Foto: Elena Reisinger

Foto: Elena Reisinger

Aus analogen Archiven
Aus analogen Archiven

Der Titel der Gruppenausstellung, die am 15. März 2019, ein Jahr vor dem Lockdown, eröffnet wurde und ab 9. Oktober 2020 in Lienz hätte gezeigt werden sollen, klingt wie ein Anachronismus.

Das digitale Zeitalter hat mit der Jahrtausendwende begonnen und seither alle unsere Lebensbereiche grundlegend verändert. Die Produktion, Verbreitung, Analyse und Archivierung von Daten bekamen durch die Krise – wir haben es alle gemerkt – einen mächtigen Anschub, der vielen nicht schnell genug kommen konnte: Social Media und Online-Handel, Homeoffice, Homeschooling und Videotelefonie, deren kleinster gemeinsamer Nenner die körperliche Distanz der Beteiligten ist, waren die Brandbeschleuniger einer neuen Alltagskultur.

Archive sind nicht nur Depots, in denen das analog oder digital Aufbewahrte aus dem Verkehr gezogen und seine Interaktion mit dem Lebendigen ausgesetzt wird. Sie sind Orte des Bewahrens und des Erinnerns, und die Richtlinien, wie welche Gegenstände auch immer mit welchen dort in Verbindung gebracht werden, können höchst subjektiv sein. Für Elena Reisinger, Judit Villiger, Letizia Werth und Othmar Eder versammeln sie die greifbaren Stimuli neuer Ideen und Produktionen, die auch den Schlüssel zur Identität dieser so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeit sich selbstverständlich auch digitaler Technologien bedient, liefern.

Den immensen Umfang ihres analogen Bildarchivs drückt Letizia Werth nicht in Zahlen aus, sie kippt ihn einfach von Zeit zu Zeit aus dem Fenster. „more is more“ heißt die – digitale – Videoaufzeichnung dieser Analogie.

Die 1980-er Jahre gaben den Auftakt zum Abgesang des analogen Zeitalters. Anlässlich seiner Retrospektive „Im Inneren der Malerei“, 1988 in der Wiener Secession, wurde Max Weiler durch einen Ausstellungsbesucher mit der Feststellung konfrontiert, dass seine Kunst nach Jahrzehnten der Abstraktion zu guter Letzt doch wieder gegenständlich geworden sei. Schließlich hießen die Bilder ja „Blauer Baum“, „Bergblumen“ und ähnlich. Die Replik des fast Achtzigjährigen war kurz und entwaffnend: „Wissen Sie, die Bildtitel haben mit dem, was Sie sehen, gar nichts zu tun. Aber ich tu mir leichter, mein Bildarchiv nach solchen Namen zu ordnen als nach den Ziffern eins, zwei, drei, vier usw. Ich kann mir in meinem Alter Zahlen schlecht merken.“

Bloße Gedächtnisstützen also waren die Titel und von den Bildinhalten schon dadurch verschieden, dass sie in sprachliche Zeichen gefasst waren, die „das Innere der Malerei“ gar nicht erreichten. Jedoch stehen Wort und Bild – das kennt jeder, der beim Ordnen seiner Fotodateien Namen vergibt – in einer verführerischen Ähnlichkeitsbeziehung. Sie sind analog. Die Kennzeichnung durch Zahlen hat keine Ähnlichkeit mit den Bildern. Sie ist digital. Mit Zahlen lassen sich Werkreihen quantifizieren, Verhältnisse ausdrücken, Räume berechnen, die man zur Ausstellung und Archivierung von so und so vielen Exponaten benötigt, kurz: Sie dienen zum Kalkulieren.

„Kalkulieren“ könnte man auch die Arbeit der Steinsetzer nennen, denen Lissabon unzählige, über viele Generationen mit weißem Kalkstein, „calcário“, gepflasterte Straßen und Plätze verdankt. Ungeordnet im Sand herumliegende Steine werden mit gezielten Hammerschlägen in Form und mit flinkem Griff in die Reihe gebracht. Othmar Eders digitale Videoarbeit bewahrt die Erinnerung an die „Calceteiros“, die schon in naher Zukunft aus Stadtbild und Stadtklang verschwunden sein werden: Waren es in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts rund vierhundert Personen, die sich auf dieses Handwerk verstanden, so sind es heute gerade noch zwanzig. (Othmar Eder, Calceteiros – Lisboa, Video, 2015)

