Gegen die Gleichheit und für das Bunte
Gegen die Gleichheit und für das Bunte

Die Singer-Songwriterin Ivana Bunt aus Landeck ist 18 Jahre alt und überraschend weise. Silvia Ebner hat sie getroffen und erfahren, warum die gebürtige Serbin nicht Vorzeige-Integrationsfigur sein möchte.

Allein das Wort Singer-Songwriterin – ein englisches Wort mit deutscher Endung, das von Duden als grammatikalisch korrekt anerkannt wird – drückt schon aus, wofür Ivana Bunt steht: eine neue Generation von jungen Menschen und jungen Künstlern, die sprachliche – und auch kreative – Genres so mühelos ineinanderfließen lassen, dass sie gar nicht mehr spürbar sind. Bunt als Künstlername bietet sich da an.

Doch „Bunt“ steht hier nicht nur für eine junge, multi-kulturelle, vielseitig begabte, interessierte und engagierte Frau, sondern auch für das serbische Wort „Aufstand, Widerstand und Revolution“. Sitzt man Ivana Vlahusic gegenüber, hat man vorerst allerdings nicht das Gefühl, eine Revoluzzerin vor sich zu haben. Ivana ist höflich, freundlich, eloquent und für ihr Alter überraschend weise. Sie erzählt von ihrem Leben, ihren Liedern, ihren Gedichten und ihren Träumen, als ob sie sich schon jahrelang damit beschäftigt hätte. Was auch stimmt. Auch wenn Ivana erst 18 Jahre alt ist.

Doch Jahre sind bei ihr relativ, denn vor drei Jahren gewann Ivana den bundesweiten Redewettbewerb „Sag’s multi“ mit ihrer in Serbisch und Deutsch vorgetragenen Rede „Anders- was ist schon normal?“, obwohl sie erst zwei Jahre vorher nach Österreich gekommen war und zu dem Zeitpunkt gerade einmal drei Worte in Deutsch kannte. Inzwischen – nur fünf Jahre später – schreibt sie ihre Liedtexte am liebsten auf Deutsch, obwohl ihre Muttersprache Ungarisch, ihre Vatersprache Serbisch und ihre Lieblingssprache die Musik ist. „Da ich schon länger schreibe als ich Musik mache, würde ich mich, glaube ich, deshalb wohl eher als eine Writer-Songsingerin bezeichnen,“ sagt sie schmunzelnd.

Wie talentiert sie darin ist, konnte man schon am 1. Juli 2017 im Alten Kino Landeck erleben. An diesem Abend wurde ihr Musikvideo „Bunt – Aufstand der Vielfalt“ offiziell präsentiert. Ivana, die auch Klavier spielt, hatte nicht nur das Lied geschrieben, komponiert und mit ihrer Band „Braun Bunt Und Gold“ aufgenommen, sondern auch die Idee für das Video dazu entwickelt. Erweitert und umgesetzt wurde die Idee dann von einem Team von fast hundert Personen, die in verschiedenen interdisziplinären Kunstformen daran arbeiteten.

Es geht darin um Gleichheit und Ungerechtigkeit, um parallele Welten und einen Planeten, um unkomplizierte Kinder und komplizierte Erwachsene oder wie Ivana es ausdrückt: „Wir sagen genug! Genug vom Betrug! Genug der vielen parallelen Welten, in denen die Menschheit auf einer einzigen Erde lebt. Bebt. Schwebt. Klebt. Das Bewusstsein es fehlt. … Genug der Ungerechtigkeiten und genug der Ungleichheit. Vor allem: Genug der Gleichheit! Denn wir sind nicht gleich. Wir sind bunt. Wir sind alle eins. Wir sind genug.“

