Der
Locationscout
Der Locationscout
Leo Baumgartner sucht seit 30 Jahren Plätze, die zu Filmszenen passen, und findet sie in den Bergen, die er wie seine Westentasche kennt.

Leo Baumgartner lacht mich an. Er hat bei unserem Interview drei seltsame rote Punkte im Gesicht. „Ich habe eine chinesische Moxa-Therapie ausprobiert.“ Das schaut Leo Baumgartner ähnlich. Einer der Gründe, warum ich ihn gerne treffe, ist seine so entspannt unkonventionelle Art, diese Mischung aus Bergfex, Schelm und Lebenskünstler, die einen immer ein wenig neidisch zurücklässt. Ich wäre auch gerne ein Abenteurer, einer, der Hollywoods verwegenen Helden sagt, wo es langgeht. Das ist Leos Beruf. Er ist „Locationscout“, der einzige, den ich kenne. Wie wird man das?

„Ich habe eigentlich Maler gelernt, aber ein Arzt hat mir gesagt, lass das Malen, das verträgst du nicht.“ Der junge Baumgartner ließ sich das nicht zweimal sagen. Schon als Kind und Jugendlicher war er in den Bergen unterwegs, wann immer es ging. Also machte er die Berufung zum Beruf, wurde Bergführer und bildete auch solche aus. Dann kam Der Bär. Nicht irgendeiner, sondern der, den Regisseur Jean-Jacques Annaud 1987 durch die Osttiroler Wildnis tappen ließ, eine Wildnis, die Leo Baumgartner zuvor sorgfältig für die filmischen Flachländer ausgesucht und entschärft hatte. Leo war der Filmcrew von Erich Mair, damals Obmann des Tourismusverbandes, vorgeschlagen worden, als kundiger Guide, der bei den spektakulären Outdoor-Szenen den Set und die Schauspieler absichern konnte. „Für mich war das extrem exotisch und gut, es war ein verregneter Sommer und ich war dennoch durchgehend beschäftigt.“

Und Baumgartner erwies sich als einer, der auch mit den Augen des Kameramannes auf eine Sequenz schauen konnte, der wusste, was später im Kino gut und richtig aussah. Zum international anerkannten Experten bei der Suche nach den passenden Filmsets wurde der Oberlienzer aber erst zehn Jahre später. Der Zufall führte, wie so oft, Regie. Ein Werbespot für ein Allradauto sollte im unwegsamen Berggelände gedreht werden. Man suchte einen Drehort. Damals veröffentlichte Baumgartner hochalpine Fotostrecken in Berg- und Lifestyle-Magazinen. Seine Bilder fielen den Werbeleuten auf. Sie engagierten ihn und der „Locationscout“ war geboren. „Dann ging alles schnell. Gleich danach gab es eine Anfrage für einen Everestfilm – und dann kam Sieben Jahre in Tibet.“ Das Team rund um Jean-Jacques Annaud hatte den knorrigen Osttiroler nicht vergessen und Baumgartner war plötzlich richtig gut im Geschäft. Ein Dreh mit Brad Pitt – er war in der Champions League angelangt.

Leo Baumgartner und Reinhold Messner besprechen in Sulden am Ortler eine Schlüsselszene des Dokudramas Ama Dablam – Drama am heiligen Berg.

Die Liste der Produktionen, die seither unter Baumgartners Mitwirkung entstanden, ist lang und enthält viele Blockbuster, von denen hier nur einige aufgezählt seien: TripleX (2002) King Arthur (2004), Bridget Jones (2004), Last Holiday (2006), Nanga Parbat (2010), Autumn Blood (2013), Monuments Men (2014), Das finstere Tal (2014), The Grand Budapest Hotel (2014), Point Break (2015) und Eddie the Eagle mit Hugh Jackman (2016).

Manchmal kontaktieren Produzenten Leo Baumgartner schon ein Jahr vor Drehbeginn und lassen sich einfach Orte zeigen. „Man muss kreativ sein, offen für alles, Spaß daran haben und sich von einem Projekt begeistern lassen.“ Baumgartners Spezialität ist die Umsetzung von spektakulären Actionszenen: „Ich werde nur geholt, wenn ein alpiner Dreh gefährlich und schwer umzusetzen ist. Die Herausforderung ist, dass eine Szene überhaupt gedreht werden kann, dass sich die Schauspieler dabei nicht weh tun und am Ende auch noch alles gut ausschaut.“ Beim spektakulärsten Osttiroler Filmdreh überhaupt, dem James Bond-Streifen Spectre, hatte Baumgartner zwar bei der Wahl des Drehortes die Finger im Spiel. „Am Set kamen dann aber andere zum Zug“, meint er lapidar.

Zuletzt war Baumgartner an der Seite von Reinhold Messner im Einsatz. Dessen Drama am Heiligen Berg hatte Ende Oktober auf Servus TV Premiere. Das Dokudrama erzählt die wahre Geschichte einer dramatischen Rettungsaktion am Ama Dablam, dem 6.814 Meter hohen Heiligen Berg der Sherpas. Peter Hillary, Sohn der Everest-Legende Edmund Hillary, wollte ihn Ende der achtziger Jahre mit drei Kameraden über die noch undurchstiegene Ming-Bo-Wand erstbegehen. Eine Eislawine raste über die Bergsteiger hinweg und tötete einen von ihnen. Die anderen kämpften, an einem einzigen Haken hängend, um das nackte Überleben. Damals entschlossen sich Reinhold Messner und Oswald Oelz, die sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls am Ama Dablam befanden, zu einer Rettungsaktion.

Die Herausforderung ist, dass eine Szene überhaupt gedreht werden kann, dass sich die Schauspieler dabei nicht weh tun und am Ende auch noch alles gut ausschaut.
Leo Baumgartner

Im Film wird Messner von seinem 26-jährigen Sohn Simon gespielt. In einer kleinen Nebenrolle ist auch der Osttiroler Alpinist Alfi Dworak zu sehen. Leo Baumgartner hatte seine Rolle wie immer hinter der Kamera: „Es ging darum, die Schlüsselszene, den Abgang der tödlichen Eislawine, perfekt umzusetzen. Gedreht wurde dieser Part nicht in Nepal, sondern in Sulden am Ortler. Es musste so aussehen, als ob man mitten in einer Lawine wäre.“ Wie findet man Orte, an denen eine solche Szene gedreht werden kann? „Ich kenne die Alpen richtig gut, das ist mein Kapital“, lacht Leo. Das ist keine Übertreibung. Dieser Mann kennt nicht nur fast jeden Stein in den Alpen, er hat auch einen Blick für das Drama. Wieso wird das nicht längst am Computer visualisiert? „Weil das erstens extrem teuer wäre und manchmal dennoch nicht echt wirkt.“

Was hat sich geändert in den letzten 30 Jahren? „Das Klima“, antwortet Baumgartner ohne zu zögern. „Wo früher Gletscherszenen gedreht wurden, kannst du heute Marokko drehen. Es ist, als hätte man den Bergen die Haut abgezogen.“ Außerdem übernehmen statt waghalsiger Kameraleute immer häufiger Drohnen die filmische Umsetzung von extremen Perspektiven. Dennoch macht sich Leo Baumgartner keine Sorgen um seine berufliche Zukunft. Er ist jetzt 64 Jahre alt und irgendwie drängt sich die Frage auf: „Wie lange kannst und willst du den Job noch machen?“ „Ewig“, meint er kurz und bündig. Und mich überrascht die Antwort nicht.

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