Auf der Verliererstraße
Auf der Verliererstraße
Ein bis drei Prozent der österreichischen Bevölkerung sind glücksspielsüchtig. Der Großteil der Betroffenen ist männlich.

Mario Gietl, Psychologiestudent und Dolomitenstadt-Autor spricht mit der Sozialarbeiterin und Suchtberaterin Hildegard Seebacher vom Verein B.I.N. in Innsbruck über die Mechanismen, durch die ein Spiel zur Sucht wird. 

Spiel an sich ist sehr wichtig für den Menschen. Es dient der Unterhaltung an einem Abend mit Freunden, dem Lernen und auch dem Training. Wann ist jemand dann spielsüchtig? „Sobald Spielen zweckentfremdet wird, sprich wenn es für etwas eingesetzt wird, wofür es nicht gedacht ist“, erzählt mir Suchtberaterin Hildegard Seebacher. Darunter fallen Selbstwertsteigerung, Abschalten vom Alltag oder Realitätsflucht in die Spielwelt.

Je geringer die Zeitspanne zwischen Spiel und Ergebnis, desto größer ist das Suchtpotenzial. Kein Wunder also, dass Spielautomaten und Live-Wetten das größte Suchtpotenzial aufweisen. Allerdings sind Sport-Wetten und damit auch Live-Wetten, in Österreich gesetzlich nicht als Glücksspiel eingestuft. Wetten sind hierzulande „Geschicklichkeitsspiele“ – eine Absurdität. Lottoscheine haben im Vergleich dazu ein ausgesprochen niedriges Suchtpotenzial – die halbe Woche reicht in den allermeisten Fällen nicht aus, um eine Abhängigkeit zu erzeugen.

Hildegard Seebacher ist diplomierte Sozialarbeiterin und akademische Suchtberaterin und arbeitet beim Verein B.I.N. in Innsbruck. Foto: Expa/Jakob Gruber

Sehr häufig kommt der Stein mit dem ersten größeren Gewinn ins Rollen. In dieser Gewinnphase verlieren Betroffene die Fähigkeit aufzuhören, einen Gewinn mitzunehmen – es folgt unweigerlich der Übergang in die Verlustphase. Dem Kick des ersten großen Gewinns laufen die Menschen dann nach. Dieses Phänomen wird als „Chasing“ bezeichnet. „Was ich gestern verloren habe, hole ich heute wieder zurück.“ In der Logik des Spielsüchtigen steigt mit jeder Runde ohne Gewinn die Wahrscheinlichkeit genau dafür. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, den großen Wurf zu landen, bei jedem Versuch gleich hoch – oder besser: gleich winzig.

Irgendwann sind die eigenen Geldmittel erschöpft. Es folgen der Gang zur Bank und Beleihungen oder das Anpumpen von Freunden und Angehörigen um Geld. „Einige steigen hier bereits aus,“ erzählt die Suchtberaterin „die Hemmschwelle ist bei manchen Betroffenen erreicht.“ Wenn es an dieser Stelle weitergeht, spielt man um Geld, das einem nicht gehört. Das Versprechen: „Du bekommst das Geld dann natürlich wieder zurück“ verstärkt die Suchtdynamik, sobald die ersten Scheine fremden Geldes verspielt sind.

So dreht sich die Suchtspirale immer weiter und zwar wie ein One Way Ticket nach unten. Der Spielautomat ist wie ein schwarzes Loch. Er will immer mehr und Spielsüchtige sind in ihrer Dynamik „bereit“, die Forderung zu erfüllen – immer in der Hoffnung auf die Summe, die im eingerahmten Kästchen so schön bunt blinkt. Im Extremfall mündet das Verhalten dann in Beschaffungskriminalität und endet im Gefängnis.

Spielautomaten haben das höchste Suchtpotenzial unter allen Glücksspielen. Foto: iStock/Welcomia

Der Gang in die Abhängigkeit ist ein langer Prozess und geht meist über Jahre, lässt mich die Psychotherapeutin in Ausbildung wissen. „Zu den Entzugserscheinungen gehört extreme Nervosität, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Unruhe und unter Umständen auch Aggression.“ Das wird in einem sehr fortgeschrittenen Stadium maßgeblich vom Geldbeschaffungskarussel im Kopf mitbestimmt.

Spielsucht wird durch ein weiteres Phänomen charakterisiert: durch die plötzliche, extreme Ernüchterung. In einem Moment sind Betroffene in ihrer eigenen Welt, sie fühlen sich stark, alles ist aufregend. In dem Moment, wo alles verloren ist, landen sie dann meist unsanft in der Realität. Die Folge sind Depressionen („Ich bin nichts wert.“) oder Aggression („Das ist alles so ungerecht und gemein.“).

