Wo Geld
nach Vanille riecht
Wo Geld nach Vanille riecht
Bei einem herbstlichen Ausflug ins Tal der Eismacher treffen wir Menschen, die beseelt sind von einer kalten Köstlichkeit – und in eine ungewisse Zukunft blicken.

Vor fast zwanzig Jahren eröffneten Italo Remor und seine Frau Aurora ein kleines Geschäft am Hauptplatz von Lienz, in dem sich alles um einen schmelzenden Genuss dreht: Gelato.

Was wären unsere Städte ohne diesen wohlschmeckenden Inbegriff des Sommers? Fast jeder liebt, was Italo und Aurora bei offener Türe verkaufen. Eis – in der Tüte oder im Becher – ist eine sinnliche Basiserfahrung nicht nur für Kinder aller Zeiten und Welten. Die Farbe, die Konsistenz, die Kälte auf der Zunge, der Geschmack, die Klebrigkeit, wenn es über die Finger rinnt, kostbar und vergänglich.

Italo und Aurora Remor mit den Töchtern Zaira und Clizia vor ihrem Eisgeschäft am Hauptplatz von Lienz.

Woher kommt das Speiseeis? Aus Italien natürlich, wird fast jeder antworten, doch was nur Wenige wissen: Die Kunst des Eismachens lässt sich punktgenau eingrenzen auf ein einziges Tal im Belluno: das Val di Zoldo. Egal ob in Hamburg oder Wien, in Rom oder Lienz – hinter den Theken, auf denen sich knusprige Tüten über sorgfältig beschriftetem Gefrorenen in allen Farben stapeln, stehen Menschen, die meist aus der selben Ecke in den Dolomiten kommen, knapp zwei Autostunden von Lienz entfernt. Das Val di Zoldo ist – natürlich – auch die Heimat von Italo und Aurora, der Ort, an den sie bis vor Kurzem wie die Zugvögel alljährlich zurückkehrten. Denn spätestens Ende Oktober schließt das „Il Gelato“ am Hauptplatz und fällt in den Winterschlaf. „Sie sind heimgefahren“, hieß es dann in Lienz, heim in das Tal der Eismacher.

Wir sind der Spur der Familie Remor gefolgt, um uns ein Bild zu machen von einem Ort, der nahe und doch fern zu liegen scheint, eine beschauliche Gegenwelt, abgeschirmt vom Trubel der Metropolregionen, heute wie damals. Beginnen wir beim Damals. Italo Remor wurde buchstäblich in das Eisbusiness hineingeboren. Er kam im Wohnbereich der Eisdiele seines Vaters Giovanni zur Welt, in Schifferstadt, Rheinland-Pfalz. Italos Großvater schob schon vor dem Weltkrieg mit seinen drei Brüdern einen Eiswagen durch Viterbo in Italien und rief: „Gelati, Gelati!“. Nach dem Krieg blieb der Opa im Zoldotal und wurde Briefträger. Seine Brüder machten sich wieder auf den Weg, diesmal – wie viele andere – nach Deutschland.

Im Zoldotal wird Ladinisch gesprochen, mit Zoldaner Dialekt. 3.200 Menschen leben noch hier.

In den fünfziger Jahren begann Giovanni Remor, Italos Vater, in den Eisdielen seiner Onkel zu arbeiten. Nach einigen Jahren bot sich die Chance zur Selbstständigkeit. Giovanni übernahm im Saarland eine Diele von Verwandten seiner Frau, die selbst aus einer Eismacherfamilie des Zoldotales stammt. Auch sie verließ das Tal als Vierzehnjährige, um bei einem Onkel in Deutschland Eis zu verkaufen – und weinte sich jeden Abend vor lauter Heimweh in den Schlaf. Doch heim ins Zoldotal ging es erst, wenn die Blätter fielen und die kalten Herbstwinde durch die deutschen Städte pfiffen. Dann packten die Eismacher ihre sieben Sachen, stiegen ins Auto und fuhren gegen Süden, heim in die Dolomiten, vorbei an Cortina, über die „Boite“ und auf der steilen, kurvigen Straße hinauf zum 1.530 Meter hoch gelegenen Passo Cibiano. Wenn der Gipfel der Civetta und der markante Felsstock des Monte Pelmo ins Blickfeld rückten, waren die Gelatieri am Ziel, dem Val di Zoldo.

