Jedes Jahr am 1. November ziehen in Prägraten Kinder in Begleitung von Haus zu Haus. In ihren Rucksäcken landen kleine Gaben. Was den alten Brauch ausmacht, ist aber weit mehr als nur Süßigkeiten und Taschengeld.
Ein Klopfen an der Tür und ein lautes, herzliches „Vergelt’s Gott“ zum Abschied gehören für die meisten Kinder im Dorf zu Allerheiligen. Während die Kleinen früher meist Nüsse, Äpfel oder andere Lebensmittel bekamen, gibt es heute Süßigkeiten und Taschengeld. Geblieben sind das gemeinsame Unterwegssein und die Freude daran, eine alte Tradition weiterzuführen.
Am Nachmittag, nach der Andacht, treffen sich die „Unkleckla“ in den jeweiligen Fraktionen, um die Häuser zu besuchen. Zur Ausrüstung der Kinder gehört ein Rucksack, in dem die Süßigkeiten und die „Kreuzer“ verstaut werden. Einige nehmen traditionell auch einen Holzhammer zum Anklopfen mit. Eine besondere Kleidung braucht es dafür nicht – die Kinder sind in ihrer Alltagskleidung unterwegs.
Wie lebendig der Brauch ist, zeigen die Teilnehmerzahlen: Allein in Wallhorn ziehen jedes Jahr rund 30 Buben und Mädchen von Haus zu Haus, in der Oberrotte sind es etwa 40. Auch in den übrigen Fraktionen der Gemeinde wird das „Unkleckl“ immer noch gepflegt.

Auch Mädchen dürfen mit
Früher waren ausschließlich Buben als „Unkleckla“ im Dorf unterwegs. Seit einigen Jahren nehmen immer mehr Mädchen am Brauch teil. Manche Hausbewohner halten allerdings daran fest, dass das „Unkleckl“ den Buben vorbehalten bleibt – dort erhalten Mädchen nichts. Zum Dank an die Hausbewohner gehört nach wie vor ein lautes und herzliches „Vergelt’s Gott“. Sind die Gaben im Rucksack verstaut, geht es weiter zur nächsten Tür. Im Dorf treffen sich die Gruppen aus Ober- und Unterrotte beim „Petan“, um anschließend gemeinsam auf der Schattseite die „Kreuzerl“ zu holen.

Woher kommt das Anklöckeln?
Das „Unkleckl“ ist die Prägratner Bezeichnung für das Anklöckeln. Der Name geht auf „Klocken“, das Klopfen an die Tür, zurück. Damit sollte früher nicht nur die Aufmerksamkeit der Hausbewohner geweckt werden. Wie in vielen anderen Bräuchen diente es auch der Vertreibung von Übel und bösen Mächten. Das „Unkleckl“ gehört zu den sogenannten Heischebräuchen. Dabei ziehen Menschen umher und bitten um Gaben. Je nach Ausprägung des Brauchs machen die Gruppen durch Klopfen, Läuten einer Glocke oder Singen auf sich aufmerksam. Die Hausbewohner überreichen ihnen der Tradition entsprechend kleine Gaben.
Die Aufzeichnungen über das Anklöckeln reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Seine Geschichte erzählt auch von Armut und gesellschaftlichen Unterschieden. Nicht alle, die von Haus zu Haus gingen, taten das aus denselben Gründen. Tagsüber waren Kinder und arme Menschen unterwegs, am Abend dann jene, die den Brauch pflegen wollten. Zu den Anklöcklern gehörten insbesondere Knechte und Mägde. Die erhaltenen Lebensmittel dienten in Zeiten großer Armut als wichtige Hilfe. Viele sammelten Reserven für den Winter – dafür eigneten sich haltbare Lebensmittel wie das Kletzenbrot besonders gut. Was heute eine Freude für die Kinder ist, half früher vielen bei der Versorgung.
Nicht immer ging es friedlich zu
Auch die Kleidung zeigt den Wandel des Brauchs. Historisch sind Anklöckler in Lumpen überliefert, regional auch mit schwarzen oder weißen Verkleidungen. Arme Menschen hatten oft ohnehin keine andere Kleidung zur Verfügung. Mit den Kindern, die heute in Prägraten unterwegs sind, lässt sich dieses Bild kaum noch vergleichen. Das Anklöckeln verlief auch nicht immer friedlich. Aus der Geschichte des Brauchs sind Raufereien zwischen Gruppen bekannt. Solche Auseinandersetzungen und die mit dem Heischen verbundene Bettelei schadeten seinem Ruf und führten zu Verboten. In Prägraten steht heute das gemeinsame Unterwegssein im Vordergrund – auch über die Gruppen hinaus.



Achtung vor den „Nochtschwärma“
Obwohl es die Raufereien zwischen den Gruppen heute nicht mehr gibt, bleibt der Weg von Haus zu Haus doch nicht ganz ohne Aufregung – dafür sorgen die sogenannten „Nochtschwärma“. Das sind meist ältere Burschen, die selbst nicht mehr mit den „Unkleckla“ mitgehen dürfen. Sie verkleiden sich mit Masken, verstecken sich meist im Wald oder neben den Straßen und versuchen, den Kindern Angst einzujagen. Während die Jüngeren ihre Gaben sammeln, übernehmen die Älteren somit eine andere Rolle, die sich mittlerweile fest im Brauch verankert hat.

Ein alter Brauch geht mit der Zeit
Heute landen Süßigkeiten und Kleingeld in den Rucksäcken. Mädchen gehen mit und eine besondere Kleidung braucht es nicht mehr. Das „Unkleckl“ hat sich verändert, ist aber nicht aus dem Dorfleben verschwunden. Die Kinder besuchen die Häuser ihrer Umgebung, sind miteinander unterwegs und wachsen in eine Tradition hinein, die es schon lange vor ihnen gab. Und an den Haustüren bedanken sie sich immer noch mit denselben Worten wie früher: „Vergelt’s Gott!“
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