Auf der Spur
der Rinder
Auf der Spur der Rinder
Die Osttiroler Fotografinnen Ramona Waldner und Judith Benedikt machten im Auftrag von Werner Lampert eine unglaubliche Reise um die Welt. Ramona Waldner blättert für uns in ihrem Reisetagebuch.

Als Fotografin kommt man viel herum, doch der Auftrag, den meine Kollegin Judith Benedikt und ich vor eineinhalb Jahren erhielten, sprengt die Grenzen des Alltäglichen und macht den Beruf zu einem Privileg. Judith und ich sollten für ein Buch des Biopioniers Werner Lampert um den Globus reisen. Wir hatten den Auftrag, für das Buch „Unberührte Schönheit“ die aufregendsten, schönsten und seltensten indigenen Rinderrassen der Welt zu fotografieren. Werner Lampert meint dazu: „Ohne Rinder wäre die kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit so nicht möglich gewesen.“

Judith und ich reisten getrennt und benötigten eineinhalb Jahre, bis die Fotos gesammelt waren. Ich war in mehreren Ländern in Europa, Asien und Afrika mit der Kamera unterwegs. Größte Priorität in der Fotografie lag darin, den speziellen Charakter der Tiere und zugleich ihre Lebensbedingungen und ursprünglichen Lebensräume ins Bild zu rücken.

Wir reisten oft in sehr entlegene Gebiete, um die Kühe dort zu fotografieren, wo sie herstammen. Diese Orte waren manchmal schwer zu erreichen, durch Inlandsflüge, tagelange Fußmärsche, meist aber durch mehrtägige Jeepfahrten. Judith und ich hatten jeweils einen Assistenten dabei und bereisten in zwei Gruppen 20 Länder, in denen wir über 80 Rinderrassen fotografierten. Von einem Projektmanagement-Team in Wien wurden die Reisen im Vorfeld, soweit möglich, geplant und Kontakt mit Universitäten oder Institutionen aufgenommen, die uns logistisch und organisatorisch unterstützten. Sie stellten uns in Asien und Afrika fach- und ortskundige englischsprachige Guides und Fahrer zur Verfügung und vermittelten den Kontakt zu den jeweiligen Bauern.

Manchmal gab es nur mehr so wenige Tiere einer bestimmten Rasse, dass wir die Kühe erst vor Ort suchen mussten. Wer schon ein bisschen herumgekommen ist, weiß, wie viele Schwierigkeiten und Herausforderungen sich erst vor Ort zeigen. Man lernt, flexibel zu sein, Ruhe zu bewahren – vor allem lernt man aber zu improvisieren.

Ich reise für mein Leben gerne! Mich interessieren andere Kulturen, Handwerk, Kunst, Textilien, das Suchen nach Parallelen und nach globalen Zusammenhängen. Oft braucht man Hände und Füße, um sich mit „Locals“ zu unterhalten, versteht und sagt dabei aber mehr, als würde man die gleiche Sprache sprechen. Kontraste und Unterschiede machen das Reisen für mich so spannend und haben mir gezeigt, vieles anders zu sehen, hinter Fassaden zu schauen und meinen Blick in der Fotografie zu schärfen.

Auf den Spuren der Kühe mit der Kamera durch die Welt zu reisen, war ein abenteuerliches Projekt, das großen Einsatz erforderte und Judith und mir sowohl schöpferisch als auch körperlich einiges abverlangte. Wir wurden dafür reich belohnt. Wir haben Plätze gesehen, die zuvor noch nie ein Tourist betreten hatte, haben imposante Kühe und unscheinbare Überlebenskünstler fotografiert. Gemeinsam mit Bauern in Jurten zu leben, mit Macheten den Dschungel nach verschollenen Kühen zu durchforsten, barfuß im Reisfeld zu fotografieren, der sibirischen Kälte zu trotzen und über die Eisstraße zu fahren, im tibetischen Hochland wilde Yaks zu suchen, unglaubliche Menschen zu treffen – dafür kann man nur dankbar sein. Diese Erfahrungen sind unbezahlbar.

Wohin wir auch kamen – wir wurden gastfreundlich empfangen und großzügig bewirtet.

Fast alle Reisen hatten eines gemein: unbeschreibliche Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Einsatzfreude der Menschen, die uns empfingen. Dass wir uns für sie, ihre Tiere und ihr Leben interessierten, war für viele Bauern und Einwohner kleiner Dörfer in Asien und Afrika meist unbegreiflich. Uns zu Ehren wurden Feiern organisiert, Schafe und Schweine geschlachtet, Kaffeezeremonien abgehalten, kleine Geschenke überreicht und Geschichten ausgetauscht. All das kam von Menschen, die so wenig besitzen, dass sie gerade überleben können. Das stimmt nachdenklich und regt dazu an, ein Stück dieser Selbstlosigkeit weiterzugeben.

Natürlich lief nicht immer alles reibungslos. Wahnsinnige, besoffene Fahrer, dehnbare Zeitauffassungen, Missverständnisse durch sprachliche Barrieren oder einfach kulturelle Unterschiede, technische Schwierigkeiten durch klimatische Bedingungen, gesundheitliche Angeschlagenheit – all das muss man auf einer solchen Reise natürlich auch überwinden und dabei den Fokus nicht verlieren: die Kühe dieser Welt.

Ein Dorf in Uganda

In Uganda besuchten wir den Stamm der Karamojong, um ihre gleichnamigen Kühe zu fotografieren. Diese Rinder haben hier einen enormen Stellenwert und sind ein Statussymbol.

