Wintergast,
quo vadis?
Wintergast, quo vadis?
Ist Schifahren das Maß aller Dinge? Nicht mehr. Die Genießer kommen! Zumindest laut einer aktuellen Studie, die den deutschen Wintergast genau unter die Lupe nimmt.

In einer aktuellen Studie¹ nimmt die Österreich Werbung ein Gästesegment unter die Lupe, das auch  für Osttirols Tourismus von zentraler Bedeutung ist: den deutschen Wintergast. Tausende Deutsche wurden – nicht am Urlaubsort, sondern zu Hause – befragt und sogar tiefenpsychologisch durchleuchtet. Trotz einer Reihe von Rekordwintern und generell guter Stimmung zeigt sich nämlich, dass die wichtigste Spezies im österreichischen Wintertourismus schwächelt: der deutsche Schifahrer!

Zwar gibt es in einigen Ländern des Ostens, in den Niederlanden und auch in Asien wachsende Potenziale für den Wedelsport, aber ausgerechnet die deutschen Nachbarn signalisieren eine gewisse Pistenmüdigkeit. Das lässt bei den Tourismusstrategen die Alarmglocken läuten. Tatsächlich fahren 58 Prozent der Deutschen zwischen 14  und  70 Jahren gar nicht Schi. 26 Prozent haben bereits mit dem Schifahren aufgehört und nur 16 Prozent oder umgerechnet 9,4 Millionen sind aktive Schifahrer oder Snowboarder.

Niemand kann die Deutschen als Urlauber wirklich ersetzen. Sie sind in Osttirol für mehr als die Hälfte aller Winternächtigungen verantwortlich. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die Studie der Österreich Werbung zu werfen. Auf den Spuren der Winterurlauber landen wir zunächst auf der Couch. Psychologen haben nämlich herausgefunden, warum Flachländer und Großstädter überhaupt in den Bergwinter wollen.

Die Erklärung:

Überall dort, wo der Winter zwar stattfindet, aber nicht unbedingt erwünscht ist, gehe er einher „mit einem umfassenden Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefert-Sein“, so schreiben die Studienautoren. In den urbanen Ballungsräumen, auf Autobahnen, in Gegenden, wo man auf Schnee und Eis nicht so perfekt vorbereitet ist, herrscht oft schon bei wenigen Zentimetern Neuschnee das Chaos. Unfälle passieren, die Öffis verspäten sich. Der Alltag wird unkontrollierbar. Darauf gibt es zwei logische Reaktionen: Rückzug in die kuschelige Wärme der eigenen vier Wände – oder Flucht! Diese Flucht kann zu Fernzielen in der Sonne führen, oder dorthin, wo der Winter unter Kontrolle ist: zum Beispiel nach Tirol.

Im kontrollierten Winter angekommen, teilt sich die Gästeschar in zwei Lager, die leicht zu unterscheiden sind: Die einen fahren Schi oder Snowboard, die anderen nicht. Sportliche Langläufer und Tourengeher zählen zum Schifahrer-Lager. Auch sie beherrschen ein Sportgerät und bewegen sich dynamisch durch den Schnee.

Nicht Schifahren, sondern einfach nur den Winter genießen. Das ist ein Trend! Foto: Ramona Waldner

Die zweite, zunehmend spannende Spezies sind die Winter-Erholungsurlauber! Sie entfliehen ebenfalls dem grauen Chaos der Städte und suchen den idealen Winter, aber nicht mit Brettln im g’führigen Schnee. Im Gegenteil, sie suchen „das bewusste Schneeerlebnis im Sinne von ‚sich heimelig fühlen‘, ausspannen und genießen, die Zweisamkeit, Kaminfeuer, Schlittenfahrten, Kulinarik und das Märchenhafte am österreichischen Winter wie den Anblick von Schlössern oder Kirchen im Fackel- oder Kerzenschein.“ Kulinarik und Kirchen im Fackelschein? Hat natürlich auch Osttirol zu bieten!