Heute leben noch 3200 Menschen hier. Auch sie bleiben nur in den Wintermonaten länger im Tal.
Giovanni Remor

Dort gab es dann ein Wiedersehen mit den kleineren Kindern, die über den Sommer mit den Alten in den Dörfern zurückblieben. Wegen der Schulferien und weil die Eltern auswärts arbeiteten, blieben die Kleinen entweder bei den Großeltern oder kamen in ein Kindergarten-Internat. Italo Remor hatte Glück, er war als Knirps bei Oma und Tanten gut aufgehoben und musste nicht in „das Lager“, wie das von drei Nonnen gehütete Heim in Pieve di Zoldo hinter vorgehaltener Hand genannt wurde. Wir werden diesem Ort später noch einen Besuch abstatten. Nach der Grundschule war für die Kinder des Tales der Ernst des Lebens angesagt, sprich im Sommer 14 bis 16 Stunden Arbeit an sieben Wochentagen in den elterlichen Eisdielen und im Winter eine Berufsausbildung im Heimatdorf.

In den siebziger Jahren hängte Italo Remors Vater Giovanni den Eisportionierer an den Nagel, die Gesundheit spielte nicht mehr mit. Einige Jahre kümmerte er sich noch als Hausmeister um die Schule im Ort, heute ist er Pensionist und froh, dass sein Sohn „einen guten Platz in Lienz gefunden hat.“ Wir besuchen Giovanni und tauchen für zwei Tage ein in das Leben im Val di Zoldo, das sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Wer sich in Osttirol vor der Abwanderung fürchtet, sollte hierher kommen und sich umsehen: So sieht Abwanderung aus. Giovanni Remor und seine Frau Celestina – die er vor 55 Jahren geheiratet hat – wohnen in einem großen Haus, das früher auch Sohn Italo und viele andere bewohnten. Es steht heute zum Teil leer.

Giovanni Remor und seine Frau Celestina. Vor 55 Jahren haben die beiden geheiratet.

Durch das Val di Zoldo schlängelt sich der Maé Fluss, der am Fuß des Monte Civetta entspringt und bei Longarone in den Piave mündet. Im ganzen Tal wird Ladinisch gesprochen, mit Zoldaner Dialekt. „Heute leben noch 3.200 Menschen hier“, erzählt Giovanni, „und auch sie bleiben oft nur in den Wintermonaten länger im Tal.“ Früher war Giovannis Heimatort Forno di Zoldo eine eigene Gemeinde mit 6.000 Einwohnern, 2016 wurde es mit Zoldo Alto und vielen kleineren Weilern an den Berghängen zu einer einzigen Gemeinde zusammengeschlossen, benannt wie das Tal, Val di Zoldo. Auffallend: Es gibt fast keine Bauern in diesem Hochtal, dessen steile Flanken bis zu den Felshängen dicht bewaldet sind. In den winzigen Ortschaften an diesen Hängen schmiegen sich erstaunlich große Häuser eng aneinander. Hier wurde schon vor Generationen „verdichtet“ gebaut. Mehrere Familien bewohnten diese hölzernen Vorläufer des modernen Siedlungsbaus, die bei Bedarf einfach erweitert wurden. Wir werden auf unserer Tour durch das Tal noch eines dieser Dörfer besuchen, in die das Leben erst im Winter einzog, wenn die Eismacher aus Deutschland oder Österreich zurückkehrten. Jetzt stehen viele der architektonisch reizvollen Gebäude schon lange leer. Im Tal gibt es kaum Arbeit. Wer hier bleibt, arbeitet am Bau, im Holz oder etwas außerhalb des Tales in den Fabriken von Luxottica, dem größten Brillenhersteller der Welt.

In der Zwischenzeit hat sich unser Besuch im Tal herumgesprochen. Giovanni hat uns angekündigt und so ergibt ein Gespräch das nächste. Sie haben viel zu erzählen, die Menschen im Zoldotal und so unterschiedlich ihre Lebensgeschichten auch sind, ein Element prägt sie alle: Gelato. Wir fragen unsere Gesprächspartner, welchen Geschmack sie bevorzugen und wie ihr Leben mit der vergänglichen Köstlichkeit zusammenhängt.


