Frühling
am See
Frühling am See
Dieter, da piepst was!

Bevor der Hochsommer kommt und mit ihm tausende Badegäste, eingeölt und sonnenhungrig, erinnert Osttirols einziger Badesee an ein Kärntnerlied: „Is schon still uman See, hear de Ruadar schlogn und an Vogl im Rohr drin …“ Einen Vogel? Welchen denn?

Dem naturverbundenen Frühlingswanderer sind die wunderbaren Geschöpfe Gottes  zwar lieb, aber selten wirklich bekannt, es sei denn sie rufen unentwegt ihren eigenen Namen, wie „Kuckuck“ oder „Uhuuu!“ Den Gefallen tut uns zum Beispiel die Gartengrasmücke nicht und guter Rat wäre teuer, gäbe es nicht ein kleines Büchlein, das bequem in die Brusttasche jedes Hobbyornithologen passt.

Dieter Moritz hat es geschrieben, gemeinsam mit Partnerin Annemarie Bachler. Klaus Dapra steuerte stimmungsvolle Bilder bei. „Natur erleben am Tristacher See – Ein kleiner Streifzug durch die Vogelwelt“ heißt das Bändchen , das mehr für Osttirols Tourismus leistet, als mancher Funktionär des dafür zuständigen Verbandes.

Es ist eine glatte Liebeserklärung an „den See“, von dem es einen alten und einen neuen gibt, der eine naturgeschützt, der andere kaum weniger schützenswert, mit einer wunderbaren Flora und Fauna unter der steilen Seewand, über die im Frühjahr – falls der Winter ein solcher war – die Schneelawinen donnern.

Die kleine Gartengrasmücke war im Winter in Afrika und fliegt zum Brüten weiter nach Skandinavien. Ist das nicht erstaunlich?

In den Felsen dieser Wand hat Annemarie Bachler viel Zeit verbracht, geduldig beobachtend. Eines  Sommermorgens wurde sie belohnt und konnte nachweisen, dass hier der Alpensegler brütet. Obwohl, oder vielleicht gerade weil der Tristacher See das Naherholungsgebiet der Dolomitenstadt schlechthin ist, musste erst „ein Fremder“ kommen, um den Blick für die wahren Wunder dieses Biotops zu schärfen. Dieter Moritz, Biologe, Universitätslehrer, Ornithologe und ein Mann mit feinem Humor hat Erfahrung mit Wasser. Wo er herkommt, gibt es fast nichts anderes. Moritz stammt aus dem nördlichsten Deutschland, dem Land zwischen Nord- und Ostsee. Er ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, am Meer, in der Weite, dort, wo die Friesen wohnen. Dieter ist im Wattenmeer gewatet und wenn er seine Wahlheimat nennt, sagt er „Osttiról“ – mit Betonung auf der letzten Silbe, wie „Pirol“. Das passt zu einem Ornithologen, der auch eine poetische Ader hat.

Liebevoll und unterhaltsam beschreibt Moritz die Jahreszeiten am See und die gefiederten Sänger, die man dort beobachten und hören kann. Anhand der Bilder im Buch kann man die Vögel bestimmen, vorausgesetzt, man bekommt sie auch zu Gesicht. Vogelbeobachtung – „Birdwatching“ – ist ein touristischer Trend und boomt andernorts, was nicht verwunderlich ist. Man findet zur Ruhe und zu sich selbst, während man leise und vorsichtig durch das Dickicht der Zweige späht, um einen kleinen Piepmatz zu entdecken. Taucht das bunte Federbällchen dann tatsächlich im Fokus des Fernglases auf, fühlt man sich wie einst Humbold, der durch den Urwald streifte, auf der Suche nach neuen Arten. Die gibt es am Tristacher See wohl nicht mehr zu entdecken, zu erforschen ist aber dennoch einiges.

Dieter Moritz, schwer bewaffnet und gut aufgelegt. Er hat einen Vogel im Visier und gibt gerne Auskunft über seine gefiederten Freunde.

