Linderhütte
Linderhütte

Es gibt unterschiedliche Methoden, sich dem Spitzkofel anzunähern. Petro Mamu zum Beispiel, ein zierlicher Mann aus Eritrea, nimmt Anlauf auf dem Lienzer Hauptplatz und taucht schon 80 Minuten später fast 2 000 Meter höher auf dem sogenannten Kuhbodentörl auf. Hätte er als Startläufer der legendären Dolomitenmann-Stafette nicht Wichtigeres zu tun, wäre es von hier nur noch ein Katzensprung bis zum Gipfel des Spitzkofels. Zumindest für einen wie ihn. Wir sind nicht Bergläufer sondern Berggeher und begleiten einen anderen Mann in einem anderen Jahrhundert auf den 2 717 Meter hohen „Hausberg“ der Lienzer und Leisacher: Ignaz Linder. 

Ihm verdanken alpinistische Feinschmecker bei der Besteigung des Spitzkofels einen Moment der lustvollen Verzögerung, ein Innehalten, das auf den Gipfel vorbereitet und selbst zum unvergesslichen Erlebnis wird. Wie wenn man etwas Köstliches verspeist und den besten Bissen bis zum Schluss auf dem Teller behält, damit der wahre Geschmack erst am Ende auf der Zunge zergeht und lange dort bleibt. Die Nacht vor dem Gipfelsieg verbringt mancher Spitzkofel-Wanderer nur wenig unterhalb des höchsten Punktes, in der unvergleichlich gelegenen Linderhütte. Denn was könnte köstlicher sein, als ausgeruht auf einem Gipfel zu stehen, genau in jenem Moment, in dem die Sonne aufgeht?

Der Bäckermeister, Gastwirt und Bergpionier Ignaz Linder baute seine Hütte in den Jahren 1883 und 1884 auf 2 683 Metern Seehöhe, unter heute schwer vorstellbaren Bedingungen. Es gab damals kaum Steige in den Lienzer Dolomiten. Linder schleppte nicht nur das ganze Baumaterial bis knapp unter den Spitzkofel. Als er den honorigen, aber als eher knauserig bekannten Eisenhändler Max Keller um einen günstigen Ofen für seine Hütte fragte, meinte dieser: „Wenn du ihn bis hinauf trägst, gebe ich ihn dir kostenlos!“ Keller unterschätzte den Bergfex. Das schwere, gusseiserne Stück steht heute noch in der Hütte, mittlerweile zugemauert und nicht mehr in Funktion. Linder hatte es auf eigenen Schultern 2 000 Höhenmeter nach oben geschleppt! Da wäre selbst Petro Mamu in die Knie gegangen.

Die Eröffnung der Linderhütte im Jahr 1884 markiert auch einen touristischen Meilenstein. Postkartenmotiv, zur Verfügung gestellt vom Tiroler Archiv für Photographie (TAP).

1884 wurde die Hütte feierlich eingeweiht, und die Wiener Allgemeine Zeitung schrieb: „Die Hütte liegt in einer Höhe von 8 500 Fuß auf dem zum Spitzkofel (8 594 Fuß) hinziehenden Kamme in großartiger Lage. Schaurige Wände stürzen wohl einige tausend Fuß tief hinunter zum Thalboden von Lienz. … Hundertundsechs Personen erklommen am 17. des Monats diese imposante Höhe. Der Weg führte von Lienz über Leisach zu der botanisch berühmten Kerschbaumer Alpe, wo ein Theil der Festgäste die Nacht verbrachte, um am Morgen über den Almboden und das Felsen-Amphitheater des Hallebaches zur Schutzhütte emporzusteigen, wo ein anderer Theil, darunter mehrere Damen, der Vertreter des Touristenclub-Präsidiums Herr E. Graf und ein Franciskaner, P.Theodor, übernachtet hatten. Am Abend zuvor wurden die Lienzer durch das prächtige Schauspiel eines durch Herrn Beres am Gipfel des Spitzkofels abgebrannten Feuerwerkes überrascht, das sich durch mächtige Böllerschüsse noch imposanter gestaltete …“

Noch im selben Jahr 1884 gründete eine Bergsteigergruppe rund um Linder die Lienzer Sektion des damals erst 15 Jahre jungen „Österreichischen Touristenklubs“. Die Bergführer Gassler und Egger waren mit an Bord, der spätere Bürgermeister Josef Anton Rohracher und die Lehrer Augustin Kolb und Hans Stoll. Linder war der erste Obmann und brachte als Gastgeschenk seine Hütte in das Klubvermögen ein. Es war eine Gruppe von Männern, die der Dolomitenstadt nicht weniger hinterließen, als ihre Identität. Zwei Engländer halfen ihnen dabei.

