Trotz Affenhitze: Büffeln statt baden!
Trotz Affenhitze: Büffeln statt baden!
Caterina Schiliró und Veit Rainer sind 15 Jahre alt und besuchen das Lienzer Gymnasium. Anfang Juli nahmen sie am „New Media Bootcamp“ von Dolomitenstadt teil und recherchierten zum Thema Nachzipf und Nachhilfe.

Wir sind Schüler und dürfen zum Glück baden gehen. Doch viele von uns beugen sich auch in den Sommerwochen über Hefte und Lehrbücher. Sie lernen auf Nachprüfungen, teils allein, teils mit fremder Hilfe. Wir haben uns umgehört und den Verursacher gefunden: Mathematik.

Der Sommer steuert auf seinen Höhepunkt zu und für viele Schülerinnen und Schüler beginnt jetzt der Lernstress. Wir betrachten das Thema von beiden Seiten der Medaille und haben uns unter Lernenden aber auch Lehrenden umgehört. Drei Interviewpartner könnten uns aus eigener Perspektive einiges zu den Themen „Sitzenbleiben, Kompensationsprüfung und Lernen“ erzählen. Zwar haben die drei alle einen „Fünfer“ im Fach Mathematik, in die gleiche Schublade kann man sie aber nicht stecken.

Dejan Jovicic ist 15 Jahre alt und kommt aus Matrei. Er ist ein ehemaliger NMS-Schüler und besucht zur Zeit die neunte Schulstufe des BG/BRG Lienz. Interviewt haben wir Dejan per WhatsApp. Der Aufstieg von der NMS ins Gym hat ihm, laut eigener Aussage, keine Probleme bereitet. Für das Nichtgenügend sei er selbst verantwortlich. Fehlende Lernbereitschaft habe zu der negativen Beurteilung geführt. Seit dem Beginn der Ferien büffelt Dejan. Seine Methode ist einfach: „Ich habe mein Mathezeug genommen, habe mich hingesetzt und hab’ angefangen zu lernen.“ Professionelle Nachhilfe nimmt er keine. Sein Bruder, der Maschinenbau studiert, unterstütze ihn.

Zwei weitere Schüler haben unsere Fragen genau beantwortet und auch eine klare Meinung zu dem Thema, möchten aber anonym bleiben. Befragt haben wir sie ebenfalls per WhatsApp-Interview. Da wäre einmal eine Fünftklässlerin und ebenfalls ehemalige NMS Schülerin. Sie bezeichnet ihre vorherige Schule im Gegensatz zum Gym als sehr familiär. Dennoch fühle sie sich im „großen“ Gymnasium wohl. Warum dann die Fünf im Zeugnis? „Ich war dieses Jahr oft krank und dadurch hab’ ich viel verpasst.“ Trotz „Paragraph“, sprich sicherem Aufstieg in die sechste Klasse, tritt sie zur Kompensationsprüfung an: „Um mir selbst zu beweisen, dass ich es schaffen kann.“ Üben, üben, üben ist ihre Formel zur positiven Mathenote. Die Schülerin beansprucht keine bezahlte Nachhilfe, sondern wird von einem Familienmitglied unterstützt. Mit dem Lernen will sie Mitte August beginnen.

Den dritten Interviewpartner haben wir persönlich getroffen. Er hat die Fünfte schon zweimal hinter sich und auch dieses Jahr reichte es nicht für eine positive Note in Mathematik. Das Schulsystem sei nicht das Problem, meint der 16-Jährige, eher die eigene Faulheit. Um die Prüfung im Herbst zu bestehen, will er mit Freunden aus höheren Schulstufen lernen. So unterschiedlich die Lebenssituationen und Zugänge zum Thema sind, alle drei befragten Schüler haben zweierlei gemeinsam: Sie büffeln Mathe und nehmen keine professionelle Nachhilfe.