Marco

Stolz präsentiert Marco seine „Pensionsvorsorge“, wie er es nennt. Mit der Arbeit an der komplett aus Holz gefertigten Harley hat er 1991 begonnen – sie ist noch lange nicht fertig. Marco isst am liebsten Vanilleeis.

Marco hatte nach 25 Jahren in Deutschland genug – er kehrte mit Mitte 30 ins Tal zurück. „Man ist nicht Deutscher und nicht Italiener – wie ein Zigeuner.“ Galt seine Leidenschaft früher dem Snowboard- und Skisport, ist er heute Schnitzer mit ganzer Seele. Auch mit dem Eisbusiness hat er nicht ganz gebrochen: Er arbeitet für eine Firma, die Eisdielen einrichtet und ist deshalb im Gegensatz zu den anderen Zoldanern vor allem im Winter viel in Deutschland unterwegs.

Dimitri

Dimitri besitzt nicht nur den größten Eisportionierer der Welt, er kann auch in Windeseile die meisten Eiskugeln auf einmal auf eine Tüte setzen. 2016 brach er mit 121 Kugeln seinen eigenen Rekord.
Dimitri ist Weltrekordhalter: Er besitzt den größten Eiskugelportionierer der Welt. Das Lieblingseis des Naturliebhabers schmeckt nach gerösteten Mandeln.

Obwohl Dimitri Deutschland schon vor vielen Jahren den Rücken kehrte, und heute einen Eisenladen zu Hause im Val di Zoldo betreibt, dreht sich bei ihm immer noch alles ums Eis. Sein Sohn, der ihm im Laden hilft, wäre gerne Eisverkäufer in Deutschland.

Nico und Dario

Nico ist Handwerker, wie sein Großvater, der sich seine Maschinen durch Eis finanzierte. „Sie riechen nach Vanille, wie alles hier.“ Nicos Lieblingseis ist Stracciatella.
„Die Lienzer sind uns weit voraus“, schwärmt Dario, der Lienz beim Olala besuchte und von einer Ganzjahresrodelbahn träumt. Sein Lieblingseis ist Vaniglia.

Nico spricht deutsch, wie fast alle im Zoldotal. Auch er war selbst Gelatiere in Witten, in einem Betrieb, den sein Urgroßvater gründete. Nico entschloss sich aber dafür, daheim bei seiner Familie zu bleiben. Auf seinen Vater Dario, Presidente der Union italienischer Speiseeishersteller in Deutschland, ist er stolz. Dario hat seinen Eissalon verkauft und kehrte in die Heimat zurück, weil ihn keines seiner Kinder übernehmen wollte – das schmerzt. Wie viele andere seiner Generation rechtfertigt er sich oft vor seinen Kindern, dass er sie damals im Tal zurückließ.

Pierangelo

Pierangelos Kinder sollen einmal hier zur Schule gehen. „Weil hier ist Heimat. Und Kinder sind die Garantie, dass es Heimat bleibt.“ Pierangelos Lieblingseis ist Nocciola.

Pierangelo ist erst vor Kurzem heimgekommen, er arbeitet im Eissalon seiner Frau in Landshut. Beide kommen aus dem Tal und sollten sie einmal Kinder haben, werden sie hier zur Schule gehen.

Livio

Livio ist ein begeisterter Bergsteiger und liebt die Berge um Lienz, in denen er mit Peter Bibiza unterwegs war. Ihm schmeckt die Eissorte Malaga am besten. Der Campingplatz, den Livio mit seinem Bruder betreibt, liegt direkt an der Skipiste am Fuße der Civetta.

„Überall gibt es Kneipen und Lokale – Lienz hat mir sehr gut gefallen“, schwärmt Livio. Er war der erste italienische Gelatiere in Lienz und betrieb gemeinsam mit seiner Schwester die zwei Eisdielen in der Stadt – die in der Messinggasse und die am Hauptplatz. Vor 20 Jahren entschloss er sich, seine Geschäfte zu verkaufen, um heimzukehren und mit seinem Bruder einen Campingplatz zu betreiben. Auch seine beiden Großväter waren im Eisgeschäft und Livio ist weiterhin Teilhaber zweier Eissalons – seine Kinder haben sich aber entschieden, zu studieren.