Annemarie Bachler konnte nachweisen, dass der Alpensegler in der Tristacher Seewand brütet.

Dieter Moritz hat deshalb die Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Osttirol gegründet, die Anfang März 2012 zu einer Naturwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft Osttirol (NAGO) erweitert wurde.

Gemeinsam mit dem Biologen Oliver Stöhr und dem Schmetterlingsexperten Helmut Deutsch will Moritz einen Beitrag dazu leisten, die Natur Osttirols nicht nur Gästen, sondern auch Einheimischen näher zu bringen. Profunde Kenner sind ebenso eingeladen, wie interessierte Laien, die in mancher Hinsicht einzigartige Natur Osttirols gemeinsam zu entdecken und zu erforschen.

Der Weg der Naturkundler wird dabei wohl immer wieder auch um den „Alten See“ führen, das – zum Glück? – manchmal vergessene Naturdenkmal nur wenige Meter hinter den Forellenteichen des Seehotels. Als Verlandungsmoor in so geringer Höhe ist dieser Teich für Osttirol einmalig, ein fast magischer Ort mit seinen Binsen- und Seggenpolstern, in denen sich allerlei Wassertiere perfekt verstecken können.

250 Meter ragt über dem dunkelgrünen Wasser die Seewand senkrecht in die Höhe, die „hahle Wand“ wie Beda Weber auf gut Osttirolerisch in seinem „Handbuch für Reisende“ schon 1838 schrieb. Albin Egger-Lienz verewigte die zu seinen Zeiten noch alljährlich abgehende Seelawine im Gemälde „Vorfrühling“ und diese Zeit im Jahr ist es auch, in der die Bachstelzen aus ihren Winterquartieren in Norditalien, Spanien und Frankreich heimkehren an den Tristacher See.

Ein Waldlaubsänger.

Dieter erklärt uns, dass es noch ein wenig länger dauert, bis der Rest der bunten Schar hier eintrifft. „Im Mai kehren fast täglich neue Zugvogelarten aus ihren Winterquartieren zurück“ erzählt er und nennt als Beispiel die Gartengrasmücke, die in Zentral- und Südafrika überwintert. Wo? Staunen und Ehrfurcht vor der Leistung dieses winzigen Geschöpfs breitet sich aus. Dieter lächelt, ja, Südafrika, wir haben richtig gehört.

Das winzige Tierchen, wenige Gramm schwer, hat die Sahelzone überflogen, unendliche Ödnis, die Sahara, das Mittelmeer und Norditalien. Und jetzt sitzt es auf einem Zweig mit Blick auf’s Strandbad und piepst uns was.  Wir beginnen zu ahnen, was Dieter und Annemarie bewegt. Sie sind zu allen Jahreszeiten hier, geduldig beobachtend und immer wieder begeistert vom Schauspiel des Lebens, das in seinen immer gleichen Zyklen abläuft. Sie hören den zweisilbigen Ruf der Uhus und erkennen an der Tonhöhe, ob Männchen oder Weibchen gerade in Frühlingsgefühlen schwelgen.

„Manchmal sehen wir durch die Augen anderer Kleinode viel deutlicher und bemerken Details, an denen wir ohne sie vorüber gegangen wären,“ schrieb die Lienzer Bürgermeisterin Elisabeth Blanik in ihr Geleitwort zum Vogelbüchlein, das auf jeden Fall Lust macht, die kleinen Naturwunder vor der Haustüre mit eigenen Augen zu sehen.

Eine Heckenbraunelle.

Das Schlusswort hat Dieter Moritz, der Osttirol-Entdecker aus dem Norden, der beschreibt, wie er mit seiner Annemarie an einem Abend im März vom See nach Hause ging: „Beim Heimweg durch den nachts noch klirrend kalten Winterwald begleitet uns das Krachen und Bersten des Eises auf dem großen See. Es klingt fast wie ein Gewehrschuss. Wenn es wieder still ist, erreichen uns die weit hallenden Rufe des Uhus noch. Schön, nicht?!“

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