Ignaz Linder, Bäckermeister, Gastwirt und Bergpionier, 1840–1900, Foto: TAP
Die Linderhütte, in die Felsen geduckt, ist ein sicherer Unterschlupf nur wenige Höhenmeter unter dem Gipfel des Spitzkohles.

Die englischen Touristen Gilbert und Churchill urlaubten nämlich bereits 1856 für längere Zeit in Lienz und bemerkten die Ähnlichkeit der Lienzer Berge – die damals noch „Kreuzkofel-Gruppe“ oder „Unholden“ hießen – mit den Südtiroler Dolomiten. In ihrem Reisebericht taucht erstmals die Bezeichnung „Lienzer Dolomiten“ auf und das war für die frühen Lienzer Touristiker ein Elfmeter. Unholden? Klingt wenig verlockend. Aber Lienzer Dolomiten, das riecht nach Marke! Josef Anton Rohracher, selbst leidenschaftlicher Bergsteiger, Tourismuspionier und führendes Mitglied des „Verschönerungsvereines“, der später zum Tourismusverband wurde, übernahm die Bezeichnung. Die Gipfel zwischen den Gailtaler Bergen im Osten und dem Kartitscher bzw. Tilliacher Sattel im Westen wurden zu den „Lienzer Dolomiten“. Die Stadt zu ihren Füßen heißt seither „Dolomitenstadt“ – wie unser Magazin.

Auf den Spuren Ignaz Linders wandern wir weiter zu seiner bemerkenswerten Hütte nur 40 Höhenmeter unter dem Spitzkofel, dessen Gipfel nicht der höchste in den Lienzer Dolomiten ist. Die Große Sandspitze (2 772 Meter) überragt ihn um ein paar Meter. Linder war ihr Erstbesteiger. Wer sportlich ist und schon in Amlach bei Lienz startet, nimmt den Weg durch die Galitzenklamm – auch vom ÖTK errichtet und 1888 mit einem dreitägigen Fest eröffnet – und den Franz-Lerch-Weg zum „Klammbrückele“. Bis hierher kann man, wenn man will, auch fahren.

Vom Tal bis zur Linderhütte führen die teilweise recht steilen Pfade vorbei an einer bemerkenswerten Gebirgsflora, die Botaniker und Blumenliebhaber immer wieder begeistert.
„Das Felens-Amphiteather des Hallendaches“ beschrieb schon 1884 die Wiener Allgemeine Zeitung. Ein guter Vergleich.

Auf den Spuren der Dolomitenmänner geht es dann weiter, erst Richtung Kerschbaumeralm, dann zweigt ein Steig ins Hallebachtal ab. Der Bachschlucht entlang kraxelt man, zum Teil über Holzleitern, auf steilem Terrain durch den Wald bis zum idyllisch gelegenen Mitterkopfhüttl und quert dann in einem weiten Bogen das spektakuläre Hochtal. Entlang der Bösecktürme führt der Steig in das hügelige Hallebachkar und quert dann fast waagrecht die große Schutthalde bis zum südlichen Wandfuß des Spitzkofels. Durch Stahlseile abgesichert, geht es durch felsiges Gelände dem Gipfel entgegen. Aber eben nicht ganz, denn wir halten kurz unter dem Spitzkofel inne. Auf der Linderhütte angekommen, wartet auf uns nämlich eines der wunderbarsten Erlebnisse für bergbegeisterte Menschen in Sichtweite der Stadt: eine Nacht auf der Linderhütte.

Die Linderhütte wurde in den vergangenen Jahren komplett restauriert und ist ein komfortabler Übernachtungsplatz geworden, mit einer Aussicht, die unvergleichlich und unbezahlbar ist.

