Foto: iStock/Edenberg

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Risse im Tal
Risse im Tal
Der Wolf ist zurück, Tirol ist gespalten: für oder gegen den Beutegreifer – Herdenschutz oder Abschuss. Gibt es einen sachlichen Umgang mit dem Wolf? Der 20er hat recherchiert. Ein Gastbeitrag.

Die kleinen Kinder stehen der Wölfin ehrfürchtig gegenüber, sie ist nur wenige Meter entfernt. Leise ist das Meckern von Ziegen vom nahen Bauernhof zu hören. Doch ihnen droht keine Gefahr: Anja, die einzige Wölfin des Innsbrucker Alpenzoos, schlendert gelassen im Gehege umher. Hier, hinter Gittern, ist der europäische Grauwolf eine Besucherattraktion. In der freien Natur ein Wildtier, das man kaum je zu Gesicht bekommt. „Wölfe sind scheue Wesen und werden auch nicht die Nähe zum Menschen suchen, sondern ihm eher ausweichen“, erzählt der zoologische Kurator und diplomierte Biologe Dirk Ullrich vor dem Wolfsgehege. So fremd uns der Raubsäuger bleibt, so nah sind uns seine Nachkommen, die Hunde: „Das Ganze ist über Selektionszucht passiert, über mehrere tausend Jahre.“ Ullrich kennt das Verhalten und die Biologie der Wölfe genau. „Sie sind hochsozial und wie alle Wildtiere mit den besten Sinnen ausgestattet.“

Den Ruf des „bösen Wolfs“ will der Biologe nicht verstehen: „Wenn ein Tier lernt, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht, oder es sogar angefüttert wird, wäre das problematisch“, gibt er zu. „Aber solange wir uns an die Spielregeln halten, sollte der Wolf keine Bedrohung für Menschen sein.“

Ansonsten sei der Wolf ein Bestandteil der Natur und stehe an der Spitze der Nahrungskette. Lange Zeit klaffte dort im Alpenraum eine Lücke: „Canis Lupus“ war einmal das am meisten verbreitete Landsäugetier der Erde, wurde seit dem 15. Jahrhundert systematisch verfolgt und bis zum 19. Jahrhundert, vor allem durch menschliche Bejagung, in West- und Mitteleuropa fast vollständig ausgerottet. Nachdem der Wolf in den Siebzigerjahren international unter strengen Schutz gestellt und Grenzen wie der Eiserne Vorhang geöffnet wurden, siedelten sich wieder Wolfsrudel in unserer Nähe an. In Südtirol sind schon drei Wolfsrudel registriert. Auch im Osten Österreichs, im Waldviertel, leben die Menschen neben einzelnen Wolfsrudeln. Allerdings gibt es längst nicht genug Tiere, um von einer stabilen Population zu sprechen, sagt Ullrich. „In Tirol haben wir noch kein bestätigtes Wolfsrudel, hier sind die Wölfe nur auf Wanderschaft.“

Sie sind wieder da

Diese wandernden Wölfe sorgen für viel Gesprächsstoff. Aufgekocht ist die Debatte im Frühsommer in Serfaus, im Bezirk Landeck. Dort wurden allein vom 18. Mai bis zum 15. Juni genau 22 vom Wolf gerissene Schafe dokumentiert. Mittlerweile kommen ähnliche Zahlen auch aus Osttirol. Aus Angst führten die Schafbauern ihre Tiere frühzeitig von der Alm zurück in den Stall. Mitte August wurden auch im Navistal nach mehreren Wolfsrissen medienwirksam hunderte Schafe von den Almen abgetrieben. Ein Jagdpächter in Navis, Jörg Trenkwalder, bezeichnete den Wolf im Tirol-Heute-Studio danach gar als „Tierquäler“.

