Steher, Klartexter und das große Schweigen

Erlebnisbericht von der Vollversammlung des TVB Osttirol.

Gut besucht: die Vollversammlung 2011 des TVB Osttirol.

Viereinhalb Stunden Palaver, Zahlenkolonnen und Powerpoint-Folien, Appelle, Emotionen, aufeinander prallende Positionen und doch nichts substanziell Neues – so kann man die Vollversammlung des TVBO im randvollen Lienzer Stadtsaal auf einen Nenner bringen. Es war – wie erwartet – eher ein Theaterabend als eine Fachveranstaltung, mit klassischer Rollenverteilung und einigen dramaturgischen Highlights.

Immer noch in der Hauptrolle: TVBO-Obmann Franz Theurl

Franz Theurl beanspruchte die Bühne meist für sich. Er weiß, wie man Stimmung macht, lässt erst auf der Großleinwand den Adler mächtig und frei um die Gipfel kreisen und ruft dann zur Gedenkminute für Tourismuspionier Hermann Obwexer auf. Noch sind sich alle einig.

Danach beginnt die Tour der Leiden für den Radsportler Theurl. Es gibt Momente, da scheint er gerührt, wenn er erzählt, wie er als Vorstand die Watschen einsteckt für Probleme, die er nicht nur nicht verursacht hat, sondern schon gar nicht lösen kann. „I bin a Steher, aber die Schmerzgrenze ist nahe gerückt“.

Dann fällt das Wort des Jahres: Fusionsvertrag. Das „Land“ hat ihn verordnet, eigentlich mit einem Geldgeschenk eingekauft. Fusion wär ja gut, aber das Misstrauen! Misstrauen, auch ein Schlüsselwort an diesem Abend. Die Regionen sind zu stark, der Dachverband – neudeutsch „Overhead-Verband“ – hat zu wenig Kompetenz und Geld. Die Investitionen reißen uns in den Abgrund, die Zahlungen „an Dritte“. Theurl beamt Balken an die Wand, nennt aber keine Namen.

Es folgt ein kurzer Rückblick in die gute alte Zeit, als Nationalpark, Land, Gemeinden, Bergbahnen noch ganz selbstverständlich mitzahlten. Und einmal mehr die Leistungsschau der Paradeevents, von Dolomitenmann bis Straßentheater, Weltcup bis Giro. Dank sei den freiwilligen Helfern.

Der Klartexter: Gerhard Föger leitet die Tourismusabteilung des Landes und ist bekannt für sein rednerisches Temperament.

Bis hierher lief alles nach Drehbuch. Dann nahm Gerhard Föger das Mikro und die Sache in die Hand. Der ist kein Osttiroler Taktiker. Der sagt, was er denkt, auch wenn's weh tut: Weg mit der Osttirolwerbung, „eine GmbH ist nicht identitätsstiftend, sondern Osttirol ist es“.

Wozu eigentlich drei neue Schwimmbäder? Und gefördert wird nicht, wer am lautesten ruft, sondern Projekte, für die es einen Markt gibt. Zwei Millionen Darlehensaufnahme als „Einnahme“ zu verbuchen kommt Föger komisch vor, ebenso ein „Schutzverein“ zur Auslagerung von Vermögen. Nördlich der Alpen kennt man das nicht.

2,5 Mio Personal- und Verwaltungsaufwand bei zehn Millionen Gesamtbudget? Und dann soll alles von 300.000 Euro des Landes abhängen? Föger weckt den Saal auf: „Wenn jemand im Eis einbricht und nach einem rettenden Stab greift, dann muss er auch selbst strampeln.“ Verstanden?

Gegen den Muskelmann aus Innsbruck wirken die anschließenden Zahlenspiele von Aufsichtsratsobmann Werner Frömel eher abstrakt. Der Wirtschaftsprüfer habe seinen Sanktus gegeben, Personaleinsparungen seien auf Schiene und statt gleich bei Investitionen auf die Bremse zu steigen, gebe es erst einmal einen Kriterienkatalog zu diesem Thema.

Heinz Schultz wollte nicht nur aufzeigen, sondern abstimmen und verbreitete damit einen Hauch von Demokratie im Saal.

Dann wird noch eine Sitte aus Nordtirol importiert. Ausgerechnet Großunternehmer Heinz Schultz beantragt eine namentliche, geheime Abstimmung statt der sonst bei diesen Sitzungen üblichen „Ist-wer-dagegen“-Frage. Die Absolution für Budget 2009 und Vorstand wird dennoch erteilt, wenngleich mit deutlicher Skepsis, wie die Abstimmungsergebnisse erkennen lassen.