„Wir sind bunt. Wir sind alle eins. Wir sind genug.“
Ivana Bunt

„Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Werte wie Akzeptanz, Toleranz, Respekt und Vielseitigkeit essenziell waren. Die Begriffe für diese Worte lernte ich aber erst viele Jahre später in Österreich. Mehrsprachig zu sein, in einer Familie mit mehreren Religionen zu leben und die unterschiedlichen religiösen Feiertage auch zu feiern, empfinde ich als normal. Ich bin meinen Eltern unsagbar dankbar für alles, was sie uns fünf Kindern mitgegeben haben und dass sie uns in all unseren Interessen und Begabungen so unterstützt haben. Wir hatten wirklich großes Glück, doch wenn das in einer Familie nicht passiert, muss meiner Meinung nach die Schule dafür sorgen. Ich sehe die Schule als den Spiegel der Gesellschaft und umgekehrt. Ich persönlich hatte immer das Glück, von Lehrern unterstützt und gefördert zu werden. Das war schon in der Schule in Serbien so, wo ich eine ganz besondere Lehrerin hatte, die nicht nur Divna hieß, was ‚die Wundervolle‘ bedeutet, sondern auch so war. Und das war auch in Landeck wieder der Fall. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, aber ich würde es mir wünschen, dass es immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Dadurch, dass eine geradlinige Schulbildung aufgrund bestimmter Umstände in meinem Leben nicht möglich war, lernte ich, dass die Bildung nicht konventionell und geradlinig sein muss, um eine gute zu sein. Auch lernte ich, dass die Welt nicht in Fächern funktioniert und in keinen 50-Minuten Einheiten. Ich lernte, dass Lehrerinnen und Lehrer die Menschen sind, die dem Kind neben den Eltern und Erziehern am ehesten Mut machen können. Und ich wünsche mir eine Schule, die vom Kind zumindest genauso viel lernt, wie das Kind von der Schule.

„Ich wünsche mir eine Schule, die vom Kind zumindest genauso viel lernt, wie das Kind von der Schule.“

So, wie ich mir auch wünsche, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht immer als solche gesehen und bezeichnet werden. Ich sehe es inzwischen sehr kritisch, dass wir in Landeck immer als Vorzeige-Integrationsfamilie gepriesen wurden, obwohl das natürlich als Kompliment gedacht war. Trotzdem wird man mit dem Wort ‚Migrant‘ stigmatisiert. Ich sehe uns als Familie, die sich aus guten Gründen einen neuen Lebensmittelpunkt gesucht und geschaffen hat und das Glück hatte, wirklich freundlich und wohlwollend aufgenommen zu werden. Dafür braucht es zwei Seiten, die aufeinander zugehen und sich gegenseitig unterstützen. Nur so kann es funktionieren.“

Zur Zeit nimmt Ivana Bunt, neben ihrer Vorbereitung auf die nächstjährige Matura, gerade ihr zweites Lied „Berlin“ auf. Es sind insgesamt 12 Lieder, die sie inzwischen geschrieben hat. Und ihre Titel und Themenvielfalt sind wiederum sehr bunt. Da gibt es „Die zu kleine Welt“ und „Die zu großen Wir“, „Glitzersprossenschön“ und „Regina“. Regina war ihre Urgroßmutter.

„Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich rote Paprika, unzählige Abenteuer in unserer Straße, in unserem alten Haus, unserem riesigen Garten, in dem kleinen Holzhaus, das wir mit Uroma gebaut haben. Ich erinnere mich daran, wie wir mit den vielen anderen Kindern im Sommer schon vor dem Frühstück auf Bäume geklettert sind und den ganzen Tag im Freien und barfuß verbracht haben. Und auch daran, wie wir in der Nacht aufwachten, weil Uroma ins Zimmer kam, um zu sehen, ob wir auch alle noch atmen. Das ist Liebe. Und ein magisches Gefühl der Geborgenheit und Freiheit. Dieses Gefühl versuche ich durch das Schreiben und die Musik wieder zu finden.“ Und wenn man die Texte von Ivana Bunt liest und ihr zuhört, spürt man, dass ihr das auch gelingt.

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