Tirolweit sieht das ein bisschen anders aus. Laut AK erhielten im Sommer 2017 und dem darauffolgendem Schuljahr rund 10.000 von insgesamt 83.000 SchülerInnen bezahlte Nachhilfe – das sind zwölf Prozent. 4.000 nehmen unbezahlte Nachhilfe und weitere 4.000 würden zwar Hilfe benötigen, können sich diese aber nicht leisten. Rechnet man das zusammen, kommt man auf etwa 18.000 SchülerInnen allein in Tirol, bei denen der tägliche Schulbesuch offenbar nicht ausreicht, um eine ausreichend gute Note zu erhalten.

Von 14.000 Tiroler SchülerInnen, die professionelle Nachhilfe nutzen, brauchen 10.000 diese Stütze im Fach Mathematik.

Von 14.000 NachhilfeschülerInnen benötigen sagenhafte 10.000 die externe Unterstützung im Fach Mathematik – und das oft schon in der Volksschule! Rund 18 Prozent aller VolksschülerInnen lassen sich außerhalb der regulären Schulzeit professionell abprüfen. Bundesweit sind diese Zahlen sogar noch drastischer. Laut einer Studie wollen Eltern vor allem mehr regelmäßigen Förderunterricht in den Schulen und individuellere Anpassung der LehrerInnen an die SchülerInnen.

Aufmunitioniert mit diesem Hintergrundwissen und den Inputs unserer SchulkollegInnen haben wir auch die „andere Seite“ befragt. Zum Beispiel Andrea Wittmann, Mathematikprofessorin am Gymnasium in Lienz. Im Zuge der heurigen Zentralmatura hat man viel über die negativen Beurteilungen im Fach Mathematik gehört. Und obwohl wir – als künftige Schüler einer sechsten Klasse – bis zur Reifeprüfung noch ein bisschen Zeit haben, sind auch in unserem direkten Umfeld die Noten im Fach der Zahlen und Formeln ziemlich schlecht ausgefallen. Wie erklären Sie sich das, Frau Professor?

„Viele SchülerInnen beherrschen die Grundlagen aus der Unterstufe leider nicht und sind auch nicht bereit diese nachzuholen“, meint Andrea Wittmann. Außerdem hätten viele Schüler die falsche Einschätzung, man müsse Mathematik nur verstehen, nicht aber lernen. Die Einstellung der Lehrerin zum Nachhilfeunterricht ist zwiegespalten. Sie hält das bezahlte Lernen außerhalb der Schule nur als „kurzfristige Überbrückung“ für sinnvoll, nicht als dauerhafte Lösung.

Dass oft viel Wissen aus der Unterstufe fehlt, findet auch Chris Manucredo. Er studiert Mathematik in Innsbruck und gibt übers Wochenende Nachhilfeunterricht. Seit sechs Jahren hilft er Schülern nicht nur unterm Jahr, sondern auch im Sommer. Dann ist er ab August meist ausgebucht: „Mitte August kommen die meisten Schüler drauf, dass sie letztes Jahr durchgefallen sind“, meint Manucredo scherzhaft. Der Stoff sei über die Jahre ziemlich derselbe geblieben. Trotzdem bereitet sich Chris auf die Schüler individuell vor. Für die eineinhalb Stunden, die er mit ihnen verbringt, verlangt er 27 Euro.

Apropos fehlendes Wissen – gibt es einen Niveauunterschied zwischen NMS und Unterstufe des Gymnasiums? Chris Manucredo sieht das nicht, allerdings ortet er inhaltlich große Unterschiede zwischen den einzelnen Neuen Mittelschulen. So werde in manchen Mittelschulen viel Stoff ausgelassen, der eigentlich im Lehrplan stünde. Zwischen den höheren Schulen gäbe es seit der Zentralmatura keine großen Unterschiede mehr.

Und so heißt es für viele Schülerinnen und Schüler im Bezirk auch heuer: „Trotz Affenhitze – büffeln statt baden!“

Credits
  • Autoren: Caterina Schiliro / Veit Rainer
  • Illustrationen: Sigrid Unterwurzacher
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bergfex

Andere müssen arbeiten anstatt baden. Wer bedauert diese Menschen?