Der Gumpinator
Der Gumpinator
Hans Gumpitsch zählt zu jenen Menschen, die man nicht übersehen kann. Wenn der Obmann des Osttiroler Maschinenrings um die Kurve kommt, egal ob zu Fuß oder auf seinem Traktor, dann denkt man unwillkürlich: „Action!“

Ob es ihn stört, wenn wir „Gumpinator“ über unsere Story schreiben? „Nein“, lacht der Querdenker aus Dölsach. So kann man Hans Gumpitsch nämlich auch sehen, als einen der schillerndsten Darsteller im Machtblock der Osttiroler Bauern, auf den wir im anschließenden Interview noch zu sprechen kommen. Er hat sich im Dölsacher Gemeinderat „zweimal weit hinaus gelehnt in der Flüchtlingsdiskussion“, und sich mit seinem ganzen Gewicht für die Aufnahme von Asylwerbern stark gemacht: „Egal was mein Club denkt, wenn es um Menschen oder auch um Tiere geht, da sage ich meine Meinung. Ich tue mich da leicht, weil ich kein politisches Amt anstrebe. Ich bin Unternehmer, Bauer, Maschinenring-Obmann und Obmann von drei Agrargemeinschaften – das reicht.“

Hans Gumpitsch und der Steyr 6300 TERRUS. Neben Transportern, Straßendienst, Kompostierung und anderen Gewerben betreut Gumpitsch 250 agrarische Kunden.

Da verwundert es auch nicht, dass die Hofalm im Debanttal, die Gumpitsch gemeinsam mit anderen betreibt, schon im Jahr 2007 die erste Natura 2000 zertifizierte Alm war: „Ich habe eine ganz andere Meinung zu Natura 2000 als viele andere, speziell im Iseltal drinnen. Ich bin der volle Maschinenfreak. Aber in der Alm, da wird mit der Hand gearbeitet, da beschäftigen wir Leute zur Kulturpflege.“

Wenn es um Menschen oder auch um Tiere geht, da sage ich meine Meinung. Ich tue mich da leicht, weil ich kein politisches Amt anstrebe.
Hans Gumpitsch

Gumpitsch leistet sich eine eigene Meinung auch deshalb, weil er ein typischer Selfmade-Man ist, ein Zupacker, der geborene „Unternehmer“ im Sinn des Wortes. Mit acht Jahren bekam er von einem Eisenbahnerpensionisten einen belgischen Riesenhasen geschenkt. „Der hatte 13 Junge. Ich habe eine Zucht angefangen, Hasen geschlachtet und ihr Fleisch verkauft. Die Felle habe ich dem Kleinlercher im Grafenanger verkauft. Das war mein Einstieg ins Unternehmerleben. Taschengeld habe ich nie bekommen“. Der richtige Einstieg begann mit dem Dreck der anderen. Gumpitschs Vater betrieb neben der Landwirtschaft in den siebziger Jahren auch die Müllabfuhr in Nußdorf-Debant. „Da war das noch ungeregelt, da kam das auf den Haufen. Ich habe Klärgruben ausgeleert, als Kleingewerbetreibender.“

Damals war auch schon der Maschinenring an Bord. Kleinräumige bäuerliche Kompostieranlagen waren Anfang der neunziger Jahre ein Thema. „Das hat mich interessiert. Ich habe mich reingekniet. Die anderen haben gesagt: Im Dreck der Stadtner wühlen, das tut ein Bauer nicht. Ich hab gesagt: Doch, das tue ich.“

1993, als die Kompostierung der Stadt ausgeschrieben wurde, war Gumpitsch der einzige Bewerber. „So habe ich angefangen, habe Biomüll kompostiert, das mache ich heute noch, es ist einer meiner Hauptzweige.“ Aus dem Müll holte der damals junge Bauer nicht nur Ertrag, sondern auch Informationen. 1992 wurde der Milchmarkt liberalisiert, die Handelsketten mussten nicht mehr bei den lokalen Molkereien einkaufen, die Bauernorganisationen waren in heller Aufregung, „aber sehr träge“ in den Reaktionen. Jungbauer Gumpitsch handelte. Auf der Mülldeponie betrieb er Marktforschung: „Am Ende der Kette findest du die ganze Geschichte. Da siehst du, was der Konsument kauft.“ Hofer wurde als Hauptgegner lokalisiert und Gumpitsch fasste mit einem Kumpel den Plan, den Handelsriesen mit einem Trick lahmzulegen: „Wir wollten hintereinander in der Früh mit 5000-Schilling-Scheinen einkaufen und dachten, so legen wir ihn lahm, weil ihm dann das Wechselgeld ausgeht“. Es war ein Schuss in den Ofen, die beiden flogen auf und bekamen allerhand Probleme.

