Eine Vorgesetzte kritisiert vor dem ganzen Team einen Bericht – man fühlt sich bloßgestellt und gekränkt. Sagt man sich dagegen: „Sie nimmt meine Arbeit ernst und will, dass das Projekt gelingt“, kann dieselbe Situation an Schärfe verlieren. Diese bewusste Umdeutung nennt man in der Psychologie kognitive Neubewertung.
Seit Jahren zeigen Studien, dass dabei vor allem Regionen des präfrontalen Kortex aktiv werden. Daraus wurde gefolgert, dass die Stärke der Aktivierung verrät, wie gut ein einzelner Mensch seine Emotionen regulieren kann.
Eine neue, größer angelegte Untersuchung, an der auch Neurowissenschaftlerin und Neuropsychologin Carmen Morawetz von der Universität Innsbruck beteiligt war, stellt diesen Schluss nun aber in Frage. Im Dolomitenstadt-Interview ordnet die Expertin die neuen Erkenntnisse ein.
Wie funktioniert kognitive Neubewertung grundsätzlich?
Carmen Morawetz: Kognitive Neubewertung ist eine Emotionsregulationsstrategie, die sehr häufig im Labor untersucht wird. Das ist einerseits so, weil sie sich sehr gut untersuchen lässt und weil es andererseits eine Strategie ist, die sehr adaptiv ist. Das bedeutet, dass sie einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden hat.
Grundsätzlich funktioniert kognitive Neubewertung so, dass ein emotionaler Reiz umgedeutet wird, indem man eine neue Interpretation dafür findet.

In den klassischen Experimenten, die wir im Labor machen, werden viele, sehr komplexe, negative Bilder gezeigt, wie beispielsweise ein Unfall, eine OP oder ein Kriegsschauplatz.
Die Proband:innen werden dazu aufgefordert, sich das Bild anzuschauen und dann zu versuchen, die Interpretation zu verändern, sodass die Wahrnehmung weniger negativ ist. Dazu kann man diese Neubewertung verwenden, indem man sich beispielsweise vorstellt: „Ich bin Notarzt, der hier dazukommt und ich kann helfen. Diese Person wird gerettet, sie kommt ins Krankenhaus.“
Man kann sich aber auch einfachere Taktiken überlegen und sich zum Beispiel vergegenwärtigen, dass das nur ein Bild ist, das einen nicht selbst betrifft. Oder dass das Bild womöglich auch gar nicht echt ist, sondern AI-generiert. Auch das wäre eine kognitive Neubewertung, wodurch die initiale Wahrnehmung abgeschwächt wird.
Diese Strategie wird nicht nur im Labor untersucht, sondern kommt auch im echten Leben vor?
Definitiv, sie kommt im Alltag und in der Interaktion mit anderen sehr oft vor. Man stelle sich vor, man hat eine sehr aufwühlende Situation im Beruf erlebt: Was ist das Erste, was man macht? Man sucht möglicherweise Kontakt mit anderen, das ist die sogenannte Tend-and-Befriend-Reaktion.
Wir reden miteinander und bekommen Unterstützung, indem der andere vielleicht versucht, uns eine neue Perspektive aufzuzeigen. Genau dieser Perspektivenwechsel wäre auch eine kognitive Neubewertung. Indem wir mit einem anderen Auge auf die Situation schauen, können wir unsere Emotionen abschwächen.
Zurück zur Laborsituation: Wie untersucht man diese Strategie?
Ein Versuch dauert im Schnitt 45 bis 50 Minuten. Dabei werden den Proband:innen sehr viele Bilder hintereinander gezeigt und sie werden instruiert, diese Neubewertung anzuwenden. Währenddessen nehmen wir die bildgebenden Daten auf, wodurch wir rückschließen können, was während dieser Neubewertung im Gehirn passiert.
Welche Rolle spielt hierfür der präfrontale Kortex?