Einen prototypischen Spieler-Charakter gibt es nicht, sagt Seebacher, grundsätzlich seien alle Menschen suchtgefährdet. Ich nicht – ist also nicht! Typische Begleiterkrankungen sind, nach Auskunft der Suchtberaterin, narzisstische Persönlichkeitsstörungen, Depression, Angsterkrankungen und häufig auch andere Süchte. In der Biografie von Betroffenen kann man sehr häufig eine schwierige Vaterbeziehung beobachten. 85 bis 90 Prozent haben entweder einen Vater, der nicht da war (Tod, Scheidung) oder einen „schwachen“ Vater, der beispielsweise selbst suchtkrank war.

Einen prototypischen Spielercharakter gibt es nicht. Grundsätzlich sind alle Menschen suchtgefährdet.
Hildegard Seebacher

Die Kontaktaufnahme mit einer Beratungseinrichtung erfolgt meistens als Folge einer akuten Krise, eines gravierenden Auslösers. Entweder fehlt Geld, oder andere sind Betroffenen auf die Spur gekommen, meist die Familie oder der Arbeitgeber. Vor allem im Anfangsstadium der Therapie geht es darum, einen Überblick über das Suchtverhalten zu bekommen. In weiterer Folge spielen unter anderem Barrieren eine wichtige Rolle. „Es kann sich als sinnvoll erweisen, die finanziellen Angelegenheiten über eine gewisse Zeit (einige Monate) von anderen regeln zu lassen, oder gewisse Limits bei der Bank einzurichten.“ Im Umgang, sprich in der Therapie mit Abhängigen sei es immer auch wichtig, jemanden zu haben, der klar bleibt, nicht ‚herumwurstelt‘, sondern dem Spieler sinnbildlich den Spiegel vorhält, erklärt Seebacher. 

Langfristig kann das Ziel, in Abhängigkeit von der Ausgangssituation, entweder vollständige Abstinenz oder verantwortungsvolles Spielen sein. Im Laufe des Heilverfahrens wird auch viel Wert auf Information gelegt. „Das trägt maßgeblich zum Selbstverständnis der Krankheitsdynamik bei und hilft im Prozess.“

„Es kann sich als sinnvoll erweisen, die finanziellen Angelegenheiten über eine gewisse Zeit von anderen regeln zu lassen“, erklärt die Suchtberaterin. Zehn Prozent ihrer Klienten sind spielsüchtig. Foto: Expa/Jakob Gruber

Spielautomaten haben das höchste Suchtpotenzial unter allen Glücksspielen, sie haben einen entsprechend hohen Anteil an der Suchtproblematik. Rund zehn Prozent der Klienten von Hildegard Seebacher sind glücksspielsüchtig. Zwei Drittel von ihnen sind abhängig von Spielautomaten. Zur Eindämmung dieses Problems können individuelle Maßnahmen nur wenig beitragen, sind sich Experten einig, vielmehr müssten auf politischer Ebene entscheidende Schritte gesetzt werden.

In Österreich sind nur einige wenige Anbieter zugelassen und die müssen sich verpflichten, „spielerschützende“ Maßnahmen zu ergreifen. Das klingt in der Theorie verantwortungsbewusst und ist bei näherem Hinsehen doch nicht viel mehr als ein laues Lippenbekenntnis. Das Problem ist, dass dieselben Unternehmen, die mit dem Spieler Geld verdienen, ihn auch vom Spiel abhalten sollen. Eine Rollenkonfusion erster Güte.

Automatencasinos sind letztlich staatlich lizensierte Suchtstätten und die großen Glücksspielkonzerne vor diesem Hintergrund vergleichbar mit Drogenhändlern, die die Abhängigen ständig auf Linie mit der Jackpot-Jagd halten und selbst daran Unsummen verdienen. Das geschieht auf Kosten der Betroffenen. Wenn dann alles den Bach runter gegangen ist – der letzte Cent verspielt ist und die Zahlen statt auf dem Konto immer noch in schönen Leuchtfarben im Casino blinken, werden die Spieler gesperrt. Das verstehen die globalen Player unter verantwortungsvollem Spielen. Im eigentlichen Sinn handelt es sich bei den Spielersperren um eine Alibimaßnahme und Rechtfertigungsstrategie der Konzerne, die argumentieren: „Wir tun eh alles, was wir können.“

Die Bilanz am Ende ist ernüchternd: Das Glücksspiel macht nicht nur zigtausend süchtige Gambler, sondern auch deren soziales Umfeld zu Verlierern – und bringt nur wenigen den großen Gewinn.


Mehr Informationen
Suchthilfe B.I.N

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Kiew vor 3 Wochen

Leider wird oft für diverse Wetten geworben - Gewinn inklusive und das Startkapital sogar geschenkt. Merke: wo dir etwas geschenkt wird - niemand hat wirklich etwas zu verschenken - steckt ein ganz massiver fieser Pferdefuss.