Tirol sozialer machen

Seine Partei bezeichnet Hannes Gschwentner als ‚Gewissen der Tiroler Landesregierung‘.



Er ist der Längstdienende in der Landesregierung, der er seit mittlerweile mehr als acht Jahren angehört. Im DOLOMITENSTADT-Interview spricht der 53-jährige SP-Chef über Natur- und Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit sowie die Bedeutung von Sport, und verrät, welcher Politiker ihn persönlich am meisten beeindruckte.


Herr Landeshauptmann-Stellvertreter, in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt u.a. der Natur- und Umweltschutz. Wie grün ist der „rote“ Natur- und Umweltreferent Gschwentner?


LHStv. Gschwentner: Meine politische Karriere habe ich als Umweltreferent der Marktgemeinde Kundl begonnen, ich wurde 1986 auf einer nicht mit der SPÖ gekoppelten Liste gewählt. Damals kämpfte ich für das kleine Naturschutzgebiet „Söller Wiese“, errichtete die tirolweit erste Giftmüllsammelstelle nach Innsbruck und initiierte eine Wertstoffsammlung. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ging ich von Sandkiste zu Sandkiste, um die Belastung durch Radioaktivität zu messen. 1992 wurde ich für die SPÖ zum Bürgermeister gewählt. Aber die Umweltbewegtheit war der Start meiner politischen Karriere, in diesem Bereich verzeichnete ich meine ersten politischen Erfolge. Ich vertrete keine fundamentale Grün-Politik, konnte immer das richtige Augenmaß bewahren. Ich fahre Auto und Motorrad, in der Freizeit setze ich jedoch bewusst auf Fahrradfahren und Berggehen.


Lassen sich Natur- und Umweltschutz mit dem Ausbau von Wasserkraft – einem heiß diskutierten Thema in Osttirol – Ihrer Ansicht nach vereinbaren?


LHStv. Gschwentner: Wasserkraft sichert die Energiebereitstellung und ist ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaschutz. Der intelligente und verantwortungsvolle Umgang mit den Ressourcen der Natur ist keine Ausbeutung.


Wie ist es in Tirol, insbesondere in Osttirol, um die Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit bestellt?

"Es ist Zeit für Veränderungen


Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sind ureigenste Forderungen der SPÖ. Deren Erfüllung ist – und das betrifft ganz Österreich – auch heute noch nicht zufriedenstellend erledigt. Denn es ist nach wie vor so, dass Kinder aus höheren Schichten einen deutlich besseren Zugang zur Bildung haben. Auch die Steuergerechtigkeit ist noch nicht optimal umgesetzt worden. Leute mit Vermögen tragen meiner Ansicht nach viel zu wenig bei. Es ist hoch an der Zeit für Veränderungen, sonst sind die solidarischen Sicherungssysteme nicht zu finanzieren. Osttirol ist für mich ein lieber und teurer Bezirk, den ich für nichts opfern würde. Es besteht allerdings die Problematik, dass die Verwaltungszentrale von Osttirol aus nur schwierig über Salzburg oder Südtirol erreichbar ist, was sich auch negativ auf die Entwicklung und Arbeitssituation des Bezirkes auswirkt. Mit geeigneten Programmen kann dieses Problem jedoch gemildert werden. Der Nationalpark Hohe Tauern trägt zum Beispiel dazu bei. Im Sportbereich wurde für Osttirol eine eigenes Förderprogramm erarbeitet, das gesondert finanziert wird. Als Sportreferent habe ich mich besonders für die Umsetzung dieses Projektes engagiert. Wichtig ist natürlich auch, hilfreich zur Seite zu stehen, wenn es um die Ansiedelung von Betrieben geht. Bei der Realisierung des Großglockner Resorts Kals-Matrei etwa war das Land sehr um Förderung bemüht.


Die SPÖ versteht sich als Partei, die sich für soziale Gerechtigkeit stark macht. Rechnen Sie damit, dass es angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage nach der Erstellung des Landesbudgets für 2011 zu Einschnitten im Sozialsystem kommt? In welcher Form ist das für Sie denkbar/vertretbar?


Einschnitte im Sozialsystem sind nicht vertretbar. In einem Jahr, in dem eines der schwierigsten Budgets vorbereitet wird, muss über jede Ausgabe diskutiert werden. Soziales ist ein Riesen-Ausgabebrocken, wir sprechen hier von über 400 Mio. Euro. Es ließe sich vieles hinterfragen, aber ich denke, dass dies alles berechtigte Ausgaben sind, um die soziale Sicherheit zu gewährleisten. Man kann allerdings darüber reden, ob alles immer gratis sein soll, etwa in der Frage des Pflegeregresses. Soziale Staffelungen wären auch hier richtig und wichtig.


