Sparkling
Science
Sparkling Science
Am Lienzer Gymnasium treffen sich Forscher und Schüler zu einem erstaunlichen Bildungsexperiment, das alte Regeln bricht und neue Perspektiven öffnet. Dolomitenstadt begleitet das Projekt.

Ich kann mich ganz gut an meinen eigenen Biologieunterricht erinnern, in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Schlecht war er nicht, immerhin brachte mir ein Mann die Natur nahe, der noch heute unermüdlich für ihren Schutz kämpft: Wolfgang Retter, damals Biologieprofessor am Lienzer Gymnasium. Fast ein halbes Jahrhundert später stehe ich in meiner ehemaligen Schule selbst vor den Jungs und Mädels einer sechsten Klasse und erkläre ihnen, wie man einen journalistischen Onlinebeitrag schreibt. In welchem Fach? In Biologie!

Es ist Freitag kurz nach Mittag und eigentlich hätten die Youngsters frei. Trotzdem sitzen alle motiviert im Biologiesaal des Gymnasiums und hören nicht nur mir aufmerksam zu, sondern arbeiten auch konzentriert an den Aufgaben, die ihnen ein Forschertrio der Universität für Bodenkultur Wien stellt. Brigitte Vogl-Lukasser, ihr Ehemann Christian Vogl und die Biologin Heidemarie Pirker werden die 6b-Klasse von nun an bis zur Matura begleiten, bei einem Bildungsexperiment, das zwei Jahre dauert, alte Regeln bricht und neue Perspektiven öffnet. „Sparkling Science“ lautet das Motto, umgesetzt von einem Team, das so interdisziplinär ist, wie das Projekt selbst. Worum es geht? Um Gärten! Genauer gesagt um die Hausgärten der Osttiroler Bauernhöfe, mit ihrer Vielfalt an – teilweise sehr alten – Pflanzenarten und dem damit verknüpften Wissen der Bäuerinnen und Bauern.

Was wuchs früher und was wächst heute in unseren Bauerngärten? Dieser Frage gehen die jungen „Forscher“ nach.

Untersucht wurde das Thema schon einmal, vor fast genau zwanzig Jahren. Damals verarbeitete Brigitte Vogl-Lukasser minutiös erhobene Daten über Art und Nutzung der Osttiroler Bauerngärten zu einer wissenschaftlichen Arbeit, die jetzt – zwei Jahrzehnte später – ihre Fortsetzung findet. Mit Hilfe der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums werden die Gärten neuerlich unter die Lupe genommen. Wie haben sie sich entwickelt? Was wächst heute noch oder eben nicht mehr? Wie wirken Klima und andere Umwelteinflüsse auf die Gartenbaukulturen und was kann man für die Zukunft erwarten? Halten sich die alten Sorten gut? Und wie steht es um das überlieferte Wissen? Wurde es an die nächste Generation weitergegeben? Das sind nur einige der Fragen, nach deren Antwort die jungen Forscher suchen.

Christian Vogl, Professor am Institut für Ökologischen Landbau der Universität für Bodenkultur, leitet das Projekt und erklärt die unterschiedlichen Dimensionen, die diese Forschungsarbeit für die Jugendlichen bereithält: „Da geht es einerseits um Biologie, um Botanik, um die Natur selbst. Andererseits steht aber auch das wissenschaftliche Arbeiten im Mittelpunkt, also die Techniken der Wissenschaft. Das ist deshalb spannend, weil die Schülerinnen und Schüler ja mittlerweile bereits in der Mittelschule damit konfrontiert werden.“ Vogl rechnet damit, dass einige „vorwissenschaftliche Arbeiten“ – die Pflichtbestandteil jeder AHS-Matura sind – rund um das Projekt entstehen könnten.

„Sparkling Science“ sprengt herkömmliche Bildungsschemata auf gleich mehreren Ebenen. Das Forschertrio und die jungen Mitwirkenden ziehen das Gartenprojekt mit den Lehrerinnen und Lehrern der 6b beispielsweise nicht nur in Biologie, sondern fächerübergreifend durch. Im Mathematikunterricht, in Physik, sogar in Englisch dreht sich manche Unterrichtseinheit um die Gärten und deren Entwicklung. Botanische Experimente und Übungen – etwa das Anlegen eines Herbariums – werden flankiert von Unterrichtseinheiten über Statistik und von fremdsprachigen Themenblöcken, in denen auf Englisch über die Kunst des naturnahen Gärtnerns geplaudert wird. Englisch und plakativ ist auch der Titel der Forschungsarbeit, die entstehen soll: „Homegrown – There’s nothing like a homegarden!“

Dolomitenstadt-Chefredakteur Gerhard Pirkner gibt dem Redaktionsteam der 6b-Klasse Tipps für journalistisches Arbeiten.
Christian Vogl (links), Professor am Institut für Ökologischen Landbau der Universität für Bodenkultur Wien leitet das zweijährige Projekt, das von Prof. Renate Hölzl (2.v.l.) initiiert wurde. Brigitte Vogl-Lukasser demonstriert dem Team des Gymnasiums, wie man ein Herbarium anlegt. Sie schuf mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit über Bauerngärten die Grundlage für das Bildungsexperiment.

Klassenvorstand Arno Oberegger, Hansjörg Schönfelder und Renate Hölzl betreuen das Projekt von der Lehrerseite, neben dem BOKU-Team sind auch Revital und weitere Projektpartner aus Osttirol involviert. Damit nicht nur die Jugendlichen und ihre pädagogischen Begleiter vom erstaunlichen Blühen und Wachsen in Osttirols Bauerngärten erfahren, gibt es eine eigene Mediengruppe in der 6b. Hier kommt Dolomitenstadt ins Spiel. Die jungen Leute, denen ich gerade etwas über Textlängen, knackige Headlines und gute Bilder erzähle, haben sich als JournalistInnen, FotografInnen und VideofilmerInnen gemeldet. Sie übernehmen die mediale Berichterstattung und werden einen Blog befüllen, den dolomitenstadt.at in die redaktionelle Berichterstattung integriert. So werden zigtausende Menschen erfahren, wie prickelnd „Sparkling Science“ am Lienzer Gymnasium und in den Gärten Osttirols sein kann. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!


Richtigstellung: In der Printausgabe unseres DOLOMITENSTADT-Magazins ist uns leider ein Namensfehler unterlaufen. Die Professorin, die „Sparkling Science“ an das Gymnasium Lienz holte, heißt nicht Renate Ressi, sondern Renate Hölzl!

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