Eine kriminalistische
Suche, die heilt
Eine kriminalistische Suche, die heilt
Langeweile kennt die Ärztin und Psychotherapeutin Caroline Kunz nicht. Eine ihrer vielen Tätigkeiten ist die Arbeit mit Traumapatienten – auch in der Angerburg.

Caroline Kunz öffnet die Türe zu ihrer Praxis mit einem ruhigen Lächeln. Diese Ruhe zieht sich durch das Gespräch und spiegelt sich in ihrer Ordination: das Besprechungszimmer, ein bewusst gestalteter, sonnendurchfluteter Raum, der jene Unaufgeregtheit ausstrahlt, die die Ärztin auch nicht verliert, wenn sie herzlich lacht oder begeistert erzählt.

Begeisterung ist das zweite Wort, das sich in der Begegnung mit Caroline Kunz anbietet, denn sie dürfte zu jenen Glücklichen gehören, die ihre Arbeit gerne ausüben. Ihr Beruf ist es, Hoffnung zu schenken und zu heilen. Gemeinsam mit ihren Patienten begibt sie sich auf die Suche nach dem Verborgenen, dem Ursprung des Schmerzes. Dementsprechend beschreibt sie ihre Arbeit augenzwinkernd als „kriminalistische Suche“.

Selbstwahrnehmung und Kommunikation

Ihre Spezialität sind jene Krankheitsbilder, die sich nicht einfach mit einem Medikament beseitigen lassen, psychosomatische Beschwerden, Erschöpfungs- und Angstzustände oder das Burn Out Syndrom. Die ersten Schritte liegen darin, die Betroffenen zur Selbstwahrnehmung zurückzuführen, eine Übung, die Zeit braucht.

Gerade davon, so vermittelt sie ihrem Gegenüber, habe sie genug. Auch wenn ihr Terminkalender anderes erzählt, denn dass die gebürtige Lienzerin zudem Workshops und Vorträge hält und neben ihrer Praxis als Beraterin für Krankenhäuser sowie Arztpraxen tätig ist, lässt kaum vermuten, dass ihr langweilig werden könnte. Das Gefühl des Zeithabens schenkt sie einem dennoch. Damit verbunden ist ein hohes Maß an Achtsamkeit.

Es gibt offensichtliche Verbindungsglieder zwischen ihren Tätigkeiten: allen voran die Kommunikation. In Gesprächen führt sie Patienten an das heran, von dem diese vielleicht nichts wissen, es aber wahrnehmen müssen, um dem Körper Heilung zu gönnen. In den Krankenhäusern wiederum geht es um die Vermittlung von Krisenkommunikation: Wie damit umgehen, wenn etwas passiert?

Das betrifft nicht nur Arbeitsschritte, sondern vor allem auch die Gesprächskultur. Kommt beim Arzt das an, was der Rettungsfahrer sagt? Kann der Patient begreifen, was ihm vermittelt wird? Kunz bildet Teams aus, diese Schritte zu verbessern.

Die Kraft des Atmens

Das zweite Bindeglied ihrer Tätigkeiten liegt ebenfalls auf der Hand: das Atmen, „weil die Atmung immer ‚jetzt‘ ist. Ich kann nicht früher oder später atmen“, sagt sie. Bewusst zu atmen oder „durchzuatmen“, ist ein unerlässliches Werkzeug in einer Krisensituation. Für einen Menschen mit Beschwerden gilt dasselbe. So wird beim Biofeedback, einem der Spezialgebiete von Caroline Kunz, besonders darauf geachtet. Entspannungsübungen und die richtige Atmung können heilend wirken, erklärt sie. Blutdruckmittel oder auch Schlaftabletten ließen sich dadurch reduzieren, weil man lerne, sich über die Atmung zu entspannen und zu erholen. „Je länger ich in der Psychosomatik tätig bin, desto beeindruckter bin ich davon, wie genau uns der Körper signalisiert, was er braucht. Wir müssen nur lernen, es wahrzunehmen und ernst zu nehmen.“

Auch der richtige Zeitpunkt habe Einfluss auf die Heilung, wie die Therapeutin betont. „Das Leben
ist genau jetzt. Viele Leute hängen in der Vergangenheit fest oder leben in der Zukunft und sagen: ‚Wenn ich einmal in Pension bin …!’ Sie leben in jeder Zeit, nur nicht jetzt. Aber ein Mensch, der in höchstem Maße bei sich ist, kann aus sich selbst heraus auf das Leben antworten.“ Diese Fähigkeit erarbeitet sie mit ihren Patienten.