In Tirol gibt es noch kein bestätigtes Wolfsrudel. Foto: Thomas Bonometti/Unsplash

Den strengen europäischen Schutz des seltenen Tiers nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) hält dieses Lager für überzogen und unrealistisch im dicht besiedelten Tirol. Gefordert werden „wolfsfreie Zonen“ und Abschussgenehmigungen. Doch insbesondere die europäische Gesetzgebung verhindert, einzelne „Problemwölfe“ zu vertreiben oder gar zu töten – solange kein Herdenschutz versucht wurde. Organisationen wie der WWF empfehlen daher bessere finanzielle Entschädigungen und Schutzmaßnahmen: Geeignet seien elektrische Weidezäune, Hirtenhunde und Hirten. Doch viele Nutztierhalterinnen und -halter bezweifeln, dass die Wölfe abhalten können.

„Wenn man weiß, wie die Populationen der Wölfe sich vermehren […] nach acht Wochen gibt es schon wieder Welpen, Welpen, Welpen und die vermehren sich überall. Dann spricht man nicht mehr von einem Problemwolf, sondern in zwei Jahren von vielen Problemwölfen.“ Das glaubt zumindest Trenkwalder und prophezeit sowohl ein Ende der Almwirtschaft als auch massive Probleme für den Tourismus.

Doch ist das so? Unabhängige Stimmen von Agrarforscherinnen oder Experten wie Ullrich vermisst man dazu sogar im öffentlich-rechtlichen Landesfernsehen. Nur eines ist sicher: Die Luft auf der Alm ist mittlerweile zum Schneiden.

Ein elendiger Tod

„Den Wolfsbefürwortern müsste man die grausamen Bilder zeigen“, sagt Alois Monz, Obmann des Schafzuchtvereins in Serfaus. „Der Wolf hat einen mörderischen Instinkt und viele Schafe erleiden einen elendigen Tod.“ Monz ist zornig. An diesem heißen Sommertag kommt er gerade vom Heuen, und hätte anderes zu tun als den Wolf zu diskutieren. Seine Schafe grasen nicht mehr auf ihren üblichen Wiesen, sondern auf der „Pfundser Alm“, wo ein Hirte über sie wacht. Ein Wolf habe schon 22 seiner insgesamt 43 Tiere starken Herde gerissen. Monz schickt später Fotos von blutenden, kopflosen, halb gefressenen Tieren.

Die Spur des Wolfes ...
... zieht sich auch über Osttirols Almen. Fotos: Hanser

Ist der Wolf also ein „Tierquäler“? Warum fällt er Schafe an und bleibt nicht im Wald, beim Wild? Alpenzoo-Kurator Ullrich sagt: „So ein Beutegreifer geht den einfachsten Weg.“ Bei mehreren Jagdfehlversuchen verliert ein einzelner Wolf eine Menge an Kraft und Energie. „Schafe und andere Nutztiere haben nicht mehr denselben Fluchtinstinkt wie ein wild lebendes Reh. Bis sie merken, dass Gefahr droht, ist es meistens zu spät.“ Besonders bestialisch scheint Vielen, dass der Wolf nicht nur ein Tier reißt und es brav auffrisst – sondern gleich mehrere. Dieses Phänomen nennt man Surplus Killing, erklärt Ullrich. „Der Wolf würde seine gesamte Beute sehr wohl nutzen.“ Entfernt ein Bauer jedoch die gefundenen Kadaver, räumt er dem Wolf sozusagen die Speisekammer leer.

Für Schafbauern wie Monz sind tote oder schwer verletzte Tiere auf der Weide eine emotionale Belastung – und ein wirtschaftliches Problem. „Man verpflichtet sich ja für eine gewisse Zeit der AMA gegenüber.“ Pflegt er ohne Schafe die Alm nicht, werden Rückzahlungen fällig. Ökologisch drohen langfristig Verbuschung, geringere Artenvielfalt von Pflanzen und höhere Erosionsgefahr. „Unbeweidet werden diese Almen in zwei bis drei Jahren ganz anders aussehen“, sagt Monz. „Das bringt auch den Tourismus in Gefahr.“

Sein Kampfeswillen sei schnell am Boden, weil die nötige Unterstützung fehle, sagt Monz. „Es wäre schon viel getan, wenn die Jagd mehr Rückendeckung bekommen würde, sofern es um einen wirklichen Problemwolf geht.“

Was macht den Wolf zum „Problemwolf“?