Digitus heißt „der Finger“, und da wir in aller Regel zehn Finger besitzen, benutzen wir sie für mathematische Operationen im Zahlenraum 10. Alle natürlichen Zahlen setzen sich aus dem Zeichenvorrat der zehn Ziffern zusammen. Der Computer benötigt lediglich zwei: Null und Eins, entweder oder, Sein oder Nichtsein, dazwischen sind keine Informationen verfügbar. Schwarz und weiß sind nicht die äußersten Enden einer in unendlich viele Graustufen teilbaren Skala; Tag und Nacht nicht durch zu- oder abnehmende Helligkeit vorbereitet. Das eine ist weder ein Teil noch ein Vielfaches des anderen. „Tertium non datur“ lautet der logische Grundsatz vom ausgeschlossenen Dritten. Doch sind auch die Begriffe „analog“ – „digital“ einander ausschließende Alternativen?

Äpfel lassen sich nicht ohne weiteres mit Birnen vergleichen, es sei denn unter dem Oberbegriff „Obst“, der die Ähnlichkeiten zwischen den beiden hervorhebt und ihre Unterscheidungsmerkmale verneint. Aber aus einer halben Gurke wird im Leben kein Apfel und auch aus zehn Tonnen Gurken kein Auto. Es sei denn als Objekte, die existieren und die es daher auch zu kaufen gibt. Voneinander verschiedene Dinge sind nur unter bestimmten Voraussetzungen analog. Durch die Digitalisierung, die Übersetzung von Wirklichkeiten in Zahlen, jedoch lässt sich jedes mit jedem vergleichen: Der Zahlenwert eines Apfels mit dem von Gurken und Autos – als Bezifferung von Maß und Gewicht oder als Bestellnummer im Handel.

Riesengemüse, Judit Villiger
Pikzmyzelgitter, Judit Villiger

Unter der Bezeichnung „Riesengemüse“ lässt sich Verschiedenstes subsumieren und miteinander vergleichen: Je höher und allgemeiner der Überbegriff, desto mehr sieht er von Ähnlichkeiten ab. Jedoch abstrahieren bereits die Ähnlichkeit vortäuschenden Darstellungen der einzelnen Dinge auf zweifache Weise. Sie zeigen Bilder von Dingen, die ihrerseits stellvertretend für die Art, nicht für Individuen stehen. In Verbindung mit den sprachlichen Bezeichnungen „digitalisieren“ auch sie.

Problematisch wird es beim Tausch. Wenn, was immer wieder einmal vorkommt, zwei Künstler ihre Werke analog tauschen, werden Einigkeit und Identität nach subjektivem Ermessen, nach einer ästhetischen Wahlverwandtschaft erzielt. Man kann, und dies wird vielleicht öfter der Fall sein, den Tauschwert auch objektivieren und in Zahlen ausdrücken. „Der geldvermittelte Tausch setzt systematisch das Nichtgleiche gleich“, und diese Gleichheit, die Identität, wird – so J. Hörisch in Anlehnung an Adorno – damit bezahlt, dass am Ende nichts mit sich selber identisch sein darf. Auch ich nicht mit mir.

Eine Definition von Analogie lautet: das Sich-entsprechen, Sich-ähnlich-, Sich-gleich-Sein in bestimmten Verhältnissen. Um sich der eigenen Identität zu versichern, ist es nützlich, den Anderen zu befragen. Beliebig ließen sich dann Berührungsflächen zwischen den einzelnen, eigenständigen und mit sich selbst identischen künstlerischen Strategien ausdehnen und als vermittelndes Drittes zwischen Analogem und Digitalem der Dialog ins Werk setzen, der sich hier, weit über den Grundkonsens dieses Ausstellungskonzeptes hinaus, zwischen den Künstlern entspinnt, wo sich der eine im Anderen wiedererkennt oder, wie Martin Buber es ausgedrückt hat, der Mensch am Du zum Ich werden kann.

Das analoge Archiv von Elena Reisinger beinhaltet zu einem beträchtlichen Teil industriell gefertigtes Spielzeug. Aus ihm bezieht sie das Personal und die Requisiten für ihre phantastischen Bildgeschichten, die sie ausschließlich in digitaler Fotografie und Bildbearbeitung erzählt.

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