Michelangelo, Alberto und Nivia

Michelangelo liebt Zitroneneis, sein Sohn Alberto mag alles, außer Malaga und seine Enkelin Nivia würde sich in einem Eissalon für die Sorte Fragola entscheiden.

Michelangelo ist eigentlich gelernter Tischler, war aber sein Leben lang Eismacher. In den Wintermonaten hatte er Zeit, Emotionen und Geschichten aus vergangenen Zeiten im Tal niederzuschreiben. Sein Geschäft in Wien hat er schon lange verkauft. Trotzdem kommt Michelangelo noch jeden Sommer in die Meidlinger Hauptstraße und arbeitet in seinem Salon – nicht mehr als Besitzer, sondern als Angestellter. Das Eis lässt ihn nicht los. Als Schriftsteller denkt und schreibt er über den hohen Preis, den seine Heimat für das Eis bezahlte. „Eine ganze Generation ist im Internat oder bei den Großmüttern aufgewachsen – aber was kann man da schon lernen?“, fragt er sich. Auch sein Sohn Alberto hat viele Jahre als Eismacher gearbeitet und ist froh, jetzt bei seiner Familie zu sein.


Die Lebensgeschichten der Bewohner haben uns neugierig gemacht auf eine Tour durch das Tal. Sie wird zur Reise in eine Vergangenheit, die sich nicht nur verklärt.

Unser Rundgang durch das Tal beginnt – wie viele Rundgänge von Touristen – bei der Kirche San Floriano in Pieve, neben der sich ein großes Gebäude befindet, von dem wir schon viel gehört haben: der Kindergarten. Heute ist er das Reich von Silvia und deshalb ein guter Platz für die Kleinen, der den Schrecken früherer Jahre verloren hat. „Fast alle, die hier im Internat waren, haben ein Trauma“, erzählt Silvia und meint damit auch sich selbst. Ihre Augen funkeln. Drei Nonnen hüteten damals bis zu 70 Kinder – und diese Aufpasserinnen waren kalt wie Eis, sagt Silvia.

Die Kirche San Floriano in Pieve.
Der Kindergarten, der früher als Internat geführt wurde. Die Eltern verkauften Eis in der Ferne, die Kinder blieben im Tal zurück.

Bunte Sticker schmücken heute die Spinde der Kindergartenkinder. In genau diesen Metallspinden wurden die Knirpse damals, wenn sie nicht brav waren, eingesperrt. „Mittwoch wurden Füße bis Bauch gewaschen, nur freitags durfte geduscht werden – wohl damit wir gut riechen, falls Verwandte uns am Wochenende abholen – und wer nicht alles aufaß, dem wurde das Essen reingestopft“, erzählt ein Mann aus dem Tal. Er will unerkannt bleiben. Die Kirche, meint er, die sei wie die Mafia.

Silvia gibt ihm recht. Die Eltern hätten oft nicht gewusst, was sich hinter den Mauern abspielte: Briefe wurden vor dem Abschicken gelesen, bei den seltenen Telefongesprächen wurde mitgehört „und sobald das Kind nur von Sehnsucht nach der Familie sprach, wurde die Verbindung unterbrochen“. Die Nonnen drohten den Kindern. Würden sie etwas erzählen, dann würden die Eltern nie mehr kommen, um sie abzuholen. Irgendwann hat Silvia einfach aufgehört zu essen.

Silvia ist heute Kindergärtnerin. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie selbst Kind im Internat war: „Fast alle, die hier waren, haben ein Trauma.“

Sie seien alle sehr traurig gewesen damals, erzählt sie, die Kinder, weil sie die Eltern so lange nicht sahen, aber auch die Mütter. Silvias Mutter ist Deutsche, trotzdem war immer klar, dass sie in der Heimat des Vaters zur Schule geht und letztlich blieb auch die Mutter bei Silvia in Forno. Die Kindergärtnerin wollte nie das Doppelleben der Eismacher führen und blieb deshalb zu Hause. Ihre Schwester ist inzwischen aber auch eine Gelatiera.