Der „Maschinenfreak“ bewirtschaftet neben der Gewerbetätigkeit einen eigenen Hof mit 49 Hektar Anbau- und Weideflächen.

Neben einem halben Dutzend anderer Gewerbe – darunter Winter- und Straßendienst, diverse agrarwirtschaftliche Tätigkeiten und Tiertransport – ist Gumpitsch natürlich auch Bauer und zwar kein kleiner. Die Hofarbeit erledigen hauptsächlich seine Frau und sein älterer Sohn. Nur sonntags lässt es sich der Maschinenring-Obmann nicht nehmen, selbst zu melken. Zur Entspannung. „Da habe ich das Handy, den Stresskompressor, nicht dabei, da habe ich meine Kühe und im Hintergrund ein bissl mein Radio und genieße das Bauersein. Ohne Termindruck. Deswegen bin ich Bauer.“ Gumpitsch ist ein Schlüsselspieler im bäuerlichen Machtkartell Osttirols. Er ist Obmann des Maschinenrings, einer Organisation, die heuer ihren Fünfziger feierte. Auch wenn der Firmenname die Maschine ins Zentrum rückt, ist der Ring eine Mischung aus landwirtschaftlichem Dienstleister, gewerblichem Servicebetrieb (mit 17 unterschiedlichen Gewerbeberechtigungen!) und Leiharbeitsvermittlung.

Das Bauernkollektiv hat in Osttirol 1 150 Mitglieder und erwirtschaftet mit mehr als 200 MitarbeiterInnen rund zehn Millionen Euro im Jahr, mehr als die Hälfte davon in der Sparte Personalleasing. Einer der Geschäftsführer ist Martin Mayerl, Landtagsabgeordneter, ÖVP-Bezirksobmann und mit Gumpitsch seit Jugendtagen befreundet. 1987 liefen sie sich erstmals über den Weg. „Wir kommen aus der selben Gemeinde, aber er ist in Dölsach und ich in Debant zur Volksschule gegangen, und in der Hauptschule war er ein Jahr vor mir. Dann wurde er Jungbauernobmann und ich sein Stellvertreter, da waren wir beide noch mit den Mopeds unterwegs.“

Was denkt Hans Gumpitsch über die EU, die Vordenker, die Macht und die Zukunft der Bauern? Ein Interview.

DOLOMITENSTADT: Obwohl es immer weniger Bauern gibt, habe ich den Eindruck, dass RGO (Anm.: Raiffeisen Genossenschaft Osttirol) und Maschinenring in Osttirol immer mächtiger werden.

Hans Gumpitsch: Grundsätzlich sind RGO und Maschinenring komplett getrennte Einheiten. Von den 1 150 Maschinenring-Mitgliedern sind allerdings fast alle auch RGO-Mitglieder. Und wir haben ein gemeinsames Ziel: außerlandwirtschaftliches Geld in die Landwirtschaft zu bringen. Dafür haben wir diese Organisationen gegründet.

Motiviert nicht gerade euer Leiharbeitsmodell die Landwirte zum Wechsel in andere Berufe?

Ich seh das anders. Aufgrund der Betriebsstrukturen sind die Bauern gezwungen, in einen Zu- oder Nebenerwerb zu gehen, oft schon in der zweiten Generation. Landwirtschaft in Osttirol ist zu 60 Prozent Idealismus, zu 20 Prozent Fanatismus, zu zehn Prozent Verpflichtung und zu zehn Prozent wirtschaftlich. Unser Auftrag ist, einen landwirtschaftsgerechten Nebenerwerb zu bieten. Ich bin froh über Liebherr, Durst und die anderen Industriebetriebe. Aber mir tut das Herz weh, wenn der Bergbauer aus Prägraten nach Lienz zur Arbeit fährt und daheim hinter seinem Hof bricht der Schutzwald zusammen.

Das ist der Kern meiner Frage. Durch die Möglichkeit, anderweitig Geld zu verdienen, mit mehr Sicherheit, wird der Bauer „entbäuerlicht“?

