“Iselrat”: Klingt zwar nach Demokratie …

… hat mit echter Mitbestimmung aber wenig zu tun. Ein Kommentar.

Foto: W.C. Retter

Im Virgental klären sich endgültig die Fronten. Mit dem Auszug von Adolf Berger, Reinhold Bacher und Gerlinde Stocker aus dem mit viel Trara von den Kraftwerksprojektanten ins Leben gerufenen “Iselrat” wird dieses Gremium endgültig seinem eigentlichen Zweck überlassen: der Bevölkerung des Tales Mitbestimmung vorzugaukeln und damit den Boden für ein positives Kraftwerksvotum im Herbst aufzubereiten.

Von Innsbrucker PR-Agenturen gesteuerte “Bürgerforen” und Webkommentare, salbungsvoll und sorgfältig formulierte Sonntagsreden, gezielt ausgewählte Videointerviews, zugekaufte Trendforschungen und einige Alibigegner in einem völlig macht- und einflusslosen Gremium sind kein Ersatz für echte Bürgerbeteiligung. Dazu fehlt dem Gremium schlicht eine Entscheidungsfunktion.

Insofern war der Auszug der drei Aktivisten vorhersehbar und ihre Mitarbeit im Iselrat von Anfang an eine Gratwanderung. Seit der ersten geheimen Gemeinderatssitzung vor mehr als einem Jahr stehen die Pläne des Projektanten INFRA und der Bürgermeister Dietmar Ruggenthaler (Virgen) und Anton Steiner (Prägraten) felsenfest. Damals trafen sich die beiden Gemeindeparlamente unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu sensibel war dieses Projekt an der Isel, um eine offene Diskussion zu führen.

Planungstechnisch ist das 144 Mio-Euro-Kraftwerk längst auf Schienen und seine Betreiber sind sich völlig sicher, dass nur ein einziger Stolperstein es noch zu Fall bringen kann: eine Niederlage bei der im Herbst geplanten Volksbefragung. Um Skeptiker zu überzeugen, wird ein in so kleinen Ortschaften nie dagewesener PR-Aufwand getrieben, teuer, professionell und mit einem einzigen Ziel: die “Zustimmung der Mehrheit” zu suggerieren und damit am Ende, in der Wahlzelle, manch unentschlossenen Virgentaler zum Mitläufer zu machen.

Vor diesem Hintergrund ist es für die Gegner des Projektes besser, nicht länger als kritisches Feigenblatt für die übermächtige politisch-wirtschaftliche Kraftwerksallianz herzuhalten, sondern einfach beherzt und basisdemokratisch für den Erhalt der Isel zu kämpfen. Andreas Köll und die PR-Agentur der Tiwag mussten in Matrei-Raneburg am Ende auch klein beigeben und trotz aller eingesetzten Millionen vor jenen oft belächelten Menschen kapitulieren, die mit ganzem Herzen und ohne Honorar nur eines wollen: Osttirols Natur vor dem Zugriff der Gierigen zu bewahren.

Gerhard Pirkner

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von "Dolomitenstadt", Kommunikationsberater und Inhaber der Werbeagentur Pirkner Network. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 "Dolomitenstadt" ins Leben rief. Alle Kommentare von Gerhard Pirkner anzeigen

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14 Kommentare bisher

  1. soonnig

    Lady-Citicen würde wohl gerne lesen, dass es nichts Segenreicheres als das Kraftwerk im Virgental geben kann und das das gefälligst alle zu meinen haben. Ganz schön einseitig und armselig, ehrlich!!

  2. Detektor

    > Lady@Citicen, > alps:
    Tja, wie schon max24 meint, nicht alle Medien stehen unter der Kuratel von Politikern oder agieren in vorauseilendem Gehorsam oder übernehmen kritiklos die Aussendungen von Werbeagenturen als “objektive Berichterstattung”.

