Lieblingssport Fußball: Im Garten der Wohngruppe wird fleißig gekickt.

Lieblingssport Fußball: Im Garten der Wohngruppe wird fleißig gekickt.

Hausbesuch im Flüchtlingsheim Dölsach
Hausbesuch im Flüchtlingsheim Dölsach
In der Wohngruppe des SOS-Kinderdorfes wohnen 14 minderjährige Flüchtlinge. Wir haben sie besucht.

„Willkommen“, steht in zwei Sprachen auf der Tür des alten Elternhauses von Andrea Miglar: Seit Dezember 2015 wohnen hier 14 Flüchtlinge verschiedener Herkunft. Was anfangs auf Widerstand in der Gemeinde stieß, ist heute zu einer Normalität geworden.

Bei einer Hausführung können wir uns selbst einen Eindruck machen. Überall sind kleine Zettel angebracht, um das Vokabellernen zu erleichtern. Im Aufenthaltsraum gibt es einen Tischfußballtisch und ein Trainingsgerät – Sport wird in der Wohngemeinschaft hochgehalten. Wenn sie nicht gerade Deutschkurse haben, könne man die Jungen auf dem Fußballplatz finden, erklärt uns Martin Angermann, pädagogischer Leiter der Wohngruppe. Auch Guido Fuß, Leiter des SOS-Kinderdorfs, kann dies bestätigen. Bei den lokalen Fußballvereinen seien die Jungs sehr gefragt.

Wir werden freundlich auf zwei Sprachen empfangen.

In der Küche erwarten uns zwei der jungen Bewohner. Khaled (Name geändert) ist gerade beim Essen. Reis mit einer Fleischsoße. Nicht verwunderlich, meint Martin. „Die Jugendlichen kommen aus Ländern, wo es eine Reiskultur gibt – für sie ist Reis nicht gleich Reis“. Auf unsere Frage, welche österreichischen Gerichte Khaled gerne esse, antwortet dieser kurz und bündig: „Wienerschnitzel und Pommes“.

Kochen als soziale Aktivität hat in der harmonischen WG einen besonderen Stellenwert. Wochentags sorgt eine Köchin für wohlgefüllte Mägen, am Wochenende aber wird selbst Hand angelegt. Auch die Einkäufe erledigen die jungen Flüchtlinge gemeinsam, wobei besonders auf regionale Produkte Wert gelegt wird, betont Martin stolz. Die Gemeinde solle auch profitieren.

Guido Fuß ist Leiter des SOS-Kinderdorf Osttirol.
Martin Angermann betreut die Flüchtlinge in der Wohngruppe.

Zum Abschluss der Führung finden wir uns im Aufenthaltsraum wieder und bekommen prompt einen Kaffee serviert. Zum Dank quetschen wir Martin nach weiteren Informationen aus. Die Integration würde gut funktionieren, erklärt er, besonders durch eigene Übergangsklassen. Derzeit haben die Jugendlichen die Möglichkeit, innerhalb von zwei Jahren einen Pflichtschulabschluss nachzuholen. Für das kommende Schuljahr allerdings wird diese Initiative vom Bildungsministerium bundesweit massiv reduziert. In Osttirol werden Übergangsklassen zukünftig gar nicht mehr angeboten. Leider, betont Martin.

Denn geflüchtete Jugendliche, die das Pflichtschulalter überschritten haben, haben kein Recht auf einen Schul- und Ausbildungsplatz und somit weniger Perspektiven. Hier seien auch die Pädagogen gefragt, so Kinderdorfleiter Fuß: „Ohne Möglichkeiten, zur Schule zu gehen oder eine Lehre zu absolvieren, ist erfolgreiche Integration nur schwer zu schaffen“. Umso mehr Dank gelte den Betreuern der Wohngemeinschaft und den Pädagogen der Schule im Klösterle, die den Jugendlichen tatkräftig zur Seite stehen.

Soziale Aktivitäten und Sport werden großgeschrieben.
2016 bauten die Flüchtlinge gemeinsam mit Erich Pacher ihren eigenen Brotbackofen.
Auch Andenken an die Heimat werden gesammelt.

Wir beenden das Gespräch mit der Frage, wie Privatpersonen helfen können. „Flüchtlinge als Menschen akzeptieren“ sei bereits eine gute Grundlage, meint Fuß. Wichtig sei auch, mit den Jugendlichen Zeit zu verbringen. Martin Angermann betont die Möglichkeit einer Patenschaft und freiwilliger Tätigkeiten. Abschließend hat der Leiter der Wohngruppe noch eine Bitte an die Politik. Er plädiert für eine „3+2 Regelung“ nach deutschem Vorbild. Flüchtlingen mit einem negativen Bescheid wird so die Chance geboten, drei Jahre lang eine Lehre zu absolvieren – sofern es sich um einen Mangelberuf handelt – und im Anschluss mindestens zwei Jahre lang zu arbeiten.

Damit Integration eben auch einen Wert hat.

Credits
  • Autoren: Miriam Ressi / Sarah Hatzer
  • Fotografie: Miriam Ressi
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