Ja. Aber wir versuchen die Schubumkehr. Zum Beispiel beim Wald. Es gibt ein öffentliches Bewusstsein, dass der Wald Schutz- und Erholungsfunktion hat. Aus diesem Grund investieren wir derzeit viel Geld in diesen Bereich, bilden Lehrlinge aus und haben ein forsttechnisches Büro eingerichtet. Das braucht einige Jahre, bis so etwas wirtschaftlich läuft. Mein Wunschtraum: In jeder Gemeinde gibt es bald drei bäuerliche Leute, die sich um den Wald kümmern. Dann hätten wir hundert Arbeitsplätze im Bezirk geschaffen, draußen vor Ort in der Peripherie.

Hans Gumpitsch: „Wir haben auf dem Altar der persönlichen Befindlichkeiten eine Osttiroler Molkerei geopfert.“

Wenn du EU-Landwirtschaftskommissar mit uneingeschränkten Befugnissen wärst, was würdest du sofort ändern?

Die Konzentration der Betriebsgrößen ist der Untergang der Landwirtschaft. Kurze regionale Wege wären das absolute Topthema. Vor dem EU-Beitritt musste ein Nutztier, das geschlachtet wurde, zum nächstgelegenen Schlachthof gebracht werden. Jetzt haben wir stattdessen 1 000 Regeln über Tierschutz und Pausen. Ich habe lange Schlachtvieh transportiert und weiß, wovon ich spreche. Deshalb liefere ich nicht weiter als bis zu McDonalds nach Salzburg. 80 Prozent meiner Tiere werden in Flattach geschlachtet. Ich bin Bauer, weil ich die Natur liebe und die Tiere gern habe. Ich führe sie der Bestimmung zu, aber so lange sie bei mir sind, geht es ihnen gut und ich schaue auf sie.

Was hältst du von den Osttiroler „Vordenkern“ und ihrem Leitbild für den Bezirk?

Ich stehe den Vordenkern positiv gegenüber. Es ist nett, dass sie sich Gedanken machen. Der Unterschied liegt im Denken und Tun. Ich bin halt eher auf der Seite der Umsetzer.

Stichwort Umsetzung: Alles spricht über die Notwendigkeit, regional zu konsumieren und auf Lebensmittel aus der Region zu setzen. Ist das – realistisch betrachtet – überhaupt umsetzbar?

Klar. Tirol hat mehr Gästenächtigungen als Griechenland. Würde nur das, was in Tirol verspeist wird, auch in Tirol gekauft werden, wäre das schon was. Ich werde nicht müde, die Touristiker auf einen Etiketten-
schwindel hinzuweisen. Niemand schreibt „holländisches Wirtshaus“ über die Tür, jeder schreibt „Tiroler Wirtshaus“. Aber die Produkte kommen nicht aus Tirol. Ich bin ein kulinarischer Mensch und ein Gegner von Fast Food. Aber wenn mich heut’ einer fragt, zu welchem Wirt muss ich gehen, damit ich von unseren Bauern das Zeug bekomme, dann muss ich sagen: Geh zu McDonalds. Das ist einer der wenigen ehrlichen Wirte, die was weiterbringen. Und das ist für mich eine Tragödie.

Früher waren Hofer und Co. die Feinde der Bauern …

… genau – jetzt sind es unsere Partner. Mit Werner Lampert und ‚Zurück zum Ursprung‘ machen sie Millionenumsätze. Da sieht man auch die Verfehlungen der Bauernfunktionäre der letzten Jahrzehnte. Wir haben auf dem Altar der persönlichen Befindlichkeiten eine Osttiroler Molkerei geopfert. Ich sage das ganz offen. Heute brauchen wir dem nicht mehr nachweinen. Pro forma einen Graukäse zu machen, das ist für den Hugo.“

Welches Futter bekommen deine Tiere?

Ich füttere nur Einzelkorn-Komponenten, also Getreide. Und kein Soja. Das ist auch so eine Geschichte. Eine Rotkleewiese im Lienzer Talboden, die vier Mal im Jahr gemäht wird, produziert dreimal soviel Eiweiß wie ein Hektar Sojabohnen in Südamerika. Das Dreikorn-Flockenfutter der Osttiroler Genossenschaft steht bei mir auf dem Futtertisch, das ist das Müsli. Da greifen die Kinder hinein und essen davon. Und das bekommen meine Tiere.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Ramona Waldner
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