Am
Wegesrand
Am Wegesrand
Fotoreporterin Ramona Waldner und ihre Freunde Verena Klaunzer und Thomas Baumgartner sind nicht die einzigen, die auf den Hohen Perschitzkopf wollen. Die Wanderer kreuzen den Weg mit alten Bekannten und neuen Gesichtern. Alle haben eine Geschichte
zu erzählen.

Was macht man als moderner Alpinist, um möglichst viel über einen Berg zu erfahren? Man googelt und hat schnell eine Liste von Tourenportalen und Bergsteigerblogs, die mehr oder weniger wortreich beschreiben, wo man unbedingt hinaufkraxeln sollte und wie das am besten gelingt. Osttiroler benutzen für Bergtouren eine andere „Suchmaschine“, die sich Walter Mair nennt und alle paar Jahre ein Buch schreibt, dem Google nicht das Wasser reichen kann.

Am frühen Morgen machen wir uns auf den Weg. Am Talschluss thront das Matterhorn des Debanttals, der Glödis, mit 3.206 Meter und links anschließend reihen sich Ralfkopf, Debantgrat, Kleiner Schober und Hochschober in die Bergkulisse ein.

Doch bei einem Gipfel lässt uns auch der allwissende Bergphilosoph im Trüben tappen. Sein Buch der Bergbücher zählt sie fast vollständig auf, die Kreuzträger der südlichen und östlichen Schobergruppe, wie Petzeck, Glödis und Keeskopf. Doch eben nur fast. Der Hohe Perschitzkopf ist nicht einmal im Stichwortverzeichnis zu finden. Und genau dorthin führt heute unser Weg, inspiriert von den Worten des amerikanischen Dichters Robert Frost: „Zwei Wege boten sich mir dar. Ich nahm den, der weniger begangen war – und das veränderte mein Leben.“ (Robert Lee Frost. The Road not taken.)

Wenig begangene Wege sind im Alpenraum nur noch schwer zu finden, dabei stillen gerade sie unsere Sehnsucht nach dem Unentdeckten, nach Orten, die man exklusiv genießt. Für Entdeckungsreisende und Ruhesuchende ist die Schobergruppe zwischen Osttirol und Kärnten ein lohnendes Ziel. Hier ist tatsächlich Ruhe, wenn man erst einmal das Auto am Parkplatz Seichenbrunn auf 1.668 Metern Seehöhe hinter sich gelassen hat.

Auf der Gaimberger Schäferhütte treffen wir Anda Neumair mit Hacke, Bohrmaschine und Säge beim Reparieren eines „Stallklachls“.
Mit seinem Geklopfe weckt er Raphael und Susanne Enning, die mit ihrem Hund Erdmann einen Jagdurlaub hier verbringen.

Fotografin Ramona Waldner wundert sich jedesmal, dass der Weg Richtung Wangenitzseehütte so ruhig ist: „Obwohl auf den Hütten und am Parkplatz viel los ist, hat man im Debanttal oft das Gefühl, ganz alleine unterwegs zu sein.“ Das bestätigt auch ein anderer Bergfex, der über die Grenzen des Bezirkes hinaus bekannt ist: Tom Gaisbacher ist als Extremskifahrer eigentlich im Winter aktiv, aber Tom und Freundin Scarlett – sie betreibt die Dolomitenhütte – kommen immer wieder hierher. Warum? „Weil man selbst wieder auf das Minimum reduziert wird. Kein Lärm, fast keine Leute, viel Natur und Steine, sehr, sehr viele Steine!“

Bevor der Weg, wie so oft im Leben, steinig wird, wandert man auf einem beschilderten Pfad in Richtung Wangenitzseehütte noch ein Weilchen durch den Wald. Dann öffnet sich das Gelände und man gelangt über wunderschöne Almwiesen zur Unteren Seescharte. Von dort erblickt man zum ersten Mal den See mit der Hütte und sieht schon den anvisierten Gipfel. Das ist wichtig. Ein Grund, warum dieser Weg so wenig begangen wird, dürfte nämlich seine Steilheit und Länge sein. 1.500 Höhenmeter sind eine Ansage. Mit einem Ziel vor Augen bleibt die Motivation hoch.

Weiter geht es über den „Brand“, eine steile und unwegsame Abkürzung, die uns einiges abverlangt.
Die Abkürzung führt uns aufs Gaimberger Feld, wo wir uns erfrischen und mit dem Weiderind auf Tuchfühlung gehen.

Die Tour, die wir uns vorgenommen haben, ist nichts für Couch-Potatoes. Ein bisschen Kondition sollte man schon mitbringen. Ramona, Verena und Thomas nehmen eine Abkürzung durch den Wald, deren Spitzname eine Warnung für alle Bewegungsmuffel ist: „Der Brand“. Nomen est omen! Nach dieser Abkürzung brennen nämlich die Waden und die Oberschenkel. Aber wie! Hat man die Untere Seescharte erreicht, folgt man einfach dem Pfad bis zur Wangenitzseehütte. Sie ist eine eigene Geschichte wert, ein ganz wunderbarer Ort, der alleine schon die Mühen lohnt.