Sonst noch am Wort: Sehr kurz und bündig die Geschäftsführerin des TVB, Barbara Nussbaumer, eher rückblickend als vorausschauend. Drei Werbeagenturen würden gerade an Osttirol-Kampagnen basteln, in einem ausgeschriebenen Wettbewerb.

Im Saal melden sich unter anderen die Gemeinderäte Schwarzer und Tiefenbacher als Kämpfer für die Gelder der Lienzer, Paradehotelier Kreuzer will im Detail wissen, wo das Werbegeld hinfließt. Tirolwerber Joe Margreiter schaute auch einen Sprung vorbei, smart und eloquent wie immer, Elisabeth Blanik hielt ihre Wortmeldung kurz, sie war nicht auf ihrem Terrain an diesem Abend.

Theresia Brugger kennt Andreas Köll und las ihm die Leviten, was der derzeit mächtigste Osttiroler mit Schweigen quitierte. Alle Fotos: Brunner Images.

Den stärksten Eindruck hinterließ eine große Persönlichkeit des Osttiroler Tourismus, Theresia Brugger. So wie sie könnte die Marke Osttirol sein. Authentisch, naturnahe und geradlinig. Sie plädierte für eine touristische „Kultur des Herzens“ und war die einzige, die ein auf allen Tischen aufliegendes „Blattle“ (Brugger) mit 24 kleingedruckten Seiten des Matreier Bürgermeisters Andreas Köll ansprach. Dem Verfasser attestiert Brugger: „Ich kenne deine Fähigkeiten, aber du hast nicht begriffen, was Tourismus heißt“. Andreas Köll schwieg dazu, wie schon den ganzen Abend.

PS:

Selbstverständlich werden wir demnächst auch Auszüge aus der – teilweise durchaus gut gemachten – Präsentation von TVBO-Obmann Franz Theurl bringen, allerdings in verdaulichen Häppchen, die wir erst zubereiten müssen.

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11 Postings bisher
veronika vor 6 Jahren

...ein lob dem dem c716, ist sicher viel herz dabei und gute ansätze, die ich auch sofort unterschreiben würde; ...nur eine frage noch in den raum - wer soll den eine vision, ein konzept prägen? teamarbeit gibt es weder im tvb noch unter den bürgermeistern - alle mit sich selbst und dem minus am konto beschäftigt... kein spielraum für ausreichend "geschenke" an die ansteigend kritischere bevölkerung ... einzig "unsere wasserkraft" hat noch geld - lederhosen für schützentrachten und instrumente für musikkapellen usw. und der landeshauptmann sagt "große kraftwerke braucht das land" (um im austausch mit billigen atomstrom die renditen anzukurbeln) ... "jeder soll was davon haben" !???? ... wer geht da von der zweiten reihe im land her und will kreativeres auf eine breitere basis bringen? ...vielleicht zur verdeutlichung was ich meine > köll wirbt sicher auf für den nationalpark, wenn er das kraftwerk bekommt ;-))

c 716 vor 6 Jahren

Ein subjektiver Kommentar...

Betrachtet man die Entwicklungen und Ereignisse der letzten Wochen, Monate und Jahre, so bietet sich ein Bild eines Osttirols das nicht weiß wohin es will. Touristische Infrastrukturprojekte, die teilweise als (politische) Schnellschüsse ohne Gesamtkonzept umgesetzt werden, Kraftwerkspläne deren Umsetzung und Kommunikationspolitik mehr als holprig erfolgt, erschreckende Budgetlöcher bei manchen Gemeinden und im TVB, die man auch nicht immer mit dem “armen Osttirol” begründen kann, sondern selbst verschuldet sind und noch vieles mehr - andererseits ein starker Naturbezug der Bevölkerung zu einer noch vergleichsweise unberührten Landschaft, Bevölkerungsinitiativen, die diesen Wert erhalten wollen und Touristiker und Orte, die mit dem ehemaligen Markenbild Osttirols (“Osttirol, dein Naturtirol” & “Osttirol, dein Bergtirol”) äußerst erfolgreich sind.

