Die Zwillingsschwester
der Freiheit
Die Zwillingsschwester der Freiheit
Soziale Verantwortung hat viele Motive, Gesichter und Eigenschaften. Marisa Mühlböck nimmt sie mit Überzeugung als Geschäftsführerin eines so sympathischen wie innovativen Projekts wahr.

Dolomitenstadt: Mit welchen Vorstellungen von einem Berufsziel bist du aus Lienz weggegangen? Wolltest du immer werden was du heute bist?

Marisa Mühlböck: Meine Eltern haben mir jede Freiheit in der Wahl meines Studiums gelassen; ich hatte keine konkrete Vorstellung, was ich werden wollte. Mich hat immer das Andere, das Fremde interessiert. Ich wollte etwas machen, das mir neue Welten erschließt. Welthandel, dachte ich mir,
ist universell genug.

Heute bist du im sozialen Bereich tätig. Wo bist du von der Wirtschaft auf Soziales abgebogen?

Die soziale Ader liegt in der Familie: Wir haben über lange Zeit die Großmutter gepflegt – eine wunderschöne Gelegenheit als Einzelperson und Familienverband, soziale Verantwortung zu tragen. Schon als Schülerin und Studentin hab ich mir Jobs ausgesucht, die mit Menschen zu tun hatten, ob im Sozialsprengel, als Konferenzbetreuerin oder Flugbegleiterin. Letzteres mit dem angenehmen Nebeneffekt, in fremde Länder reisen zu können und zwischendurch – auf Bahnhöfen und Flughäfen und in weit entfernten Städten – unerreichbar zu sein. Ein herrliches Gefühl der Freiheit!

Was bedeutet für dich Freiheit? Wann hast du sie „entdeckt“?

Für ein paar Monate hab ich in der Außenhandelsstelle in Montreal gearbeitet. Da hatte ich zum ersten Mal diese tolle Erkenntnis: Wow, ich bin frei, ich kann alles entscheiden, alles sein! In dieser fremden Stadt, in der ich niemanden kenne, in der mich niemand kennt, bin ich völlig der Faszination der großen Vielfalt an Menschen und Sprachen erlegen, die mich anders gefordert hat als die mir bekannte Welt. Ich habe neue Seiten an mir selbst entdeckt, Seiten, die noch nicht beschrieben waren und welche mit kolonnenweise Fragen. Wenn man die Freiheit als solche erkennt, gibt sie einem die Möglichkeit, sich neu zu erfinden.

Marisa Mühlböck – oben bei einer Besprechung mit Projektassistentin Anna Herzog – will eine ganz besondere Methode zur Brustkrebsdiagnose auch in Österreich populär machen.

Und in dieser Freiheit bist du auch deinen beruflichen Weg gegangen: Von der Projektreferentin in der Autoindustrie, über PR und Marketing, weiter zur Geschäftsführerin einer Bundesstiftung und heute als Geschäftsführerin von einem Sozialunternehmen, das blinde und sehbehinderte Frauen als Tastuntersucherinnen in der Brustkrebsdiagnose einsetzt. Das ist eine ganz schöne Breite … Wie ist es möglich, in so unterschiedlichen Berufsfeldern mit Begeisterung gute Arbeit zu leisten?

Was mich antreibt ist das „Immer-Neues-Lernen-Wollen“. Es führt mich von Thema zu Thema und von Menschen zu Menschen. Ich bin nicht nur neugierig, es sind echtes Interesse und Empathie, die mich weitertreiben. Dabei entdecke ich oft verborgene oder ungenutzte Potenziale, die mich inspirieren oder mir helfen, Herausforderungen zu meistern. Wenn ich vor einer neuen Aufgabe stehe, überlege ich als erstes: Wie komme ich an die relevanten Informationen heran? Wessen Erfahrungen sind wertvoll? Wer möchte mich in dieser Aufgabe unterstützen?

Du bist eine versierte Netzwerkerin. Folgst du einem Muster, wie du deine Kontakte einsetzt?

„Netzwerken“…, ich folge keiner Strategie, ich gehe nach Gefühl vor. Ja, ich kenne viele Menschen gut, weil ich mich nicht nur für ihre Jobs, sondern für sie als Persönlichkeit interessiere. Ich pflege viele Beziehungen – viele haben sich zu langjährigen Freundschaften entwickelt. Ich verbinde gerne Menschen, von denen ich glaube, dass sie einander unterstützen und etwas Gutes auf den Weg bringen können. Und ich setze meine Kontakte für meine Arbeit ein – als Ratgeber, um Spaß zu haben. Das ist mir wichtig zu sagen: Ich binde Leute ein, von denen ich denke, dass sie Lust haben, an einer Idee, einem Projekt mitzuarbeiten. Wer mit Begeisterung dabei ist, sich emotional einbringt, bringt auch hohes Commitment mit und empfindet Stolz, wenn unsere Arbeit erfolgreich ist.

