Raubkunst oder Kulturerbe?

Egger-Lienz: Der Gemeinderat entscheidet am 16.11. über Restitution.

In der Causa "Christnacht" gibt es noch offene Fragen

In Kürze fällt die Entscheidung über die Restitution des Egger-Lienz-Werks „Die Wildbrethändlerin“. In der Causa „Christnacht“ wartet man eine direkte Forderung der Erbin ab.

Der Stadtrat und der Kulturausschuss berieten bereits am 9. November darüber, wie man mit dem Anwaltsschreiben der Israelitischen Kultusgemeinde umgeht, in welchem der Stadt eine Frist bis 19. November eingeräumt worden war.

Schon im Sommer 2010 war Kritik geübt worden. Nun droht die IKG mit einer Klage, obwohl für die Stadt keinerlei Rechtspflicht für die Rückgabe von Kunstwerken besteht. Diese gilt ausschließlich für Bundesmuseen.

Konkret geht es in der aktuellen Causa um die beiden Bilder „Christnacht“ und „Die Wildbrethändlerin“, die an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden sollen. Noch seien einige Fragen offen, erklärte Bürgermeister Hannes Hibler gestern im Anschluss an die Beratung.

Im Fall des Werkes „Christnacht“, das 1938 von der Stadt um 8000 Reichsmark gekauft wurde, bestehe kein direkter Kontakt mit der Restitutionswerberin. Die einstige Besitzerin Therese Neumann war Arierin, ihr Mann Oskar Jude. Beide überlebten die Kriegsjahre in Wien und begehrten in der Folge zahlreiche Restitutionen. Lienz wurde dabei ausgelassen, obwohl Therese Neumann bekannt war, wo sich das Bild befindet.

Nun möchte die Stadt Lienz den Kontakt mit der Witwe des einzigen Sohnes von Therese und Oskar Neumann, Irmgard, herstellen, um von ihr persönlich zu erfahren, ob sie das Bild restituieren möchte. Erst wenn man Gewissheit habe, so Hibler, möchte man sich dieser Angelegenheit weiter widmen. Die Israelitische Kulturgemeinde vertritt die Ansicht, dass auch im Zweifelsfall zu restituieren sei.

Anders verhält es sich im Fall des Gemäldes „Die Wildbrethändlerin“. Hier betreffen die Unklarheiten nicht die Restitutionswerber, die bekannt seien, so Hibler. Es handle sich um in Brasilien lebende Enkelkinder von Lothar und Eveline Egger-Möllwald. Lothar war übrigens der Schwager von Albin Egger-Lienz und der Bruder von Laura Egger-Lienz.

Während der NS-Zeit gingen die Egger-Möllwalds nach Rom, wo Lothar 1941 starb. Die Gattin war als Jüdin nicht erbfähig, deshalb wurde das Bild per Testament einer Scheinerbin vermacht. Das Testament wurde 1949 jedoch für nichtig erklärt. Eveline Egger-Möllwald verstarb 1944. „Die Wildbrethänderin“ wurde nach Kriegsende von der amerikanischen Besatzungsmacht konfisziert. 1949 gelangte das Gemälde zur Versteigerung. Im Rahmen der Forschungen konnte weder eruiert werden, wer es zur Versteigerung gebracht, noch wer den Erlös erzielt hatte. Fakt ist, dass Emil Winkler, Lienzer Bürgermeister während der NS-Zeit, das Werk ersteigerte und die Stadt Lienz das Gemälde im Jahr 1961 um 20.000 Schilling kaufte.

Die Erbfolge ist in diesem Fall geklärt. Eveline hinterließ nach ihrem Tod zwei von Lothar adoptierte Söhne, deren Kinder heute die Restitution begehren.

In letzter Instanz entscheidet nun der Gemeinderat am 16. November, ob die Bilder restituiert werden sollen, oder ob man eine Klage in Kauf nimmt. „Wir überlassen es der Gewissensentscheidung jedes einzelnen Gemeinderates, ob „Die Wldbrethändlerin“ zurückgegenben werden soll“, betont Hibler. „Es ist ein höchst sensibles Thema, ein Spannungsfeld zwischen dem kunst- und kulturhistorischen Auftrag der Stadt und moralischen Erwägungen.“

Vor vier Jahren wurde das Egger-Lienz-Gemälde „Totentanz“ von der Stadt Lienz an die Erbin Herta Fox zurückgegeben. Die Kommission für Provenienzforschung bewertete insgesamt 13 Gemälde der Egger-Lienz-Sammlung auf Schloss Bruck als Restitutionsfälle.

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1 Posting bisher
Buergermeister vor 7 Jahren

Danke, genauso ist es, habe selten einen so vollständigen und vollständig richtigen Bericht darüber gelesen. Kompliment an Dolomitenstadt.at