Es ist eine Nacht nur noch 40 Höhenmeter und ca. 40 Minuten Wegzeit unter dem Gipfel, ein Bergpanorama, das atemberaubend ist, die Einsamkeit und grandiose Weite dieser majestätischen steinernen Welt, Momente des völligen Heraustretens aus dem Alltag, fast unwirklich und in jedem Fall unvergesslich. Der Weg hierher ist nicht gemütlich, man geht weit und teilweise über steinige, seilgesicherte Passagen. Einheimische nennen das „einen Hatscher“ und kommen doch immer wieder hierher, weil die Magie dieses Ortes und vor allem der Blick auf die eigene Stadt, das eigene Dorf, die eigene, jetzt winzig kleine Welt im Tal den Kopf frei macht für die wichtigen, die großen Dinge im Leben.

Wer hier sitzt und hinunterschaut, hat sich erhoben über das Kleine und Kleinliche, hat eine gesunde Distanz zwischen sich und die Niederungen jedweden Tagesgeschäftes gelegt. Wenn die Nacht heraufzieht über den plötzlich rot leuchtenden Gipfeln, dann spürt man eine majestätische Größe und möchte auf einmal nach den Sternen greifen. In diesem Moment fühlst du dich klein wie ein Sandkorn und traust dir dennoch alles zu. Kein Werbeslogan und kein Tourismusprospekt kann dieses Gefühl einfangen. Zum Glück.

Zum Glück ist der Weg hierher weit und steinig. So bleibt der Moment der Abenddämmerung inmitten rot glühender Berggipfel exklusiv.

Dieser Moment der Abenddämmerung auf der Linderhütte darf gar nicht zum Wunsch vieler werden, er muss exklusiv und jenen Kennern vorbehalten bleiben, die wissen, dass der weite, steinige Weg nicht nur zum Gipfel, sondern auch zu sich selbst führt. An solchen Orten findet man sich, entdeckt die eigene Seele wieder, fängt Erinnerungen ein und trennt Wesentliches von Belanglosem. Und man schläft gut. Die Müdigkeit, die Höhe und Magie des Sternenhimmels wirken wie ein Beruhigungsmittel. Man lässt los und träumt. Hier ist der Körper plötzlich im Takt, erwacht ganz von selbst im Morgengrauen. Man spürt den frischen Tag und freut sich auf den Höhepunkt der Tour, den Weg zum Gipfel, buchstäblich „in aller Herrgottsfrühe“. Plötzlich weiß man, was dieser Ausdruck meint. Wenn auf dem Spitzkofel die Sonne aufgeht, ist der Moment ganz einfach göttlich.

Nach dem Gipfelsieg winkt noch ein lohnendes Ziel: die Kirschbaumes Alm, auf der ein köstliches Frühstück wartet.

Dann stellt sich, nach all dem Staunen und dem Stolz des Gipfelsieges, das elementarste aller Bedürfnisse ein: Hunger! Die Aussicht auf ein exzellentes Bergfrühstück treibt den Gipfelstürmer talwärts, vorbei am Nachtquartier, zunächst zurück bis zur großen Schutthalde, dann aber dem Steig folgend über das Hallebachtörl und paradiesische Blumenwiesen zum Kerschbaumer Alm-Schutzhaus. Dort lässt man bei einem starken Kaffee und einem kräftigen Frühstück den Tag ein zweites Mal beginnen, zurück in der „Zivilisation“ und doch noch fern von ihren Auswüchsen, mitten in einem botanischen Garten, den die Natur des Hochgebirges auf den sommerlichen Almwiesen besonders üppig blühen lässt.

„Die Kerschbaumer“ gehört dem ÖTK Lienz und wird von Beate Moroder geführt. Legendäre Wirte waren Hans und Barbara Wibmer. Sie bewirtschafteten bis 20o9 insgesamt 16 Jahre lang das Schutzhaus, das im vergangenen Sommer kräftig um- und ausgebaut wurde, ohne die alte Substanz zu zerstören. Denn auch diese Alm hat viel zu erzählen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Credits
  • Autoren: Gerhard Pirkner / Evelin Gander
  • Fotografie: Wolfgang C. Retter / TAP
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