Traumaarbeit mit Menschen auf der Flucht

Die Hauptklientel der Psychotherapeutin sind Traumapatienten. Dafür arbeitet sie auch mit Menschen auf der Flucht, darunter in der Angerburg in Lienz. Da sie zwar gerne mit ihrer Familie in ihre Heimatstadt kommt, aber für Einzeltherapien zu selten, bedient sie sich eines Zugangs, der sich in der Gruppe erarbeiten lässt und der die Sprachbarrieren der Asylwerber berücksichtigt: „Wir haben mit neun Teilnehmern begonnen und sinnvollerweise einen körperorientierten Therapieansatz gewählt“, erklärt Caroline Kunz und beschreibt das „Energy Tapping for Trauma“ nach Fred Gallo als „eine sehr wirksame Erste Hilfe-Maßnahme“. Im Sudan wurde auf diese Weise erfolgreich mit Kindersoldaten gearbeitet, in anderen Konfliktregionen mit missbrauchten Frauen.

Die Methode ist einfach: Während sich die Traumatisierten auf ihre belastenden Gefühle einstimmen, ohne ganz einzutauchen, beklopfen sie bestimmte Akupunkturpunkte. Zusätzlich können positive Affirmationssätze oder Musik eingesetzt werden. So kann der Stresslevel schrittweise von zehn in Richtung null gesenkt werden. Die Methode hat zudem den Vorteil, dass die Betroffenen diese in der Gruppe weitergeben können, etwa von Eltern an ihre traumatisierten Kinder. Bereits mit einer Übungseinheit ist es in der Angerburg gelungen, den Stresslevel bei allen um mindestens eine Stufe zu reduzieren.

Achtsamkeit ist auch hier unerlässlich: „Man muss sich gut auskennen, weil man auch re-traumatisieren kann.“ Das geschähe im Alltag sowieso ständig, etwa durch das Geräusch eines Hubschraubers oder einer Sirene. Trauma ist nicht an Raum und Zeit gekoppelt und wirkt bei einem Reiz, als würde es wieder passieren. In der Traumaarbeit versucht man, den Vorfall in Erinnerung zu bringen und damit von seiner Intensität zu entkoppeln, damit nicht mehr alle Energie dafür aufgewendet werden muss, die Gewalt des Traumas in Schach zu halten.

Wenn man die Therapeutin darauf anspricht, dass sehr wenig Geld in die Traumaarbeit gesteckt werde, denn sie mache es ja auch gratis, reagiert sie energisch: „Ich finde es höchst alarmierend, weil wir lauter traumatisierte Menschen ins Land nehmen, und Trauma heißt stecken zu bleiben. Manche beschreiben das mit ‚wie lebendig begraben zu sein‘. Schmerzen lassen sich nicht objektiv messen und sie beschäftigen Ambulanzen und Praxen und das kostet viel mehr Geld als drei, vier oder fünf Traumasitzungen.“

Wir wissen aus der Bioenergetik und Körpertherapie, dass Traumatisierungen und Verletzungen der Seele im Körper gespeichert werden, sowohl in der Muskulatur und im Bindegewebe als auch im Gehirn.
Caroline Kunz

Eine weitere Methode zur Auflösung von Traumata oder Blockaden, aber auch zum Lösen chronischer Verspannungen und Schmerzen, die Caroline Kunz anwendet, ist das holotrope Atmen. Sie beschreibt die Technik so: „Das ist eine vertiefte und beschleunigte Atmung, die mit einem Bogen von Musik begleitet wird. Es geht nicht um Beruhigung, sondern darum, den Organismus aufzuheizen. Das ist relativ anstrengend, ein wenig wie eine mittlere Bergtour.“ Dabei arbeitet man sich zu im Alltag unzugänglichen Bewusstseinsschichten vor, die „lange abgelagertes „Material“ an die Oberfläche bringen und damit bearbeitbar machen. Besonders für Störungen, deren Ursache in tiefen unbewussten Schichten liegen und manchmal unerklärliche Symptome verursachen, ist das hilfreich.

„Wir wissen aus der Bioenergetik und Körpertherapie, dass Traumatisierungen und Verletzungen der Seele im Körper gespeichert werden, sowohl in der Muskulatur und im Bindegewebe als auch im Gehirn.“ Beim holotropen Atmen wird das gelöst. „Das Spannende ist, dass es der Körper alleine macht. Es ist kein Bestellservice. Der Körper weiß, was und wann der nächste Schritt ist.“

Auf die Frage, welche Ausbildung sie gemacht hat, antwortet sie lachend: „Mittlerweile schon viele!“ Nach dem Medizinstudium in Innsbruck arbeitete sie in der Schweiz und im Vorarlberger Suchtkrankenhaus Maria Ebene, später in der Valduna. Nach drei Jahren Psychiatriefachausbildung ging sie nach Wien, wo die Ausbildung weiterging, unter anderem in Gestalttherapie. 1992 eröffnete sie ihre Praxis, fuhr mit ihrer Spezialisierung fort, unter anderem mit dem holotropen Atmen und der Traumatherapie.

Bis heute interessieren sie vor allem die Zusammenhänge, darunter auch die Epigenetik: „Wir wissen, dass Trauma in den Genen über Generationen weitergegeben wird. Studien weisen das nach. Die gute Nachricht ist, dass es kein Fluch ist, sondern wenn man daran arbeitet, kann es ausheilen.“

Credits
  • Autorin: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Inge Prader
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