Ins Dorf, in dessen Zentrum die Kühe leben, gelangt man nur durch kleine Öffnungen im dichten Dornenzaun. Früher kam es oft zu Kämpfen (Raids), bei denen sich die Stämme gewaltsam mehrere hundert Kühe stahlen. Die Kultur ist geprägt von Ritualen, Tradition und Aberglaube. Durch unseren hervorragenden Guide, einem Veterinärmediziner und selbst Karamojong, fanden wir einen faszinierenden Zugang zu Mensch und Tier.

Tage in der Mongolei

Unser Fahrer brettert 30 Stunden lang durch die Prärie, mit nur kurzen Pausen. Dabei trinkt er eine Flasche Wodka, die er während der Fahrt aus dem Fenster wirft, und ein paar Bier. Wir sitzen zu dritt auf der Rückbank, nachdem irgendwann auf halber Strecke auch ein Grundbesitzer zugestiegen ist.

Endlose Steppe, freundliche Menschen und, immer in der Nähe, die überlebenswichtigen Tiere.

Die kulinarischen Mutproben dürfen wir natürlich aus Höflichkeit nicht ablehnen und essen dankend auf. Die Nacht verbringen wir, kreuz und quer liegend, zu acht in der Jurte und starten noch vor Sonnenaufgang zum Fotoshooting. Der Bauer hilft uns, reitend wie Dschingis Khan, beim Kühetreiben.

Bhutan

Bhutan versucht, den buddhistischen Werten gerecht zu werden, indem es das Glück und die Zufriedenheit der Menschen über das Wirtschaftswachstum stellt. Zu diesem Zweck gibt es sogar eine Kommission, die das Bruttonationalglück BNG ermittelt.

Manche Kuhrassen und Dörfer konnten wir in Bhutan nur mit mehrtägigen Fußmärschen erreichen. Wir hatten zur Unterstützung ein Team aus fachkundigen Guides, Horsemen, Helfern und Köchen mit, zudem Maultiere, die mit Proviant, Fotoequipment, Zelten usw. bepackt wurden. Blutegel saugten sich durch das feuchte Klima immer wieder an unseren Füßen fest. Die Landschaft ist imposant. Es war ein Ereignis, das Dorf schließlich zu erreichen, fernab von allen Touristenwegen.

Sibirische Kälte in Jakutsk

In den acht Wintermonaten ist die Lena, einer der längsten Flüsse der Erde, mit ihrer Eisstraße eine wichtige Verbindung vieler Ortschaften sowie zur Hauptstadt Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt. Sie steht auf einer hunderte Meter dicken Permafrostschicht. In Jakutsk sind sogar die Spielplätze aus Eis. Schulfrei gibt es erst ab minus 50 Grad! Mein Freund Matthias begleitete mich auf dieser Reise als Assistent und machte mit mir einen gewaltigen Klimasprung. Direkt vom eisigen Sibirien reisten wir weiter nach Kambodscha, um eine verschollene Kuhrasse im Dschungel zu suchen …

Keine vereiste Straße wie bei uns, sondern eine Straße aus Eis – zum Glück mit wenig Gegenverkehr.

Mission Impossible in Kambodscha

Unsere Mission: Eine Kuh zu suchen und zu fotografieren, die als ausgestorben gilt und die seit zig Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hat! Gemeinsam mit unseren erfahrenen, bewaffneten Guides durchforsteten wir täglich bereits ab den frühen Morgenstunden mit der Machete die Wälder und beobachteten potenzielle Plätze. Im Dickicht mit unseren Rucksäcken, beladen mit Fotoequipment, Proviant und viel Wasser, bei enormer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit, war diese Suche ein äußerst kräftezehrendes Unterfangen. Hinzu kamen die Gefahr von Minen, die zahlreichen Holzdiebe sowie die Fallen der Wilderer. Trotz der Schinderei, die leider nicht mit einem Foto der Kouprey belohnt wurde, war es ein unbeschreibliches Gefühl, durch den imposanten Dschungel zu wandern und bei sagenhafter Geräuschkulisse die Nächte im Freien zu verbringen.

Der Dschungel von Kambodscha, imposant, gefährlich und voller nächtlicher Geräusche.

China: „Cowbusiness is a drinkingbusiness“ ...

… sagte unser Guide, der renommierter Wissenschaftler ist. Es gab unzählige Traditionen und Rituale, die uns bei Geschäftsessen dazu zwingen sollten, Hochprozentiges zu trinken.

Ein Ablehnen wäre mehr als unangemessen, flüsterte der Guide uns mit ermahnenden Blicken zu. Die Abende waren meist verrückt und legendär. Während des üppigen Essens wird gespielt: eine Art „Schere, Stein, Papier“ – jeder gegen  jeden. Der Verlierer trinkt. Unsere Bekanntschaften steckten die Niederlagen ungern ein und forderten einander immer wieder heraus, um „ihre Ehre zu retten“. Ich hatte das Gefühl, so ein Abend wird erst als gelungen empfunden, wenn jemand am Tisch einschläft.

Das im Servus-Verlag erschienene Buch von Werner Lampert kombiniert Fakten und Essays, nicht nur für „Kuhfreunde“! Erhältlich im Buchhandel und in Osttirol auch im Geschäft und im Online-Shop von

Getreidemühlen Waldner Biotech
Kärntnerstraße 62, 9900 Lienz
www.waldner-biotech.at
Credits
  • Autorin: Ramona Waldner
  • Fotografie: Ramona Waldner
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