„Große Freiheit“ schildert am Beispiel der Freundschaft und Liebe zwischen Hans (Franz Rogowski, links) und Viktor (Georg Friedrich) ein dunkles Kapitel schwuler Zeitgeschichte. Foto: Filmstill, FreibeuterFilm

„Große Freiheit“ schildert am Beispiel der Freundschaft und Liebe zwischen Hans (Franz Rogowski, links) und Viktor (Georg Friedrich) ein dunkles Kapitel schwuler Zeitgeschichte. Foto: Filmstill, FreibeuterFilm

„Große Freiheit“ – Die Liebe hinter Mauern
„Große Freiheit“ – Die Liebe hinter Mauern
Gedreht in einem ehemaligen DDR-Gefängnis geht der Spielfilm „Große Freiheit“ nach Auszeichnungen bei der Viennale und in Cannes nun als österreichischer Beitrag ins Rennen um den Auslandsoscar. Produzentin Sabine Moser und Drehbuchautor Thomas Reider stammen aus Osttirol.

Vor zwei Wochen wurde „Große Freiheit“ zweifach bei der Viennale ausgezeichnet, in Sarajevo holte der Film den Preis für den besten Spielfilm und auch beim renommierten Filmfestival Cannes konnte er die Jury überzeugen. Nun geht er als österreichischer Kandidat ins Rennen um den Auslandsoscar. Neben der filmisch gelungenen Umsetzung liegt der internationale Erfolg wohl auch in der Brisanz des darin behandelten Themas:

Wir befinden uns im Nachkriegsdeutschland, wo Homosexualität strafrechtlich verfolgt wird. Vom Konzentrationslager befreit, wird der Protagonist Hans direkt ins Gefängnis überstellt, um seine Reststrafe abzusitzen. Aufgrund seiner romantischen Beziehungen und sexuellen Handlungen mit Männern landet er immer wieder im Gefängnis, wo er auf den verurteilten Mörder Viktor trifft. Über Jahre gemeinsamer Gefängnisaufenthalte entwickelt sich zwischen den beiden eine verbotene Liebesgeschichte. Gespielt werden die beiden Hauptcharaktere von Franz Rogowski und Georg Friedrich.

Ab 19. November wird „Große Freiheit“ in den österreichischen Kinos zu sehen sein. An der Produktion beteiligt war das Tiroler Team von Regisseur Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider und Produzentin Sabine Moser. Wir haben mit der gebürtigen Osttirolerin über die Bedingungen der Filmproduktion und die Hintergründe ihrer Firma FreibeuterFilm gesprochen und dabei einen Einblick hinter die Kulissen bekommen.

Wie ist die Idee entstanden, einen Spielfilm über den Paragrafen 175 zu drehen und wie lange hat die Umsetzung von der Idee zur ersten öffentlichen Vorführung gedauert?

Thomas ist über eine Erzählung gestolpert, in der es darum ging, dass homosexuelle Männer nach der Befreiung 1945 direkt vom Konzentrationslager ins Gefängnis überstellt wurden, um dort ihre Reststrafe abzusitzen. In Westdeutschland war dies unter dem Paragrafen 175 geregelt, in Österreich gab es den ähnlichen Paragrafen 129. Das war uns allen komplett neu, und hat uns fassungslos gemacht. Thomas und Sebastian haben dann weiter in Archiven recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen und mit dem Drehbuch für den Spielfilm begonnen, der exemplarisch das Schicksal von betroffenen Homosexuellen hervorheben sollte.

Sabine Moser ist Produzentin des Spielfilms „Große Freiheit“, der derzeit bei internationalen Festivals Preise abräumt. Foto: Sebastian Meise

Gedauert hat das Ganze von der Idee bis zur Fertigstellung ungefähr sieben Jahre. Das Thema ist jedenfalls auch heute noch relevant und aktuell – nicht nur, weil Homosexualität noch in 69 Ländern strafrechtlich verfolgt wird, sondern auch, weil erst im Juni dieses Jahrs die amtierende Justizministerin erstmalig öffentlich eingestand, dass jener Paragraf unrecht war.

