Stellen Sie sich vor: Sie finden sich in einer Diskussion über die globale Erwärmung wieder und Ihr Gegenüber bedient sich des scheinbaren Totschlagarguments, früher habe es doch auch heiße Sommertage gegeben.
Für Situationen wie diese hat der umtriebige Webdesigner und Entwickler Christian Girstmair aus Thal die „Klimachronik“ konzipiert, eine interaktive Plattform, mit der historische und aktuelle Messdaten von Wetterstationen verglichen werden können. Anstatt zu resignieren, könnten Sie Ihrem Gesprächspartner somit mithilfe weniger Klicks demonstrieren, wie sich Temperatur, Niederschlag, Sonnenscheindauer oder Neuschneemengen in den letzten 100 bis 200 Jahren entwickelt haben.
Mit seinem Projekt, das er vollständig in seiner Freizeit umsetzt, liefert Girstmair aber nicht nur Belege für etwaige Debatten, sondern in erster Linie eine Füllte an sortierten, vereinheitlichten und graphisch aufbereiteten Klimadaten. Dafür gewann er unlängst den nationalen World Summit Award (WSA) in der Kategorie „Smart Settlements & Urbanization“.
Wie hat das Projekt „Klimachronik“ begonnen?
Christian Girstmair: Im Grunde zufällig, ohne konkreten Plan. Ich habe einmal einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, wie Landwirte mithilfe von Satellitendaten ihre Felder optimieren. Über die Satellitendaten bin ich auf Wetterdaten gekommen und von da zu Wetterstationen. Österreich hat eine unglaublich lange Historie in diesem Bereich, die älteste Station in Kremsmünster blickt auf 250 Aufzeichnungsjahre zurück.

Ich wollte dann wissen, wie sich das Wetter von damals im Verhältnis zu heute gestaltet. Die meisten Temperaturkurven gehen 20, 30 oder 50 Jahre zurück, aber wenn man etwas über längere Zeiträume erfahren will, gibt es eine Lücke.
Gab ein Vorbild für die Entwicklung der Website bzw. für den technischen Umgang mit den Daten?
Ich kenne mich im Webdesign relativ gut aus und habe in den letzten Jahren sehr viel in diesem Bereich gemacht. Bei diesem Projekt habe ich zuerst eine kleine Datenbank aufgebaut, nach und nach die Zeitlinien ergänzt und Kartendarstellungen verfeinert, optimiert und erweitert, bis irgendwann das Ergebnis rausgekommen ist, das ich haben wollte.
In der Klimachronik kann man sehr große Zeitsprünge machen und sieht dann visuell aufbereitet, wie sich Temperatur, Niederschlag, Hitzetage oder Schnee vor beispielsweise 70 Jahren verhalten haben.
Kürzlich habe ich auch die Gletscherschmelze eingefügt: Hier zeigen hochauflösende Satellitenbilder für die letzten rund 15 Jahre bildlich, dass ein enormer Schwund stattgefunden hat.
Zu wie vielen Wetterstationen liefert die Seite Daten?
Aktuell sind es neun Länder mit ein bisschen über 30.000 Wetterstationen.
Woher kommen die Wetterdaten, die aufbereitet werden?
Das sind alles öffentlich zugängliche Daten, andernfalls würde es gar nicht funktionieren. Die Schwierigkeit ist aber, dass praktisch jedes Land einen eigenen Wetterdienst hat und seinen eigenen Regeln folgt, wie die Daten zur Verfügung gestellt werden. Daher musste ich alle Informationen erst einmal vereinheitlichen.

Wenn jetzt aber beispielsweise ein österreichischer Klimatologe Interesse an Schweizer Daten hat, kann er sie bei mir einfach runterladen. Auch Laien können auf visuell schön aufbereitete Darstellungen zugreifen.
Wie viel Zeit nimmt das Projekt in Anspruch?
Es ist sehr umfangreich. Ende letzten Jahres sind die ersten Prototypen entstanden, da habe ich ständig in meiner Freizeit daran gearbeitet. Manch einer setzt sich nach Feierabend aufs Sofa und schaut ein bisschen fern, ich setze mich halt dort dran. Für mich ist es auch entspannend – vielleicht wie Legobauen für Erwachsene.
Was ist die Grundintention, die hinter der Klimachronik steckt?
Es geht durchaus um die globale Erwärmung, die wir erleben. Die Leute sollen ganz nüchtern sehen, was überhaupt passiert.
Heuer im Sommer wurde ein Höchstwert nach dem anderen vermeldet. Viele nehmen das als punktuelles Ereignis à la „Heute war es wirklich heiß“ wahr, können es aber nicht richtig einordnen.
Wenn man sich jedoch sehr lange Perioden anschaut, sieht man, dass die Temperatur-Trendkurven stetig nur nach oben gehen. Dadurch wird greifbar, was gerade passiert: Vor der eigenen Haustür vollzieht sich ein Trend, der tatsächlich bedenklich ist. Da braucht man meiner Meinung nach keine Diskussion mehr führen, denn die Daten zeigen in Österreich seit über 250 Jahren diese Tendenz.
An wen richtet sich die Klimachronik in erster Linie?
Eher an Laien. Der Blick von Expert:innen auf die Daten ist auch interessant, aber hauptsächlich soll man schauen können, wie sich das Wetter daheim vor der Haustür verändert hat.

Ich wünsche mir, dass weniger emotionale Diskussionen stattfinden, in denen ein Temperaturpeak von vor 60 Jahren hervorgeholt und behauptet wird, dass es damals auch schon heiß war. Wenn ich die letzten 200 Jahre anschaue, ist es typisch für die Statistik, dass es Ausreißer gibt. Aber wenn man sieht, dass die Tendenz immer nur nach oben geht, kann beim einen oder anderen vielleicht ein Umdenken stattfinden.
Ist eine Kommerzialisierung geplant?
Wie bei all meinen Projekten, die ich in der Freizeit durchführe, würde ich auf den ersten Blick nichts kommerzialisieren. Die Daten sollen immer frei verfügbar sein und jeder soll sie downloaden können.
Wenn nun der eine oder andere Wetterdienst auf mich zukommt, sind wir in einem anderen Bereich, der aber für die Allgemeinheit keine Bedeutung hat. Vorrang hat die Information, die man frei nach außen gibt.
Gibt es ein Land, das du schon gerne inkludiert hättest, bei dem es aber bislang noch nicht geklappt hat?
Italien, denn es ist für Osttirol durch die Dolomiten ein wichtiges Land. Zudem ist es mit den Bergtälern im Norden und dem Meer im südlicheren Teil ein klimatisch spannendes Land. Aber die Datenverfügbarkeit ist nicht gut: Während alle anderen integrierten Länder jeweils nur einen Wetterdienst haben, ist Italien ein riesengroßer Fleckerlteppich, wo der Wetterdienst zum Teil gemeindebasiert funktioniert.
Italien wird definitiv noch dazukommen, aber aktuell vervollständige ich erst einmal die europäischen Länder, wo die Daten sauber und gut zur Verfügung stehen.
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