    Da tut es in unserer uniformen Medienlandschaft wirklich gut, eigenrecherchierte Beiträge oder erfrischende Kommentare (und dieser ist ausdrücklich als solcher gekennzeichnet!) zu lesen.

    Übrigens: Erstaunlich, welche Segnungen durch das Kraftwerk eine phantasievolle PR-Agentur jetzt schon verspricht – bis zur “Daseinsvorsorge” durch eine “Iselstiftung”. Die kolportierten jährlichen 200.000 Euro aus dem Kraftwerksanteil betrügen knapp 5 % des derzeitigen Budgets in Virgen – wenn sie wirklich je hereinkämen. Und dafür den prachtvollen Gletscherfluss Isel amputieren?

  3. max24

    Ja , es gibt eben Medien die direkt im Einflußbereich der Politik stehen,wie die meisten in Osttirol und es gibt “freie Medien”.Sie müssen nicht immer im Mainstream mitschwimmen und nehmen sich die Freiheit brisante Themen kritisch zu beleuchten.Es ist nur billig und recht ein Gegengewicht zu den millionenschweren PR- Agenturen (wie zu Beispiel im Virgental) zu haben. Dolomitenstadt ist sicher ein Stachel im Fleisch der etablierten Medien und das ist gut so !!

  4. Lady-Citicen

    Am Bericht mag an und für sich nichts falsch sein, aber wie bereits gesagt wurde, ist die Berichterstattung einseitig und entspricht nicht dem was ja auch im Impressum steht, nämlich folgendes:

    “dolomitenstadt.at ist ein liberales, weltoffenes Online-Medium, unabhängig von politischen Parteien, Institutionen und Interessengruppen. Wir wenden uns an alle LeserInnen, die hohe Ansprüche an eine gründliche und umfassende Berichterstattung sowie an eine fundierte, sachgerechte Kommentierung auf den Gebieten von Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft stellen.”

    Wenn man den Bericht nochmal unter diesen Gesichtspunkten liest, wird man feststellen, dass einige der oben genannten Punkte nicht mehr ganz zutreffen und somit die Authentizität von Dolomitenstadt.at in Frage zu stellen ist. und das sage ich als regelmäßige Leserin dieses Medium.

  5. wisdom of crowds
    wisdom of crowds

    Was ist an diesem Beitrag nicht korrekt?

    Der “Iselrat” samt sonstigen Werbemassnahmen ist richtig analysiert. Es geht darum, die Bevölkerung einzulullen und ihr die kurzsichtige Riesendummheit zu verkaufen, intakte Natur zu zerstören, um die maroden Finanzen etwas aufzubessern.

    Das aufzuzeigen, sollte von kritischen Medien, mit denen Osttirol nicht gerade gesegnet ist, erwartet werden.

  6. max24

    @alps
    Um dir den wahren Geldsegen ,der von so einem Kraftwerk ausgeht, zu veranschaulichen. Matrei wird nach geltenden Entschädigungssatz der TIWAG für das geplante Tauernbachkraftwerk sage und schreibe 104000 Euros pro Jahr lukrieren können. Das sind gerade einmal die Zinsen für ein gutes Monat für die Gemeidefinanzen.Dafür verschleudern wir unseren wertvollsten Besitz für alle Zeit,ohne an unsere Kinder zu denken.
    Diese werden sich einmal bei uns bedanken.