Inwieweit passt „Große Freiheit“ in das Konzept von FreibeuterFilm? Was zeichnet eure Produktionsfirma aus und was sind eure Schwerpunkte bei Filmumsetzungen?

Sebastian war bereits 2008 Gründungsmitglied von FreibeuterFilm, die ich gemeinsam mit Oliver Neumann leite, somit war der Bezug bereits von pragmatischer Seite gegeben. Große Freiheit ist aber, und das ist natürlich der viel wichtigere Aspekt, die schöne Fortführung der gemeinsamen Zusammenarbeit, die bereits im Rahmen der Kurzfilme auf der Filmakademie begonnen hat, und nach Sebastian’s und Thomas’ Debutfilm „Stillleben“ und dem Dokumentarfilm „Outing“, die wir auch im Rahmen der FreibeuterFilm produziert haben, nun einen wunderbaren Höhepunkt erreicht hat.

Uns interessiert es, Geschichten zu erzählen, die etwas über unsere Gesellschaft aussagen.
Sabine Moser

Uns in der FreibeuterFilm interessiert es, Geschichten zu erzählen, die etwas über unsere Gesellschaft aussagen und Dinge näher zu bringen, die der Öffentlichkeit wenig bewusst sind. Natürlich ist uns vor allem auch die künstlerische Handschrift und der längerfristige Aufbau von Zusammenarbeiten mit Filmemacher:innen sehr wichtig. Es hat etwas sehr Schönes, wenn man als Team gemeinsam wächst – wie hier im Fall von „Große Freiheit“: Thomas und Sebastian kennen sich bereits vom gemeinsamen Studium an der Filmakademie, und mit Thomas bin ich bereits im Borg Lienz gemeinsam zur Schule gegangen.

Wie waren die bisherigen internationalen Reaktionen auf den Film? Gibt es auch Filmfestivals, auf denen der Film bislang nicht gezeigt wurde, weil das Thema Homosexualität in einigen Ländern nach wie vor ein Tabu ist?

Das Problem der Zensur hatten wir ehrlicher- und erfreulicherweise noch nicht. „Große Freiheit“ wird derzeit sehr viel gezeigt und überaus gut aufgenommen. Bislang gab es keine negativen Reaktionen – ich glaube, wir hätten es mitbekommen, wenn es so wäre. Der Film macht gerade eine halbe Weltreise und wurde bereits an zahlreiche Länder verkauft – von den USA und UK bis nach Indien und in die Türkei. Er erzählt eine universal gültige Geschichte von einer Liebe, die verboten ist. Für unsere jetzige Zeit beziehungsweise unseren Kulturkreis unvorstellbar, in anderen Ländern aber noch ein sehr aktuelles Thema.

Ihr habt kurz vor Ausbruch der Pandemie mit dem Filmdreh begonnen. Hat sich das auch auf das Endergebnis des Films ausgewirkt oder waren es hauptsächlich organisatorische Hürden, die ihr zu überwinden hattet?

Die Drehbedingungen waren sehr schwierig. Unser ursprünglicher Plan war es, Februar 2020 mit dem Dreh zu beginnen und im April abzuschließen, was uns natürlich nicht gelungen ist. Von einem Tag auf den anderen haben wir das gesamte Set dichtgemacht und waren in unseren Wohnzimmern eingesperrt. Das war eine sehr schwierige Zeit mit großen Fragen. Wir wussten nicht einmal sicher, ob wir den Film überhaupt weiterdrehen können: Es war beim ersten Lockdown natürlich noch komplett unklar, in welcher Form Dreharbeiten unter Corona überhaupt möglich sein werden.

