.
Denn so trocken Landtagssitzungen vielleicht auf den ersten Blick wirken können, sind es doch diese Formate und Institutionen, die unser Zusammenleben organisieren. Deswegen glaube ich, dass diese Räume unbedingt diverser gestaltet sein müssen - auch vom Alter und der Perspektive her.
Außerdem wünsche ich mir, dass genügend Landtagspolitiker:innen als Zuschauer:innen dabei sind und den Jugendlandtag auch wirklich mitverfolgen. Und dass sichtbar wird, dass Demokratie alle Bereiche der Gesellschaft betrifft.
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