Stichwort Jugend in Osttirol: Sind im Bezirk soziale Brennpunkte vorhanden?


Es sind die gleichen Probleme wie in anderen Bezirken Tirols auch. Ein Bedarf an zusätzlichen Betreuungseinrichtungen und Streetworkern ist vorhanden. Das Jugendzentrum in Lienz ist nicht auf Dauer gesichert. Die jungen Leute sind oft auf der Straße, ihre Probleme werden häufig nicht aufgearbeitet. Auf diese Weise entsteht ein Zündstoff, der zu Kriminalität und Drogenproblematik führen kann. Meiner Ansicht nach haben auch die Gemeinden ein hohes Maß an Verantwortung. Und dem Land muss klar sein, dass auch die Arbeit mit schwierigen Gruppen eine wichtige öffentliche Aufgabe und hierfür das nötige Geld zur Verfügung zu stellen ist.


Welche Funktion kann Sport für Kinder und Jugendliche erfüllen?


Über sportliche Betätigung lassen sich teilweise Problemfelder beheben. Speziell in Osttirol werden Projekte unterstützt, die es sonst nur in Innsbruck gibt, etwa die Fußball-Ausbildungsstätte. Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ist eine Lebensschule, in der man lernt, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen, wo man sich Disziplin aneignen kann. Viele Kinder wachsen heute ohne Geschwister auf. Beim Sport erfahren sie Gruppendynamik und gemeinschaftliche Erfolgserlebnisse – enorm wichtig für das soziale Lernen.


Sehen Sie die Tiroler SPÖ unter ihrem Chef Hannes Gschwentner im Aufwind?


Angesichts des niedrigen Niveaus nach der letzten Landtagswahl – die Partei erzielte schmerzliche 15,6 Prozent – kann der einzige Anspruch der SPÖ in der politischen Arbeit nur jener sein, stärker zu werden. Ich denke, wir haben aus den Fehlern gelernt.


Wie zufrieden sind Sie mit der Regierungsarbeit?


Ich möchte jetzt auf keine konkreten Namen eingehen, aber als Pauschalurteil kann ich sagen, dass in einer sehr schwierigen Zeit ein guter Job gemacht wurde. Tirol hat die Auswirkungen der Krise bestens gemeistert.


Sportlich aktiv (Land Tirol)

Waren Vorbilder für Ihren politischen Werdegang relevant?


Ich hatte nicht direkt Vorbilder, denen ich nach nachgeeifert bin. Aber ich war sehr beeindruckt von Bruno Kreisky. Die deutliche Verbesserung der Chancengleichheit in seiner Amtszeit bedeutete einen Riesenfortschritt für Österreich. Wie viele in meiner Generation wäre auch mir ohne Kreisky eine höhere Ausbildung verwehrt geblieben. Ich stamme aus einfachen Verhältnissen und bekam nur durch die von ihm eingeführte Schülerfreifahrt und Gratisschulbücher den Zugang zur Bildung ermöglicht.


Noch einmal zurück zum Thema Sport: Welche Rolle spielt körperliche Aktivität in Ihrem Alltag?


Eine sehr große. Als Politiker ist man psychisch und physisch sehr gefordert, die Arbeit geht über einen 8-Stunden-Job weit hinaus. Der Stressabbau und das Finden von Ausgleich funktioniert über sportliche Betätigung hervorragend. Ich fahre im Sommer Rad und gehe Bergwandern, im Winter bin ich ein begeisterter Skifahrer und Eishockey-Spieler.


DOLOMITENSTADT ist ein neues Osttiroler Medienformat mit vielseitiger Themenauswahl. Was zeichnet Ihrer Ansicht nach ein hochwertiges Online-Magazin aus?


Absolut á jour zu sein. Die aktuelle Informationsbeschaffung ist wichtiger denn je und greift immer mehr.


Wie intensiv nützen Sie das Internet beruflich und privat?


Als Politiker ist man mittendrin. Beruflich nutze ich neue Medien sehr intensiv, auch Facebook. In der Freizeit bin ich in diesem Bereich eher zurückhaltend, da mir meine Privatsphäre sehr wichtig ist.


Danke für das Gespräch!