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Nach dem Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 trieb Liebgard Fuchs mit ihren Schülerinnen und Schülern bei einer Spendenaktion Geld für den Wiederaufbau einer Schule auf. Sie reiste selbst nach Thulopatal und sah sich das Projekt an.

Heute überschlagen sich die Ereignisse. Und das „heute“ beginnt um 2.00 Uhr in der Nacht, in der Dunkelheit und mit „Flitze“ oder besser gesagt Durchfall. Egal welcher Begriff, besser wurde mein Zustand nicht. Also gut, Medikamente wieder raus, oder was davon übrig war. Ich war mitgenommen und gereizt – von der Kälte im Everestgebiet, den gefrorenen Wasserflaschen im Zimmer, dem Smog in Kathmandu (der zu kaninchenroten Augen für Linsenträger führt), all dem Müll links und rechts des Weges. Ich wollte heim, in mein Bett, mein sauberes Bad, zu einer funktionierenden Heizung, isolierten Fenstern, einer hygienischen Küche, einem funktionierenden Internet anstatt Funken aus einer Steckdose mit Wackelkontakt.

Das gemietete Auto mit Fahrer war aber stattlich, zum Glück, angesichts der hiesigen Straßenzustände nach den schweren Erdbeben und unzähligen Muren. Es hatte sich gelohnt, Druck zu machen. Als Frau muss man hier doppelt stark auftreten, um ernst genommen zu werden. Doch in welchen Regionen dieser Erde ist dies tatsächlich anders? Und los ging die Fahrt. Mein Magen rumorte immer noch heftigst, der Geruch von 35 Liter Treibstoff und einem Kanister Öl machten das nicht besser. Somit war es unmöglich ein Fenster zu schließen, wollte man nicht im Treibstoffdelirium versinken. Außer wenn der „Nepali Powder“ kam, der Staub, den es in der Trockenzeit überall gab.

Nach einigen Stunden Fahrt wurde das Gebiet gemischter, hinduistisch und buddhistisch. Die Besiedelung wurde dünner, die Gegend langsam attraktiver. Schöne Kiefern, jede Menge Arnika, ganz üppig. Und kaum war die Landschaft etwas annehmbarer und die Blicke ins Auto nicht mehr ausschließlich auf mich gerichtet, fühlte ich mich wohler. Himmel, was das ausmachte. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so exotisch gefühlt. Im Kleinbus saßen noch zwei Touristen. Wir zeigten gegenseitig auf uns, so außergewöhnlich war das. Ich fühlte mich nicht bedroht, doch um nichts in der Welt hätte ich hier alleine sein wollen. Tirtha verstand nicht, warum das so unangenehm für mich war. Er spricht besser Englisch als Raj, doch der hat mehr Gespür, eine Antenne für andere. Die Frauen bleiben in Nepal im Dorf, ziehen die Kinder groß, kümmern sich um Haus und Acker, ganz klassisch, und sprechen meist kein Wort einer anderen Sprache. Dabei gibt es in Nepal um die 90 Sprachen der 90 verschiedenen nepalesischen Völker. Die Sherpa sind nur ein Volk davon.

Die Männer verbringen viel Zeit in Kathmandu, leben eher dort als im Dorf. Sie pendeln, bringen Geld, wenn es ihnen gelungen ist, etwas zu verdienen. Fixe Anstellungen zu ergattern ist schwierig. Tirtha zum Beispiel ist öfter in Kathmandu als im Dorf, seine älteste Tochter geht auch in der Stadt zur Schule. Sie soll es einmal besser haben. Trotzdem fährt er häufig heim, denn da gibt es seine Frau Mina und das fünf Monate alte Baby Dolma, um das er sich gerne kümmert.

Die Oma mit der kleinen Dolma. Sie ist ein halbes Jahr alt. In den Bergen Nepals wohnen mehrere Generationen unter einem Dach.

Es gab noch einen Sohn. Er zeigte Erstickungsanzeichen als Baby, also packten sie ihn, liefen so schnell sie konnten ins einige Stunden entfernte Jiri, wo es eine Gesundheitsstation, jedoch kein Krankenhaus gibt. Auf dem Weg starb der Kleine, also drehten sie wieder um und begruben das Baby im Kreis der Familie. Das war vor zweieinhalb Jahren. Wer von uns kann sich das vorstellen?