Die Österreich-Werber haben in Deutschland auch nach künftigen Urlaubsplänen gefragt. 9,3 Millionen Menschen interessieren sich demnach für einen Wintersport-Urlaub, 8,7 Millionen für einen Wintererholungs-Urlaub im Schnee. Interessant: Die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ist klein. Hier erkennt man gut das Potenzial der „Wintererholer“. Derzeit ist ihr Anteil an den Winternächtigungen im Gebirge noch einstellig.

Doch dieser Anteil wächst und das, obwohl bislang kaum Werbekampagnen für diese Zielgruppe platziert wurden. Das ändert sich jetzt.  Neben der breiten Kampagne „Winter in Österreich“, die vor allem Angebote auf und neben der Piste thematisiert, wird erstmals die Zielgruppe der nicht schifahrenden Erholungswinterurlauber mit einer eigenen Kampagne der Österreich Werbung angesprochen.

Dabei ist eine der beeindruckendsten Winterlandschaften der Alpen unter den zehn Partnern, deren Angebote vorwiegend redaktionell und immer emotional vermittelt werden: der Nationalpark Hohe Tauern. Wie schon bei der letzten Sommerkampagne, spielt auch hier das „Nature Reloaded“-Szenario eine wichtige Rolle. In der Sommerausgabe von DOLOMITENSTADT war es Thema. Je authentischer, je natürlicher, je echter und ursprünglicher, desto besser. Osttirol hat hier gute Karten, als idealer Flucht- und Rückzugsort, in dem der Winter Tradition hat, die Bräuche noch gelebt werden und zudem häufiger die Wintersonne scheint, als an den Nordhängen des Alpenhauptkammes.

Die Zahl der Winternächtigungen in Osttirol bewegt sich in den letzten 15 Jahren übrigens zwischen 800.000 und 900.000. Spektakulär hat sich Kals entwickelt, das die Zahl seiner Winternächtigungen in den vergangenen zehn Jahren auf rund 115.000 mehr als verdoppelte. Nur Matrei mit rund 130.000 Nächtigungen und St. Jakob im Defereggental mit 150.000 Winternächtigungen liegen vor dem Glocknerdorf. Dieses Ranking signalisiert natürlich auch, dass an der Dominanz des Schisports – noch – nicht zu rütteln ist. Alle drei Destinationen punkten mit Osttirols besten Skigebieten.

Doch mit einem Blick auf künftige Winter meint Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung: „Die Herausforderung für die Zukunft besteht darin, einerseits das wichtigste Segment für den Wintertourismus – den Wintersport – zu stärken und sich andererseits Gedanken über neue Zielgruppen zu machen.“


¹ Wissenschaft des Winters. Über Schneeballeffekte, Zahlen und Fakten, Berg- und Talfahrten. Hrsg.: Österreich Werbung. November 2015

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: EXPA/Hans Groder (Titelbild), Ramona Waldner
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2 Postings bisher
beobachter52 vor 4 Wochen

Osttirol naturbelassen ohne Kunstschnee und mit den noch gelebten Bräuchen! Zig-Tausende von Gästen fahren dann nicht mehr zB. nach Sexten, wo sie ein ausgebautes Schigebiet, Loipen und Winterwanderwege vorfinden, sondern nach Lienz ins naturbelassene schneefreie Zettersfeld, zum Spaziergang im kalten Tauernwind am Iselkai und den Fasching mitzufeiern (Woll woll - ein alter Brauch) .... Ach ja, das Eisenbahnmuseum können sie auch besuchen! Ob wir da noch genug Gästebetten haben?

arabella vor 4 Wochen

... das ruhige Osttirol könnte zum Geheimtipp werden! DIE Chance für unsere Touristiker mit neuen Strategien neue Gästeschichten anzusprechen! zB könnten die Mittel zur Abdeckung der negativen Hochstein-Cash-flows in ein Eisenbahnmuseum umdirigiert werden usw.