Jetzt im Buchhandel: Der neue Roman von Angela Lehner mit dem Titel „2001“. Fotos: Maidje Meergans

Jetzt im Buchhandel: Der neue Roman von Angela Lehner mit dem Titel „2001“. Fotos: Maidje Meergans

Zeitenwende im Mikrokosmos
Zeitenwende im Mikrokosmos
Nach ihrem preisgekrönten Erstling legt Angela Lehner mit „2001“ einen programmierten Bestseller nach. Ein Klassenzimmer wird in ihrem neuen Roman zur Weltbühne und der fiktive Ort, in dem die Romanheldin heranwächst, kommt uns Osttirolern bekannt vor.

Angela Lehners Erstling „Vater unser“ habe ich quasi mit offenem Mund gelesen, so fasziniert war ich von dem Talent und der sprachlichen Wucht unserer ehemaligen Praktikantin bei dolomitenstadt.at, die da einen Erstling ablieferte, der gleich bei Hanser erschien, also in der Champions League der Verlage, und einen Siegeszug antrat, dass einem die Spucke wegblieb. Ich hab geahnt, dass sie gut ist, aber so gut? 

Nun liegt das zweite Buch vor mir, „2001“ und ich bin nach der Lektüre wieder begeistert – und erleichtert. Nach Angelas fulminantem Start ins Literaturbusiness dachte ich mir: „Wie um alles in der Welt schreibt man nach so einem Auftakt ein zweites Buch?“ Beim ersten Roman ahnt ja noch niemand, wie gut er ist. Vom zweiten Buch wird das erwartet. 

Und Angela Lehner enttäuscht uns nicht. Sie legt nicht nur nach, sondern definiert ihren Stil. Unverwechselbar ist nicht nur was sie schreibt, sondern auch wie sie schreibt. Es ist ein originelles und originales Gewebe aus pointierter, irgendwie schnoddriger – ein Wiener würde sagen „goscherter“ – Alltagserzählung, die dennoch oder gerade deshalb messerscharf gesellschaftliche Realitäten und Befindlichkeiten zeichnet, in diesem Fall aus einem Jahr, das es in sich hat: 2001. Der Titel ist eine Ansage. Zwanzig Jahre später – heute, am 11. September 2021 – sind die Feuilleton-Seiten aller Zeitungen dieser Welt gefüllt mit Rückblicken auf genau dieses Jahr. Die Kapitel von „2001“ sind mit Monaten übertitelt. Und enden mit September. Mehr wird nicht gespoilert. 

Die in Osttirol aufgewachsene Autorin Angela Lehner lebt in Berlin.

Oder doch, denn dolmitenstadt.at wird ja vorwiegend von Menschen mit Bezug zu Osttirol gelesen und den hat auch die in Berlin lebende Autorin. Sie ist zwar in Klagenfurt geboren und so gesehen Kärntnerin, doch in Osttirol aufgewachsen und vor allem hier zur Schule gegangen, was wichtig ist für diesen Roman, der auch – aber bei weitem nicht nur – ein Buch über die Schule ist. Julia, die halbwüchsige Heldin, erlebt die Welt der Jahrtausendwende durch den Filter ihrer Identität als Schülerin, umgeben von einer „Crew“ aus Freundinnen und Freunden, die wie sie aus schwierigen Verhältnissen stammen. 

„Restmüll“ sagen Lehrer und Mitschüler zu der bunten Truppe: „Nicht einmal Krampusse dürfen wir sein. Solche wie uns, hat der Obmann gesagt, als wir letzten Herbst mit ein paar Kuhglocken beim Trachtenverein angetanzt sind, und auf meinen Bruder und mich gezeigt, könne er nicht gebrauchen; und so einen wie den, dabei hat er auf den Tarek gezeigt, schon gar nicht.” 