  7. alps

    @max24: da hast du recht. Auch Kritik darf ein Redakteur durchaus anbringen. Mich stört in diesem Fall nur die etwas reißerische Tonart dieses Artikels. Gegen sachlich formulierte Kritik habe ich nichts. Gerade im Fall Kraftwer Virgental scheint mir die Berichterstattung von Dolomitenstadt doch ein wenig zu einseitig. Wo bleibt ein Artikel über die tatsächlichen Hintergründe der Gemeinden ein solches Projekt zu planen? Die bloße Gier wie oben erwähnt wird es wohl kaum sein. Bei den diversen Planungsgesprächen und den Postwürfen der Projektwerber ging es mit dem Kraftwerksprojekt darum für die sehr Finanzschwachen Gemeindekassen Einnahmen zu finden. Diese sollen dann wieder für die Infrastruktur und offentliche Projekte in den Gemeinden genutzt werden. Somit kommen die Einnahmen schlussendlich wieder den Bewohnern des Virgentales zu gute! Auch alternative Möglichkeiten im Tourismus benötigen finanzkräftige Investoren und diese sind in Osttirol bekanntlich dünn gesät. Größere Gewerbebetriebe werden sich im Virgental auf Grund der Verkehersanbindungen wohl ebenso kaum ansiedeln. Was bleibt den Gemeinden dann noch wenn sie nicht in Zukunft noch stärker von den Landesförderungen abhängig sein wollen? Kurz gesagt würde ich mir von Dolomitenstadt auch einmal eine Betrachtung der Dinge von dieser Seite aus wünschen….

  8. max24

    Trotzdem ist es einem Redakteur unbenommen seine eigene Meinung zu äußern.

  9. alps

    Oha! Anscheinend bin ich ja nicht der/die Einzige der/die so denkt….

  10. alps

    In letzter Zeit fällt mir -als treuem Dolomitenstadt-Leser- leider immer wieder auf das in diesem Medium die objektive Berichterstattung verloren geht! War dies nicht einmal Credo dieses Mediums? Ich finde dies sehr schade….

  11. Lady-Citicen

    Man mag ja zum Thema Kraftwerk stehen wie man will, aber objektive Berichterstattung seitens Dolomitenstadt.at ist das nicht mehr. Und dies war ja zu Beginn von Dolomitenstadt.at eines der wichtigsten Anliegen! Vielleicht sollten sich die Autoren und Redakteure dazu nochmal Gedanken machen.

  12. Herr E. aus O.
    Herr E. aus O.

    Liebe Osttiroler, wie könnt Ihr das Verantworten ? Bitte denkt an Eure Kinder und Kindeskinder. Auch die wollen eine so schöööne Heimat genießen. Ein Kraftwerk kann man nicht einfach wieder abbauen. Und denkt daran, wegen einem Kraftwerk kommt kein Urlauber ins wunderschöne Virgental.

  13. holzwurm

    Apropos schützen: bin letzte Woche vor dem Denkmal von Peter Sigmair in Olang gestanden und ein Vergleich mit der Haltung unserer Schützen von heute hat sich aufgedrängt. Es ging mir dabei überhaupt nicht gut, weil ich nur Nicht-Haltung gegenüber unserer Heimat erlebe. Nicht Kraftwerksbefürworter, nicht Kraftwerksgegner. Keine Kommentare von oben und keine von unten. Keine Stellungnahme aus den betroffenen Gemeinden, keine aus dem Schützenbezirk. Keine Forderung nach einer echten Demokratie, keine Ablehnung der Einflüsse von außen. Nichts! Wie kann man einen historischen Auftrag nach Selbstbestimmung so mit Füßen treten? Was würde ein Peter Sigmair dazu sagen?

  14. Gertrude

    Schade, dass die Natur bei uns in Osttirol einen so geringen Stellenwert hat.
    Wären wir in der Schweiz, der Tourismus würde bei uns sicher boomen, in einem so herrlichen Gebiet wie es Osttirol ist.
    Das kleinkarierte Denken unserer Politiker aber verscheucht uns die letzten Touristen, welche unsere noch intakte Natur genießen wollen.
    Diese zwei Bürgermeister aus dem hinteren Iseltal sollten sich andere Projekte für ihr Tal einfallen lassen, die mit der Natur in Einklang zu bringen sind.
    Den Gegnern des Projektes wünsche ich viel Kraft und eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen.
    Bitte schützt unsere letzten Gletscherflüsse, sie sind ein unwiederbringliches Gut!