Das fordert auch der EU-Abgeordnete Alexander Bernhuber. Der 28 Jahre alte Bauer und ÖVP-Politiker aus Niederösterreich hat seine 30.000 Vorzugsstimmen für den Einzug ins EU-Parlament auch mit dem Wahlkampfthema Wolf gesammelt. Bernhuber sieht sogar Menschen durch den Beutegreifer bedroht. „Zum Glück hat es noch keine Vorfälle gegeben. Aber niemand kann das ausschließen“, glaubt er. „Ich kann gut nachempfinden, wie mulmig einem Bauern aus dem Waldviertel ist, wenn er abends am Traktor einen Wolf sichtet und am nächsten Morgen gehen auf demselben Weg seine Kinder zur Schule.“ Auch Bernauer hält deshalb „wolfsfreie Zonen“ in dicht besiedelten und intensiven Weidewirtschaftsregionen für denkbar. Und fügt hinzu: „Niemand hat etwas gegen den Wolf im Wald, der dort sein Reh reißt.“ Doch sobald ein Wolf wiederholt in Siedlungen zu sehen sei oder Zäune überwinde, wünscht er sich klare Definitionen für eine Abschusserlaubnis. „Und zwar bis zu den einzelnen Bundesländern.“

In Brüssel hat Bernhuber zuletzt scheinbar einen Teilerfolg errungen: Auf einen Brief von ihm und neun weiteren Kollegen reagierte der fast ebenso junge, polnische EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius mit einer Stellungnahme, dass sogenannte Problemwölfe „entnommen“ werden können. Doch Jubelstimmung brach keine aus, weil Sinkevičius auch betonte, dass der Schutzstatus des Wolfs trotzdem nicht aufgeweicht werde.

„Problemwölfe“ dürfen eben nur in Ausnahmefällen geschossen werden, wenn Herdenschutzmaßnahmen nicht greifen. Doch die seien schwer vergleichbar, wendet Bernhuber da ein. „Zäune mögen in Spanien funktionieren. Aber auf unseren Almen braucht sich nur ein Schneebrett zu lösen und schon ist alles kaputt.“

Die Klugheit des Tieres kommt dazu. An der Befürchtung, dass Wölfe den Umgang mit Zäunen lernen könnten, sei was dran, sagt der Biologe Ullrich: „Bei einem Weidezaun mit viel Strom zuckt jedes Tier zusammen. Hat dieser Zaun allerdings einen Defekt oder ist nicht gut installiert, dann schauen sich die anderen das ab. Sowohl schlechte, als auch positive Erfahrungen mit dem Zaun werden weitergegeben.“

Die Oberlausitz ist weit voraus

Im ostdeutschen Sachsen hat man mit dem Herdenschutz schon seit dem Jahr 2000 Erfahrung gesammelt. Die Oberlausitz gehört zu den vergleichsweise früh und dicht mit Wölfen besiedelten Gebieten Europas. „Die Diskussion hat sich in der Region längst versachlicht“, sagt die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der sächsischen Fachstelle Wolf, Vanessa Ludwig. „Die Befürchtungen, man könnte nicht mehr in den Wald zum Pilzesammeln gehen, haben sich nicht bestätigt – nachdem einige Leute in 20 Jahren keinen Wolf gesehen haben.“

In Sachsen wurden klare Richtlinien für das Wolfsmanagement entwickelt und eine Fachstelle für Riss- und Wolfsmonitoring eingerichtet. Foto: Unsplash/Tahoe

Der Umgang mit dem Wildtier ist aber auch seit der neuen Sächsischen Wolfsmanagementverordnung vom 15. Mai 2019 viel klarer. Die europäischen Gesetze seien tatsächlich „sehr schwammig“, sagt Ludwig. Im Fall von Hybriden, also Mischlingen von Wolf und Hund, habe Sachsen schon eingegriffen. „Hauptsächlich weil man das reine Wildtier erhalten möchte“, sagt Ludwig. Aber auch, weil manche befürchten, dass ein Mischling mit hundeähnlichen Charakterzügen gefährlich werden könnte. Solche Dinge erklärt Ludwig Anrufern aus aller Welt. Seit einem Jahr bündelt die Fachstelle das Riss- und Wolfsmonitoring Sachsens, Informationen zum Herdenschutz und Aufklärungsarbeit.