Das Erdbeben war vor einem Jahr. Die Häuser von Raj, den ich vor zweieinhalb Jahren als Koch beim Trekking in Ladakh kennengelernt hatte und von Tirtha, seinem Cousin, wurden unbewohnbar. Es waren stattliche Häuser, sogar mit Gästezimmer. Raj war wenige Monate vor dem Erdbeben fertig geworden. Und dann das. Unbewohnbar. Unbrauchbar. Nicht mehr aufzubauen, auch weil neue Plätze gesucht wurden, hoffentlich sicherer, falls es wieder bebt. Die Angst bleibt. Mir kommen fast die Tränen, als ich die Häuser der beiden sehe.

Dann kommt die Schwester des einen, die Mutter des anderen, der Vater, der Cousin, ich weiß nicht, wer noch alles, und sie scheinen alle zu wissen, wer ich bin. Ich frage, ob sie öfter Besuch aus anderen Ländern haben. Und sie sagen, freilich, 2014 waren zwei Frauen aus der Schweiz hier. Ein Bruder habe eine Schweizerin geheiratet und lebe dort. Er ist der große Held.

Wir sitzen in der provisorischen Hütte aus Blech und ein bisschen Holz, blanker Boden, Feuerstelle in der Mitte, Rauch überall, Waschmaschine gibt es keine, alle sitzen um das Feuer, auch wenn die Augen brennen, das Selchfleisch hängt darüber, zwei Meter daneben ist eine kleine Matte, da schlafen Tirtha und seine Frau. Dann kommt eine Trennmatte, dahinter schlafen Tirthas Eltern. Privatsphäre gibt es keine, Bad und Klo auch nicht. Es gibt noch einen Miniraum mit Notbett, den bekomme ich. Und dazu noch ein eigenes Klozelt. Alles sieht reinlich aus und hat seinen Platz in Reichweite. Und ich fühle mich nun endlich langsam wohl. Das Feuer wärmt, noch ein Cousin kommt aus Neugierde vorbei – „Fremde“ schauen. Das Baby fühlt sich wohl bei mir, wir sind ein ungleiches Paar, sie so dunkel mit braunen Knopfaugen, und ich doch eher das Gegenteil.

Es war doch gut, mich hierher durchzukämpfen, auch wenn mich vor der morgigen neunstündigen Rückfahrt graust. Da unten steht die Schule, von Weitem sieht man sie schon, ich kenne Bilder und erkenne sie.

Unfassbar, nun bin ich wirklich hier! Diese kleine Schule wurde mit unserem Geld gebaut, es ist berührend. Wir haben aus Osttirol Geld geschickt und nun steht hier dieses Schulgebäude! Morgen dürfen wir nicht vergessen, die Tafel hineinzutragen. Keine Ahnung, wer kommen wird, um sich zu bedanken. Ich verstehe sowieso nur „namaste“ und „danjabaht“.

Tirtha Tamang (links) und Raj Kumar Tamang mit Liebgard Fuchs. Die beiden Cousins packten als wichtigste Ansprechpartner und Organisatoren vor Ort kräftig an.

Das erste Mal in meinem Leben schlafe ich in einer richtig einfachen Hütte, Shed, Shack, Slum House, Nepali Home, es gibt viele Namen dafür. Allerhand Zeugs liegt herum, ein Teppich und eine Plastikfolie über dem Erdboden. Die Matratze ist ganz passabel, Decken gibt es genug, aber auf 2.500 Metern dürfte die Kälte zu dieser Jahreszeit kein Problem sein. Es gibt „unkontrollierte Wohnraumlüftung“, das heißt, ein paar Bretter sind zusammengenagelt, mit Zwischenräumen bis zu zehn Zentimetern, darüber ein Wellblech. Man hört das Baby leicht rasseln im Raum nebenan, Oma oder Opa schnarchen, Tirtha spricht mit seiner Frau. Tamang klingt irgendwie gut, geradezu einschläfernd, ein Hahn kräht hier und dort und die Hunde, tja, die haben jetzt noch lange keinen Feierabend. Also Ohropax rein und Augen zu. Wie spät es jetzt ist? Dunkel, also Zeit zu schlafen.