 „Tal“ heißt der fiktive Ort in dem Julia – seltsam elternlos – mit ihrem Bruder lebt, eine undefinierbare Mischung aus Dorf und Stadt, die uns bekannt vorkommt. Da steht das Krankenhaus auf einem Hügel, es gibt eine B100 und eine Römerausgrabungsstätte, Julia geht in die Hauptschule, der Bruder ins Gymnasium auf der anderen Seite des Flusses und einen Durchgang mit einem Fotogeschäft gibt´s auch – also bitte, das kann doch nur Lienz sein. Oder doch nicht?

Es kann jede Kleinstadt sein und jedes Dorf in der Provinz der Jahrtausendwende, in der Julia heranwächst, in einer Umbruchzeit, an die sich jede(r) heute zumindest Dreißigjährige erinnern kann. Der Euro löst den Schilling ab. Wolfgang Schüssel packelt mit Jörg Haider. Die Kriege am Balkan enden und lassen, wie jeder Krieg, unfassbar Schreckliches zurück. Julias Generation ist 20 Jahre später längst soziologisch etikettiert. Es sind die „Millenials“ oder auch die „Generation Y“, gesprochen why, zu Deutsch „warum“.  Es ist die Generation der offenen Fragen.

„Tiroler Viertel“ in Berlin. Die Autorin wohnt in der Nähe, ihr Spazierweg führt hier vorbei.
Nicht Musik sondern Stille ist in Angela Lehners Kopfhörern, wenn sie an ihren Texten arbeitet.

Und dann ist da noch der Hip Hop, damals begleitet von einem Siegeszug der deutschen Rapper. Julia kennt sie alle, will selbst Rapperin werden, nimmt selten die Stöpsel ihres Discman aus dem Ohr. Eine ausführliche Playlist am Ende des Romans macht klar, wie sehr dieses Buch selbst ein literarischer Rap ist, ein wortgewaltiges Eintauchen in ein Lebensgefühl, geprägt von Veränderung, aber auch von Aus- und Abgrenzungen, von Freundschaft in der eigenen Gang, von starken Gefühlen und noch stärkerer Wut. 

Mit einem verblüffend effektiven Kunstgriff macht Angela Lehner das Klassenzimmer zur Weltbühne, macht das Kleine groß und das Große klein. Brandstätter, der Klassenvorstand, startet ein pädagogisches Experiment. Die Schüler müssen in seinen Stunden Rollen übernehmen, „Gerd Schröder“, „Jaques Chirac“ und „die Presse“ sitzen in den Bänken, eine Schülerin aus dem „Oberland“ spielt „Jassi Arafat“ und Julia ist die UNO. Sie hält sich raus.

„2001“ ist ein virtuoses Geflecht aus psychologisch feinsinnigem Entwicklungsroman und scharf beobachteter zeitgeschichtlicher Reflexion, durchzogen von Musikalität und gewürzt mit einem unnachahmlichen Sprachwitz. Bücher wie dieses legt man nicht weg, sondern saugt sie ein. Auch das definiert den Stil von Angela Lehner, die bereits in ihrem Erstling mit großer Präzision jeden Punkt und Beistrich setzte.

Was scheinbar leicht und aus dem literarischen Ärmel geschüttelt wirkt, ist in Wirklichkeit eine äußerst sorgfältige, detailreiche Skizze gesellschaftlicher Verhältnisse, im Großen wie im Kleinen. An ihrem ersten Roman hat Angela vier Jahre gearbeitet, die Arbeit am zweiten Buch ging schneller voran, sie fiel in die Zeit der Lockdowns: „Ich habe das ganze Corona-Jahr sehr konsequent und strukturiert gearbeitet,“ verrät die in Berlin lebende Autorin. In ihrer Wahlheimat hat uns Angela zu einem Spaziergang eingeladen. Begleitet von Fotografin Maidje Meergans führt sie uns an Orte, die sie inspirieren. Manche haben Bezug zur alten Heimat.

Wer Angela Lehner live erleben möchte, hat am 6. November Gelegenheit dazu. Auf Einladung von dolomitenstadt.at kommt die Autorin zu einer Lesung nach Lienz!

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Maidje Meergans
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