In früheren Studien konnte gezeigt werden, dass die kognitive Kontrolle im präfrontalen Kortex angesiedelt ist. Der präfrontale Kortex nimmt also Einfluss auf die Regionen, in denen die Emotionen entstehen. Frühere Studien legten nahe, dass jene Menschen besser regulieren, die eine stärkere Aktivierung des präfrontalen Kortex aufweisen.
Nun wurde aber eine neue Studie abgeschlossen. Wie war diese konzipiert?
In dieser neuen Studie haben wir erstmals ein Konsortium gebildet und versucht, einen größeren Datensatz zu analysieren, der von vielen verschiedenen Teams weltweit zur Verfügung gestellt wurde.
Insgesamt haben wir Daten aus 40 unterschiedlichen Studien nochmal neu analysiert. Normalerweise sind wir bei Bildgebungsstudien auf kleinere Stichproben mit 30 bis 60 Proband:innen pro Studie angewiesen. Mit diesem großen Datensatz gelangten wir aber zu sehr viel mehr Datenpunkten, wodurch die Aussagekraft dieser Studie deutlich größer ist.
Zu welchem Ergebnis führte die Studie?
Wir haben die beliebtesten Maße verwendet, mit denen Emotionsregulation untersucht wird: Das war einmal der klassische Fragebogen, mit dem erfragt wird, wie oft man Neubewertungen im Alltag anwendet. Das zweite Maß war die Testung im Labor der Emotionsregulationsfähigkeit und das dritte die damit verbundende Hirnaktivität.
Theoretisch würde man davon ausgehen, dass diese drei Maße eng miteinander zusammenhängen, weil sie alle die Emotionsregulation messen. Überraschenderweise haben wir aber festgestellt, dass das nicht der Fall ist. Die drei Maße überlappen nicht wirklich.
Was kann man aus diesem Ergebnis schließen?
Das ist vor allem für die klinische Anwendung sehr wichtig. Emotionsregulation kommt in unterschiedlichen Facetten bei unterschiedlichen Störungen vor, wie bei Depressionen oder auch Persönlichkeitsstörungen. Deshalb versucht man sogenannte Biomarker zu finden. Das wären Korrelate im Gehirn, die vorhersagen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Individuum zum Beispiel eine Depression entwickelt, weil er/sie Probleme in der Emotionsregulation hat.
„Die Hirnaktivität ist nicht geeignet, um Probleme in der Emotionsregulation vorherzusagen, weil diese Konstrukte gar nicht so zusammenhängen, wie wir ursprünglich angenommen haben.“
Carmen Morawetz, Uni Innsbruck
Wir sehen nun aber, dass wir diesen Schluss nicht so einfach ziehen können. Die Hirnaktivität ist nicht geeignet, um Probleme in der Emotionsregulation vorherzusagen, weil diese Konstrukte gar nicht so zusammenhängen, wie wir ursprünglich angenommen haben.
Man kann also nicht sagen, was Menschen gemeinsam haben, denen eine kognitive Neubewertung gut gelingt?
Man kann jedenfalls nicht alle über einen Kamm scheren. Auch die Situationen, die neu bewertet werden, sind für jedes Individuum unterschiedlich emotional. Wie ich ein Kriegsbild empfinde, unterscheidet sich von Ihrer Wahrnehmung und diese wiederum von der Wahrnehmung anderer Menschen, weil das eine persönliche Erfahrung ist. Deshalb ist es auch schwer, treffsichere Biomarker zu entwickeln, weil individuelle Unterschiede schwer zu messen sind.
Kognitive Neubewertung wird auch in der Verhaltenstherapie eingesetzt. Hat das Studienergebnis darauf Auswirkungen?
Nein. Kognitive Neubewertung ist eine starke Komponente in der Verhaltenstherapie, aber die Studie sagt über deren Effektivität gar nichts aus. Im Gegenteil: Die Strategie ist sehr effektiv und es ist wichtig, sie im Umgang mit Emotionen zu erlernen. Es ist sinnvoll, wenn man sich mit intensiven Emotionen auseinandersetzt und versucht eine Neubewertung zu machen, anstatt sich immer wieder abzulenken oder die Emotionen zu unterdrücken.
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