Die Sonne geht beizeiten auf, also raus aus den Federn, die kleine Spinne, die sich im Hosenrohr ein Schlafplätzchen gesucht hat, ist gleich rausgeschüttelt, mein Luxus-Klozelt wird konsultiert, ein fröhliches „Namaste!“ von allen anderen, die längst schon auf den Beinen sind. Auch die kleine Dolma ist putzmunter, ihre dunklen Perlenaugen funkeln. Bald nach dem Frühstück im Hocken am Feuer geht es runter zur Schule.

Jetzt steigt mein Puls doch an, nicht etwa, weil wir eine halbe Stunde Fußmarsch bergab haben – Straße gibt es keine zur Schule – sondern weil sich nun zeigt, wie unser Geld investiert wurde. Gut, dass einer vor mir und einer hinter mir geht. Sie wissen, wo wir links einen Haken schlagen müssen und wo rechts die nächste Abzweigung zu machen ist. Und dann steht da das Gebäude, das ich von Fotos kenne. Genau so. Hm. Immer noch unwirklich. Ich beginne zu Dokumentationszwecken Fotos zu machen. Von allen Seiten. Das Licht ist gut. Immer noch regiert meine linke Gehirnhälfte. Die rechte ist wohl noch nicht munter. Oder einfach noch nicht angekommen. Das Gebäude ist solide gebaut, der Estrich trocknet gerade aus, die Wände sind mit mehreren Brücken versehen, um dem Haus im Falle eines weiteren Erdbebens mehr Stabilität zu verleihen. Freunde von zu Hause, die im Baubereich tätig sind, haben mir bestätigt, dass dies hier fundierte Bauqualität ist. Das Dach ist aus Wellblech, ich kann mich nicht erinnern, ein anderes Dach im Umkreis von fünf Fahrstunden gesehen zu haben.

Das „Osttiroler Schulhaus“ kurz vor der Fertigstellung. Die Wände wurden bis zu Liebgards Besuch noch verputzt und bunt bemalt.

Die sichtlich frisch gezimmerten Bänke und Tische des örtlichen Tischlers stehen schon vor dem Haus und kommen hinein, sobald der Estrich trocken ist und die Wände bunt angemalt sind. Hier würde niemand auf die Idee kommen, ein Klassenzimmer weiß auszumalen. Als ich das erzähle, fangen sie schallend an zu lachen und fragen mich, warum man das denn tut, für Kinder und Jugendliche. Darauf fehlt mir die Antwort.

Die Kübel mit den verschiedenen Farben sind auch schon griffbereit. Die gestern erstandene Tafel für die Klasse ist oben in Tirthas Haus, die haben wir in der Aufregung liegen lassen, seine Familie wird sie bei Gelegenheit herunterbringen. Und nicht vergessen, jeder Farbeimer wurde mit Menschenfüßen hierher transportiert. Vom Bus aus für einen flotten Touristen mit vorherigem Höhentrekking wären das zwei Stunden Gehzeit, für Einheimische eine Stunde, die sind einfach nicht zu schlagen. Nur wenn die Projektleiterin mit dem Jeep kommt, dann verkürzt das die Tragezeit der Tafel auf eine halbe Stunde.

Einige Eltern trauen sich nicht mehr, ihre Kinder auf den Schulweg zu schicken. Nahe der Schule gab es riesige Klüfte in der Erde, die die Kinder nicht überspringen konnten. Viele Spalten sind inzwischen wieder aufgefüllt. Vor dem Beben waren ca. 85 SchülerInnen hier, jetzt sind es zwischen 40 und 50. Es gibt sechs Schulstufen in sechs Klassen für drei Dörfer. Und einen Kindergarten. Die großen Geschwister begleiten die kleinen auf dem Schulweg. Der dauert von zwei Minuten bis zu einer Stunde. Die LehrerInnen kommen alle zu Fuß. Parkplatzprobleme vor der Schule gibt es also keine, niemand besitzt ein Auto.