Nach unserem Besuch bei Silvia im Kindergarten treffen wir Maurizio De Pellegrin, er ist unser „Eis-Insider“ der viel zu erzählen hat – und uns sein Heimweh nach Deutschland gesteht. Maurizio verkaufte schon vor einem Jahrzehnt seinen Eissalon einem Angestellten aus Portugal. Er stammt aus einer großen Eismacherfamilie. Die De Pellegrins betreiben nach wie vor eine Kette von Eissalons. Warum ihm Deutschland besser gefiel? Weil alles viel ordentlicher, aber auch viel unkomplizierter gewesen sei, sagt der ehemalige Bürgermeisterstellvertreter von Forno di Zoldo. Er habe auch nach zehn Jahren zu Hause immer noch Schwierigkeiten, sich der italienischen Bürokratie anzupassen: „In Italien ist es ein Nationalsport, Gesetze zu überwinden.“

Maurizio vermisst den täglichen Eisgenuss und den Kontakt zu den Menschen. Die Italiener seien in Deutschland gut angekommen, die Zoldaner seien zwar nicht typische Italiener mit schwarzen Haaren und sonnengebräunter Haut, „aber das machen sie mit ihrem Charme wieder wett!“ Als er sich in den Ruhestand verabschiedete, habe ihm eine ältere Dame in Deutschland gestanden, dass sie in jungen Jahren unsterblich in ihn verliebt gewesen sei. Aber nicht nur die Liebe spricht Maurizio, der pensionierte Eismacher mit Heimweh nach Deutschland an, auch das Thema Konkurrenz.

Die gab und gibt es unter den Eismacherfamilien seit jeher, erklärt er uns. Und Maurizio weiß, wovon er spricht. Er war Beirat bei Uniteis. „Wir wollten eine Einkaufsgemeinschaft gründen, um die Zutaten billiger einzukaufen. Das hat aber nicht funktioniert. Niemand wollte verraten, was und wieviel er einkauft!“ Eines Winters kam ein Verkäufer ins Tal und blieb einen Monat lang, erzählt Maurizio. Er habe alle besucht, sich viel in den Lokalen aufgehalten und Aufträge entgegen genommen: „Er hat ein Bombengeschäft gemacht, weil viele oft doppelt so viel bestellt haben wie sie eigentlich brauchten. Die Nachbarn sollten glauben, der Eissalon laufe besser als ihr eigener.“

Maurizio fährt mit dieser 110 Jahre alten Eismaschine noch heute zu Eisfesten und Messen. Er hat uns viel über das Eismachen erzählt.
Mit diesen imposanten Waffeleisen wurden die „Coni“ – die Eistüten hergestellt.

Obwohl Maurizio seinen Laden aufgab, lässt ihn das Eismachen nicht wirklich los. Mit einer uralten, historischen Eismaschine fährt er zu verschiedenen Eisfesten und Messen, wie zur Eismesse gleich um die Ecke, in Longarone. Sie findet alljährlich im November statt und lockt tausende Besucher an, als Treffpunkt aller Eismacher, die nach der Saison Neuigkeiten austauschen und sich über den aktuellsten Stand der Eismaschinentechnik informieren.

Maurizios historische Maschine ist eine der ältesten im Tal und hat satte 110 Jahre auf dem Buckel. Die Zoldaner sind stolz auf ihre traditionelle Art der Eisherstellung „Gelato Artigianale“. Jede Familie hat ihre eigenen Rezepte. Dass das Eis früher besser gewesen sei, glaubt Maurizio dennoch nicht: Man habe eher „armes Eis“ hergestellt. Heute werde teilweise mit fertigen Basismischungen gearbeitet, die der alte Eismacher aber für überflüssig hält: „Gelato Artigianale braucht nur ein paar gute Zutaten wie das Gelbe vom Ei, Obers oder Milch, natürliche Zusätze wie Vanille, Kakao, Nüsse oder Obst und natürlich – ganz wichtig – Zucker. Einen guten Gelatiere erkenne man am besten am Zitronen- und Vanilleeis, bei anderen Geschmacksrichtungen lässt sich leichter schummeln”, verrät der Spezialist. Wieder was gelernt!