Knapp eineinhalb Millionen Euro hat man 2019 für den Herdenschutz ausgegeben, achtmal so viel wie im Jahr zuvor. Alle Schaf- und Ziegenhalter bekommen nun 100 Prozent der Kosten für einen Elektrozaun ersetzt. Das trägt zur Zufriedenheit bei und funktioniert meist gut. „Bisher ist uns kein Fall bekannt, wo ein Wolf einen ordentlich errichteten Elektrozaun überwunden hat“, sagt Vanessa Ludwig. Sollte trotz Herdenschutz ein Tier gerissen werden, bekommen die Betroffenen alle Arten von Kosten ersetzt. „Das können auch Tierarztrechnungen sein.“ Der Wert der Tiere wird von Experten bestimmt. „Ist es ein Zuchttier gewesen, wie alt war es, war es trächtig? Das wird alles berücksichtigt.“

Schweizer Herdenschutz

Auch in der Schweiz ist der Wolf wieder heimisch, dort hat man schon acht Jahre lang Erfahrungen mit einer speziellen Schutzmethode gesammelt: Lamas als Hirtentiere. Der Lamazüchter René Riedweg hat 2012 damit begonnen und spricht im 20er-Interview über seine Erfolge: „Wir haben jetzt mehr als 20 Schafherden, die von Lamas betreut werden und bis jetzt noch keinen einzigen Riss.“ Denn diese neugierigen Tiere würden direkt auf den Wolf oder auch einen bedrohlichen Hund zulaufen und Angreifer so irritieren.

Der Schweizer René Riedweg ist der Pionier im Herdenschutz mit Lamas und kann über gute Erfolge berichten. Foto: Riedweg

Der Weideschäfer Thomas Schranz aus Tösens hat die Idee schon erfolgreich ausprobiert. „Ich bin damals für meine alternative Methode belächelt worden und zwar nicht wenig“, sagt er. „Da hieß es immer ‚Du mit deinem Lama‘“. Ihm wurde auch vorgeworfen, von Umweltschützern gekauft zu sein, weil er für eine Presse-Präsentation vom WWF eine Aufwandsentschädigung bekommen hatte. Dabei setze er sich schlichtweg schon lange mit dem Wolf auseinander: „Ich habe mich nur um eine zukunftsfähige Almwirtschaft kümmern wollen und bin dann leider immer mehr mit dem Wolf in Berührung gekommen.“ Im September will er mit dem Öko-Landwirtschaftsverband Bio Austria das erste Tiroler Kompetenzzentrum für Herdenschutz eröffnen. Schranz ist überzeugt: „Einen wolffreien Alpenraum wird es nicht mehr geben.“

Seine Überlegung: Wenn Lamas als Herdenschutz anerkannt wären und trotzdem ein Riss passiert – dann könne auch mal ein Problemwolf entnommen werden. Hirtenhunde hat er zwar auch im Einsatz. „Aber ein ausgelernter, sicherer Hirtenhund kostet ein Vermögen.“

Ein Bauern zählt seine Schafe. Seit der Wolf in die Alpen zurückgekehrt ist, gibt es ein Todesrisiko mehr für die Herdentiere. Foto: Expa/Groder

Herdenschutzhunde und Lamas als Beschützer seiner Schafe überzeugen hingegen den Schafbauern und Jäger Alois Monz reichlich wenig. „Bei uns kann man das alles vergessen.“ Seine Wut ist groß: auf das Raubtier, die Politik, und Menschen, die den Wolf eventuell aus einem Zoo in die freie Wildnis entlassen haben könnten. Man weiß ja nie. Was ist der Wolf in seinen Augen für ein Tier? Monz sagt: „Ich sehe ihn als großen Feind an, und der Feind wird bekämpft. Mit allen Mitteln.“

Credits
  • Autoren: Valentin Huber und Rebecca Sandbichler
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