Kein einziger Raum ist bis zur Decke abgeschlossen. Unter dem Dach gibt es immer diesen zehn Zentimeter breiten Spalt, der für Durchlüftung sorgt. Schimmel würde sonst die Räume ruinieren, die Isolierung – wenn es eine gäbe – könnte niemals bezahlt werden. Unterkellert ist in dieser Gegend auch kein einziges Gebäude. Einen Bagger hat dieser Bauplatz nie gesehen. Zweimal kam ein Lkw mit Baumaterial über den dürftigen Karrenweg, den kein europäischer Geländewagen befahren könnte. Ein Traktor vielleicht, doch was das ist, beginne ich erst gar nicht zu erklären.

So richtig emotional wird es, als der älteste Lehrer kommt, der nächstes Jahr die Direktion übernimmt. Er eilt, etwas verspätet, flink den Hügel herunter, in Schlapfen, wie die meisten hier. Ich wäre schon längst über meine eigenen Beine gestolpert, bei dieser Geschwindigkeit, Bodenbeschaffenheit und angesichts der Tatsache, dass die meisten Sandalen mit der tatsächlichen Schuhgröße nur grob übereinstimmen.

Buddhisten berühren sich wenig körperlich und gehen dennoch mit größtem Einfühlungsvermögen auf das Gegenüber ein. Daher bin ich etwas überrumpelt, als er mich spontan an sich drückt, mit Tränen in den Augen. Und nun sickert es langsam, was da passiert ist. Eine Region irgendwo auf der Welt hat Geld zusammengekratzt und damit konnte hier ein Schulhaus gebaut werden, das sonst nicht stehen würde, nicht in 20 Jahren.

SchülerInnen der HAK/HAS Lienz sammelten unter anderem durch den Verkauf von Jause im Sommersemester 2015 das Geld für ein neues Schulgebäude in Nepal. Foto: Claudia Gailer

Himmel, bin ich froh, dass ich das angefangen habe! Was haben sich einige Schüler und Schülerinnen zu Hause ins Zeug gelegt, Brötchen geschmiert um 5.00 Uhr in der Früh, Wechselgeld organisiert, Plakate gestaltet, Schokoladenverpackungen geschnipselt, bis die Finger rauchten, 800 Stück davon. Als ich müde war, mit drei Maturaklassen, haben die Kids gemeint, ich soll einfach nach Hause fahren und mich ausruhen, sie denken selbst aber nicht im Traum daran, aufzuhören. Und schon war ich beiseite geschoben, frei von Verantwortung und überaus stolz auf meine Jugendlichen, die die Dinge selbst in die Hand nahmen. Bevor ich damals vor Erschöpfung einschlief, war ich nicht sicher, ob diese Schüler und Schülerinnen gerade von mir lernten, oder ich von ihnen.

Zurück zu den nepalesischen Lehrern. Draußen im Freien stellten sie die frisch getischlerten Stühle auf. Berührend war die Rede des emotionalen Lehrerkollegen auf Englisch. Nach 45 Sekunden brach er ab, bat seinen Kollegen zu übernehmen, er könne aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht sagen, was ihm am Herzen lag. Sein Gesicht jedoch sprach Bände. Hätte er auf Nepali oder Tamang oder was auch immer gesprochen, seine Gestik und Mimik hätten jede Übersetzung überflüssig gemacht.

Und nun hatte ich verstanden, warum ich das alles gemacht habe, all die nie gezählten Stunden an Arbeit, seit Schulende alleine, im stillen Kämmerlein. Ich konnte tun, was ich kann, Projekte realisieren. Alles machte Sinn, alles ging einfach, es gab so viele lachende Gesichter, was konnte also falsch daran sein. Das Geld kam zusammen, 10.000 Euro, einfach nur so, die Hunderter flatterten herein, mitten in der Finanzkrise, mitten in der Flüchtlingskrise, mitten in der Sinnkrise Europas.

War es wirklich ein Projekt für die anderen gewesen? Oder tat es uns genauso gut? Vom Reichtum abzugeben, mit anderen mitzufühlen, nicht wegzuschauen, einfach nur Mensch zu sein und zu tun, ohne zu fragen ob es geht, wer es macht und was man darf.

Und wieder drückte mich mein nepalesischer Lehrerkollege. Wo war denn bloß mein Taschentuch?

Credits
  • Autorin: Liebgard Fuchs
  • Fotografie: Liebgard Fuchs
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