Wohin will also Osttirol ? Soll Osttirol das X-te Ischgl, Sölden o.ä. werden - Infrastruktur ausbauen etc. - wohl eher nicht, denn abseits der Verschuldungsproblematik muss man zugestehen, dass all diese Regionen IHREN Weg gefunden haben und Jahrzehnte Vorsprung haben. Nachahmen scheint also keine Lösung zu sein. Weiters zeigt sich, dass sich in Osttirol die meisten der teuren Infrastrukturprojekte mangels Frequenzen einfach nicht tragen (und die ach so bösen Investoren von Außen müssen/dürfen einspringen). Demnach müsste Osttirol seine Stärken wo anders haben bzw. finden - also doch wieder zu zurück zu “Osttirol, dein Naturtirol”. Eine einzigartige Bergwelt (mit dem höchsten Berg Österreichs), ein tolles Wegenetz, Klettersteige und Hütten, urspüngliche Täler und Orte, einen der größten Nationalparks Europas, wunderbare Möglichkeiten zum Langlaufen und Skitouren zu unternehmen und auch bestehende kleine, aber feine Skigebiete abseits des Trubels (Investitionen in Qualität und keine Erweiterungen). Das ganze in Verbindung mit heimischen Produkten auf höchstem Qualitätslevel. Das ganze beginnt beim Einheimischen, der diese Werte schätzen und verkörpern muss und geht im Tourismus vom Beherbungsbetrieb durch die ganze Dienstleistungskette. Es gibt im gegenwärtigen globalen Tourismusmarkt vermutlich mehr Kundenpotential für diese Art des Urlaubs als man meinen möchte - es muss durch geschicktes Marketing dann auch erreicht werden und das Produkt muss dem entsprechen. Dieser Weg bedeutet dann aber auch, dass man mit dem beworbenen “Naturtirol” sorgsam umgeht - und nicht Gemeindefinanzen durch Kraftwerksprojekte saniert und eine fadenscheinige Informations- & Argumentationspolitik führt, nicht Berge mit einer “Achterbahn” beglückt, … - sondern das Geld in den anderen Weg investiert.

Für welchen Weg man sich auch immer entscheidet - er muss zu erst einmal definiert werden und alle weitergehenden Handlungen sollten diesem Weg folgen. Dazu müssen alle dahinter stehen und v.a. die entscheidenden Akteure sich dann daran halten. Momentan ist ein Gegeneinander zu beobachten - und meist steht Osttirols Politik(er) im Vordergrund und nicht die Sache an sich. Die Politik, sprich Bürgermeister, ist sachlich bei der “Wegfindung” einzubinden, sollten dann aber danach in IHREM Wirkungsbereich entsprechend handeln und beispielsweise den Tourismus den Touristikern überlassen. Warum dreht sich immer alles um gewisse Namen und Neiderein zwischen Talschaften und kaum um die Sache an sich ? Man muss den Eindruck haben, dass man mehr mit sich selbst und Machtspielchen befasst ist als mit der eigentlichen Arbeit.

Wenn den Medienberichten zu glauben ist, dann steht Osttirols Tourismus (TVB) momentan ohne Spielraum mit dem Rücken zur Wand - mehr als ein Zeichen für einen Neubeginn auf allen Ebenen. Osttirol muss seinen Weg finden und definieren - und dann auch konsequent ohne tagespolitische Aktionen gehen.

Detektor vor 6 Jahren

Durchwuchert Die Suada des bunten Druckwerkes aus Matrei – in ganz Osttirol ausgeworfen – lässt sich kurz charakterisieren: Viel Geschrei und wenig Wolle. Das Geschrei soll dabei wohl von wesentlichen Dingen ablenken, wie z.B. davon, dass 20 Jahre Nationalpark – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal unseres Bezirkes in ganz Tirol – von der offiziellen Tourismuswerbung in Matrei nahezu vollkommen ungenützt blieben. Gut in Erinnerung ist noch, wie 2005 das Pumpspeicherwerk Raneburg-Matrei nicht nur von Bürgermeister Köll gefordert, sondern auch vom offiziellen Matreier TVB Nationalpark „begrüßt“ wurde. Das Hauptproblem in Osttirols Tourismus – und nicht nur in diesem Bereich - ist sicherlich der Umstand, dass seine Strukturen gänzlich durchwuchert sind von Krebszellen einer Parteipolitik, die dafür garantiert, dass in allererster Linie die Interessen bestimmter Regionalkaiser bedient werden.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen ließen sich Osttirols Touristiker in ihrem ureigensten Entscheidungsbereich das Heft von gewissen politischen Machern aus der Hand nehmen und warten nur mehr auf die Fütterung aus deren Hand.

ManD vor 6 Jahren

Wie sagt man so schön „Der Fisch beginnt immer am Kopf zu stinken“

Das stimmte ja schon beim Bürgermeister und jetzt beim TVB und hoffentlich folgen andere auch noch und es wird sich vielleicht endlich mal was ändern!!!

weggezogen vor 6 Jahren

ich weiß, weshalb ich von dort weggezogen bin. Es hat mich meine Existenz und Gesundheit gekostet. Und Herr Theurl sitzt immer noch fest im Sattel. Unglaublich! wie lange da ALLE zuschauen und mitspielen. Osttirol scheint das Sizilien von Österreich zu sein - in Bezug auf Machenschaften und Freunderlwirtschaft. Da geht man über Leichen ....