Natürlich führte uns der Experte auch vor, wie seine Maschine funktioniert. Gehacktes Eis wurde in Kältekammern des Gerätes mit Salz vermischt und schmolz, wobei die dabei verbrauchte Energie die Temperatur auf minus 20 Grad Celsius sinken ließ. Dadurch gefror die flüssige Speiseeismasse im Behälter. Ein Mann musste den Behälter ständig drehen, ein zweiter schabte die erstarrte Masse von den eiskalten Wänden ab, rund einen Liter in vier Minuten.

Der Friedhof von Fornesighe. Hier spürt man, dass mit den Menschen auch ein Stück alpine Kultur für immer stirbt.
Fornesighe, ein Bergdorf auf 1.000 Metern, gilt als das einzige Dorf im Tal, das nie abbrannte.

Das Prinzip funktioniert noch heute. Anschließend kommt das Eis in Spezialbehälter im Laden oder Eiswagen. „Eismachen war harte Handarbeit und deshalb Männersache“, erklärt unser Spezialist und zeigt uns gleich noch ein imposantes Schaustück: ein altes Waffeleisen! Auf Vorrat konnten damit die „Coni“ – die Eistüten hergestellt werden: Ein Gemisch aus Mehl, Wasser, Butter und Salz kam auf die Waffeleisen, wurde anschließend mit hölzernen Kegeln in Form gebracht und in Blechbehältern aufbewahrt.

Maurizio ist es ein Anliegen, altes Wissen, Brauchtum und Architektur zu erhalten und wiederzubeleben, besonders in seinem Dorf Fornesighe, wo in der schon seit Jahrzehnten aufgelassenen Molkerei der Verein „Piodech Zoldan“ gegründet wurde. Fornesighe, ein Bergdorf auf 1.000 Metern, gilt als das einzige Dorf im Tal, das nie abbrannte. Ein mehrstöckiges Haus reiht sich an das andere, dazwischen liegen enge Gassen.

Andrea (links) hat sich auswärts versucht, dann aber entschieden, im eigenen Tal Gelatiere zu sein. In der Herbstsonne serviert er Livio und Giovanni die Substanz, um die sich im Leben der Männer fast alles drehte: Gelato.

„Spontane Architektur“ wird der Stil typischer Häuser im Val di Zoldo genannt. Teile dieser beeindruckenden Bauten stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Viele Familien teilten sich gemeinsam ein Haus, das nach Bedarf ständig aus- und weitergebaut wurde. So konnte ein einziges Haus bis zu zwölf Feuerstätten haben, mit nur wenigen Kaminen. Viele dieser Holzbauten sind inzwischen unbewohnt. Ihre Revitalisierung ist nicht einfach, weil fast jedes Haus nach wie vor mehrere Eigentümer hat.

Bei unserem Besuch im Val di Zoldo ist es Mitte Oktober. Die wenigen Touristen haben das Tal schon verlassen, aber seit einigen Tagen sieht man immer häufiger schöne Autos mit deutschen Kennzeichen. Die Lokale füllen sich mehr und mehr mit städtisch wirkenden Leuten – die Eismacher kommen langsam zurück. „Früher war wenigstens im Winter richtig viel los“, sagen alle.

Nostalgie wohin man blickt.

Aber die wenigsten halten es hier noch den ganzen Winter aus – so wie früher. Die Eismacher von heute fliegen mit ihren Familien auf Urlaub, wie andere eben auch und verlassen zeitiger als früher das Tal, fahren zurück über die Alpen in die Städte. Viele kommen nur noch in den Weihnachtsferien, um die Eltern zu besuchen. Sie haben, oft schweren Herzens, ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegt, wo sich ihr Arbeitsplatz befindet. So wie Italo, der sich mit seiner Frau Aurora entschloss, die Kinder in Lienz, in ihrer neuen Heimat, zur Schule zu schicken und ganzjährig zu Bewohnern der Dolomitenstadt zu werden.

Es war für Italo keine einfache Entscheidung. Ihn schmerzt, dass sein Tal immer mehr verlassen wird und er selbst zur Abwanderung beiträgt. Für seine Kinder sieht er aber im Val di Zoldo keine Zukunft. Lienz gefällt nicht nur ihm und seiner Familie. Auch seine Eltern kommen regelmäßig zu Besuch. Osttirol liegt ja fast um die Ecke. Italos Schwester Sirena wohnt mit ihrer Familie ebenfalls in Lienz. Sie verkauft kein Eis mehr, dafür Käse und Wurst als Chefin im Salentino. Dennoch bleibt das Val di Zoldo Italos Heimat. Wenn er nach Hause kommt, schneidet er als erstes seinem Vater Giovanni die Haare – Italo ist gelernter Frisör!


