Hanin
Hanin
Kochlehre und Kopftuch passen gut zusammen, findet Hanin, eine junge Frau aus Syrien, die im Tirolerhof in Dölsach am liebsten mit Süßem arbeitet.

Sie ergänzt: „Anders wäre es vielleicht bei einer Friseurlehre“. Sie ist aus dem Kriegsgebiet in Syrien geflüchtet und lebt jetzt in Osttirol. Was an ihrer Kopfbedeckung falsch sein soll, kann sie nicht verstehen: „Jeder sollte selbst entscheiden dürfen, wie er oder sie sich kleidet.“ Die charismatische junge Frau ist weder streng religiös, noch konservativ.

Sie trägt das Kopftuch aus Überzeugung und das hätte um ein Haar ihre Lehre als Köchin im Tirolerhof in Dölsach gefährdet, weil die Leitung der Lienzer Berufsschule die Kopfbedeckung zunächst nicht akzeptieren wollte. Die smarte junge Syrerin blieb bei ihrem Standpunkt – sie trug das Tuch bereits in ihrer Heimat aus freien Stücken – und bekam Recht.

Ihr Chef und Lehrherr, Haubenkoch Hans-Peter Sander, hatte anfangs auch Bedenken. Wie würden seine Gäste im Tirolerhof auf Hanins Erscheinungsbild reagieren? Mit schlagkräftigen Argumenten und Herz ließ sich der Arbeitgeber von Margarethe Oberdorfer überzeugen. Sie betreut Flüchtlinge im Dölsacher Asylwerberheim und half der jungen Frau bei der Suche nach einer Lehrstelle.

Hanin absolviert eine Kochlehre im Haubenrestaurant Tirolerhof. Ihre Arbeitgeber sind Hans-Peter und Waltraud Sander.

Sander bereut seine Entscheidung nicht. Die Atmosphäre in der Küche ist „streng mit Augenzwinkern“ und Hanin fühlt sich sichtlich wohl. Das Küchenteam redet osttirolerisch mit ihr und für Chef Hans-Peter ist sie „die Hanna“.

Die junge Syrerin ist ein Sprachtalent und lernte sehr schnell Deutsch. Später möchte Hanin eine Ausbildung zur Dolmetscherin machen, jetzt steht aber erst einmal die Kochlehre im Fokus. Und auch hier hat sie ein Spezialgebiet. Hanin arbeitet am liebsten mit Süßem.

Ihre Familie kam im Oktober 2014 nach Osttirol, wurde im Asylwerberheim in Dölsach untergebracht und lernte dort Margarethe Oberdorfer kennen, die sich sehr engagierte. In dieser Zeit besuchte die junge Syrerin das „Klösterle“, die Fachschule der Dominikanerinnen in Lienz.

Erfreulich zügig wurde das Asylverfahren abgewickelt und gab der Familie nach gefährlicher Flucht aus der alten Heimat plötzlich eine neue Perspektive und vor allem Sicherheit. Hanin, ihre Eltern, ihr 21-jähriger Bruder und ihre 14-jährige Schwester dürfen in Österreich arbeiten, zur Schule gehen und ein normales Leben führen. Die Familie hatte in den Wirren des Krieges und der Flucht mehrfach großes Glück. „Wir wissen das und sind dafür unendlich dankbar“, erzählt mir die junge Frau. Es war buchstäblich Glück im Unglück.

Lebensgefährliche Flucht

Hanins Eltern führten in der syrischen Hauptstadt Damaskus ein Restaurant. Rechtzeitig entkam die Familie den schweren Angriffen auf die Stadt und konnte fliehen, in Richtung Europa auf der weiten und gefährlichen Route über Afrika. Auf dem Mittelmeer passierte, was uns die Fernsehbilder fast täglich vermitteln. Es kam zu einem tragischen Bootsunglück. Wie durch ein Wunder überlebten alle Familienmitglieder die Überfahrt von Libyen nach Italien. Doch der Schock und die Trauer über die vielen Menschen, die es nicht geschafft haben, sitzen tief. Hanin, die jede materielle Erinnerung an ihre Heimat verlor, verfolgten diese Bilder anfangs bis in den Schlaf.

Nun kommt sie zum Glück weniger zum Nachdenken, sagt sie. In ihrer Freizeit hilft die junge Syrerin anderen Flüchtlingen bei Übersetzungen und Behördengängen. Und sie besucht Schulen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Nur Wissen beseitigt irrationale Ängste und Vorurteile. In der NMS Egger Lienz erzählt die Zwanzigjährige den Schülern von Syrien, einer Heimat, die sie verloren hat.

In der NMS Egger Lienz erzählt Hanin, begleitet von Pater René, ihre Geschichte. Danach wird ein Sesselkreis gebildet. Es gibt viele Fragen, auch kritische.

Pater René leitete vier Unterrichtseinheiten mit Hanin, bei der letzten durfte ich mit meiner Kamera dabeisein. Hanin wurde von den Kindern herzlich und offen empfangen, wie eine alte Bekannte. Zum Abschluss der Unterrichtsstunde wurde ein „Sesselkreis“ gebildet. Jetzt waren die Schülerinnen und Schüler selbst an der Reihe, Erfahrungen und Geschichten über Flüchtlinge zu erzählen und Fragen zu stellen. Und sie hatten viele Fragen, man spürte sofort,
dieses Thema ist auch in den Osttiroler Familien allgegenwärtig. An der Stelle könnte mein Bericht ein „Happy End“ haben, aber …

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Integration funktioniert nicht so einfach, auch nicht in Osttirol.  Kinder nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Sie  erzählen unverblümt, was sie gehört oder erlebt haben. Und so bekam auch Hanin einiges zu hören, von gemeinen Einkaufswagendieben, bettelnden oder stehlenden Flüchtlingen erzählten die Jugendlichen. Alle bekannten Klischees kamen plötzlich zur Sprache. Warum haben Flüchtlinge teure iPhones? Sind denn Terroristen auch Flüchtlinge?

Hanin antwortete ruhig und sachlich, klärte manches Missverständnis auf und rückte manches Gerücht in ein anderes Licht. Man spürte in jeder Minute, diese junge Frau respektiert auch die Ängste der Kinder und negative Erfahrungen. Sie zeigt sich selbst betroffen. Es ist erst der Anfang eines Prozesses, das spürten alle im Klassenzimmer. Und dieser Prozess braucht viel Mut auf beiden Seiten. Die Schüler, Hanin und ihre Arbeitgeber haben diesen Mut
bereits bewiesen.

Credits
  • Autorin: Ramona Waldner
  • Fotografie: Ramona Waldner
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