Kurt vor 6 Jahren

Das wird interessant : Innsbruck grollt ( weil muß zuviel zahlen ) Osttirol verspricht brav zu sein und den Fusionsvertrag zu verschmeißen den man vor ein paar Jahren mit dem Sanktus von Innsbruck ( damit es ja eine Fusion gibt ) abgeschlossen hat. Köll schweigt und Schulz will Mißtrauensvotum gegen den derzeitigen Vorstand und Aufsichtsrat. Wenn das durchgeht oder bei der nächsten Wahl ist Theurl weg, Schulz und Köll dominieren und organisieren den neuen Vorstand. Natürlich mit Köll wieder im Vorstand und dann ohne Fusionsvertrag über die Verteilung der Mittel. Fazit : Strategie des Landes und Schulz/Köll voll aufgegangen, Gute Nacht Lienz.

MelissaM vor 6 Jahren

Also ich hab mir gerade die TT und die Kleine Zeitung zum selben Thema durchgelesen und finde, dort wird ein ganz ähnliches Bild von dieser Versammlung vermittelt. Interessant fand ich allerdings eine Zusatzinfo in der TT, die ich hier vermisse: Große Firmen, Hotels und Banken hatten bei dieser Abstimmung je 94 Stimmen, kleine Betriebe nur eine! Die Abstimmung endete mit 1761 JA- zu 1017 NEIN-Stimmen. Wenn man ausrechnet, dass Raika, Sparkasse, Bank Austria, Lienzer Bergbahnen, Felbertauernstraße, Grand- und Golfhotel zusammen demnach schon 658 Stimmen haben, dann müssten rund 700 "Kleine" aufgebracht werden, um diese paar großen Player zu überstimmen. Demokratie wäre: ein Mitglied, eine Stimme. Sonst könnte man ja auch bei politischen Wahlen den Großkonzernen ein paar Tausend Stimmzettel in die Wahlzelle mitgeben.

Leonhard vor 6 Jahren

Sehr einseitig dieser Erlebnisbericht. Lässt Objektivität vermissen, aber das ist bei dolomitenstadt ja nichts Neues. Wer die Matreier Wirtin als authentisch und geradlinig bezeichnet, kennt sich wirklich nicht aus und sollte einmal tiefer in die Matreier Szene eintauchen und sich nicht nur über Einflüsterer aus den neidenden Familien informieren. Jedenfalls nützt diese Berichterstattung wieder nur dem Köll und sicher nicht der Matreier Opposition - schade ...

ed vor 6 Jahren

Hätte noch eine Idee für den Herrn Theurl - machen wir noch ein Radrennen!

Es ist unglaublich wie lange sich in diesem System Leute halten können. Aber die "Amtlwirtschaft" ist eben ein leidiges Thema.

anton2009 vor 6 Jahren

War am Abend nicht dabei! Die Abhandlung von Gerhard Pirker ist wieder einmal hervorragend. Danke für den Bericht - ich habe mir 4 1/2 Stunden wertvolle Zeit erspart!

Neue Köpfe bracht das Land, in diesem Fall der TVB! Theuerl ist mit seinem Latein seit Jahren am Ende; die OW gehört längst aufgelöst; das Personal dringend reduziert! Bei der Fusionierung wurde schlecht verhandelt; für den (un)freiwilligen Zusammenschluss auf Van Staas Druck hätte zumindest die Entschuldung des Verbandes drinnen sein müssen! Aber was solls - die alten Diletanten werden weiter nichts weiterbringen!

Leserin1 vor 6 Jahren

Auch wenn sich die Ereignisse im TVB derzeit sehr kritisch beleuchten lassen, so vermisse ich in diesem Artikel doch sehr den objektiven Journalismus. Die journalistische Darstellungsform des Features (so ist der Artikel gekennzeichnet) ist eine Form der Reportage bzw. eine Dokumentation, doch wertende Formulierungen haben darin nichts verloren. Die Meinung des Autors Gerhard Pirkner hat in einem sachlichen Artikel nichts verloren - gerne aber in einem Kommentar. Ob die TVB-Sitzung eine Theateraufführung war und ob die Funktionäre "palavert" haben, sollte der Leser für sich - nach dem Lesen eines objektiven Artikels - selbst entscheiden.