Wirtschaft und Soziales schließen einander nicht aus. In dieser Funktion kann ich meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen.
Marisa Mühlböck

discovering hands® ist ein Konzept, das in hohem Maße emotional anspricht. Hilft dir das in der Etablierung des Berufsbilds der blinden Tastuntersucherin?

Unbedingt! Wir haben auch nicht das Problem, dass wir die Menschen mit diesem innovativen Angebot nicht erreichen. Die Hürde für die Etablierung des Berufsbildes der Medizinisch Technischen Untersucherin (MTU) stellen die gesetzlichen Rahmenbedingungen dar. Der sogenannte Ärztevorbehalt verbietet es Ärzten, die Diagnostik an MTUs zu delegieren. Hier gilt es, mit den Ergebnissen der laufenden Studie und Lobbying neue Optionen zu schaffen.

Parallel dazu entwickeln wir Konzepte für den Einsatz der MTUs, definieren Prozesse für den niedergelassenen Bereich, im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge, mit sozialökonomischen Betrieben und – das finde ich besonders spannend: Wir wollen gesundheitsferne Schichten erreichen. Dafür haben wir gerade ein Evaluierungsprojekt mit der Wirtschaftsuniversität gestartet.

Das heißt…?

Das heißt: Lücken schließen. Unser Gesundheitssystem erreicht längst nicht alle Gesellschaftsschichten. Frauen aus niedrigen Bildungsschichten oder mit Migrationshintergrund scheuen oft den Weg zum Arzt, weil die Verständigung schwierig oder unmöglich ist oder kulturelle Barrieren Untersuchungen im Intimbereich nicht zulassen. Oder sie wissen nicht, welche Alternativen es zu den herkömmlichen Untersuchungsmethoden gibt. Die Tastuntersuchung ist niederschwellig in jeder Hinsicht: Frau untersucht Frau, keine abschreckende Technik, und unsere Tastuntersucherinnen beherrschen auch die Sprachen einiger Herkunftsländer von Migrantinnen.

Marisa Mühlböck (rechts) mit Projektassistentin Anna Herzog und der speziell geschulten blinden medizinisch technischen Untersucherin Sylwia Pietr.

Damit ist aus der Wirtschaftsabsolventin eine Unternehmerin mit einem mehrschichtigen sozialen Auftrag geworden.

Wirtschaft und Soziales schließen einander ja nicht aus. Und in dieser Funktion kann ich meine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen. Die Zwillingsschwester der Freiheit heißt: Verantwortung …

Ein starker Schlusssatz! Danke für das Gespräch.

Discovering Hands® – Der Tastsinn blinder Frauen verbessert die Früherkennung von Brustkrebs

discovering hands® setzt den überlegenen Tastsinn blinder und hochgradig sehbehinderter Frauen in der Tastdiagnostik zur Brustkrebsfrüherkennung ein. Dieses innovative Konzept ermöglicht sehbehinderten Frauen die Ausübung eines wertvollen Berufs und Patientinnen eine angenehme Untersuchungssituation mit einem Höchstmaß an Zuwendung und diagnostischer Information. Das Unternehmen wurde 2011 vom deutschen Gynäkologen Frank Hoffmann gegründet. Er entwickelte eine Methode, mit der blinde und hochgradig sehbehinderte Frauen Brustabtastungen nach einem standardisierten und validierten Prozess durchführen können.

Für die Untersuchung nimmt sich die Brusttastuntersucherin etwa 30 bis 45 Minuten Zeit. Sie orientiert sich an patentierten Spezialklebestreifen an der Brust, während sie das Brustdrüsengewebe sehr gründlich in allen drei Ebenen im Sitzen und Liegen abtastet. Die Untersucherin dokumentiert lediglich das Ergebnis. Der Arzt oder die Ärztin erstellt dann die Diagnose und entscheidet über allfällige Therapien.

Sylwia Pietr demonstriert die Brustuntersuchung, bei der neben dem Tastsinn auch patentierte Spezialklebestreifen eine wichtige Rolle spielen.

Das Berufsbild der Medizinisch Technischen Untersucherin MTU und das Curriculum/Zertifikat der medizinischen Tastuntersucherin sind derzeit in Österreich noch nicht anerkannt. Das Gesundheitsministerium hat aber ein Studienprojekt genehmigt, das Evidenz über die Sinnhaftigkeit dieser Art Diagnose liefern soll.

Die Tastuntersucherinnen, die für discovering hands® arbeiten, werden dafür eigens bei SEBUS, einer Schulungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen, ausgebildet. Frauen, die eine Brustuntersuchung mit dieser Tastmethode machen möchten, haben dazu im Rahmen der Studie freiwillig und kostenlos die Möglichkeit.

Credits
  • Autorin: Petra Nawara
  • Fotografie: Miriam Raneburger
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