Vom Eisen zum Eis – Val di Zoldo früher

Die Geschichte des Val di Zoldo ist eine Geschichte der Migration. Landwirtschaft war wenig einträglich im rauen Tal und die Herrschaft der Venezianer sorgte über Jahrhunderte für eine andere Einnahmequelle: Venedig bezog aus der Region nicht nur Holz für Pfähle und den Schiffsbau. Im Val di Zoldo wurde Eisenerz verhüttet, entlang der Flußläufe gab es unzählige kleine Schmieden, in denen vor allem Nägel hergestellt wurden, vom Schuhnagel bis zum riesigen Eisenstift für den Schiffsbau. In Forno gibt es sogar ein „Nagelmuseum“. Ortsnamen wie Forno di Zoldo, Fornesighe oder Fusine erinnern an die große Zeit des Eisens, das vor allem gegen Lebensmittel getauscht wurde. Mehl und Mais gab es im Zoldotal nicht.

Im 19. Jahrhundert brachen mit der Industrialisierung die Märkte für Eisenwaren ein. Die Minen verloren an Bedeutung, Muren und Hochwasser zerstörten die Handwerksbetriebe entlang der Maé. Eine Auswanderungswelle war die Folge. Die Zoldani zogen aus, um gebratene Maroni oder kandierte Birnen zu verkaufen. Mit ihren „Bastardelle“, selbstgefertigten doppelbödigen Metallbehältern zum Warmhalten, zogen sie durch die Straßen von Triest, wanderten bis Wien und Budapest, oder gleich nach Frankreich und Spanien aus. Manche Familien gingen nach Brasilien, darunter auch Vorfahren von Italo Remor.

Die Zoldani legten Eisenbahntrassen, arbeiteten als Steinmetze und in Bergwerken, bauten Brücken und Kathedralen, wurden Bäcker und Konditoren. Viele Männer aus dem Tal waren in Siebenbürgen als Holzfäller beschäftigt, bis ihr Arbeitgeber in die Pleite rutschte. Sie schlugen sich nach Wien durch, verkauften Würstel im Prater – und begannen Eis zu machen!

1865 erhielt erstmals ein Eismacher aus den Dolomiten eine Genehmigung für den Verkauf im Prater. Kaiserin Sissi soll mit Neid auf die Pariser Gesellschaft geblickt haben. Dort gab es längst köstliche „Creme Glacee“. Angeblich erwirkte sie eine Sondergenehmigung für Handkarren mit Gefrorenem. Bis dahin hatten sich die Wiener Zuckerbäcker erfolgreich gegen die Konkurrenz auf der Straße gewehrt. 1870 bis 1914 erlebten die Eismacher in Wien ihre erste Hochblüte. Hunderte Geschäfte schossen aus dem Boden, die Betreiber waren jung, kannten sich, waren meist sogar verwandt. „Gefrorenes“ wurde Teil der Genusskultur im Kaiserreich, doch das Eisschlecken auf der Straße war lange verpönt und Frauen sogar per Gesetz verboten!

Der erste Weltkrieg änderte alles. Italiener mussten Österreich verlassen und die Gelatieri gingen zurück in ihre Heimat. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg pendelten gut zwei Drittel der Zoldani wieder aus, nach Deutschland, Österreich, in den Norden und Westen Europas. Die Frauen gingen mit, sie waren die „Seele des Eissalons“, während das harte Handwerk des Eismachens Männersache war. Dieser zweite Boom ließ viele neue Eisdielen in den Großstädten Europas entstehen, mit Angestellten aus dem Val di Zoldo. In den 50er Jahren war man begeistert von Italien. Wer es sich leisten konnte, machte dort Urlaub. Italiener waren beliebt – und verdienten im Sommer gutes Geld mit Gelato. In den Wintermonaten wurde das Elternhaus renoviert, Holz gemacht, geschnitzt und natürlich besprochen, was der nächste Sommer bringen würde.

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