Eine der Herausforderungen war es, dass Franz für gewisse Filmszenen bis zu 12kg abnehmen musste. Wir haben den Drehplan mit eingeplanten Abnehmpausen darauf ausgerichtet, aber durch den Lockdown kam alles durcheinander, so war es insbesondere für Franz auch eine körperliche Belastung. Alles in Allem hatten wir aber Glück im Unglück – unsere Fördergeber haben uns sehr unterstützt und auch das gesamte Team war dem Projekt sehr loyal gegenüber, so konnten wir den Film schlussendlich im Sommer fertigstellen.

Dreharbeiten in der ehemaligen Jugend-Haftanstalt Magdeburg. Foto: Karsten Frank
Das Produzententeam auf dem Red Carpet beim Filmfestival Sarajevo. Foto: FreibeuterFilm

Gedreht wurde fast ausschließlich in einem ehemaligen DDR-Gefängnis. Warum war es euch wichtig, an einem realen Ort zu drehen, anstatt in einer Studio-Kulisse?

Wir hatten von Anfang an das Ziel, den Film in einem realen Gefängnis zu drehen. Schon größentechnisch wäre es nicht möglich gewesen, Zellengänge, Trakte usw. in einem Studio herzustellen. Aufgrund der Atmosphäre war es Sebastian aber immer schon klar, auch die Zellen-Szenen an einem realen Ort zu drehen. Das gibt die Möglichkeit, sich in das Eingesperrt-Sein auch hineinfühlen zu können.

Das ehemalige Gefängnis in Magdeburg stand bereits seit einigen Jahren leer und war von zahlreichen Tauben bewohnt, so mussten wir anfangs erstmals einen großen Putztrupp hineinschicken. Visuell war es perfekt, aber in einem Studio mit Heizung, Wasseranschluss und Toiletten wäre der Dreh sicher angenehmer gewesen.

Was war für euch das Überraschendste im Rahmen der Filmproduktion?

Großartig und für uns nicht vorhersehbar war es, dass wir den Filmstart am Festival in Cannes hatten. Es ist das weltweit wichtigste Filmfestival und verleiht den Filmen, die dort gezeigt werden, ein gewisses Siegel und somit eine große internationale Anerkennung. Wir hatten großes Glück, unter Tausenden von Einsendungen ausgewählt worden zu sein. Es stellte den Startschuss und den weiteren erfolgreichen Verlauf für unseren Film dar.

Wie sieht dein persönlicher Arbeitsalltag als Filmproduzentin aus? Was reizt dich daran am meisten?

Mein Alltag als Produzentin ist zum Glück sehr unterschiedlich und facettenreich. Das ist allgemein das Tolle am Filmemachen: Jeder Film bietet eine neue Herausforderung und Aufgabenstellung. Ich bin für verschiedenste Tätigkeiten zuständig – von der inhaltlichen Entwicklung der Drehbücher im Gespräch mit den Filmemacher:innen, das strategisch und inhaltliche Aufsetzen des Projektes, über die Beschaffung von Förderungen bis zur finanziellen Abrechnung. Die Arbeit wird nie langweilig.

Credits
  • Autorin: Brigitte Egger
  • Fotografie: FreibeuterFilm, Sebastian Meise, Karsten Frank
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4 Postings bisher
ozzy

Klingt sehr, sehr vielversprechend, hoff man kann den Film auch bei uns sehen. Respekt für eure Kunst, Leidenschaft und Ausdauer.

Claudia Moser

Liebe Sabine, ich bin stolz auf dich! Und ich drück' euch ganz fest die Daumen für den Auslands-Oscar. Was für ein Erfolg!

Alpenbock

Ebenfalls herzliche Gratulation! Werde mir den Film unbedingt anschauen, nicht zuletzt wegen Georg Friedrich.

Tan

Thomas Reider ich gratuliere Ihnen zu diesem aussergewöhnlichen Drehbuch!! Herzlichen Glückwunsch dem Sebastian Meise und seinem Team - der Film hat mich überwältigt in viellerlei Hinsicht!!