Peter Bange aus Amsterdam ist mit seiner Familie hier. Er hatte gestern Pech. Am Weg zur Lienzer Hütte ist er gestürzt. Die Verletzung im Gesicht sieht schmerzhaft aus, aber er sieht das entspannt und nimmt an diesem Tag sogar den langen Abstecher von der Lienzer Hütte über die Kreuzseescharte zur Wangenitzseehütte. Die Niederländer verbringen den Urlaub hier mit zwei weiteren Familien. Sie sind mit dem Zug angereist und campen am Tristachersee.

Wieder kommt eine Weggabelung. Unser Team hält sich links, folgt der Beschilderung und wandert durch steiles Gelände hoch zu einem Plateau, das wie ein Skulpturengarten aussieht. Wanderer haben hier über die Jahre eine Armee an Steinmännchen aufgetürmt.

Der Steig schlängelt sich jetzt durch das steinige Terrain und gabelt sich ein weiteres Mal. Wir entscheiden uns gegen die Niedere Gradenscharte und peilen weiter den Hohen Perschitzkopf an. 3.126 Meter über dem Meeresspiegel steht das Gipfelkreuz dieses selten bestiegenen Berges, den auch Amateure gut erklimmen können, obwohl der Weg ein paar Tücken hat, auf die man hinweisen muss. „Ich würde ihn als mittelschwer bezeichnen“, meint Tom Gaisbacher: „Es liegt viel loses Gestein und Geröll herum, das erschwert manchmal das Wandern etwas und erfordert auch Konzentration.“ Weil der Pfad durch die süd- und südostseitigen Flanken des Berges so angelegt wurde, dass er sich schlau um Felsen und Brüche herumschlängelt, wird es fast nie richtig steil, obwohl der Gipfel von unten betrachtet durchaus Respekt einflößt. Für trittsichere Wanderer ist er dennoch kein Problem.

Sandra und ihren Freund Brent treffen wir am Weg zur Wangenitzseehütte. Brent kommt aus Florida und ist heute zum ersten Mal in der Schobergruppe – und begeistert: „It’s like a fairytail!“ Sandra kommt aus Nußdorf und war bereits als Kind im Debanttal unterwegs. Durch ihre Liebe zum Tal und zum Wandern kehrt sie immer wieder gerne zurück.
Der blaue Wangenitzsee ist 48 Meter tief. Er ist deshalb auch eiskalt, trotzdem wagen Mutige, allen voran der Hüttenwirt, ab und zu im Sommer den Sprung ins kühle Nass.
Eigentlich kommt man am Weg zum Perschitzkopf nicht an diesen mystischen Steinmandln vorbei, denn man biegt bereits vorher rechts ab. Wir haben die Abzweigung schlichtweg verpasst und mussten dann wieder zurückgehen. Die übereinander geschichteten Steine wurden ursprünglich als Wegweiser genützt. Es fanden aber immer mehr Wanderer Gefallen daran, auf diesem Platz zu rasten. Die Landartwerke inspirieren und laden zu weiteren Kunstwerken ein. Hier treffen wir auch einen weiteren Teil von Peter Banges Gruppe.
Nach einem letzten steinigen und steilen Anstieg haben wir es geschafft! Dieser Gipfel ist offensichtlich ein Geheimtipp! Wir treffen Scarlett Olesova, die Wirtin der Dolomitenhütte, mit ihrem Freund, Freerider Tom Gaisbacher. Beide sind große Fans der Natur im Debanttal. Tom ist hier bereits seit Kindertagen unterwegs und genießt die Ruhe. „Man hat immer das Gefühl, alleine hier zu sein.“
Nach einer Abkühlung im See kehren wir in der Wangenitzseehütte ein.
Franz Aßlaber bewirtschaftet die Wangenitzseehütte gemeinsam mit seiner Frau Claudia seit 2004.
Auf unserem späten Rückweg fällt das letzte Licht des Tages auf das Gaimberger Feld und beleuchtet die Lienzer Dolomiten.

Oben angekommen wird jeder Schweißtropfen mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Von hier hat man einen perfekten Überblick über die Schobergruppe mit ihren markantesten Erhebungen: Petzeck, Hornkopf, die Klammerköpfe, der Schober, der Keeskopf – alle grüßen herüber. Hat man sich sattgesehen und ein wenig ausgeruht, bietet sich auf dem Rückweg die Hütte zur richtigen Stärkung an, vielleicht sogar mit einer Erfrischung im See!

Wer die Tour wirklich genießen will, kann sich auch zwei Tage dafür Zeit nehmen und auf der Wangenitzseehütte übernachten. Wir kehren am selben Tag zurück, um einen Gipfel, ein Erlebnis und viele unterhaltsame Begegnungen am Wegesrand reicher. So lässt es sich leben. Debanttal, wir sehen uns wieder.

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